Lebensrettender Eingriff

Die Darmkrebs-Operation

Die Darmkrebs-Operation

Für viele Darmkrebs-Patienten ist eine Operation die wichtigste Behandlungsoption. Kann der Tumor vollständig entfernt werden, ist eine dauerhafte Heilung möglich.

Dr. Erich Bielesch im Foyer des Helios Klinikums München West
Dr. Erich Bielesch ist Experte für Darmkrebs-Operationen. (© Helios)

Dr. Erich Bielesch, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie und Leiter des Darmzentrums am Helios Klinikum München West, erklärt die wichtigsten Schritte und Abläufe einer Darmkrebs-Operation.

Staging – der erste Schritt jeder Krebstherapie

Nachdem die Diagnose „Darmkrebs“ durch verschiedene Untersuchungsmethoden gesichert wurde, gilt es, herauszufinden, wie weit der Darmkrebs fortgeschritten ist. „Hier ist die Frage wichtig, ob sich bereits Metastasen gebildet haben und andere Organe in Mitleidenschaft gezogen wurden“, erklärt Dr. Bielesch. Ultraschalluntersuchungen, Computertomographie und Kernspintomographie verschaffen den behandelnden Ärzten hier ein genaueres Bild, um das „Staging“ vorzunehmen. Das bedeutet, es wird geklärt, auf welcher Stufe (stage), sich die Krebserkrankung derzeit befindet.

Die Tumorkonferenz – viele Experten beraten zusammen

Besprechungsraum mit mehreren Ärzten, die sich beraten
Bei einer Tumorkonferenz beraten sich Experten unterschiedlicher Fachrichtungen, um für den Erkrankten die beste Therapie zu finden. (© Adobe Stock/Monet)

Onkologen, Chirurgen, Gastroenterologen, Radiologen und Pathologen beratschlagen – gegebenenfalls zusammen mit weiteren Experten – die individuell beste Behandlungsstrategie auf Grundlage der vorliegenden Ergebnisse. Für jede Patientin und jeden Patienten wird ein individuelles Therapie-Konzept entwickelt, das nach Möglichkeit auch andere Vorerkrankungen berücksichtigt. Diese regelmäßig stattfindenden Konferenzen werden auch Tumorboard genannt und haben das Ziel, den Patienten möglichst ganzheitlich zu betrachten. Das hier entwickelte Behandlungskonzept wird dann dem an Darmkrebserkrankten und seinen Angehörigen vorgestellt und alle Schritte und Therapiepunkte möglichst genau erklärt.

Die operative Resektion von Kolonkarzinom oder Rektumkarzinom

Bei Mastdarmkrebs (Rektumkarzinom)
Bei Mastdarmkrebs erfolgt je nach Lage, Ausdehnung und Größe häufig vor der Operation eine Strahlentherapie kombiniert mit einer gleichzeitigen Chemotherapie. Diese vorgeschaltete Behandlung nennt sich neoadjuvante Therapie. Das Ziel ist es, den Tumor vor der Operation zu verkleinern und zu verhindern, dass der bösartige Tumor zu einem späteren Zeitpunkt wieder auftritt. Außerdem kann durch diese Therapie der Schließmuskel häufiger erhalten werden. 

Bei Dickdarmkrebs (Kolonkarzinom)
Ist der Dickdarm von einem Tumor betroffen, ist meist die Operation der erste Behandlungsschritt. Wichtig ist hier im Vorfeld, dass der Darmkrebspatient oder die Darmkrebspatientin nicht nur über den geplanten Eingriff möglichst detailliert aufgeklärt wird, sondern dass auch über Risiken, mögliche Komplikationen und über Alternativen oder zusätzliche Behandlungsoptionen gesprochen wird.

 

Im Vorfeld der Operation

Ärztin macht sich auf ihrem Klemmbrett Notizen zu ihrem Patienten
Vor der Operation findet ein Anästhesie-Vorgespräch zwischen dem Patienten und dem Anästhesisten statt. (Adobe Stock/H_Ko)

Jeder Operation unter Vollnarkose geht ein ausführliches Beratungsgespräch durch den Anästhesisten voraus. Außerdem beginnt bereits am Vortag der Operation die Vorbereitung des Darms auf den Eingriff. Der Dickdarm wird sorgfältig gespült, damit sich keine Stuhlreste mehr im Darm befinden. Vorab verabreichte Antibiotika verringern zusätzlich das Risiko einer Entzündung, um das spätere Zusammenwachsen der Darm-Naht nicht zu erschweren. 

