Bandscheibenvorfall: Wichtige Fakten auf einen Blick
- kann starke Schmerzen auslösen, wenn er auf Nerven drückt
- Schmerz kann ins Bein und bis in die Füße ziehen
- kann Kribbeln oder Taubheitsgefühl auslösen
- Beschwerden klingen meist nach ein paar Wochen von selbst ab
- Schmerzmittel können helfen, um aktiv zu bleiben
- Operation ist nur selten nötig
Was ist ein Bandscheibenvorfall?
„Ein Bandscheibenvorfall ist einfach gesagt eine Vorwölbung und ein Vordrücken der Bandscheibe, bei dem der innere Kern nach außen drückt. Passiert das in Richtung des Wirbelkanals kann es zur Reizung des Nervengewebes und ausstrahlenden Nervenschmerzen führen", sagt Dr. Ralf Oliver Breuer, Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulentherapie und Wirbelsäulenchirurgie im Helios Klinikum Schwelm.
Schmerzen und auch Taubheitsgefühle, die bis in die Arme und Beine ausstrahlen, sind typisch für einen Bandscheibenvorfall und können die Betroffenen stark einschränken.
Bandscheibenvorfälle lassen sich unterscheiden in:
- Vorwölbung (Protrusion): Die Bandscheibe wölbt sich zwischen den Wirbelkörpern hervor, der Faserring ist meist noch intakt.
- Vorfall (Prolaps): Die Hülle (Faserring) ist gerissen, wodurch Gewebe der Bandscheibe austreten kann. Das ausgetretene Gewebe ist aber noch mit der Bandscheibe verbunden.
- Ablösung (Sequester): Das Bandscheibengewebe hat sich gelöst und ist in den Wirbelkanal ausgetreten. Es besteht keine direkte Verbindung mehr zur Bandscheibe.
Prolaps und Sequester führen häufiger zu Beschwerden in den Beinen als eine Protrusion. Dies kann die Art der Behandlung und den Krankheitsverlauf beeinflussen.
Wie ist eine Bandscheibe aufgebaut?
Die Bandscheibe (auch Zwischenwirbelscheibe) besteht aus einem Bandscheibenring und einem gallertartigen Kern. Jede der insgesamt 23 Bandscheiben ist mittels einer Knorpelschicht an den Endflächen des darüber- und darunterliegenden Wirbelkörpers befestigt.
Jede dieser Bandscheiben hat eine Pufferfunktion, ist also eine Art Stoßdämpfer, um die einzelnen Wirbel zu schützen. Der Gallertkern saugt sich mit Wasser voll, das er vor allem im Liegen von der umgebenden Gewebsflüssigkeit aufnimmt.
Wo treten Bandscheibenvorfälle am häufigsten auf?
Bandscheibenvorfälle treten am häufigsten in der Lendenwirbelsäule (lumbaler Bandscheibenvorfall) auf. Insbesondere in den letzten beiden Bewegungssegmenten L4/L5 und L5/S1. Den lumbalen Bandscheibenvorfall erleiden am häufigsten Menschen zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Männer sind davon etwas häufiger betroffen als Frauen.
Im Bereich der Halswirbelsäule sind häufig die Segmente C5/C6 und C6/C7 betroffen.
Die Abkürzungen stehen für:
- L4/L5: Beschreibt das Segment zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel
- L5/S1: Beschreibt das Segment zwischen dem 5. Lendenwirbel und dem 1. Kreuzbeinwirbel
- C5/C6: Beschreibt das Segment zwischen dem 5. und 6. Halswirbels
- C6/C7: Beschreibt das Segment zwischen dem 6. und 7. Halswirbels
Symptome eines Bandscheibenvorfalls
Plötzlich einschießende Schmerzen im Rücken, insbesondere im unteren Rücken, sind häufig ein erstes Anzeichen für einen Bandscheibenvorfall. Die Schmerzen können in Beine sowie Arme ausstrahlen. Hinzukommen können Kribbeln, Gefühlsstörungen, Lähmungen/Taubheitsgefühl und Funktionsstörungen.
