„Mein Herz schlägt für die Psychiatrie“

„Mein Herz schlägt für die Psychiatrie“

Enrico Schubert ist seit 2019 Stationsleiter der psychiatrischen Notfalleinheit 1GA des Helios Park-Klinikums. Hier werden psychiatrisch erkrankte Menschen behandelt, die gleichzeitig eine somatische Betreuung benötigen. In der Realität bedeutet das in den meisten Fällen: Sucht. Enrico Schubert arbeitet bei uns am Standort seit 25 Jahren mit psychisch Schwerkranken – was treibt ihn an? Was hat ihn geprägt? Wo geht es noch hin?

Schubert

„Ich habe meinen Zivildienst angefangen und habe gesagt 'Ich will in die Psychiatrie'. Warum, das weiß ich bis heute nicht so genau“, erinnert sich Enrico Schubert an die Anfänge seiner Berufswahl. „Ich finde es einfach spannend. Aber nicht dieses voyeuristische Spannende. Es hat sich für mich einfach alles gefügt. Und ich möchte nichts anderes machen – mein Herz schlägt für die Psychiatrie.“ Nach seinem Zivi in der Suchtentwöhnung absolviert er die Ausbildung zum Krankenpfleger, hier lernt Enrico Schubert auch die Somatik kennen. „Danach war mein Wunsch eigentlich immer, zurück in die Suchtbehandlung zu gehen. Das habe ich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit erwähnt. Und so ist es dann auch gekommen.“ Inzwischen ist der Fachpfleger seit über 25 Jahren im psychiatrischen Bereich tätig und leitet die psychiatrische Notfalleinheit. Er hat verschiedene Konzepte kommen und gehen sehen, sich in neue Fachbereiche eingearbeitet und jede Seite des Menschseins kennengelernt. „Was habe ich nicht alles erlebt! Patienten sind auf mich los, ich wurde geschlagen, ich wurde angezündet. Es gab immer wieder Situationen, in denen ich dachte 'Jetzt hast du wirklich alles gesehen'. Und dann kommt immer wieder was Neues“, reflektiert er lachend über die Herausforderungen seines Berufs.

Eine besondere Station

Schubert

Ruhe bewahren – das ist auf der 1GA wohl eine zentrale Fähigkeit. „Man muss definitiv geduldig sein. Und man muss das hier wirklich machen wollen – wissen, worauf man sich einlässt.“ Obwohl ein dickes Fell alle Mitarbeitenden der Station verbindet, sagt ihr Leiter Enrico Schubert, dass es keinen bestimmten Typ Mensch braucht, um hier zu arbeiten. Die Mischung macht’s. „Alle sind individuell und vollkommen unterschiedlich, doch als Ganzes funktioniert es. Das ist generell so in der Psychiatrie: Es ist bunt hier. Jede:r Patient:in hat andere Schnittstellen und braucht jemand zum Andocken.“ Zum Aufenthalt auf der psychiatrischen Notfalleinheit kommen die Patient:innen in aller Regel unfreiwillig. „Sie werden irgendwo gefunden, von der Polizei oder einem Rettungsteam hergebracht und wenn sie überhaupt ansprechbar sind, hört man sie unten schon brüllen 'Hier geh ich ganz bestimmt nicht rein!'“ Freiheitsentziehende Maßnahmen und eine Medikation ist in vielen Fällen unausweichlich. Fragt man Mitarbeitende in der Somatik nach ihrem Antrieb, sprechen sie oftmals über die Dankbarkeit der Menschen, die sie behandeln. „Bei uns ist keiner dankbar, dass er hier sein darf. Im Gegenteil. Das muss man ganz klar sagen“, gibt der Stationsleiter zu verstehen, „den Sinn unserer Arbeit habe ich ganz am Anfang gelernt. Ein Chefarzt in meiner Ausbildung hat es auf den Nenner gebracht:

Ein Tag hier heißt am Ende einen Tag länger leben.

Enrico Schubert, Stationsleiter der psychiatrischen Notfalleinheit am Helios Park-Klinikums

Klar ist das alles nicht schön, wenn man als Betroffener hier reinkommt und nicht raus darf. Trotzdem möchte ich die Menschlichkeit und das Verständnis füreinander nicht verlieren.“

Gegenseitige Wertschätzung

Menschen helfen, die keine Hilfe wollen. Wie entsteht Motivation für diese Arbeit? „Ich versuche das zu nehmen, was ich kriege von den Leuten und arbeite damit. Ich denke, das ist mein Erfolgsmodell“, erklärt Enrico Schubert, „aber die schönen Momente, die können wir nur im Team generieren. Darum versuche ich aus meiner Leitungsposition heraus, alle mitzunehmen und dort abzuholen, wo sie sich gerade befinden. Was braucht jede und jeder individuell?“ Dass ihre Art der Arbeit speziell ist, darüber sind sich Enrico Schubert und sein Team bewusst. Dieses Arbeitssetting ist nicht für jeden gemacht. Gerade darum wünscht sich der Stationsleiter mehr globale gesellschaftliche Anerkennung für den Pflegeberuf. „Gesehen werden. Akzeptiert werden. Dieses sich hinstellen und klatschen – da könnte ich mich in Rage reden! Wir machen das hier nicht aus altruistischen Gründen. Das, was wir machen, ist eine Dienstleistung.“ Doch die Leidenschaft für seinen Beruf hat Enrico Schubert über die Jahre nie verloren: „Es wird nie langweilig. Das geht bei uns gar nicht. Dieses grandios Verrückte – das liebe ich einfach.“