Morbus Bechterew: Symptome, die Sie kennen sollten
Krankheitsbild und Anzeichen

Morbus Bechterew: Symptome, die Sie kennen sollten

Eine mögliche Ursache von chronischen Rückenschmerzen sind entzündlich-rheumatische Erkrankungen wie bei Spondylitis ankylosans, vormals auch Morbus Bechterew genannt. In Deutschland sind etwa 350.000 Menschen mehr oder weniger stark von der Krankheit betroffen.

Prof. Dr. med. habil. Eugen Feist

Ärztlicher Direktor der Helios Fachklinik Vogelsang-Gommern und Chefarzt der Rheumatologie

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Prof. Dr. med. habil. Eugen Feist ist Ärztlicher Direktor der Helios Fachklinik Vogelsang-Gommern und Chefarzt der Rheumatologie. Er ordnet ein, welche Symptome für Morbus Bechterew sprechen und wie die Krankheit frühzeitig erkannt wird. 

Was ist Morbus Bechterew?

Der Morbus Bechterew gehört zur Gruppe der Spondyloarthritiden. "Die chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung Morbus Bechterew betrifft vor allem die Wirbelsäule und deren Verbindungen zum Becken. Dort können sich Entzündungen bilden und das Knochengewebe sowie die Gelenke angreifen", so Prof. Eugen Feist.

Vater und Sohn sitzen am Küchentisch
Bei einem Großteil der Erkrankten liegt eine genetische Veranlagung vor | Foto: Canva

Die Erkrankung beginnt schleichend, sodass sie oft erst nach Jahren erkannt wird. Im fortgeschrittenen Stadium können die Entzündungen im Achsenskelett zu einer verknöcherten Wirbelsäule führen, deren einzelne Gelenke miteinander zur sogenannten "Bambuswirbelsäule" verwachsen sind.

Die genaue Ursache der Erkrankung ist weitestgehend unbekannt. Experten gehen von einer Fehlfunktion des Immunsystems aus, die zu einer überschießenden Entzündungsreaktion führt. Bei einem Großteil der Erkrankten liegt eine genetische Veranlagung vor. So besitzen etwa 90 Prozent aller Erkrankten ein spezielles Eiweiß, namens HLA-B27. Aber auch Menschen ohne dieses Eiweiß sind betroffen.

Wo beginnt Morbus Bechterew?

Mann mit Rückenschmerzen sitzt auf Bett
Häufig setzen die Schmerzen im Bereich der Kreuzbein-Darmbein-Gelenke ein | Foto: Canva

Typisch für die Erkrankung ist der schleichende Beginn mit unspezifischen Schmerzen im Becken im Bereich der Kreuzbein-Darmbein-Gelenke (Iliosakralgelenke). Die Betroffenen leiden an chronischen Schmerzen im Teil der betroffenen Wirbelsäule, der bis ins Gesäß oder zu den Oberschenkeln ausstrahlen kann – besonders, wenn sie länger sitzen. Die Schmerzen lassen meist unter Bewegung nach, in Ruhe nehmen sie wieder zu.

Häufig führen diese Symptome zunächst zu dem trügerischen Verdacht auf Abnutzungserscheinungen oder eine Überlastungssymptomatik, die mit einer nicht ausreichend effektiven physiotherapeutischen und orthopädischen Behandlung einhergeht.

Die chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung Morbus Bechterew betrifft vor allem die Wirbelsäule und deren Verbindungen zum Becken.

Prof. Dr. med. habil. Eugen Feist | Ärztlicher Direktor der Helios Fachklinik Vogelsang-Gommern und Chefarzt der Rheumatologie

Was sind Morbus Bechterew Symptome?

"Die Erkrankung kann sehr unterschiedlich verlaufen. Oft verläuft sie schleichend über Jahre und Jahrzehnte, wobei sich Entzündungsphasen mit mehr oder weniger beschwerdefreien Zeiten abwechseln", so Prof. Eugen Feist. "Bis die Diagnose gestellt wird, vergehen meist mehrere Jahre", so der Chefarzt. Oft wird Morbus Bechterew zunächst mit Muskelverspannungen oder einem Bandscheibenvorfall verwechselt.

Zu den Hauptsymptomen zählen:

  • chronische tiefsitzende Rückenschmerzen mit Beginn vor dem 45. Lebensjahr
  • Morgensteifigkeit nach dem Aufstehen für mehr als 30 Minuten
  • Aufwachen in der 2. Nachthälfte wegen Schmerzen
  • nachlassende Schmerzen bei Bewegung
  • wechselnder Gesäßschmerz

Zu häufigen Begleitbeschwerden und –erkrankungen zählen:

  • unspezifische Symptome wie Müdigkeit, Fieber, Gewichtsverlust
  • oft asymmetrische Entzündungen in großen und kleinen Gelenken
  • Entzündungen der Sehnenansätze
  • Entzündungen der Regenbogenhaut am Auge (Uveitis)
  • vermehrt Wirbelbrüche aufgrund eingeschränkter Flexibilität und verminderter Knochendichte
  • chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa und Morbus Crohn)
  • Schuppenflechte (Psoriasis)

Verlauf der Morbus Bechterew

Die Bechterew-Krankheit beginnt meist zwischen dem 16. und 40. Lebensjahr. Der Krankheitsverlauf ist chronisch fortschreitend und tritt in Schüben auf. Wie häufig und wie stark diese Schübe sind, ist individuell sehr unterschiedlich.

