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Prostatakrebs und Psyche: Gemeinsam gegen den Krebs

Diagnose Prostatakrebs: Jetzt steht die Welt erst mal still. Die Krankheit trifft oft ältere Männer – im Durchschnitt sind sie 71 Jahre alt. Obwohl die Therapiemöglichkeiten vielversprechend sind, bedeutet die Diagnose für viele Patienten eine große psychische Belastung.

10.11.2022 Lesedauer: - Min. Aktualisiert am 06.05.2026
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Ärztin befragt Senior als Patient in der Anamnese
Inhaltsverzeichnis

Psychoonkologie und Krebstherapie gehen Hand in Hand

Unter Psychoonkologie versteht man eine professionelle Begleitung und Behandlung psychischer Beschwerden während und nach einer Krebserkrankung. Psychologinnen und Psychologen begleiten Prostatakrebs-Patienten durch die Therapie und wissen, wie wichtig die mentale Verfassung in diesen schweren Lebensphasen ist. Studien belegen, dass eine psychoonkologische Begleitung von Prostatakrebs-Patienten einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben kann. 

„Bei der Psychoonkologie geht es darum, die Patienten in der schwierigen Lebenssituation zu unterstützen. Psychoonkologinnen und -onkologen bieten den Betroffenen und ihren Angehörigen Informationen rund um die Erkrankung und den Therapiemöglichkeiten“, sagt Gritt Schiller, Psychoonkologin im Bereich Stammzelltransplantation, Onkologie, Tumororthopädie und im Sarkomzentrum im Helios Klinikum Berlin-Buch.

Zentrum der Gespräche zwischen ihr und den Patienten seien zudem oftmals Anliegen rund um das Thema Sexualität und Partnerschaft. Oft leistet sie auch Hilfe, Entscheidungen zu fällen. 

Eine psychoonkologische Therapie kann in jeder Krankheitsphase unterstützend und hilfreich sein. Es geht darum, negative Gefühle wie Angst, Depression oder Schuld und Scham zu erfassen. Zudem werden Patienten bei existenziellen Krisen begleitet und emotional unterstützt.

Größte Ängste betreffen Lebensqualität und Sexualität

Das Bedürfnis psychologisch begleitet zu werden, ist bei jedem Prostatakrebs-Patienten individuell ausgeprägt. Vor allem jüngere, verheiratete Patienten oder solche mit fortschreitender Krankheit äußern oft den Wunsch nach psychologischer Hilfe. Die größten Sorgen betreffen dabei die Themen Lebensqualität und Sexualität. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto stärker wird das alltägliche Leben beeinflusst.

Zudem sind Männer nach der Krebstherapie häufig von einer andauernden Inkontinenz sowie einer eingeschränkten Erektions-und Ejakulationsfähigkeit betroffen. Das belastet psychisch stark. Umso wichtiger ist es, vor und nach den Behandlungen offen über die Nebenwirkungen der Therapie mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie Psychoonkologen zu sprechen. Dazu gehört auch, dass die Partnerin oder der Partner in die gemeinsame Kommunikation einbezogen wird. Tröstende Worte und ein offenes Ohr können die mentale Verfassung des Patienten erheblich verbessern. Weniger die Quantität der Unterstützung, sondern das Gefühl des Beistands selbst korreliert in diesem Zusammenhang positiv mit der Lebensqualität des Patienten.

Probleme mit der Sexualität – so leidet die Psyche

Das Leistungsdenken in der Gesellschaft überträgt sich oft auch auf das Sexualverhalten und das sexuelle Erleben. Prostatakrebs-Patienten, bei denen die Erektions-und Ejakulationsfähigkeit eingeschränkt ist, sehen sich deshalb oft mit vielen Ängsten und Fragen konfrontiert:

  • Kann ich je wieder Sex haben?
  • Was ist mir wichtig beim Sex?
  • Wie gehe ich mit der therapiebedingten Lustlosigkeit um?
  • Kann ich mich mit den Einschränkungen noch als Mann fühlen?

