Ich bin für mehr Solidarität unter Frauen
Frauen in Führung

Ich bin für mehr Solidarität unter Frauen

Berlin

Prof. Katarina Stengler, Leiterin des Zentrums für Seelische Gesundheit und Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig, hat es nach ganz oben geschafft. Im Interview berichtet sie von ihrem Weg als Frau in eine Führungsposition.

Glauben Sie, dass Ihr Weg nach oben schwieriger war als bei Männern?

Mein beruflicher Weg war vielleicht schwieriger und komplexer als bei den meisten Männern. Der größte Teil meiner beruflichen Karriere, nahezu 20 Jahre, hat sich im universitären, klinischen Bereich abgespielt. Der Weg in Leitungs- und Spitzenpositionen der deutschen Universitätsmedizin ist anstrengend, weil in relativ engen Zeiträumen Versorgung und Forschung zueinander gebracht werden müssen. Ich habe zwei Kinder auf meinem Weg geboren. Facharztausbildung, Promotion, Habilitation, Professur – Verzögerungen durch „familiäre Aktivitäten“ müssen gut überlegt sein und stellen sich eben nicht genauso für die Männer.

Mir ist allerdings wichtig: Auf meinem ganz individuellen Weg haben mich männliche Kollegen, Vorgesetzte und natürlich mein eigener Mann immer wieder und erfolgreich unterstützt. Und das geht eben auch.

 

Ich kann für mich in Anspruch nehmen, kommunikativ zu sein, strukturiert und organisiert. Dies ist in einer Leitungs- und Führungsposition sehr wichtig.

Prof. Dr. med. Katarina Stengler

Inwieweit unterschiedet sich Ihr Führungsstil von dem eines Mannes?

Dies können sicher am Besten meine Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen beantworten. Ich würde sagen, dass Frauen zuweilen der Perspektivwechsel für die andere Seite besser gelingt. Ich kann für mich in Anspruch nehmen, kommunikativ zu sein, strukturiert und organisiert. Dies ist in einer Leitungs- und Führungsposition sehr wichtig.

Dass Frauen nicht so sehr machtbewusst sind, im Vergleich mit Männern würde ich nicht für mich behaupten. Ich übernehme gern Verantwortung, damit ist auch Macht verbunden, die jedoch dann einem übergeordneten Ziel, eben auch der Gruppe, den Mitarbeiter:innen dienen kann und muss.

Was geben Sie Frauen mit, die am Anfang ihrer Karriere stehen?

Verfolge deine Ziele – stringent, klar, eindeutig! Begrenze dich nicht vorschnell aufgrund von vermeintlichen Stereotypen: Kinder, Familie, Work-Life-Balance – das ganze scheinbar Hinderliche. Definiere dies vielmehr ganz individuell für dich und wäge ab. Im Grundsatz: Was geht wie mit welcher Unterstützung für mein Ziel? Und am Wichtigsten: Hole dir Unterstützung, wo immer es geht, auch und ganz besonders durch andere Frauen. Dies nämlich ist die größte Hürde für Frauen: sich unterstützen zu lassen; Solidarität unter Frauen selbst!

Frauen kann man mitunter mit einem Krabbenkorb vergleichen: Sie schieben sich nicht auf der Karriereleiter gegenseitig nach oben, sondern ziehen sich, wie Krabben im Korb herunter. Das muss aufhören. Ich bin für mehr Solidarität unter Frauen! Denn Frauen können mindestens genauso führen wie Männer.