Frühchen: Wenn Kinder zu früh auf die Welt kommen
Hochintensive Betreuung und ihre Grenzen

Frühchen: Wenn Kinder zu früh auf die Welt kommen

Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen. Doch was ist, wenn das Leben früher als geplant beginnt? Frühgeborene sind Säuglinge, die mehr als drei Wochen vor dem errechtenen Geburtstermin auf die Welt kommen. Das sind circa 9 Prozent aller Kinder.

Dr. Levente Bejo

Oberarzt

Kinderzentrum

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Dr. Levente Bejo ist als Oberarzt im Kinderzentrum des Helios Klinikums Hildesheim zuständig für die Frühgeborenenintensivstation und Teil der Gruppe „Bunter Kreis“. Dieses Team aus Fachexperten hat seit 2010 das Ziel, Kinder mit besonderem Versorgungsbedarf und deren Familien auf dem Weg in die häusliche Umgebung zu unterstützen. Regelmäßige Treffen helfen den Eltern.

Wie hat sich die Versorgungsqualität von zu früh geborenen Kindern in den letzten Jahren entwickelt?

Vor allem die Entwicklung von Medikamenten zur Lungenreifung hat seit den 80er Jahren vielen Frühchen beim Überleben geholfen. Durch das Konzept des „Minimal Handling“ können wir in unseren Ärzte- und Pflegeteams seit einiger Zeit die medizinisch notwendigen Maßnahmen stärker bündeln und so den Stress für die Kinder sehr gering halten. Auch die Eltern beziehen wir hier eng mit ein. Außerdem fördern wir die Selbständigkeit der Kinder frühzeitig, indem wir sie mit Unterstützung selbst atmen lassen und soweit möglich auf künstliche Beatmung verzichten.

Wie beraten Sie Eltern im Falle einer Frühgeburt? Wie gehen Sie als Arzt mit dieser besonderen Situation um?

Wir klären die Eltern immer umfassend und offen möglichst vor der Geburt über alle möglichen Chancen und Risiken auf. Dabei ist jedes Gespräch und jede Familie sehr individuell zu behandeln. In Deutschland gibt es gute medizinische Leitlinien zur Versorgung von Frühgeborenen. Ab der 24. Schwangerschaftswoche versuchen wir, allen Kleinstgeborenen zu helfen.

Die Überlebenswahrscheinlichkeit beträgt dann zwischen 60 und 75 Prozent. Jeder sollte sich jedoch darüber klar sein, dass die Versorgung solch kleiner Kinder eine hochintensive medizinische Betreuung erfordert. Eine Betreuung unter der 22. oder 23. Schwangerschaftswoche halte ich persönlich mit den bisherigen Methoden für durchaus problematisch – manchmal sollten wir akzeptieren, dass es medizinische und ethische Grenzen gibt.