„Wer krank ist, muss zum Arzt!“

„Wer krank ist, muss zum Arzt!“

Leipzig

Jeder von uns verfügt über 19 (Männer) oder 20 (Frauen) Organe. Herz, Lunge, Leber, Nieren und das Gehirn sind zum Überleben wichtig, wobei Lunge und Herz den gesamten Kreislauf in Schwung halten. Umso erschreckender ist es, das rund zwei Millionen Deutsche an einer Herzmuskelschwäche leiden und jedes Jahr 950.000 daran sterben. Lässt sich diese Zahl nach unten korrigieren, Prof. Dr. Gerhard Hindricks?

Der Griff an die linke Brust, das Ringen nach Atem und die Erkenntnis, dass der Motor streikt, für viele Deutsche ist das kein Mythos, sondern traurige Gewissheit und Erfahrung. Die vermeintliche Herzschwäche, medizinisch Herzinsuffizienz, sagt Prof. Dr. Gerhard Hindricks, der Ärztliche Direktor und leitende Arzt der Abteilung Rhythmologie im Herzzentrum Leipzig, ist jedoch keine Krankheit. „Sie beschreibt vielmehr einen Zustand, ist ein Symptomkomplex, der viele Ursachen haben kann“, erläutert er. Dazu gehören laut seiner Aussage unter anderem Durchblutungsstörungen sowie schwere Herzmuskelerschlaffungen oder -erweiterungen. Doch ganz gleich, wo der Fehler liegt, die Auswirkungen sind stets gleich. Die Pumpkraft des Herzens ist derart eingeschränkt, dass Blut im Gefäßsystem nicht mehr ausreichend schnell oder ausreichend stark zirkulieren kann.

Erfolge und Negativtrends

Patientin mit Brustschmerzen
Eine Herzschwäche kann plötzlich auftreten oder sich über Jahre entwickeln.

Ebenso vielschichtig wie die Symptome der Herzschwäche sind auch deren Ursachen. Patienten mit Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht oder Vorhofflimmern sind besonders anfällig für eine Herzinsuffizienz. Ohne medizinische Hilfe lässt sich dieser Zustand nicht ändern. Doch die rasante Entwicklung, die auch die Medizin seit wenigen Jahrzehnten erlebt, gibt Anlass zur Hoffnung. „Dank neuer Medikamente, die weit herzkraftschonender und das herzstärkender sind als zuvor, konnte die Sterblichkeit in den vergangenen zwanzig Jahren um die Hälfte gesenkt werden”, erläutert Hindricks. Als Beispiele hierfür nennt er den Wirkstoff ARNI, der als Wunderwaffe gegen Herzinsuffizienz gehandelt wird oder der SGLT2-Hemmer Dapagliflozin, von dem in erster Linie Patienten mit bereits bestehender „systolischer“ Herzinsuffizienz, also einer Abnahme der linksventrikulären Pumpfunktion, profitieren.

Zudem gibt ist mittlerweile viele neuartige Katheterverfahren, die nachweislich zu einer Verbesserung der gesundheitlichen Situation und Steigerung der Lebensqualität beitragen. Dieser Aussage folgt allerdings ein großes Aber. Denn getrübt wird der Erfolg durch die Erkenntnis, dass parallel zur gewonnenen Lebenszeit die Schwere der Erkrankung der Patienten steigt. Infolge dessen nimmt die Häufigkeit der Klinikaufenthalte von an Herzinsuffizienz Erkrankten zu. Zu erwarten sei, so Professor Hindricks aus bisherigen Erkenntnissen, dass die Zahl der Herzschwächepatienten weiter dramatisch ansteigen wird.

Die Zahl der Herzschwäche-Patienten wird dramatisch ansteigen.

Prof. Dr. Gerhard Hindricks, Ärztlicher Direktor Herzzentrum Leipzig

Risiko steigt durch Covid-19

Prof. Dr. Gerhard Hindricks auf der Covid-Station des Herzzentrums Leipzig
Prof. Dr. Gerhard Hindricks weiß, dass Menschen mit Herzschwäche ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf bei einer Erkrankung mit Covid-19 haben.

Gleichwohl sich eine Herzinsuffizienz auch bei jüngeren Menschen entwickeln kann, so bleibt es doch eine Erkrankung der Älteren. Die Hauptrisikogruppe trifft daher Patienten ab dem 60. Lebensjahr. Und damit genau jenen Altersbereich, der auch vom Coronavirus am stärksten betroffen ist. „Menschen mit einer ausgeprägten Herzschwäche haben deshalb eine deutlich erhöhte Sterblichkeit bei Covid-19“, erläutert der Leipziger Arzt. Das Coronavirus, fügt er an, kann in Einzelfällen auch den Herzmuskel befallen. Weil Corona schwere Entzündungsreaktionen hervorrufen kann, ist man bei bereits bestehender Herzmuskelschwäche somit hochgradig gefährdet.

Erkenntnisse, die das Herzzentrum Leipzig aus der ersten Coronawelle 2020 gewann, belegen, dass einige Patienten trotz massiver gesundheitlicher Probleme nicht zum Arzt gehen. Damit erhöhen sie jedoch für sich die Gefahr, ohne medizinische Hilfe zuhause zu sterben. „Wer krank ist, sollte einen Arzt aufsuchen. Ohne Wenn und Aber“, mahnt Hindricks und verweist einmal mehr auf den hohen Sicherheitsstandard im Umgang mit Covid-19, wie er am Helios Klinikstandort Leipzig vorherrscht.

Wirksam vorbeugen

Kampflos seinem Schicksal ergeben sollte sich aber niemand, auch kein Herzkranker. Regelmäßige Aufenthalte an der frischen Luft, Sport nach eigenem Ermessen in der Belastbarkeit, eine gesunde Ernährung und das bewusste Vermeiden von Stress können helfen, das Herz und den gesamten Organismus so zu stärken, dass er gegen Widrigkeiten besser gewappnet ist. Darüber hinaus, rät Prof. Dr. Hindricks, gilt es bei erkennbaren Problemen wie Atemnot oder Brustschmerz umgehend einen Facharzt aufzusuchen. Je früher der eine treffende Diagnose stellt, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass eine Herzinsuffizienz erkannt und die notfalls medizinische Hilfe zum rechten Zeitpunkt kommt.

herzerkrankungen

Das schwache Herz

Zu den Herzwochen geben wir Ratschläge rund um die Volkskrankheit Herzinsuffizienz.