Was ist ein Kahnbeinbruch?
„Die Skaphoidfraktur, also der Bruch des Kahnbeins ist oftmals die Folge eines Sturzes auf das ausgestreckte Handgelenk im Alltag oder beim Sport“, sagt Dr. Martin Richter, Chefarzt für Hand- und Plastische Chirurgie am Helios Klinikum Bonn/Rhein-Sieg.
Männer sind etwa sechsmal häufiger betroffen als Frauen. Dies ist in erster Linie auf ein risikoreicheres Verhalten und höhere Teilnahme an Kontaktsportarten zurückzuführen. Der Altersgipfel liegt zwischen 15 und 30 Jahren.
Was ist das Kahnbein?
Das Kahnbein ist einer der acht Handwurzelknochen des Handgelenks und befindet sich in der ersten Reihe unterhalb des Daumens. Es spielt eine zentrale Rolle für die Beweglichkeit und Kraftübertragung der Hand.
Die Form des Kahnbeins kann in ein körpernahes (proximales), ein mittleres und ein körperfernes (distales) Drittel unterteilt werden. Der proximale Anteil des Kahnbeines hat eine schlechte Blutversorgung. Dies kann bei zu später oder ausbleibender Behandlung eine Pseudarthrose begünstigen.
Welche Symptome hat ein Kahnbeinbruch?
Typische Symptome sind:
- Schwellung
- Schmerzen (bei Bewegung oder Druck)
- Bluterguss (kann gelegentlich gering ausgeprägt sein)
„Manche Patientinnen und Patienten beschreiben einen Druckschmerz unterhalb des Daumenansatzes, in der sogenannten Tabatière. Dabei handelt es sich um die dreieckige Vertiefung an der Daumenseite, die beim Abspreizen und Strecken des Daumens sichtbar wird“, erklärt Dr. Martin Richter.
Gut zu wissen: Manche Betroffene haben nur geringe Schmerzen, die sich nach kurzer Zeit sogar bessern. Deshalb wird die Verletzung nicht selten übersehen. Dadurch kann sich die Behandlung verzögern oder sie bleibt ganz aus. Ist das der Fall, kann es zur sogenannten Pseudarthrose kommen.
Was sollte ich nach einem Sturz auf das Handgelenk tun?
Wenn Sie auf Ihr Handgelenk gestürzt sind, sollten Sie die PECH-Regel anwenden. Diese besagt:
- P = Pause: Stellen Sie die Hand ruhig.
- E = Eis: Kühlen Sie die Hand, aber legen Sie etwas zwischen Kühlpad und Haut
- C = Compression (zu Deutsch „Druck“): Legen Sie einen leichten Druckverband an, das kann helfen die Schwellung zu verringern.
- H = Hochlagern: Platzieren Sie das Handgelenk über Herzhöhe, um Schwellungen zu reduzieren, zum Beispiel im Sitzen mit einem Kissen oder im Gehen mit einer Schlinge.
Wichtig: Sie sollten umgehend ärztliche Hilfe aufsuchen bei:
- einer sichtbaren Fehlstellung oder Deformierung
- sehr starken Schmerzen oder Schwellungen
- Unbeweglichkeit des Handgelenks
- Taubheitsgefühlen oder Kribbeln in den Fingern
- anhaltenden Schmerzen, auch wenn die Hand noch beweglich ist
Auch bei anhalten Schmerzen nach einem Sturz auf die Hand, selbst wenn Sie diese noch bewegen können, sollte eine ärztliche Abklärung stattfinden.
Wie wird ein Kahnbeinbruch diagnostiziert?
Nach einem Gespräch zum Unfallhergang erfolgt eine körperliche Untersuchung der betroffenen Hand. Zudem sollte jeder Sturz mit nachfolgenden Druck- und/oder Bewegungsschmerzen an der Hand standardmäßig eine Röntgenaufnahme nach sich ziehen.
