Menü
Schließen

Weniger Ausfälle, mehr Kompetenzen: SaalSaver an den Helios Kliniken Schwerin

Wenn ein OP-Saal ausfällt, trifft das vor allem Patientinnen und Patienten. Dr. Jana Kletzin-Wagenknecht hat mit SaalSaver einen Ansatz entwickelt, der genau das verhindern soll. Wie, erklärt sie im Interview.

14.07.2026 Lesedauer: - Min.
SaalSaver Jana Kletzin

Ein ausgefallener OP-Saal bedeutet verschobene Operationen, längere Wartezeiten und im schlimmsten Fall eine fehlende Kompetenz genau dann, wenn sie gebraucht wird. SaalSaver setzt dagegen auf einen ungewöhnlichen Ansatz: Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte qualifizieren sich gezielt für Aufgaben aus anderen Fachbereichen und rotieren dorthin, wo sie den größten Unterschied machen. Dr. Jana Kletzin-Wagenknecht, Fachärztin für Anästhesiologie und Oberärztin Personalmanagement an den Helios Kliniken Schwerin, erklärt, wie das in der Praxis funktioniert und warum die Warteliste für eine der Rotationen bereits bis Mitte 2028 reicht.

Wie kam die Idee zu SaalSaver auf?

Wir hatten immer wieder Ausfälle ganzer OP-Säle. Entweder fehlte Personal in der Anästhesie, in der OP-Pflege oder im Anästhesiefunktionsdienst. Oder Patient:innen konnten nicht operiert werden, weil vorab notwendige Befunde fehlten, besonders Echobefunde. Das Ergebnis war jedes Mal dasselbe: verschobene Eingriffe und längere Wartezeiten.

Wie geht SaalSaver dagegen vor?

Die Idee ist: Personal qualifiziert sich gezielt für Aufgaben aus benachbarten Fachbereichen und rotiert dorthin, wo es den größten Unterschied macht. Dafür haben wir drei Wege entwickelt. Erstens die Rotation zwischen Anästhesie und Pädiatrie: Ein:e Anästhesist:in rotiert sechs Monate auf die Neonatologie und Kinderintensivstation, im Gegenzug kommt ein:e Neonatolog:in für sechs Monate in die Anästhesie. Zweitens das Echolabor: Zwei Anästhesist:innen lernen zwei bis drei Monate Herzultraschall, um Risiken vor und während einer Operation frühzeitig erkennen zu können. Ein:e Kardiolog:in rotiert zusätzlich sechs Monate in die Anästhesie. Drittens die Pflege: Eine Zahnmedizinische Fachangestellte aus der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie-Ambulanz hat sich mit einem Kurs für die Anästhesieassistenz qualifiziert und übernimmt diese Aufgabe jetzt bei ihren eigenen Patient:innen. Weitere Kolleg:innen unterstützen flexibel im Hybrid-OP.

Die Bereiche haben wir nicht zufällig gewählt. Die Pädiatrie lag nahe, weil Anästhesist:innen, die sich auf Kinderanästhesie spezialisieren, ohnehin eine Rotation auf der Kinderintensivstation absolvieren. Das Echolabor haben wir gewählt, weil Herzultraschalluntersuchungen vor und während einer Operation immer wichtiger werden, um Risiken frühzeitig zu erkennen. Bei den Pflegenden haben die Interessen der einzelnen Personen den Weg gewiesen.

Ein Neonatologe rotiert sechs Monate in die Anästhesie. Was lernt er dort, und was verändert sich dadurch für den OP-Betrieb?

Er lernt im Prinzip das Gleiche wie ein Assistenzarzt in der Anästhesie, bringt aber andere Voraussetzungen mit: Er hat bereits Kinder auf der Kinderintensivstation und in der Neonatologie intubiert und beatmet. Neu waren für ihn die allgemeine Narkoseführung, auch bei Erwachsenen und kritisch Kranken, sowie die Regionalanästhesie. Was sich für den OP-Betrieb konkret verändert hat: Wenn wir in der Anästhesie einen Engpass haben, die Kinderklinik aber nicht, springt er auch an seinen regulären Kinderkliniktagen ein und ermöglicht so einen weiteren OP-Saal.

Wer Fachärztin oder Facharzt für Anästhesiologie werden will, durchläuft dafür eine fünfjährige Ausbildung. Inwiefern reichen sechs Monate Rotation, um wirklich einspringen zu können?

Die Facharztausbildung dauert zwar fünf Jahre, aber Assistenzärzt:innen können schon ab dem dritten Ausbildungsmonat eigene OP-Säle betreuen, mit oberärztlicher Aufsicht aus dem Flur. Sie fangen mit unkomplizierten Eingriffen an und werden schrittweise spezialisierter. Tilman, unser Neonatologe, brachte durch seine Vorerfahrung so viel mit, dass er schon sehr früh in der Rotation eigenständig einsetzbar war. Inzwischen teilt er seine Stelle zu 60 und 40 Prozent auf und ist zu 40 Prozent fest in der Anästhesie eingestellt.

Was sagen die Kolleg:innen, die durch SaalSaver neue Aufgaben übernommen haben?

Alle Rotationen sind auf eigenen Wunsch erfolgt, niemand wurde dazu verpflichtet. Das zeigt sich auch in der Nachfrage: Für die Rotation ins Echolabor haben wir eine interne Warteliste, die bereits bis Mitte 2028 reicht. Die Kolleg:innen, die dort waren, setzen den Herzultraschall jetzt regelmäßig ein, zum Beispiel, um vor einer Narkose schwere Herzklappenfehler oder Funktionsstörungen auszuschließen, die ein Risiko darstellen würden. Auch die anderen berichten Ähnliches: Anna-Lena, die nach der Rotation ihre Facharztausbildung in der Inneren Medizin fortgesetzt hat, war auf der Intensivstation im Intubieren und in der Narkoseführung bereits sicher. Ich war selbst auf der Kinderintensivstation und könnte mir vorstellen, das regelmäßig ein paar Monate im Jahr zu machen. Insgesamt ist das Aufgabenspektrum für alle dadurch interessanter und vielfältiger geworden.

Welche Hürden gab es beim Aufbau von SaalSaver?

Bei den ärztlichen Kolleg:innen gab es keine ernsthaften Hürden. Chefärzt:innen, klinische und kaufmännische Direktor:innen haben das Projekt von Anfang an unterstützt und alle, die bislang rotiert sind, standen dahinter. An einzelnen Stellen gab es anfangs Vorbehalte, zum Beispiel beim Anästhesiefunktionsdienst: Die Sorge war, dass die rotierenden Kolleg:innen ihnen die Arbeit wegnehmen könnten. Das Gegenteil ist der Fall. Früher wurden Teilzeitkräfte viel öfter aus dem Frei geholt, wenn jemand krank war. Heute haben sie deutlich weniger Überstunden und müssen seltener einspringen, weil SaalSaver sie entlastet. Das hat letztlich mehr überzeugt als jedes Gespräch.