Was ist das Beckenvenensyndrom?
Das Beckenvenensyndrom (englisch Pelvic Congestion Syndrome, PCS) ist eine Erkrankung der Venen im Becken. Häufig ist die sogenannte Ovarialvene betroffen, also die Vene, die das Blut aus den Eierstöcken ableitet. Mehrere Schwangerschaften, oft auch in Kombination mit einer Bindegewebsschwäche, können dazu führen, dass sich die Vene dauerhaft erweitert. In der Folge schließen die zugehörigen Venenklappen nicht mehr zuverlässig.
„Venenklappen funktionieren am besten in eher schmalen Venen. Weitet sich die Ovarialvene im Laufe der Zeit und insbesondere nach einer oder mehrerer Geburten deutlich, können die Klappensegel nicht mehr zuverlässig schließen. Das Blut fließt dann nicht mehr vollständig Richtung Herz ab, sondern teilweise zurück ins Becken. Insbesondere im Stehen oder unter körperlicher Belastung führt dieser Rückfluss zu einem Stau bis in die Beckenvenen, der Schmerzen verursachen kann“, sagt Priv.-Doz. Dr. Michael Moche, Chefarzt der Klinik für Interventionelle Radiologie und Leiter des Interdisziplinären Gefäßzentrums im Helios Park-Klinikum Leipzig.
Der Grund: Der erhöhte Druck in den Beckenvenen kann umliegendes Gewebe und Nerven reizen und so die typischen Unterleibsschmerzen auslösen.
Welche Symptome sind typisch?
Das Leitsymptom des Beckenvenensyndroms sind chronische Unterleibsschmerzen. Sie werden häufig als dumpf, ziehend oder drückend beschrieben und bestehen über Monate oder Jahre.
Typisch ist dabei weniger die Stärke der Schmerzen als ihr Verlauf. Viele Frauen berichten, dass sich die Beschwerden im Alltag auf typische Weise verändern. Sie
- nehmen im Stehen oder Sitzen zu,
- verschlimmern sich im Tagesverlauf (stärkster Schmerz oft abends),
- werden vor oder während der Periode stärker,
- treten nach Schwangerschaften erstmals auf oder nehmen dann zu.
Daneben können weitere Beschwerden auftreten, darunter:
- ein Druck- oder Schweregefühl im Becke
- ein aufgeblähter Bauch oder vergrößerter Bauchumfang
- Krampfadern im Intimbereich (Vulvavarizen)
- Blasenbeschwerden wie häufiger Harndrang oder leichte Blasenschwäche
- Schmerzen beim oder nach dem Geschlechtsverkehr
- Rücken- oder Beckenschmerzen
Wichtig: Nicht alle Betroffenen haben alle Symptome. Gerade diese Vielgestaltigkeit trägt dazu bei, dass das Beckenvenensyndrom oft nicht oder erst verzögert erkannt wird.
Warum bleibt das Beckenvenensyndrom so oft unerkannt?
Die Symptome des Beckenvenensyndroms ähneln denen vieler anderen Erkrankungen. Entsprechend werden die Beschwerden häufig anders eingeordnet, etwa als:
- zyklusabhängige Beschwerden, die als „normal“ oder hormonell bedingt gelten
- Verdacht auf Endometriose
- funktionelle Beschwerden ohne klare organische Ursache
- psychosomatische Beschwerden, insbesondere bei wiederholt unauffälligen Befunden
Für viele Frauen ist das frustrierend: Wenn Untersuchungen wiederholt keine Erklärung liefern, entsteht der Eindruck, es gebe keine medizinische Begründung für die Beschwerden.
„Die Einordnungen schließen ein Beckenvenensyndrom nicht aus. Gerade wenn gynäkologische Untersuchungen keine eindeutige Erklärung liefern, lohnt es sich, eine venöse Ursache gezielt abklären zu lassen“, sagt PD Dr. Moche.
Wer ist besonders häufig betroffen?
Grundsätzlich kann das Beckenvenensyndrom bei Frauen unterschiedlichen Alters auftreten. Bestimmte Faktoren erhöhen jedoch das Risiko.
Frauen nach Schwangerschaften
Besonders häufig betroffen sind Frauen, die ein oder mehrere Kinder geboren haben. Dabei gilt: Mit jeder weiteren Schwangerschaft beziehungsweise Geburt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Beckenvenen dauerhaft erweitern und Venenklappen nicht mehr zuverlässig schließen.
„Während der Schwangerschaft steigt das Blutvolumen deutlich an, die Beckenvenen werden stärker belastet und erweitern sich erheblich. Vor allem gegen Ende der Schwangerschaft kann der Druck durch Gebärmutter und Kind zunehmen und eine fehlende Rückbildung mit dauerhafter Erweiterung begünstigen“, sagt der Leipziger Gefäßspezialist.
