Was ist ein Hallux valgus?
"Bei einem Hallux valgus, auch Ballenzeh genannt, kommt es zur dauerhaften Fehlstellung der Großzehe. Die Zehe steht nicht mehr gerade, sondern weicht zur Körperaußenseite und in Richtung der anderen Zehen ab", sagt Philip Krekosch, Oberarzt an der Helios Endo Klinik Hamburg.
Der Hallux valgus ist die häufigste Fehlstellung im Vorfuß. Frauen sind davon häufiger als Männer betroffen.
Ursachen & Risikofaktoren für einen Hallux valgus
Ein Hallux valgus kann verschiedene Ursachen haben, darunter:
- familiäre Vorbelastung
- Bindegewebsschwäche
- schwächere Bänder und Sehnen
- andere Gelenkerkrankungen wie rheumatoide Arthritis
- verkürzte Achillessehnen und Wadenmuskeln
- Folge eines Spreizfußes oder eines Knick-Senk-Fußes
Enges, spitz zulaufendes, hohes Schuhwerk ist hingegen anders als oft vermutet nicht die Hauptursache für die Deformität der Zehe. Falsches Schuhwerk kann allerdings das Risiko erhöhen. Aber auch Menschen, die bequeme und lockere Schuhe tragen, können einen Hallux valgus entwickeln.
Symptome und Beschwerden der Ballenzehe
Es kann bei einem Hallux valgus zu schmerzhaften, geröteten Druckstellen kommen, die durch zu enges und spitzes Schuhwerk weiter begünstigt werden. Aber: Nicht alle Betroffenen empfinden Schmerzen, sodass es selbst ein stark ausgeprägter Ballenzeh schmerzfrei bleiben kann.
Die Verformung kann Nerven am großen Zeh schädigen und eine Taubheit begünstigen. Zudem haben Personen mit Hallux valgus häufiger eine Arthrose im Grundgelenk der Großzehe, wodurch chronische Schmerzen begünstigt werden.
Durch die Fehlstellung kann es zu einem unsicheren Gang kommen, was das Risiko für Stürze erhöhen kann.
Diagnose Hallux valgus
"Als erstes findet ein Gespräch mit der Patientin oder dem Patienten statt. In diesem erfassen wir aktuelle Beschwerden, erkundigen uns nach der Familienanamnese, Begleiterkrankungen und möglichen Einschränkungen im Alltag. Danach schließt sich die körperliche Untersuchung an", erklärt Philip Krekosch.
Für die körperliche Untersuchung betrachtet die Ärztin beziehungsweise der Arzt zunächst den Fuß und prüft, ob der Ballen vorgewölbt ist, wie die Zehenstellung zueinander ist und wie beweglich diese sind. Die Untersuchung findet im Sitzen, Stehen und Gehen statt, sodass ein umfassender Gesamteindruck entsteht. Zudem wird auch die Beinstellung geprüft.
Zusätzlich wird auf Anzeichen einer Arthrose und auf die Hautveränderungen wie Rötungen geachtet.
Mit einer Röntgenaufnahme im Stehen kann der genaue Schweregrad des Hallux valgus abgebildet werden. Ein MRT wird nur als ergänzendes Verfahren eingesetzt.
Behandlungsmöglichkeiten bei Hallux valgus
Die Behandlung richtet sich immer nach dem Schweregrad der Fehlstellung und den Beschwerden der Betroffenen. Das primäre Ziel ist, die Schmerzen zu reduzieren. Im Rahmen einer operativen Therapie können die Fehlstellung korrigiert werden und die Funktion der Großzehe verbessert werden.
Auch Begleiterkrankungen wie Rheuma, Diabetes mellitus oder Gefäßerkrankungen sollten in den Behandlungsplan einbezogen werden.
Die Leitlinie empfiehlt vor einem chirurgischen Eingriff konservative Therapiemaßnahmen.
Konservative Therapie
Die Maßnahmen der konservativen Therapie sollten in der Regel für drei Monate durchgeführt werden, bevor eine Operation erfolgt.
Folgende Behandlungsbausteine zählen unter anderem zur konservativen Therapie:
- medikamentöse Therapie: Bei akuten Schmerzen können entzündungshemmende Schmerzmedikamente in Form von Tabletten oder Salben mit den Wirkstoffen Ibuprofen oder Diclofenac eingenommen werden.
- Physiotherapie: Vermittelt gezielte Übungen zur Stärkung und Dehnung der Fußmuskeln und Mobilisation des Großzehengrundgelenks.
- Orthopädietechnik: Möglich sind unter anderem Orthesen wie Nachtlagerungsschienen oder dynamische Hallux valgus-Schienen.
- passendes Schuhwerk: Empfehlenswert sind flache Schuhe, in denen alle Zehen ausreichend Platz haben. Bei Beschwerden können die Zehen und Ballen auch gepolstert oder eine stützende Einlage im Schuh genutzt werden.
Wichtig zu wissen: Die Fehlstellung der Großzehe ist nicht umkehrbar mit diesen Maßnahmen. Sie werden in der Regel kombiniert, um die Beschwerden zu lindern und die Funktion zu erhalten. Allerdings gibt es keine eindeutigen Belege dafür, dass es zu dauerhafter Beschwerdefreiheit kommt. Daher kann oftmals nur ein operativer Eingriff die Fehlstellung gezielt und dauerhaft behandeln, wenn die konservativen Behandlungsmaßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen.