Versagensängste und die Furcht, der Partnerin oder dem Partner nicht mehr zu genügen, belasten die Psyche in dieser Zeit schwer.

„Es ist wichtig, über die Fragen und Nöte in der Partnerschaft zu sprechen und Bedürfnisse oder Schamgefühle klar zu kommunizieren“, rät Gritt Schiller. Sie weiß: Nicht immer gelingt dies. Die Psychoonkologie oder Paartherapie sind dann wichtige Begleiter in diesem Prozess.

Herausforderungen der Psychoonkologie bei Prostatakrebs

Patienten mit Prostatakarzinom müssen meist erst lernen, über ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen – sei es mit dem ärztlichen Behandlungsteam, der Partnerin oder dem Partner oder der Psychoonkologie. Oft fällt es den betroffenen Männern schwer, die existenziellen Ängste und Nöte Preis zu geben. Dafür benötigen sie Vertrauen und Einfühlungsvermögen, aber auch Zeit und Raum vom Gegenüber.

„Psychoonkologische Beratung sollte nicht nur den Patienten allein fokussieren, sondern auch die Partnerin oder den Partner mit einbeziehen“, so Gritt Schiller. Einerseits geht es um die Verunsicherung innerhalb der Beziehung und andererseits auch darum, die Partnerin oder den Partner aktiv in die Kommunikationskette zwischen Arzt und Patient einzubeziehen.

„Die partnerschaftliche Kommunikation darf von professioneller Seite nicht unterschätzt werden, da sie ein Grundstein im Umgang mit Krankheit und Genesung darstellt“, erklärt die Psychoonkologin. Eine gelungene Kommunikation ermöglicht zugewandte und offene Gesprächsmöglichkeiten zwischen den Liebenden und stärkt das Verständnis für die Erkrankung und deren Folgen beidseits.

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Psychologische Betreuung in verschiedenen Krankheitsstadien

Ein Patient, der die Diagnose Prostatakrebs erhält, durchläuft verschiedene Phasen, in denen er sich mit der Krankheit auseinandersetzen muss. Diesen Prozess können Psychoonkologinnen und Psychoonkologen sinnvoll unterstützen, um den Betroffenen und deren Angehörigen mehr Halt zu geben. Phasen der Krankheit und psychische Herausforderungen sind:

Prädiagnostische Phase

Oftmals weiß der Patient, bevor er eine eindeutige Diagnose erhält, dass etwas nicht in Ordnung ist. Folglich setzt er sich mit Vorsorgeuntersuchungen und Besuchen bei Ärztinnen auseinander. Der Betroffene ist wegen der auftretenden Symptome ängstlich und unsicher. Ist es wirklich Krebs?

Eine genaue Diagnostik nimmt Zeit in Anspruch. Die Wartezeit bedeutet für den Patienten eine starke psychische Belastung. Bereits in dieser Phase kann sich der Patient auf Wunsch psychoonkologische Unterstützung holen. Der Erstkontakt wird meist über die behandelnden Ärzte hergestellt. Schon jetzt ist es sinnvoll und wichtig, die Partnerin oder den Partner in die Gespräche einzubeziehen.

Diagnostische Phase

Die Hoffnung schwindet, denn die Diagnose steht fest: Krebs. Die Krankheit Prostatakarzinom schürt nicht nur viele Ängste, sondern bringt auch Fragen mit sich: Was nun? Wie geht es weiter? Woher bekomme ich Informationen? Wie bespreche ich die Krankheit mit meiner Frau oder Familie? Patienten reagieren in den ersten Stunden bis Tagen nach der Diagnose häufig mit einer Belastungsreaktion – umgangssprachlich auch Nervenzusammenbruch. „Diese Phase wird auch Schockphase genannt“, erklärt Gritt Schiller.