Vorgehen während der Operation

Dr. Erich Bielesch und Dr. Michael Schenck während einer Darmkrebs-Operation im Operationssaal des Helios Klinikums München West
Bei einem minimal-invasiven Verfahren wird mit kleinsten Schnitten operiert. (© Helios)

Während einer Darmkrebsoperation ist es immer das Ziel, den von der Geschwulst betroffenen Darmbereich mit allen ihn versorgenden Lymphbahnen, Lymphknoten und Gefäßen möglichst komplett zu entfernen. Dr. Bielesch erläutert: „Darmkrebsgeschwulste können relativ früh Tumorzellen in die Lymphbahnen abgeben, deshalb ist dieses Vorgehen für den Patienten essentiell“.

Die mit den Lymphbahnen verflochtenen Blutgefäße versorgen oft große Darmbereiche, weshalb bei Dickdarmkrebs nicht selten 30 bis 50 cm Darm entfernt werden müssen. Welcher Abschnitt des Darms entfernt wird und wie viel Darmgewebe insgesamt entnommen werden muss, hängt von Lage und Größe des Tumors ab. 

Minimal-invasive Operation 
Die minimal-invasive Operation – der Eingriff über kleine Schnitte in der sogenannten Schlüssellochtechnik – ist für den Patienten der größte Fortschritt, der in den letzten Jahren erreicht wurde. Nachdem verschiedene Studien die Gleichwertigkeit hinsichtlich der Überlebensrate bei offener (über Bauchschnitt) gegenüber der minimal-invasiven OP ergeben hatten, wurden zunehmend mehr Patienten über die Schlüssellochtechnik operiert. 

„Mit weniger Schmerzen, schnellerer Erholung, schnellerem In-Gang-Kommen der Darmtätigkeit und kürzerem Krankenhausaufenthalt seien nur einige Vorteile der minimalinvasiven Technik genannt."

Dr. Erich Bielesch, Leiter des Darmzentrums am Helios Klinikum München West

„Nicht selten verlässt ein Patient nach einer großen Darmtumor-OP am sechsten postoperativen Tag ohne große Schmerzen selbstständig die Klinik, was uns Chirurgen immer eine große Freude ist.“

Bei der minimalinvasiven Operationstechnik wird ein stabförmiges Instrument, das Laparoskop, ebenso wie die Operationswerkzeuge über kleine Schnitte und Hülsen in der Bauchdecke in den Bauchraum eingeführt. Das Laparoskop trägt an seiner Spitze Licht und eine Kamera, so dass die eigentliche Operation unter ständiger Video-Kontrolle stattfindet. Damit der Chirurg freie Sicht hat, wird bei dieser Operationsmethode Kohlendioxid in den Bauchraum geleitet. "Erstaunlicherweise ist die Sicht in manchen tiefen Höhlen des Körpers so manchmal sogar besser, wie wenn der Bauch komplett geöffnet ist", sagt der Experte.

Chirurgen operieren in einem modernen Operationssaal
Manchmal ist es notwendig, die Darmkrebs-Operation über einen Bauchschnitt durchzuführen. (© Adobe Stock/Gorodenkoff)

Offene Operation bei fortgeschrittenen Darmkrebserkrankungen
Aus verschiedenen Gründen wie z.B. schweren abdominellen Voroperationen, kann es immer wieder notwendig sein, die Operation in konventioneller offener Technik, das heißt über einen Bauchschnitt, durchzuführen. Diesen Eingriff nennt man Laparotomie.

Das Ziel jeder Darmkrebsoperation ist es, den Tumor vollständig zu entfernen und die beiden Darmenden – sobald alle den Darm versorgenden Gefäße und Lymphknoten entnommen wurden – spannungsfrei zu verbinden. Dies kann ganz klassisch mit einer Naht oder mit speziellen Klammerinstrumenten geschehen. In speziellen Situationen kann es jedoch notwendig sein, einen vorübergehenden oder auch endgültigen künstlichen Darmausgang (Stoma) anzulegen.
„Wichtig ist es immer, den Schließmuskel – sofern es medizinisch möglich ist – zu erhalten. Es gibt heute zahlreiche Operationstechniken, die den Schließmuskel schonen, selbst wenn der Tumor nur wenige Zentimeter entfernt angesiedelt war“, so der Chefarzt. 

Frau zeigt ihren künstlichen Darmausgang unter ihrem T-Shirt
Oftmals ist ein künstlicher Darmausgang nur eine vorübergehende Maßnahme. (© Adobe Stock/Martina

Das Stoma oder Anus praeter
Nur bei einem geringen Prozentsatz der tiefen Mastdarm-Operationen, ist ein dauerhafter künstlicher Darmausgang notwendig, wohingegen er bei Dickdarm Operationen in aller Regel nicht erforderlich ist. 

„Doch selbst wenn der Schließmuskel entfernt werden musste, sind die meisten Patientinnen und Patienten nach einiger Zeit im neuen Alltag als Stoma-Träger weniger eingeschränkt, als sie zunächst befürchtet hatten“, weiß Dr. Bielesch. "Wenn man gut angelernt ist, gibt es im Prinzip wirklich nichts was man mit einem Stoma nicht tun könnte."

