Im Gedenken an verstorbene Drogenabhängige

Im Gedenken an verstorbene Drogenabhängige

Leipzig

Eine genaue Erhebung der Zahlen dürfte schwer sein. Dennoch gehen Experten davon aus, dass hierzulande jedes Jahr zwischen 2.000 und 4.000 Menschen durch das Konsumieren illegaler Drogen und rund 75.000 durch den übermäßigen Genuss von Tabak oder/und Alkohol sterben. Der Landesverband der Eltern und Angehörigen für humane und akzeptierende Drogenarbeit NRW e.V. initiierte deshalb am 21. Juli den nationalen Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige. Ein Thema, dass besonders an pulsierenden Großstädten wie Leipzig nicht spurlos vorbeigehen darf.

Der Kampf gegen illegale Drogen, er gleicht der Fehde mit einer Hydra. Jedem ausgehobenen Dealerring, jeder zerschlagenen Lieferstrecke folgen umgehend neue. Der Markt agiert global und ist ein Milliardengeschäft, dem mit legalen Mitteln kaum noch beizukommen ist. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben fast drei Viertel der befragten 18- bis 25-Jährigen (73,8%) schon einmal eine illegale Droge angeboten bekommen. Sogar 26 Prozent der befragten 12- bis 17-jährigen Jugendlichen gaben an, dass ihnen mindestens einmal eine illegale Droge angeboten wurde. Elf Prozent dieser Altersgruppe konsumiert Drogen bereits regelmäßig.

Mehrere Drogen gleichzeitig
Derlei Zahlen schockieren Göran Michaelsen nicht mehr. Der Chefarzt der Soteria Klinik, einer Fachklinik für Suchterkrankungen, kennt viele Gesichter von Frauen und Männern jeden Alters, die im Helios Park-Klinikum Leipzig eine Therapie absolvieren, um von ihrer Abhängigkeit frei zu kommen. „Auffällig ist“, betont Michaelsen, „dass die Anzahl jüngerer Patient:innen immer mehr zunimmt.“ Zudem gebe es seiner Aussage nach heute kaum noch Abhängige, die lediglich eine Droge oder nur Alkohol konsumierten. „Die Regel ist vielmehr ein Cocktail aus mehreren Zutaten“, ergänzt der Suchttherapeut.

Die Gründe, warum ein Mensch zu illegalen Drogen greift, sind vielschichtig. Rauschmittel zu probieren, sagt Göran Michaelsen, mache noch nicht abhängig. Doch wer den entscheidenden Punkt des Aufhörens verpasst, rutscht schnell ins Verderben. Vor allem dann, wenn der Nachschub dank einer ständigen Verfügbarkeit nicht abreißt. Alltagsprobleme, Stress- und Schwellensituationen, denen der oder die Betroffene nicht gewachsen sind, ein kriminelles oder labiles Umfeld, aber auch eine angeborene Neigung können weitere Auslöser sein.

Sucht nicht vollständig heilbar
[Zitat] „Nur die wenigsten Betroffenen merken rechtzeitig, dass ihnen die Drogen nicht guttun, dass sie ihre Probleme eher verschlimmern statt lösen“, berichtet Michaelsen von seinen Gesprächen mit Patient:innen.
Diese fehlende Erkenntnis spiegelt sich nicht zuletzt in der hohen Rückfallquote nach der ersten Therapie wieder. Etwa 50 Prozent der Patient:innen sind vier Jahre nach der Behandlung weder clean noch trocken. Mit jeder weiteren Therapie fällt ihnen das ohnehin immer schwerer. Stattdessen siegt fehlender Wille, mit dem Ergebnis des Abbruchs der Therapie.

Wer einmal abhängig ist, bleibt das im Grunde genommen ein Leben lang, verdeutlicht Michaelsen. Medizinisch betrachtet stellt Drogenabhängigkeit eine chronische Erkrankung dar, so dass eine vollständige Heilung in der Regel nicht möglich ist. „Sucht verändert vieles, zum Beispiel auch die Strukturen des Gehirns. Dieses sogenannte Suchtgedächtnis beruht auf Veränderungen der Verknüpfung von Hirnzellen. Das Verlangen nach Drogen, egal welcher Art, bleibt somit stets präsent. Auch ein/e trockene/r Alkoholiker:in kann selbst nach zehn oder zwanzig Jahren Abstinenz einen Rückfall erleiden“, erläutert Michaelsen.

Crystal Meth immer weiter auf dem Vormarsch
Die mit Abstand häufigste Droge, die Patient:innen der Soteria Leipzig konsumierten, ist Crystal Meth. Im Vergleich mit anderen Drogen nimmt das Methamphetamin etwa 80 Prozent ein, dem auf weite Distanz Cannabis, die Einnahme mehrerer Drogen gleichzeitig und in geringerem Maße Heroin auf den Plätzen folgen. „Es ist eine erschreckende Entwicklung, die wir beobachten: Die Methamphetaminabhängigkeit schreitet schneller voran, als beispielsweise die Abhängigkeit von Alkohol. Und das, obwohl die Lieferketten längst nicht mehr über das nahe liegende Tschechien laufen. Hauptlieferant sind heute vielmehr illegale Drogenlabore in den Niederlanden“, sagt Göran Michaelsen.

Mühen sind es wert
Der Kampf gegen die Windmühlen des Drogenkonsums verschlingt viel Kraft, Zeit und Geld. Aufgeben werden die an ihm beteiligten Therapeut:innen, Sozialarbeiter:innen und Streetworker:innen aber nicht. „Jedes Menschenleben, dass wir von der Abhängigkeit befreien, ist der Mühen wert“, betont Michaelsen. Der Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige sei deshalb eine gute Gelegenheit, das Thema Drogentod einmal mehr in das öffentliche Gedächtnis zu rücken.