Von Selbsthilfe und dem Guten im Schlechten

Von Selbsthilfe und dem Guten im Schlechten

Elmar Paasche ist Teil des psychologischen Dienstes in der Klinik für Akutgeriatrie und Frührehabilitation des Helios Park-Klinikums Leipzig. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen wirkt er als Ansprechpartner zur Krankheitsverarbeitung und -bewältigung für Patientinnen und Patienten im fortgeschrittenen Alter. In Zeiten der Pandemie sind alle Betroffene. Was können wir beruflich und privat leisten? Wie findet man das Gute im Schlechten, Herr Paasche?

Es war schlicht und ergreifend schon immer mein Traumberuf. Ich liebe Menschen

nach der Antwort, warum er Psychologe geworden sei, sucht Elmar Paasche keine Sekunde

Als Kind der Wende lernt er zunächst Maler und Lackierer. Sein Bedürfnis nach dem tiefen Kontakt zu Menschen führt ihn jedoch bald darauf zum Studium der Sozialpädagogik. „Die Psychologie hat mich immer fasziniert und so war ich ganz froh darüber, dass ich diesen Traumberuf studieren konnte.“ Ab 2002 absolviert er das Diplom der Psychologie an der Uni Leipzig. Aus- und Weiterbildungen wie die systemische Therapie, Supervision und Mediation folgen in den darauffolgenden Jahren. Elmar Paasche trägt die Leidenschaft für seinen Beruf in jeder Faser. „Was mich in meiner Arbeit glücklich macht, ist das gemeinsame Verstehen des Problems. Nach dem Verständnis ist die Lösung nicht mehr weit“, reflektiert er seine Herangehensweise, „es ist mir immer wieder eine große Freude, daran teilzunehmen, wie jemand sich zurück ins Handeln versetzt und sich selbst hilft. Der Beruf ist für mich ein großes Privileg.“

In der Pandemie werden alle Betroffene

Elmar Paasche

Besonders der medizinische Sektor wird durch den Beginn der Pandemie Anfang 2020 auf eine Zerreißprobe gestellt. Als Psychologe arbeitet Elmar Paasche besonders mit alten Menschen – also denen, die durch das Virus einem potenziell größeren Risiko ausgesetzt sind als viele ihrer jüngeren Mitmenschen. Doch neben der Sorge um das körperliche Wohlergehen der Patientinnen und Patienten tun sich große Fragen um die Möglichkeiten der psychischen Bewältigung auf. Sowohl die der zu Behandelnden als die der Mitarbeitenden. Denn eine Erkenntnis stellt zuerst heraus – die Pandemie macht alle zu Betroffenen. „Eine große Verunsicherung machte sich breit: Was ist das eigentlich für eine Art von Krise? Wie könnte unser Beitrag aussehen? Was können wir beruflich leisten?“, erinnert sich der Psychologe an die Zeit des ersten Lockdowns, „zuerst einmal ging es darum, die eigene persönliche Krise – als unfreiwillige Teilnehmende einer Pandemie – in den Griff zu bekommen, um dann zu schauen: Wofür ist die Psychologie hilfreich in so einem Rahmen? Und was hat das für Auswirkungen auf den Mikrokosmos Krankenhaus?“

Das Erlebte von der Seele reden

„Eine Naturkatastrophe in Zeitlupe“, beschreibt Virologe Christian Drosten die Situation eindrücklich. Während Deutschland über wenig Erfahrung im Umgang mit Naturkatastrophen verfügt, machen sich Elmar Paasche und seine Kolleginnen an die Recherche. „Wir wollten uns ein möglichst differenziertes, umfassendes Bild machen, was uns hier erwartet in den nächsten Wochen und Monaten.“ Was für Mitarbeitende und Patient:innen entsteht, ist ein strategisches Angebot aus Supervision, Entlastungsgesprächen, Telefonseelsorge und Entspannungseinheiten. „Es kann durchaus hilfreich sein, wenn man sich das Erlebte ein Stück weit von der Seele redet, um es volkstümlich auszudrücken. Denn Sprechen ist ein Stück weit auch Handeln“, erklärt der Psychologe den Ansatz.

Nach einer verhältnismäßig glimpflichen ersten Welle, folgt mit der Dramatik der zweiten Welle die Anwendung der ausgearbeiteten Konzepte. „Vorher war alles theoretisch und wurde nun plötzlich ganz praktisch und nahbar. Das hat mich sehr berührt und betroffen gemacht. Mir wurde klar, was diese Krise wirklich bedeutet. Es wurde zum echten Erleben“, erinnert er sich im Februar 2021.

Reflexion des großen Ganzen

Elmar Paasche

Gerade wenn Patient:innen versterben – besonders in ungewöhnlich hoher Zahl – kann ein enormer seelischer Druck bei den Behandelnden entstehen. Elmar Paasche sieht hier Parallelen zu seiner Zeit in der Palliativmedizin: „Wenn viele Menschen sterben, entsteht bei den Mitarbeitenden oft das Gefühl, nicht effizient zu sein. Sie brauchen dann die korrektive Erfahrung, dass sie an der richtigen Stelle sind, indem sie jemandem das Leiden verringern“, beschreibt er die besondere Rolle der Pflegekräfte und Ärzt:innen, „man kann nicht die Tatsache ändern, dass jemand von uns geht. Man kann aber durchaus ein würdevolles Sterben ermöglichen.“ Es sei wichtig, Wege zu finden, die eigenen Emotionen zu regulieren – ein Prozess, der unter den bewegten Umständen dieser Zeiten enorm erschwert wird. Gerade darum werden die psychologischen Angebote der Häuser dieser Tage vermehrt wahrgenommen.

Die Methode der Supervision stellt eine gemeinsame Draufsicht dar, die Reflexion des großen Ganzen. Als ressourcenorientierte Prophylaxe hilft sie, „nicht komplett zu verschleißen“. Das Entlastungsgespräch hingegen kommt im Falle des (drohenden) Kontrollverlustes zum Tragen. „Es kann dabei helfen, wieder zur Ruhe zu finden, wenn man etwas Schlimmes erlebt hat. Die Angst ist weniger bedrohlich, wenn ich sie benennen und in Worte fassen kann“, erklärt der Psychologe.

Trotz widriger Umstände findet Elmar Paasche immer wieder stärkende Worte zum Umgang mit den aktuellen Herausforderungen – und gibt auch auf sich selbst besonders Acht: „‚Finde das Gute im Schlechten.‘ Das ist mein persönliches Überlebenskonzept geworden in der Zeit. Ich habe in jeder Konstellation geschaut: Wofür könnte das gut sein?“ So habe der Psychologe beispielsweise mit Schließung der Fitnessstudios und Schwimmhallen schnell am eigenen Leibe bemerkt: Wer rastet, der rostet. „Ich habe mich von meiner Frau überzeugen lassen, Yoga anzufangen und finde darin tatsächlich meine Freude. Ich genieße es jeden Tag“, berichtet Elmar Paasche zufrieden. Es helfe ihm achtsamer zu sein mit Dingen, die sonst im Alltag untergingen – das Glitzern des Schnees oder die Vogelstimmen in der Stille.