Beschwerden, wie Schmerzen und Steifheit können plötzlich innerhalb von einigen Wochen stärker werden. Im Anschluss kommt es zu einer leichten Erholung bis hin zu einem fast beschwerdefreien Intervall.

Frau mit Magenschmerzen auf Couch
Im Magen-Darm-Trakt kann es zu entzündlichen Veränderungen kommen | Foto: Canva

Im Vordergrund stehen zwar Beschwerden der Wirbelsäule und Gelenke, dennoch treten gehäuft auch andere Erkrankungen auf. So haben Erkrankte oftmals unter Psoriasis (Schuppenflechte) oder unter einer Regenbogenhautentzündung am Auge zu leiden.

Im Magen-Darm-Trakt kann es zu entzündlichen Veränderungen des Kolons (Dickdarm) oder Ileums (Krummdarm) kommen. Manche Patientinnen und Patienten entwickeln das Vollbild einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa.

Bechterew ist nicht heilbar. Die Therapieansätze bremsen lediglich das Fortschreiten der Krankheit und lindern Beschwerden. Die Lebenserwartung erkrankten Patientinnen und Patienten ist die gleiche wie beim Bevölkerungsdurchschnitt.

Die Erkrankung kann sehr unterschiedlich verlaufen. Oft verläuft sie schleichend über Jahre und Jahrzehnte, wobei sich Entzündungsphasen mit mehr oder weniger beschwerdefreien Zeiten abwechseln.

Prof. Dr. med. habil. Eugen Feist | Ärztlicher Direktor der Helios Fachklinik Vogelsang-Gommern und Chefarzt der Rheumatologie

Stadien Morbus Bechterew

Zur groben Anschauung kann man den Morbus Bechterew in drei Stadien aufteilen, die sich in Art und Ausprägung der Symptome unterscheiden können:

Anfangsstadium:

  • Dauer: 6 Wochen bis 3 Monate
  • Kreuz- und Gesäßschmerzen, vor allem morgens und bei längerem Liegen
  • Rückensteifigkeit beim Aufstehen
  • bei Bewegung verringern sich die Schmerzen
  • Druckempfindlichkeit an Schlüsselbein, Rippen, Wirbeln, Darmbeinkämmen, Sitzbein, Hüfte, Fersen

Manifestes Stadium:

  • Dauer: 10 bis 20 Jahre
  • Veränderungen an den Kreuz-Darmbein-Gelenken im Röntgenbild sichtbar
  • Bewegung oft nur noch unter Schmerzen möglich
  • schubartige Verschlechterung der Erkrankung
  • zunehmende Versteifung und Verformung der Wirbelsäule

Spätstadium:

  • nach circa 20 Jahren
  • Entzündungsprozesse und Verknöcherungen kommen zum Stillstand
  • Wirbelsäule gleicht Bambusstab
  • in der Brustwirbelsäule bildet sich ein Buckel
  • Halswirbelsäule ist nach vorne geneigt
  • durch vorgebeugte Haltung blicken Betroffene die meiste Zeit Richtung Boden, der Bauch ist vorgewölbt und die Atmung fällt schwerer

Morbus Bechterew Symptome bei Frauen

Frau greift sich in Nacken
Frauen haben zu Beginn meist Beschwerden in den Halswirbeln | Foto: Canva

Die rheumatische Erkrankung Morbus Bechterew galt lange als Männerkrankheit. Dennoch sind Frauen etwa gleich häufig betroffen. "Die Symptome unterscheiden sich bei Frauen nicht wesentlich. Allerdings sind milde bis moderate Verläufe etwas häufiger als bei Männern", so der Chefarzt.

Die typische Versteifung der Wirbelsäule verläuft bei Frauen meist langsamer. Frauen sollten sich bei Beschwerden daher gründlich untersuchen lassen.

Bei Frauen zeigen sich die ersten Symptome häufiger an den Gelenken außerhalb der Körperachse. Zu Beginn sind eher die Halswirbel als der untere Rücken betroffen. Auch Entzündungen von Sehnenansätzen und Schleimbeuteln treten an für Morbus Bechterew eher untypischen Körperstellen auf. Versteiftes Gewebe oder Verknöcherungen sind charakteristisch für spätere Stadien. Dennoch ist die Schmerzbelastung bei Frauen keinesfalls geringer.