Je nachdem, welcher Bereich der Wirbelsäule betroffen ist, können die Symptome unterschiedlich ausfallen:
Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule (HWS)
Bandscheibenvorfälle im Bereich der Halswirbelsäule betreffen die obere Extremität: Die Beschwerden treten im Hals- und Nackenbereich auf oder je nach Lokalisation in Schulter, Oberarm, Unterarm, Hand und Finger. Je nach Größe des Bandscheibenvorfalls können auch Lähmungserscheinungen (Querschnittsyndrome) entstehen.
Bandscheibenvorfall im Bereich der Brustwirbelsäule (BWS)
„Ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Brustwirbelsäule führt zu einem dumpfen Rückenschmerz, der gürtelförmig über den Brustkorb abstrahlen kann", erklärt Dr. Ralf Oliver Breuer. Auch hierbei können größere Bandscheibenvorfälle zu Querschnittsyndromen führen.
Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS)
Ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule wirkt sich auf die untere Extremität aus. Die Schmerzen können bis in die Beine (Oberschenkel/Unterschenkel) und Füße ausstrahlen. Bei einem Massenvorfall (schwerer Bandscheibenvorfall, bei dem viel Bandscheibengewebe austritt) im Segment L4/L5 können die Betroffenen auch unter einer Inkontinenz von Stuhl und Urin leiden. In schweren Fällen treten Lähmungserscheinungen auch im Bereich der sogenannten Kennmuskeln auf, unter anderem Fußheberlähmung, Großzehenheberlähmung, Fußsenkerlähmung, Oberschenkellähmung.
Wann ist ein Bandscheibenvorfall ein Notfall?
Beim sogenannten Cauda-Syndrom (auch Cauda-Equina-Syndrom) kommt es zu einer Schädigung der Nervenwurzeln des unteren Rückenmarks, die umgehend operativ behandelt werden muss. Folgende Symptome können auftreten:
- Lähmungen
- Blasen- und Darmentleerungsstörung
- Störungen der Sexualfunktion und Taubheitsgefühl im Genitalbereich
- Kraftminderung in den Beinen/Füßen
Wichtig: „Diese Art von Bandscheibenvorfall kommt sehr selten vor. Es handelt sich jedoch um einen akuten neurologischen Notfall, der umgehend versorgt werden muss“, sagt der Schwelmer Chefarzt.
Was sind Ursachen und Risikofaktoren für einen Bandscheibenvorfall?
In den meisten Fällen sind Bandscheibenvorfälle eine Folge von Alterungs- und Verschleißprozessen: Die Bandscheiben verlieren an Elastizität und können Wasser schlechter speichern. Dadurch erhöht sich das Risiko für Risse im Faserring der Bandscheibe, die einen Bandscheibenvorfall begünstigen.
Zu weiteren Ursachen gehören:
- sitzende Tätigkeiten
- mangelnde Bewegung
- Fehlhaltung/-belastung
- Übergewicht und ungesunde Ernährung
- eine nicht ausreichende Trinkmenge
- Rauchen
- schwache Rumpfmuskulatur
Diagnose Bandscheibenvorfall
„Die Symptome der Betroffenen im Gespräch geben häufig schon Aufschluss über die Lage des Bandscheibenvorfalls", sagt der Experte.
Die genaue Diagnosestellung findet dann im Rahmen einer klinischen Untersuchung statt: „Dazu führe ich eine körperliche Untersuchungen im Bereich der Wirbelsäule und der Extremitäten durch, um Auffälligkeiten zu finden“, so Dr. Breuer.
Zudem werden bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) und gegebenenfalls eine Computertomographie (CT) eingesetzt, um den Bandscheibenvorfall eindeutig zu diagnostizieren und den Schweregrad zu ermitteln.
Bandscheibenvorfall behandeln: Was hilft?
„Der größte Anteil der Bandscheibenvorfälle wird konservativ behandelt, also ohne Operation", so der Wirbelsäulenchirurg.