Frauen mit Bindegewebsschwäche oder Neigung zu Krampfadern
Das Beckenvenensyndrom kann Teil einer generellen Venenschwäche sein. Frauen mit Bindegewebsschwäche, Krampfadern oder einer familiären Vorbelastung haben ein höheres Risiko.
Frauen im gebärfähigen Alter
Das Beckenvenensyndrom tritt überwiegend vor den Wechseljahren auf. Eine wichtige Rolle spielen dabei hormonelle Einflüsse, insbesondere Östrogene. Diese Hormone machen die Gefäßwände dehnbarer und können den venösen Druck erhöhen.
Nach den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel deutlich. Die Venen bleiben zwar erweitert, verursachen aber häufig weniger Beschwerden, weil der venöse Druck und die Dehnbarkeit der Gefäße abnehmen.
Wie wird das Beckenvenensyndrom diagnostiziert?
Die Diagnose des Beckenvenensyndroms ist anspruchsvoll, weil es keine Standarduntersuchung gibt, die automatisch durchgeführt wird. Deswegen ist es entscheidend, dass bei anhaltenden Beschwerden gezielt an erweiterte Beckenvenen als Ursache gedacht wird.
Warum die Diagnose oft schwierig ist
Viele gynäkologische Untersuchungen bleiben beim Beckenvenensyndrom unauffällig. Das liegt nicht daran, dass keine Erkrankung vorliegt. Vielmehr ist es so, dass:
- die betroffenen Venen tief im Becken liegen
- sie im normalen gynäkologischen Ultraschall deswegen oft nicht ausreichend beurteilt werden können
- der Rückfluss des Blutes („Reflux“) nicht immer sichtbar ist
In der Folge bleibt das Beckenvenensyndrom häufig unerkannt, sofern nicht gezielt danach gesucht wird.
Welche Untersuchungen sind sinnvoll?
Für die Diagnose des Beckenvenensyndroms können unterschiedliche Verfahren infrage kommen:
- MRT des kleinen Beckens: Die Magnetresonanztomographie ist eine häufig eingesetzte bildgebende Untersuchung ohne Strahlenbelastung, um erweiterte Beckenvenen darzustellen und andere Ursachen auszuschließen.
- spezialisierter Ultraschall (Doppler): Er kann Hinweise auf erweiterte Beckenvenen und einen ungünstigen Blutfluss geben.
- Weitere spezialisierte Verfahren: In spezialisierten Zentren oder Fachabteilungen kann eine weitere venöse Diagnostik erfolgen, insbesondere im Rahmen einer interventionell-radiologischen Abklärung.-
Wichtig: Kein einzelner Befund allein ermöglicht die Diagnose „Beckenvenensyndrom“. Entscheidend ist die Kombination von Beschwerden, Verlauf und Bildgebung.
An wen kann ich mich bei Verdacht wenden?
Wenn gynäkologische Untersuchungen ohne Befund bleiben, können Ärztinnen und Ärzte folgender Fachrichtungen die nächsten Ansprechpersonen sein:
- Radiologie
- Interventionelle Radiologie
- Gefäßmedizin (zum Beispiel Phlebologie oder Angiologie)
In vielen Fällen erfolgt die weiterführende Abklärung interdisziplinär.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Die Behandlung des Beckenvenensyndroms richtet sich nach dem Leidensdruck, den Beschwerden und den individuellen Befunden. Das Beckenvenensyndrom ist in der Regel nicht lebensbedrohlich. Das Ziel der Therapie ist, Schmerzen zu lindern und damit die Lebensqualität zurückzugewinnen.
Medikamentöse Behandlung: Symptome lindern
Medikamente können helfen, die Beschwerden zu lindern. Sie beheben jedoch nicht die zugrundeliegende venöse Stauung.
Schmerzmittel: Entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen werden häufig eingesetzt, um Unterleibsschmerzen zu reduzieren. Sie gelten damit als Teil der symptomatischen Therapie. Die Einnahme sollte trotzdem immer in Rücksprache mit der behandelnden Facharztpraxis erfolgen.
Hormonelle Behandlung: Bei manchen Frauen könne hormonelle Präparate wie die Antibabypille die Beschwerden verringern.
Medikamentöse Behandlungen können sinnvoll sein, wenn die Beschwerden eher mild sind, sie den ersten Therapieversuch darstellen oder ein Eingriff nicht infrage kommt.
Interventionelle Radiologie: Die Ursache gezielt behandeln
Bei starken Beschwerden ist die Embolisation in spezialisierten Abteilungen oder Zentren ein etabliertes und häufig eingesetztes Verfahren.
Bei der Embolisation wird ein dünner Katheter über die Leiste (selten auch über einen Zugang am Arm oder Hals) in die Vene eingeführt. Unter Röntgenkontrolle und Kontrastmittelgabe wird dieser Katheter zu den erweiterten Beckenvenen vorgeschoben. Die betroffenen Venen werden nun gezielt von innen verödet und anschließend mit kleinen Spiralen oder speziellen „Stöpseln“ über den Katheter verschlossen. Dadurch wird der krankhafte Rückfluss des Blutes unterbrochen. Der venöse Abfluss erfolgt danach problemlose über gesunde Umgehungswege.