Jetzt ist es wichtig, sich mit der Erkrankung auseinander zu setzen. Oftmals wird der Krebskranke mit einer enormen Informationsflut konfrontiert. Die erfahrene Psychoonkologin weiß: „Es gibt Patienten, die Informationen fordern, andere wiederum vermeiden diese.“ Hier setzt die Psychoonkologie an: In gemeinsamen Gesprächen soll der Patient Vertrauen aufbauen. Besonders bei Betroffenen, die die Krankheit verdrängen, stellt sich dies als große Herausforderung dar.

Patienten haben unterschiedliche Strategien mit der Diagnose umzugehen: verdrängen, bagatellisieren, verleugnen, der Krankheit „den Kampf ansagen“. Die Verarbeitungs-mechanismen der Betroffenen sind so individuell wie die Krebskranken selbst.

Durch Gespräche mit einer Psychoonkologin oder einem Psychoonkologen kann die Informationsflut geordnet werden, fachliche Begrifflichkeiten geklärt und auf weitere Beratungsangebote aufmerksam gemacht werden. Das kann auch für die Angehörigen sehr hilfreich sein.

Primärtherapie und Reha

Während der Krebstherapie leidet der Patient oftmals unter Nebenwirkungen, die auch psychisch sehr belastend sein können. Der Betroffene braucht Zeit und Raum für die Krankheitsverarbeitung und muss sich mit den körperlichen Veränderungen erst arrangieren. Prostatakrebs-Patienten beschäftigen sich dann auch häufig mit dem Wohl der Angehörigen. Zudem machen sie sich Sorgen um die berufliche Perspektive oder die finanzielle Lage durch die Diagnose Krebs. Die psychoonkologische Betreuung zielt in dieser Phase darauf ab, Ängste und Verunsicherungen zu lindern. Es ist wichtig, dass Angehörige sich dem Rhythmus der Therapie anpassen und die körperlichen Veränderungen des Krebskranken akzeptieren.

Remission und Nachsorge

Nach dem Ende einer Primärtherapie bei Prostatakrebs befindet sich der Patient in Remission mit regelmäßigen Nachsorgeterminen. In dieser Phase beschäftigt sich der Betroffene oftmals mit Gedanken wie:

  • Was ist mir wichtig und wertvoll?
  • Wie möchte ich mein künftiges Leben gestalten?
  • Welche neuen Ziele möchte ich erreichen?

Gleichzeitig haben die Krebskranken oftmals Angst vor Nachsorgeuntersuchungen und einem Rückfall.

Nach der Therapie gilt es, mit der Ungewissheit zu leben: Kommt die Krankheit wieder zurück oder bin ich geheilt? In dieser Zeit geht es auch darum, eine neue Rolle in der Partnerschaft und der Familie zu finden. Psychoonkologinnen und Psychoonkologen in Rehabilitationseinrichtungen ermutigen den Patienten, das bisherige Leben zu reflektieren und auch neue Perspektiven zu besprechen. Außerdem geben sie Anstöße, sich körperlich zu bewegen und innerpartnerschaftliche Themen zu besprechen.

Angehörige müssen sich ebenfalls auf die neue Lebenssituation einstellen. Das erfordert Einfühlungsvermögen, aber auch die Fähigkeit über die eigenen (sexuellen) Bedürfnisse als Partnerin oder Partner offen zu sprechen.

Zudem benötigen auch Angehörige manchmal professionelle Hilfe, um sich auf die neue Situation einstellen zu können. Besonders gemeinsame therapeutische Gespräche bringen hier Vorteile.