Bei der Mehrzahl der Mastdarm-Operationen ist ein Stoma oder Anus praeter, wie der künstliche Darmausgang auch genannt wird, lediglich eine vorübergehende Maßnahme, um die tiefe Darmnaht für einen Zeitraum von ca. 3 Monaten zu schützen. In einem zweiten, kleineren Eingriff, wird dann der ursprüngliche Darmverlauf wiederhergestellt. 
 

Mögliche Komplikationen einer Darmkrebsoperation

„Undichte Darmnähte, die im Fachjargon Anastomosen-Insuffizienz genannt werden, sind eine der schwersten Komplikation bei Darmkrebs-Operationen. Selbstverständlich hat ein erfahrener Operateur alle Komplikationen im Blick und agiert besonders umsichtig, um dieses Risiko so weit als möglich zu minimieren“, erklärt Dr. Bielesch, Leiter des Darmzentrums am Pasinger Krankenhaus. Das Wichtigste ist, die Komplikation schnell zu erkennen und schnell zu behandeln. Denn beispielsweise bei einer undichten Darmnaht ist eine erneute Operation nahezu unausweichlich.

Viele Komplikationen, wie zum Beispiel der Bauchdeckeninfekt und die Wundheilungsstörung an der Bauchdecke, insbesondere bei adipösen Patientinnen und Patienten, lassen sich durch den Einsatz der minimal-invasiven Operationsmethode deutlich reduzieren.

Nach der Operation

Krankenhausmitarbeiterin gibt Patientin in Krankenbett ein Glas Wasser
Nach der Operation können Patienten bereits Getränke zu sich nehmen. (© Adobe Stock/Yakobchuk)

Meist bleiben Patientinnen und Patienten für durchschnittlich fünf bis zehn Tage in der Klinik, wobei der Klinikaufenthalt bei Mastdarm-Operationen oft etwas länger dauert als bei Dickdarm-Operationen.

Bereits in der Klinik beginnt die Mobilisierung, so dass fast alle Patienten bereits am Tag nach der Operation zum Aufstehen motiviert werden. Und auch Flüssigkeit dürfen alle Frischoperierten in der Regel bald nach der Operation schon wieder zu sich nehmen.

Im nächsten Schritt folgen leicht verdauliche Speisen. Bis die normale Darmtätigkeit wieder in Gang kommt, braucht die Patientin oder der Patient allerdings etwas Geduld. Durch eine gezielt diätische Beratung und angepasste Kost gelingt es in der Regel, dass die meisten Patienten recht zügig ihr normales Leben wieder aufnehmen können. „Die meisten Erkrankten finden nach einiger Zeit zu einem unkomplizierten Essverhalten zurück und können sich weitestgehend normal ernähren“, sagt Dr. Bielesch.

Untersuchung in der Pathologie
Alles während der Operation entnommene Gewebe wird in der Pathologie feingeweblich untersucht, um ein noch genaueres Bild von der individuellen Erkrankung zu bekommen. In Abhängigkeit der Untersuchungsergebnisse kann im Anschluss an die Operation eine Chemotherapie ratsam sein. Vor allem dann, wenn die feingewebliche Untersuchung ergibt, dass sich Tumorzellen bereits in den Lymphbahnen oder Lymphknoten finden ließen, verbessert die Chemotherapie die Heilungschance enorm. All die spezifischen Tumormerkmale werden in der Tumorkonferenz berücksichtigt und fließen in die Therapieempfehlung für den jeweiligen Patienten mit ein.
 

„Darmkrebs zählt zu den Krebsarten, die mit am besten erforscht sind. "

Dr. Erich Bielesch, Leiter des Darmzentrums am Helios Klinikum München West

Rehabilitation – ein wichtiger Schritt zur Genesung

Frau entspannt in Hotelzimmer mit einer Tasse Kaffee
In einer Reha-Klinik können Erkrankte nach ihrer Operation genesen. (© Adobe Stock/Charlie_s)

Nach jeder Darmkrebs-Operation wird der Patientin oder dem Patienten der stationäre Aufenthalt in einer auf Darmerkrankungen spezialisierten Reha-Klinik angeboten. „Bereits bei der Suche nach einem passenden Reha-Platz sind wir unseren Patienten sehr gerne behilflich“, betont Dr. Bielesch.

Wichtig ist, dass insbesondere Betroffene mit einem Stoma in der Reha eine umfangreiche Schulung für ihren späteren Alltag erhalten. Der Chefarzt betont: „Darmkrebs zählt zu den Krebsarten, die mit am besten erforscht sind. Von den aktuell jährlich rund 61.000 neu an Darmkrebs Erkrankten kann sehr vielen durch eine gezielte Behandlung und durch eine rechtzeitige Operation langfristig geholfen werden.“

Titelbild: © Helios