Operative Therapie
Gründe, die für einen operativen Eingriff sprechen:
- konservative Therapie bringt keinen ausreichenden Erfolg
- Schmerzen und starker Leidensdruck
- Einschränkungen in der Lebensqualität
- Funktionseinschränkungen im Alltag
- Probleme mit dem Schuhwerk durch Druckstellen
- Wiederkehrende offene Wunden über einer Knochenausbuchtung (Pseudoexostose)
Beim Hallux valgus stehen je nach Ausprägungsgrad verschiedene operative Behandlungsoptionen zur Verfügung. Diese reichen von minimalinvasiven Verfahren über verschiedene klassisch offene Verfahren bis zur sogenannten Lapidus-Arthrodese. Alle Verfahren haben das Ziel, die Großzehe zu begradigen und wieder in den natürlichen Abrollprozess einzubeziehen. Welches Verfahren für Sie infrage kommt, bespricht die Ärztin oder der Arzt im Rahmen eines Termins mit Ihnen. Dies ist Voraussetzung für die chirurgische Behandlung.
Philip Krekosch: "Im Rahmen der OP-Aufklärung ist es auch wichtig, der Patientin oder dem Patienten zu erklären, dass ein Eingriff leider keine Garantie dafür ist, dass man danach beschwerdefrei ist. Es ist wichtig, dass schon im Vorfeld die Erwartungshaltung besprochen wird, um späteren Enttäuschungen vorzubeugen."
Klinikaufenthalt und Nachsorge
Die Operation kann abhängig vom Schweregrad ambulant oder im Rahmen eines stationären Aufenthaltes von maximal eins bis zwei Tagen erfolgen. Nach der Operation müssen Sie für etwa sechs Wochen einen Spezialschuh tragen. Nach dieser Zeit ist von einer knöchernen Heilung sowie der Erholung des umliegenden Weichgewebes auszugehen.
Nach vier bis sechs Wochen, beziehungsweise nach acht bis zehn Wochen bei größeren Operationen, dürfen Sie wieder einen normalen Schuh tragen. Wegen der üblichen Schwellung des Fußes sollte es jedoch ein größerer Schuh sein, der die Großzehe keinesfalls wieder nach außen drücken darf. Am besten eignen sich breite Schuhe in Übergröße, die vorne nicht spitz geformt sind.
Um ein gutes Ergebnis zu erzielen, ist neben einer gelungenen Operation eine intensive physiotherapeutische Nachbehandlung notwendig, die sich im Verlauf anschließt. Dabei sollten besonders die Grundgelenke der operierten Zehen durch Übungen beweglich gehalten werden. Eine häusliche Fortführung und Selbstübungen sind dabei sehr hilfreich.
Je extremer die Fußveränderungen, je länger die Veränderungen bestanden und je höher das Lebensalter – desto länger braucht auch der Fuß, bis er seine Aufgaben wieder normal erfüllen kann. Das heißt: schmerzfreies Abrollen im normal großen Schuh ohne nennenswerte Schwellung. Dies dauert zwischen vier bis sechs Monaten (in Einzelfällen und bei schwierigen Eingriffen bis zu zwölf Monate).
Vorbeugende Maßnahmen & Selbsthilfe
Flaches und bequemes Schuhwerk wird oftmals als vorbeugende Maßnahme von Expertinnen und Experten empfohlen. Auch barfußlaufen ist ratsam, da es die Fußmuskulatur stärken und die natürliche Stellung des Fußes und der Zehen fördern kann.
Aber: Es ist nicht ausreichend untersucht, ob diese Maßnahmen wirklich einem Hallux valgus vorbeugen können.
FAQ
Nein, ein Hallux valgus kann sich nicht von allein zurückbilden. Es handelt sich um eine dauerhafte Fehlstellung durch Veränderung der Knochen und der Gelenkkapsel. Eine Operation kann die Fehlbildung korrigieren. Wichtig ist, dass oftmals trotz OP nicht der Zustand erreicht werden kann, den Betroffene vor einem Hallux valgus hatten.
Frauen sind vor allem aufgrund anatomischer und hormoneller Unterschiede anfälliger für die Zehenfehlstellung. Ursächlich könnten das weichere Bindegewebe und schwächere Bänder sein, wodurch der Fuß weniger stabil ist. Auch hormonelle Veränderungen während der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren können das Bindegewebe zusätzlich schwächen.
Falsches Schuhwerk, wie spitz zulaufende, enge Schuhe können das Risiko für die Zehenfehlstellung weiter erhöhen.
Fachpersonen empfehlen flaches und bequemes Schuhwerk, in dem die Zehen ausreichend Platz haben und bei denen der seitliche Druck auf Zehen und Fußballen gering ist.
Der Eingriff findet in der Regel unter Vollnarkose oder lokaler Betäubung statt, sodass Sie den Eingriff selbst nicht spüren. Nach der Operation kann es zu Wundschmerzen und einem Druckgefühl kommen, was von Betroffenen unterschiedlich stark empfunden wird und mit Schmerzmitteln gut kontrollierbar ist.
Leitlinie Hallux valgus Online: https://register.awmf.org/... (Zugriff am 15.09.2026)