Konservative Therapie
Zu den konservativen Maßnahmen gehören vor allem
- Bewegung,
- Entspannung und Entlastung,
- schmerzstillende Medikamente sowie
- manuelle und physikalische Therapien.
Bei physikalischen Therapien werden beispielsweise Druck, Zug, Wärme, Kälte oder Elektrizität genutzt.
Operative Therapie
Bei nicht beeinflussbaren Schmerzen, Funktionsstörungen oder Gefühlsstörungen kann eine Operation infrage kommen, da das Risiko für eine bleibende Nervenschädigung besteht. Die zeitnahe Operation kann meistens die Voraussetzung dafür schaffen, dass sich die Nervenwurzel langsam wieder erholt.
Dazu stehen Ärztinnen und Ärzten verschiedene Optionen zur Verfügung:
Mikrochirurgische Bandscheibenoperation („offene Operation“)
Zunächst wird ein kleiner Hautschnitt gesetzt und die Rückenmuskulatur abgelöst. Anschließend wird auf einer kleinen Strecke vom Wirbelbogen der Wirbelkanal zwischen zwei Wirbelbögen unter Sicht durch das Mikroskop eröffnet. Mit Spezialinstrumenten kann dann das vorgefallene Bandscheibengewebe entfernt und die Nervenwurzel vom Druck befreit werden. Der Faserring wird zwischen den Wirbelkörpern belassen. Bereits gelockerte Anteile innerhalb der Bandscheibe können noch entfernt werden, damit sie nicht nachrutschen.
Eine vollständige Entfernung der Bandscheibe zwischen den Wirbelkörpern ist nicht möglich und bei diesem Eingriff auch nicht gewünscht. Das entstandene Loch im Faserring und Gallertkern verschließt sich nach der Operation durch körpereigenes Narbengewebe von selbst. Die Mobilisation der Patientinnen und Patienten erfolgt in der Regel am Folgetag unter physiotherapeutischer Anleitung.
Endoskopische Bandscheibenoperation
Neben der offenen Operation gibt es minimalinvasive Verfahren, wozu auch die endoskopische Bandscheibenoperation zählt. Die Wahl dieser Operationsmethode richtet sich sehr stark nach der Form und Lage des Bandscheibenvorfalls. Das Ziel der Behandlung besteht, wie bei der offenen Operation, in der Entfernung von Bandscheibengewebe. Dadurch kommt es zu einer Druckentlastung des Nervs.
Dazu wird eine Nadel unter Röntgenkontrolle seitlich am Wirbelkanal und der Nervenwurzel vorbei in die Bandscheibe vorgeschoben. Das Bandscheibengewebe wird mit speziellen Zangen sowie Instrumenten abgetragen und somit der bedrängte Nerv entlastet.
Der Vorteil des Verfahrens ist die deutlich geringere Narbenbildung. Allerdings kommt es bei endoskopischen Operationen nicht immer zu einer ausreichenden Druckentlastung des Nervens, der in einem weiteren Eingriff nachoperiert werden muss.
Krankheitsverlauf und Prognose bei Bandscheibenvorfall
Der Krankheitsverlauf ist bei einem Bandscheibenvorfall individuell und hängt von der Therapieentscheidung ab: Bei einer konservativen Therapie kann die Heilung bis zu drei Monate andauern. Nach einer Operation sollte eine Schonzeit von acht Wochen eingehalten werden und eine Vollbelastung erst nach circa drei Monaten sowie ärztlicher Einschätzung wieder erfolgen. Entsprechend lange dauern die Bewegungseinschränkungen an.
Eine ambulante oder stationäre Rehabilitation kann Patientinnen und Patienten dabei helfen, die Beschwerden zu lindern und eine konservative Therapie zu unterstützen, sodass eine Operation im besten Fall verhindert wird.
Übungen nach einem Bandscheibenvorfall
Durch den Bandscheibenvorfall ist das Gewebe gereizt. Physiotherapeutische Maßnahmen sollten darauf abzielen, weitere Funktionsverluste zu vermeiden.
