Was genau ist ein Lipödem?
Prof. Knut Kröger: Ein Lipödem ist eine chronische Fettverteilungsstörung. Dabei vermehrt sich das Fettgewebe krankhaft, meist an den Beinen und Armen. Wichtig ist: Es hat nichts mit klassischem Übergewicht zu tun. Die betroffenen Stellen sind oft extrem druckempfindlich, spannen und neigen schnell zu blauen Flecken. Hinzu kommen psychische und soziale Belastungen, Körperbildprobleme, Frust und Verzweiflung.
Wann tritt das Lipödem meist erstmals auf?
Prof. Knut Kröger: Die Erkrankung beginnt oft in hormonellen Umstellungsphasen, zum Beispiel während der Pubertät, in der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren.
Warum sind einige Frauen betroffen, andere nicht? Was ist der Auslöser für ein Lipödem?
Prof. Knut Kröger: Es gibt keinen einfachen Schalter für Lipödem. Man kann eher von einem multifaktoriellen Zusammenspiel aus Genetik, Hormonen und Gefäß- beziehungsweise Fettgewebe-Anomalien sprechen.
Warum dauert es manchmal so lange bis zur Diagnose?
Prof. Knut Kröger: Lipödem ist eine stark unterdiagnostizierte Erkrankung. Viele Patientinnen durchlaufen einen langen Leidensweg, bevor die Diagnose gestellt wird. Deshalb ist Aufklärung besonders wichtig.
Wie wird ein Lipödem behandelt?
Prof. Knut Kröger: Die Therapie hängt von den Beschwerden ab. Zunächst kommen konservative Maßnahmen wie Kompressionstherapie, Bewegung und manuelle Lymphdrainage zum Einsatz. Wenn das die Beschwerden nicht ausreichend lindert, kann eine Liposuktion, also die operative Entfernung des krankhaft veränderten Fettgewebes, sinnvoll sein.
Ist eine Liposuktion ein kosmetischer Eingriff?
Dr. Truong Quang Vu Phan: Nein. Die Liposuktion beim Lipödem ist keine kosmetische Maßnahme, sondern eine medizinisch anerkannte Behandlung. Es geht hier nicht um ein kosmetisches Ideal, sondern um die Linderung von Schmerzen und die Wiederherstellung der Beweglichkeit. Moderne Techniken wie die wasserstrahl- oder vibrationsassistierte Liposuktion sind sehr gewebeschonend. Das Ziel ist Lebensqualität, nicht bloße Ästhetik. Je nach Ausprägung des Lipödems können mehrere Eingriffe nötig sein und auch die Nachsorge ist weiterhin sehr wichtig.
Löst eine Liposuktion bei Lipödem das Beschwerdebild an den behandelten Arealen dauerhaft?
Dr. Truong Quang Vu Phan: Jein. Die Liposuktion kann als therapeutische Maßnahme das krankhafte Fettgewebe dauerhaft entfernen. Wir erreichen dadurch allerdings keine Heilung der Erkrankung. In noch nicht behandelten Bereichen oder neuen Arealen kann sich weiterhin Fett ansammeln. Der Effekt ist dann keine lokale Verlagerung, sondern eher die übliche Fettverteilung bei Gewichtszunahme. Wir sehen aber, dass die Entlastung für das Lymphsystem und die Schmerzreduktion oft lebensverändernd für die Frauen sind.
Werden die Behandlungskosten von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen?
Dr. Truong Quang Vu Phan: Ja, ein wichtiger Meilenstein. Seit Januar 2026 übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für eine Liposuktion bei Lipödem unter bestimmten Voraussetzungen – sogar ab Grad 1 der Erkrankung. Dazu muss ein Arzt oder eine Ärztin zunächst die Diagnose Lipödem bestätigen. Eine Liposuktion kommt dann in Betracht, wenn konservative Therapien wie Kompression oder Lymphdrainage über mindestens sechs Monate dokumentiert zu keiner ausreichenden Besserung der Beschwerden geführt hat.
Was raten Sie Frauen, die vermuten, betroffen zu sein und darunter leiden?
Prof. Knut Kröger: Das Wichtigste ist die richtige Diagnose. Niemand muss die Schmerzen und die psychische Belastung einfach so hinnehmen. Ein Lipödem hat nichts mit falscher Ernährung zu tun, sondern ist eine ernsthafte, chronische Erkrankung. Der erste und wichtigste Schritt führt vom Hausarzt zum Facharzt. Das kann ein Angiologe, Dermatologe oder ein Phlebologe sein.