Die Fraktur ist allerdings nicht immer sicher im Röntgenbild zu erkennen. Um den Bruch klar zu diagnostizieren wird die Untersuchung bei Patientinnen und Patienten mit Schmerzen nach einigen Tagen wiederholt. Alternativ kann auch eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kahnbeines durchgeführt werden. Bis dahin sollte es ruhiggestellt werden.
Bis zum Ausschluss einer Kahnbeinfraktur sollte die Behandlung wie bei einer Kahnbeinfraktur mit entsprechender Ruhigstellung erfolgen.
Wie wird ein Kahnbeinbruch behandelt?
Bei der Behandlung eines Kahnbeinbruchs wird zwischen konservativen und operativen Methoden unterschieden.
Konservativ
Bei stabilen und unverschobenen Brüchen des Kahnbeins kann ein stabilisierender Unterarmgips oder eine Schiene mit Daumeneinschluss angelegt werden. Dadurch werden das Handgelenk und der Daumen ruhiggestellt.
Operativ
Es gibt verschiedene Gründe, die für eine Operation sprechen. Bei einfachen Brüchen kann eine Operation zum Beispiel die Dauer der Ruhigstellung deutlich verkürzen. Bei einem instabilen und/oder verschobenen körpernahem Bruch wird in der Regel eine Operation empfohlen, da sonst das Risiko für eine ausbleibende Heilung trotz Ruhigstellung erhöht sein kann.
Minimal-invasive Operation
Viele Brüche des Kahnbeins können durch eine minimalinvasive Technik operiert werden. „In den meisten Fällen nutzen Operateurinnen und Operateure dazu ein speziell für Kahnbeinbrüche entwickeltes System, die sogenannte Herbert-Schraube“, sagt der Chefarzt.
Die Schraube wird vollständig im Knochen versenkt und muss nur sehr selten wieder entfernt werden. Durch zwei unterschiedlich steile Gewinde werden die Bruchstücke in der korrekten Stellung aneinandergepresst.
Offene Operation
Für Kahnbeinbrüche, bei denen eine starke Verschiebung der Bruchstücke oder Begleitverletzungen (Bandverletzung) vorliegen, wird oftmals eine offene Operationsmethode gewählt.
Welche Risiken und Komplikationen kann es geben?
Der Vorteil einer nicht-operativen Therapie liegt vor allem in der Vermeidung der üblichen Operationsrisiken. Die Nachteile der längeren Gipsbehandlung (bis zu drei Monaten) bestehen in einem erhöhten Risiko einer resultierenden Bewegungseinschränkung während dieser Zeit.
Bei der operativen Versorgung kann es neben den allgemeinen Operationsrisiken zu Schraubenfehllagen kommen, die entweder den Bruch nicht ausreichend stabilisieren oder über den Knochen hinaus in das Gelenk ragen und so zu einem Knorpelschaden zwischen Speiche und Kahnbein führen können.
Wie erfolgt die Nachbehandlung?
Wie lange Sie die Hand ruhigstellen müssen, ist abhängig von der Art der Verletzung und Behandlung. Bei einer konservativen Therapie kann sie bis zu 12 Wochen betragen.
Mit Röntgenkontrollen lässt sich überprüfen, wie gut der Bruch heilt. Um sicher festzustellen, ob der Bruch vollständig verheilt ist, schließt sich nicht selten eine erneute Computertomographie an.
Ist der Bruch ausgeheilt, können Sie das Handgelenk stufenweise wieder in den Alltag mit einbeziehen. Dazu wird Ihnen Physiotherapie verordnet, wo Sie genau lernen worauf Sie dabei achten sollten.
Wie gut sind die Heilungschancen?
Der Erfolg der Behandlung hängt zum einen vom Zeitpunkt der Versorgung ab und zum anderen von der Bruchform. Vor allem bei instabilen oder auch verspätet behandelten Kahnbeinbrüchen kann es in bis zu zehn Prozent zu Pseudarthrosen kommen.