Progredienz (zunehmende Verschlimmerung einer Krankheit)

Ein Fortschreiten der Krankheit verursacht meistens auch Schmerzen, was die Betroffenen sehr belastet. Außerdem müssen sie sich, je nach Prognose, mit dem Ende des eigenen Lebens befassen. Dies schürt Ängste bis hin zu Depressionen. Erkrankte fühlen sich oft hilflos und ausgeliefert. Psychoonkologen nehmen sich in dieser Phase der Gefühlswelt ihrer Patienten an und versuchen die mentale Belastung zu lindern. Angehörige sind erschüttert, dass die Krankheit nicht heilbar ist. Sie reagieren häufig mit Verzweiflung und Wut und setzen sich zunehmend mit Verlustängsten auseinander.

Präterminale und terminale Phase

Psychoonkologinnen und Psychoonkologen setzen sich in dieser Phase gemeinsam mit dem Patienten mit vielen existentiellen Fragen auseinander:

  • Gibt es noch Lebenssinn in dieser Lebensphase?
  • Was ist Lebensqualität für mich?
  • Was ist mir wichtig?
  • Wo möchte ich sterben?

Es ist wichtig, auch Angehörige in den Sterbeprozess einzubeziehen. Hier bieten Expertinnen und Experten der Psychoonkologie auch nach dem Tod des Erkrankten ein offenes Ohr und begleiten den Trauerprozess, sofern dies erwünscht ist.  

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Wie können Patienten psychoonkologische Beratung in Anspruch nehmen?

Das Angebot der Psychoonkologie steht jedem Patienten mit Prostatakarzinom zur Verfügung. Erste Ansprechpersonen ist oftmals das behandelnde ärztliche Team.

Folgende Angebote können hilfreich sein:

  • Psychoonkologische Angebote im Krankenhaus (Kontakt durch die behandelnden Ärztinnen/Ärzte oder eigenständige Kontaktaufnahme)
  • Psychoonkologische Angebote in den Rehabilitationskliniken
  • Ambulante psychoonkologische Beratung und Therapie (niedergelassene Psychotherapie oder die Krebsgesellschaften der einzelnen Bundesländer)
  • Krebsinformationsdienst (KID) der Deutschen Krebsgesellschaft
  • Austausch in Selbsthilfegruppen
  • Gespräche mit Seelsorgern

Wo finden Angehörige Unterstützung?

Angehörige von Krebspatienten stellen ihre Bedürfnisse und Ängste oftmals aus Rücksicht gegenüber dem Erkrankten zurück. Dabei profitiert der Patient von einem offenen Austausch und einer ehrlichen Kommunikation genauso, wie von einer erfolgreichen Krebstherapie. Angehörige, die therapeutische Hilfe in dieser schweren Zeit suchen, können folgende Angebote nutzen.

Hilfestellungen im Überblick:

  • Rückfragen beim zuständigen Psychoonkologen beziehungsweise der Psychoonkologin auf der Krankenhausstation und Einbeziehung der Partnerin/des Partners in das Gespräch
  • Paarberatung und Sexualberatung
  • Beratung bei Krebsgesellschaften der einzelnen Bundesländer
  • Beratungsstellen der Rathäuser und Gemeinden
  • Allgemeine Krebsberatungsstellen
  • Online-Angebot des Krebsinformationsdienstes (KID)
  • Psychotherapeuten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV)

Prostatakrebs und Psyche auf einen Blick

  • Prostatakrebs ist für viele Patienten psychisch stark belastend, auch wenn die Therapiemöglichkeiten vielversprechend sind.
  • Häufige Sorgen und Ängste betreffen die Lebensqualität, Partnerschaft und Sexualität sowie Nebenwirkungen der Therapie wie Inkontinenz oder Erektionsstörungen.
  • Offene Gespräche mit dem ärztlichen Team, Psychoonkologen sowie der Partnerin/dem Partner können helfen und sich wichtig.
  • Psychoonkologische Unterstützung kann in jeder Krankheitsphase helfen und man sollte sich nicht davor scheuen, diese in Anspruch zu nehmen.
  • Auch Angehörige können psychoonkologische Hilfsangebote nutzen, um ihre Sorgen und Ängste zu besprechen.
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