Der Eingriff dauert meist 30 bis 90 Minuten. Er erfolgt unter lokaler Betäubung und erfordert in der Regel nur eine kurze stationäre Überwachung.
Welche Risiken gibt es?
Die Embolisation gilt als sicheres Verfahren, insbesondere wenn sie von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten durchgeführt wird. Wie bei jedem medizinischen Eingriff lassen sich Risiken jedoch nicht komplett ausschließen.
Mögliche, meist vorübergehende Nebenwirkungen sind:
- Schmerzen oder Druckgefühl im Becken in den Tagen nach dem Eingriff
- Schmerzen oder ein Spannungsgefühl an der Einstichstelle
- Ein vorübergehendes Fremdkörpergefühl im Bereich der behandelten Vene
Diese Beschwerden klingen in der Regel nach wenigen Tagen wieder ab.
Seltene, aber mögliche Risiken sind:
- Entzündungsreaktionen im behandelten Venenabschnitt
- Thrombosen
- sehr selten eine Verschiebung des eingesetzten Materials
Vor dem Eingriff findet immer ein ausführliches Aufklärungsgespräch statt, in dem das genaue Vorgehen und individuellen Risiken besprochen werden. Entscheidend ist immer die Abwägung: Wie groß ist der Leidensdruck und wie wahrscheinlich ist eine Besserung der Beschwerden durch den Eingriff?
Fazit: Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
Das Beckenvenensyndrom ist eine reale körperliche Erkrankung und eine mögliche Ursache für chronische Unterleibsschmerzen, die lange unerkannt bleiben kann. Viele betroffene Frauen haben bereits zahlreiche Untersuchungen hinter sich, ohne dass eine klare Diagnose gestellt werden konnte.
„Gerade weil das Beckenvenensyndrom in der Versorgung noch nicht überall routinemäßig mitgedacht wird, ist Aufklärung darüber so wichtig. Das entlastet betroffene Frauen und hilft, dass Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit ihnen die nächsten sinnvollen Schritte finden“, sagt Priv.-Doz. Dr. Michael Moche.
Nicht jede Betroffene benötigt eine Behandlung mit Eingriff. Entscheidend ist der individuelle Leidensdruck. Ziel aller Maßnahmen ist, Schmerzen zu lindern und Lebensqualität zurückzugewinnen.
FAQ
Nein. Es handelt sich um unterschiedliche Erkrankungen, auch wenn sie zu ähnlichen Symptomen führen können.
Endometriose bezeichnet das Auftreten von Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter. Dieses Gewebe kann zyklusabhängig reagieren und Schmerzen verursachen.
Das Beckenvenensyndrom (PCS) hingegen ist eine Erkrankung der Venen im Becken. Dabei sind bestimmte Venen (häufig die Ovarialvene) dauerhaft erweitert, sodass das Blut nicht mehr vollständig abfließen kann und sich im Becken staut. Dieser venöse Rückstau kann Schmerzen verursachen.
Endometriose und PCS haben daher einen völlig unterschiedlichen Behandlungsansatz. Bei der Endometriose wird in der Regel durch die Gynäkologie eine Bauchspiegelung durchgeführt, während das PCS mit einem minimal-invasiven Gefäßeingriff behandelt werden kann.
Die Untersuchung des Beckenvenensyndroms gehört bislang nicht zur medizinischen Routine, insbesondere nicht in der gynäkologischen Standarddiagnostik. Viele Basisuntersuchungen sind unauffällig, wenn nicht gezielt nach einer venösen Ursache gesucht wird. Die Folge ist eine sogenannte Unterdiagnostik: Die Erkrankung wird selten gezielt abgeklärt und deshalb auch oft nicht erkannt.
Das Beckenvenensyndrom ist vermutlich keine seltene Erkrankung, sie wird bislang nur zu selten oder zu spät erkannt.
In der Regel geht vom Beckenvenensyndrom kein besonderes Risiko aus. Eine Behandlung wird nicht durchgeführt, um Gefahren abzuwenden, sondern um chronische Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Ob und wann eine Behandlung sinnvoll ist, hängt vom individuellen Leidensdruck ab.
Viele Frauen berichten nach einer Embolisation über eine deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden. Ziel der Behandlung ist eine Reduzierung der Schmerzen, aber nicht immer kann eine vollständige Beschwerdefreiheit erreicht werden. Wie stark und wie schnell sich Symptome bessern, ist individuell unterschiedlich.
Ob die Kosten übernommen werden, hängt von der Indikation und der behandelnden Einrichtung ab. In vielen Fällen ist eine Kostenübernahme möglich, sie sollte jedoch vorab geklärt werden.