Eine angepasste Schmerztherapie unterstützt zudem dabei, die Beweglichkeit zu erhalten und beugt Schonhaltungen vor. Eine gezielte manuelle Therapie und Wärmebehandlung können die Schmerzen zusätzlich lindern. Reine Bettruhe ist nicht förderlich.
Bandscheibenvorfall vorbeugen
Prävention ist die beste Medizin. Gesunde Ernährung, das Vermeiden von Risikofaktoren und eine ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit stehen dabei an oberster Stelle.
Zudem wirkt sich regelmäßiger Sport positiv auf die Gesundheit aus. Trainierte Rückenmuskeln entlasten die Bandscheiben.
Vorbeugende Maßnahmen für den Alltag sind:
- Ausgewogene Ernährung
- Sportliche Aktivitäten, Bewegung
- Rauchstopp
- Längeres Sitzen vermeiden
- Arbeitsplatz rückenschonend einrichten, beruflich durch Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner
- Gegenstände rückenschonend an- und hochheben
- Matratze, die die Wirbelsäule auch im Schlaf entlastet - Fragen Sie Ihren Arzt, welche geeignet ist für Sie
- Wasserbetten vermeiden
FAQ
Bei einem Hexenschuss kommt es zu akuten, starken Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Oft tritt er bei einer Drehbewegung oder beim Bücken auf. Die Beschwerden klingen meist nach ein bis zwei Wochen wieder ab.
Bei einem Bandscheibenvorfall tritt Bandscheibengewebe aus und drückt auf die Nervenwurzeln. Betroffene verspüren einen plötzlich auftretenden, anhaltenden Schmerz in der Hals-, Lenden- oder Brustwirbelsäule. Zudem können die Schmerzen in Arme, Beine oder auch Gesäß ausstrahlen.
Prinzipiell gilt: Selbstdurchgeführte Bewegungstests zur Schmerzlokalisierung, Muskelkraft oder Sensibilitätsprüfungen ersetzen keine ärztliche Diagnose.
Sie können jedoch helfen, Warnsignale zu erkennen. Wenn Sie anhaltende Schmerzen, Lähmungen oder Harn- und Darmentleerungsstörungen haben, suchen Sie umgehend eine ärztliche Praxis auf.
Ja, ein Bandscheibenvorfall kann wieder von allein verheilen. Unterstützen können Sie die Heilung durch konservative Maßnahmen wie Schmerzlinderung, Entlastung durch die Stufenbettlage oder Physiotherapie. Nicht immer ist daher eine Operation notwendig.
Nein, ein Bandscheibenvorfall kündigt sich in der Regel nicht an.
Wenn Sie jedoch Rückenschmerzen, Verspannungen, Taubheitsgefühle und Kribbeln sowie Bewegungseinschränkungen verspüren, können das Warnzeichen sein.
Um den Körper nicht unnötig zu belasten, sollten Sie
- langes Sitzen vermeiden. Versuchen Sie häufiger die Position und Haltung zu wechseln und bleiben Sie in Bewegung.
- sportliche Aktivitäten mit Drehbewegungen (Golf, Tennis) oder Stoßbewegungen (Laufen, Reiten) sowie Krafttraining, das den Bauch oder Rücken fordert (Sit-ups) bis zum Abheilen nicht ausüben.
Nein, es gibt keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei einem Bandscheibenvorfall. Vielmehr hängen die Beschwerden davon ab, welcher Bereich der Wirbelsäule betroffen ist.
Wenn Sie den Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall haben, sollten Sie diesen möglichst zeitnah abklären. Das ist der Fall, wenn die Rückenschmerzen nicht nachlassen und länger als drei bis vier Tage anhalten.
Kommen Beschwerden wie Taubheitsgefühle, Kribbeln, Lähmungen oder eine gestörten Blasen- und Darmfunktion sollten Sie umgehend einen Arzt aufsuchen.