Kardiologen bezähmen wildes Handwerkerherz

Kardiologen bezähmen wildes Handwerkerherz

Erfurt

Spezialisten helfen 57-jährigem Ilmtaler mit minimalinvasivem Herzkatheterverfahren wieder auf die Beine.

Andreas Herrmann war so glücklich: Endlich nahmen die Sanierungsarbeiten in seinem Wohnhaus Gestalt an. Rund zweieinhalb Jahre zuvor hatten mehrere Hochwasser das Erdgeschoss seines Hauses im Ilmtal unbewohnbar gemacht. Die Renovierung der Wohnebene stand unmittelbar vor dem Abschluss. Doch an einem Tag im April 2015 wurde Andreas Herrmann von den Folgen einer schweren Vorerkrankung eingeholt: Sein Sohn und er waren gerade dabei, die Waschmaschine zu verrücken, da bekam der damals 55-Jährige plötzlich Herzflattern. Erschöpft legte sich Herrmann zunächst aufs Sofa in dem Glauben, es sei sicherlich gleich vorbei: „Ich bin ein zäher Bursche. Aber nach einer Stunde hatte ich einen Puls von 250. Da war mir klar, es ist etwas Ernstes“, erzählt er rückblickend. Ein Rettungswagen brachte ihn zunächst in ein nahegelegenes Krankenhaus. Diagnose: lebensbedrohliche Rhythmusstörungen aus der Herzkammer. Am Folgetag wurde Andreas Herrmann umgehend zur Weiterbehandlung ins Helios Klinikum Erfurt verlegt.

„Als Herr Herrmann zu uns kam, fanden wir ältere Narben im Bereich des Herzmuskels. Sie waren die Folge einer früher durchgemachten Herzmuskelentzündung“, erklärt Dr. Anja Schade, Chefärztin für den Bereich Rhythmologie im Helios Klinikum Erfurt. Eine kurze Zusammenfassung einer langen Leidensgeschichte: Mitte der 1990er Jahre wurde bei Andreas Herrmann „Morbus Wegener“ diagnostiziert. Die chronisch verlaufende, entzündliche Erkrankung der Blutgefäße hatte im Laufe der Zeit mehrere innere Organe geschädigt, vor allem Lunge und Nieren. 2006 bekam er eine neue Niere transplantiert. Lebenslang muss er die körpereigene Abwehr bremsende Medikamente einnehmen. Das macht ihn anfälliger für Infektionen und eben auch für die Herzmuskelentzündung.

„Wir haben Herrn Herrmann einen Defibrillator eingesetzt, der die lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen durch Abgabe eines Elektroschocks beenden und so einen plötzlichen Herztod verhindern kann“, erklärt Dr. Schade, wie die Kardiologen im ersten Schritt helfen konnten. Da das lebensbedrohliche Kammerrasen jedoch mehrfach täglich auftrat, folgte dann noch eine Katheterverödung. Bei diesem minimalinvasiven Herzkatheterverfahren werden kleinste Gewebebereiche im Herzen, von denen krankhafte Impulse ausgehen, durch Einwirken von Hitze inaktiviert.

„Dank technischer Neuerungen können wir heute viel genauer arbeiten, als noch vor wenigen Jahren. Zudem hat sich die Strahlenbelastung für den Patienten um 75 Prozent reduziert.“

Dr. Anja Schade | Chefärztin für den Bereich Elektrophysiologie in der Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin

Solche Eingriffe werden in Erfurt seit drei Jahren routinemäßig durchgeführt. Neben der Erfahrung der Ärztin profitiert das Team von modernster Technik im Herzkatheterlabor. „Dank technischer Neuerungen können wir heute viel genauer arbeiten, als noch vor wenigen Jahren. Zudem hat sich die Strahlenbelastung für den Patienten um 75 Prozent reduziert“, betont Dr. Schade.

„Nach der Verödung war endlich Ruhe“, bringt Herr Herrmann die medizinischen Prozeduren heute auf den Punkt. Herzrhythmusstörungen traten nicht mehr auf. Die Hände in den Schoß legen und sich schonen kommt für Andreas Hermann darum auch nicht in Frage. Weiterhin ist er mit seinem Werkzeugkasten zugange, zuletzt beim Ausbau seiner Scheune. Wenn er sich dafür Zeit nimmt und das Herz keine Warnsignale absetzt, spricht aus ärztlicher Sicht nichts dagegen. Denn alles, was er tut, entspricht seiner Vorstellung von Lebensqualität. Und das ist es, worum es am Ende für jeden einzelnen Patienten geht.