Die Symptome unterscheiden sich bei Frauen nicht wesentlich. Allerdings sind milde bis moderate Verläufe etwas häufiger als bei Männern.

Prof. Dr. med. habil. Eugen Feist | Ärztlicher Direktor der Helios Fachklinik Vogelsang-Gommern und Chefarzt der Rheumatologie

Wie äußern sich Symptome bei einem Bechterew-Schub?

Frau sitzt auf Sofa mit Rückenschmerzen
Ein Schub kann sich über Wochen ziehen | Foto: Canva

Ein Schub bei Morbus Bechterew ist durch tiefsitzende, dumpfe Rückenschmerzen, insbesondere im Gesäßbereich sowie der Wirbelsäule ohne Einstrahlung in die unteren Extremitäten gekennzeichnet. In der Regel führt jeder Schub zu einer schrittweisen Verschlechterung der Erkrankung.

„Die Symptome können über mehrere Wochen anhalten und schränken die Lebensqualität sowie Leistung im beruflichen und privaten Umfeld ein. Zudem verschlechtert sich oft die Stimmungslage“, so Prof. Feist. Ab der sechsten Woche sprechen Ärztinnen und Ärzte von einem chronischen Krankheitsbild.

Ist es vielleicht Morbus Bechterew?

Wer bei sich typische Symptome eines Morbus Bechterew feststellt, sollte einen Arzt aufsuchen. Zur Abklärung einer möglichen Erkrankung erhebt der Arzt die Anamnese (Krankengeschichte) des Patienten. Insbesondere die auftretenden Beschwerden spielen in diesem Gespräch eine wichtige Rolle.

Mögliche Fragen, die zur Klärung der Diagnose dienen, sind etwa:

  • Hält der Kreuzschmerz bereits länger an (mehr als drei Monate)?
  • Sind die Beschwerden vor dem 45. Lebensjahr erstmals aufgetreten?
  • Dauert die Morgensteifigkeit länger als 30 Minuten?
  • Verbessert sich der Kreuzschmerz durch Bewegung, nicht jedoch durch Ruhe?
  • Stören Kreuzschmerzen das Durchschlafen?
  • Haben die Beschwerden schleichend begonnen?
  • Gibt es einen wechselseitigen Gesäßschmerz?
  • Bestehen Sehstörungen, Herz- und/oder Nierenbeschwerden?

Ausgehend von den Antworten können weitere Tests und Diagnoseverfahren durchgeführt werden, um festzustellen, ob die Wirbelsäulen-Erkrankung vorliegt. Das sind unter anderem Blutuntersuchungen und verschiedene bildgebende Verfahren, wie Röntgen und Magnetresonanztomografie (MRT). Eine frühe Diagnose ist mittels MRT möglich, da bereits im frühem Krankheitsstadium entzündliche Veränderungen in den Kreuz-Darmbein-Gelenken erkennbar sind. Röntgenbilder können Strukturveränderungen an der Wirbelsäule oder am Kreuz-Darmbein-Gelenk zeigen.

Wie sieht die Morbus Bechterew-Therapie aus?

Die Therapie soll Symptome lindern und das Fortschreiten der Erkrankung bremsen. Eine Heilung gibt es bislang nicht. Die Behandlungsmöglichkeiten können im Rahmen der Therapie kombiniert werden und sind immer individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst.

Zu den Behandlungsmöglichkeiten zählen:

  • medikamentöse Therapie
  • operative Therapie
  • gesunder Lebensstil
  • weitere Therapiemaßnahmen, wie Krankengymnastik, Physiotherapie

Prof. Dr. Feist sagt: "Zunächst haben eine symptomorientierte Therapie mit Einsatz von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) sowie auch eine kontinuierliche und regelmäßige physikalische Therapie einen wichtigen Stellenwert."

Bei Verläufen, die auf die Therapie nicht anschlagen, werden Biologika oft mit sehr gutem Erfolg eingesetzt. Bei betroffenen Patienten kann so regelmäßig eine deutliche Verbesserung der Krankheitsaktivität bis hin zur Remission erreicht werden.

Zunächst haben eine symptomorientierte Therapie mit Einsatz von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) sowie auch eine kontinuierliche und regelmäßige physikalische Therapie einen wichtigen Stellenwert.

Prof. Dr. med. habil. Eugen Feist | Ärztlicher Direktor der Helios Fachklinik Vogelsang-Gommern und Chefarzt der Rheumatologie

Symptome frühzeitig richtig erkennen

Die Erkrankung ist schleichend, ihre Symptome machen sich schubweise bemerkbar. Wer bei sich typische Symptome eines Morbus Bechterew bemerkt, sollte diese von einem Spezialisten für eine entzündlich-rheumatische Wirbelsäulenerkrankung untersuchen lassen. Auf diese Weise können Beschwerden gelindert und Symptome frühzeitig therapiert werden.

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