Zudem heilen einige Kahnbeinfrakturen auch bei völlig sachgerechter Behandlung nicht aus.
FAQ
Eine Kahnbeinfraktur kann sich durch Schmerzen im Handgelenk nach einem Sturz bemerkbar machen. Diese treten besonders im Bereich des daumenseitigen Handgelenks auf. Zusätzlich kann es zu einer leichten Schwellung kommen.
Wichtig zu wissen ist: Es kann auch sein, dass Sie nach einem Sturz auf das Handgelenk trotz Bruch nur sehr geringe Beschwerden haben. Dadurch kann die Verletzung leicht übersehen werden. Bei Unsicherheiten sollten Sie daher eine ärztliche Praxis aufsuchen.
Bei anhaltenden Schmerzen im Handgelenk nach einem Sturz, vor allem bei Belastung, sollten Sie diese ärztlich abklären lassen. Denn auch wenn Sie Ihr Handgelenk noch bewegen können, kann es zu einem Bruch des Kahnbeins gekommen sein.
Nicht immer ist ein Kahnbeinbruch in Röntgenaufnahmen eindeutig zu erkennen. Trotzdem ist das Röntgen meist der erste Schritt, weil sich damit schnell feststellen lässt, ob ein Bruch oder eine andere Verletzung der Hand vorliegt. Ist der Bruch nicht eindeutig zu erkennen, wird die Hand zunächst ruhiggestellt. Für die eindeutige Diagnose kann ergänzend auch ein CT oder ein MRT angeordnet werden.
Nein. Wann und ob operiert werden muss, hängt immer von der Lage, Stabilität und einer möglichen Verschiebung des Bruchs ab. Eine stabile Fraktur, bei der sich die Knochen nicht verschoben haben, kann in der Regel konservativ, also ohne operativen Eingriff behandelt werden.
Instabile Brüche hingegen müssen in der Regel operiert werden. Die Operation sollte möglichst innerhalb der ersten zwei Wochen nach der Verletzung erfolgen.
Die Dauer richtet sich nach Art der Behandlung. Bei einer konservativen Behandlung kann die Ruhigstellung des Handgelenks bis zu 12 Wochen betragen. Auch nach einer Operation darf das Handgelenk nicht direkt voll belastet werden, sondern sollte eben geschont werden.
Eine vollständige Belastung ist meist nach drei Monaten wieder möglich. Es kann jedoch sein, dass auch bei vollständiger Heilung nicht mehr die ursprüngliche Beweglichkeit des Handgelenks erreicht wird.
Hierzu kann keine pauschale Aussage getroffen werden, denn dies ist unter anderem abhängig von der Art des Bruchs, der Sportart und der Behandlung.
In der Regel können Sie nach dem Entfernen der Fäden wieder leicht mit Joggen anfangen. Schwimmen sollten Sie frühestens nach vier Wochen. Eine vollständige Belastbarkeit kann jedoch bis zu drei Monate dauern. Halten Sie daher vor dem Wiedereinstieg in den Sport unbedingt Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt und steigern Sie die sportliche Belastung nach und nach.
Das hängt von Ihrem Beruf ab. Leichte Büroarbeit kann meist nach zwei bis vier Wochen wieder aufgenommen werden. Bei körperlicher Arbeit ist die berufliche Auszeit oft länger, da eine volle Belastbarkeit meist erst nach drei Monaten wieder möglich ist.
Die Pseudarthrose, auch Falschgelenk, ist ein fehlerhaft ausgeheilter Knochenbruch. Dabei wächst der gebrochenen Knochen nicht wieder stabil zusammen. Die Folge können schmerzende Fehlstellungen und Bewegungseinschränkungen sein, die auch Gelenkprobleme und Muskelschwund mit sich bringen können.
Die Operation einer Kahnbeinpseudarthrose ist aufwändiger als die des Kahnbeinbruches, da dann in der Regel eine Knochentransplantation erforderlich ist.