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Psychiatrie und Polizei: Perspektivwechsel für bessere Krisenhilfe

Bei der Versorgung von Menschen in akuten psychischen Krisen treffen Polizei und psychiatrische Ärzteteams regelmäßig aufeinander – mit unterschiedlichen Aufgaben und Blickwinkeln. Um das gegenseitige Verständnis zu stärken und die Möglichkeiten einer frühen psychiatrischen Unterstützung vor Ort einzuschätzen, hat das Zentrum für seelische Gesundheit am Helios Park-Klinikum Leipzig ein Pilotprojekt „Perspektivwechsel Polizei – Klinik“ mit der Polizeidirektion Leipzig initiiert. Zwei Oberärzte hospitierten dafür im Streifendienst mit Revier- und Bürgerpolizisten. Im nächsten Schritt können Polizeibeamt:innen des Reviers auf der Akutstation der Abteilung Psychiatrie, Psychosomatik & Psychotherapie Einblicke in die akut- und notfallpsychiatrische Arbeit gewinnen.

22.10.2026 Lesedauer: - Min.
Polizeihospitation psychiatrischer Dienst

Die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig behandelt häufig Menschen, die zuvor in Polizeieinsätze eingebunden bzw. von polizeilichen Einsätzen betroffen waren. Nicht immer sind psychische Erkrankungen mitbedingend – in vielen Fällen aber schon. Am Einsatzort müssen die Polizeibeamt:innen bereits ohne medizinische Expertise entscheiden, ob eine psychiatrische Behandlung überhaupt und darüber hinaus in der Klinik notwendig ist. Auch in der aufsuchenden Versorgung begegnen psychiatrische Teams in bestimmten Fällen der Polizei.

Helios Park-Klinikum Leipzig - Psychiatrische Kliniken

Direktorin des Zentrums für Seelische Gesundheit, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Wir haben das Pilotprojekt ins Leben gerufen, um für beide Seiten einen Perspektivwechsel zu schaffen. Nicht jede Akutsituation ist psychiatrisch bedingt. Gemeinsam wollen wir besser einschätzen, welche Hilfe Betroffene vor Ort benötigen.

Einblicke in den Streifendienst
Am 2. Oktober 2026 begleiteten zwei Oberärzte der Abteilung für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie von 15 bis 21 Uhr jeweils ein Streifenteam. Dabei konnten sie bei Einsätzen der Polizei, die in Notsituationen zu potentiell psychisch erkrankten Menschen gerufen wurden, vermittelnd unterstützen.

Helios Park-Klinikum Leipzig

Oberarzt der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA)

Wir stehen oft im Austausch mit der Polizei bei der Aufnahme von Akutpatient:innen in der Klinik. Unsere Arbeitsansätze und unsere Zielstellungen können dabei zuweilen diametral sein. Das heißt, wir setzen uns täglich dafür ein, Patient:innen möglichst alltags- und wohnortnah zu behandeln und das Gesundwerden im sozialen Kontext der Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihrer Angehörigen zu unterstützen. Gute verlässliche Beziehungsgestaltung ist ein wesentliches Moment in unserer Arbeit. Dennoch ist die Gefährdungsbeurteilung in psychiatrischen Akutsituationen zentral – hierfür wollen wir unsere Blickwinkel austauschen und im besten Fall voneinander lernen. Im Streifendienst habe ich erlebt, wie ruhig, vermittelnd und zugleich bestimmt die Beamt:innen vorgehen. Dennoch kann es für Betroffene in der Situation schwierig sein, den guten Willen zu erkennen und die angebotenen Hilfen durch Polizeibeamte anzunehmen. Hier kann es zu Eskalationen kommen, die mit einer Klinikeinweisung enden. Diese Erfahrung möchte ich in mein Team tragen.

Helios Park-Klinikum Leipzig

Facharzt, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Oberarzt StäB, PIA-mobil

Auch in der psychiatrischen, aufsuchenden Behandlung der Patient:innen zuhause begegnen wir zum Teil der Polizei. Unsere Aufgaben sind dabei nicht immer deckungsgleich. Gerade deshalb ist der fachliche Austausch so wichtig. Die Hospitation hat mir gezeigt, wie viel Arbeit die Polizei bereits leistet, bevor ein Mensch bei uns in der Klinik ankommt. Darüber hinaus habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich die Betroffenen uns gegenüber offener und zugänglicher verhalten haben. Das Auftreten als zivile Person, ohne Uniform, die Gesprächsebene und den psychisch deeskalierenden Aspekt im Blick war für die in akuter psychischer Not befindlichen Menschen hilfreich. Es wäre gewinnbringend, wenn bei jedem Einsatz ein psychiatrisch-psychotherapeutisch Experte mitfahren oder situativ hinzugezogen werden könnte, um vermittelnd tätig zu sein und die Ersteinschätzung für psychiatrisch erkrankte Menschen vor Ort vornehmen zu können.

„Polizistinnen und Polizisten werden regelmäßig mit Menschen konfrontiert, die sich in einer akuten psychischen Ausnahmesituation befinden. In diesen Momenten müssen sie häufig innerhalb kürzester Zeit die Lage einschätzen und angemessen handeln – oft ohne genau zu wissen, welche Ursachen dem Verhalten zugrunde liegen. Dabei gilt es, besonnen vorzugehen und neben möglichen Gefahren auch die Bedürfnisse der Betroffenen im Blick zu behalten. Der Austausch mit den psychiatrischen Fachkräften ermöglicht uns, deren Perspektive und Entscheidungsprozesse besser zu verstehen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren. Der nun vorgesehene Perspektivwechsel in der psychiatrischen Akutversorgung bietet unseren Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten zudem die Gelegenheit, klinische Abläufe unmittelbar kennenzulernen. Ich bin überzeugt, dass die daraus gewonnenen Erkenntnisse das gegenseitige Verständnis stärken und die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Klinik nachhaltig verbessern können. Davon profitieren insbesondere die Menschen, die sich in einer psychischen Krise befinden und auf unsere Unterstützung angewiesen sind.“, betont Mario Luda, Leiter des Polizeireviers Leipzig-Südost.