Was ist ein Wirbelbruch?
"Bei einem Wirbelbruch, auch Wirbelfraktur genannt, handelt es sich um den Bruch eines Wirbelkörpers in der Wirbelsäule. Der Bruch geht meist auf einen Unfall, wie einen Sturz oder auf Osteoporose zurück", sagt Prof. Dr. Julius Dengler, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie sowie Leiter des Wirbelsäulenspezialzentrums im Helios Klinikum Bad Saarow.
Welche Arten von Wirbelbrüchen gibt es?
Wirbelbrüche lassen sich in stabile und instabile Frakturen einteilen:
Ein stabiler Wirbelbruch ist für das Rückenmark und die Nervenwurzeln in der Regel ungefährlich und erfordert meist keine operative Behandlung. Konservative Maßnahmen wie eine Schmerz- und Physiotherapie sind meist ausreichend, gegebenenfalls ergänzt um die Anwendung eines Stützkorsetts
Ein instabiler Wirbelbruch hingegen betrifft auch die Hinterwand des Wirbelkörpers und kann zu Verletzungen von Nerven und Rückenmark führen. Mögliche Folgen sind Beschwerden in den Gliedmaßen, im Rücken sowie Lähmungserscheinungen und Taubheitsgefühle. Ein instabiler Wirbelbruch wird immer operativ behandelt.
Wie sind die Wirbelsäule und ein Wirbel aufgebaut?
Die Wirbelsäule setzt sich aus 24 freien Wirbeln der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule und dem Kreuzbein zusammen. Von vorne betrachtet ist die Wirbelsäule gerade, in der seitlichen Ansicht ergibt sich die Form eines Doppel-S.
Ein Wirbel besteht aus einem Wirbelkörper und dem Wirbelbogen. Er hat mehrere knöcherne Fortsätze, die als Befestigung für Muskeln und Bänder dienen. In der Mitte des Wirbelkörpers befindet sich das Wirbelloch. Alle Wirbellöcher zusammen bilden den Wirbelkanal, durch den das Rückenmark und weiter fußwärts die Nervenwurzeln verlaufen.
Die Wirbel in der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule sind sehr ähnlich aufgebaut. Im Halsbereich sind die Wirbel im Vergleich zur Brust und Lende aber kleiner, da sie das geringste Gewicht tragen müssen.
Was sind Symptome bei einem Wirbelbruch?
Die Beschwerden eines Wirbelbruchs können unterschiedlich sein – je nachdem, welcher Wirbel betroffen ist.
"Das Hauptsymptom eines Wirbelbruchs sind Schmerzen in Ruhe und Bewegung. Dadurch kommt es oft zu einer Schonhaltung, wodurch sich die umgebenden Muskeln zusätzlich verspannen", erklärt Prof. Dr. Julius Dengler.
Weitere Symptome sind:
- Gefühlsstörungen wie Kribbeln und Taubheit
- Ausstrahlende Schmerzen bis in Arme und Beine
- Motorische Ausfälle oder Sensibilitätsstörungen sowie Harn- und Stuhlinkontinenz, wenn das Rückenmark eingeklemmt ist
- Eingeschränkte Beweglichkeit im Bereich des Bruchs
Ursachen von Wirbelbrüchen
Wirbelbrüche lassen sich in zwei Kategorien einteilen: traumatischer und spontaner Wirbelbruch. Letzterer tritt am häufigsten auf und ist auf Osteoporose zurückzuführen.
Traumatische Fraktur
„Von einer traumatischen Fraktur sprechen wir, wenn diese durch eine indirekte Krafteinwirkung entsteht, etwa durch einen Sturz aus großer Höhe. Auch ein direktes Trauma durch einen Schlag auf die Wirbelsäule kann zu einem Wirbelbruch führen“, so Prof. Dengler.
Unfallbedingte Wirbelbrüche können beispielsweise durch einen Treppensturz, durch Ausrutschen auf glatten, rutschigen Oberflächen oder auch beim Herunterfallen von einer Leiter auftreten. Oftmals sind besonders die Übergänge zwischen den einzelnen Abschnitten der Wirbelsäule gefährdet, zum Beispiel der Übergang der Hals- zur Brustwirbelsäule.
Spontaner Wirbelbruch
Spontane Wirbelbrüche sind meist auf strukturgeschwächte Knochen zurückzuführen. Die Wirbelsäule ist zunehmend nicht mehr in der Lage, selbst kleinere Belastungsspitzen zu tolerieren. Es droht die Gefahr von sogenannten „Sinterungsfrakturen“ – dabei sacken die Wirbel in sich zusammen. Als Sinterungsfraktur bezeichnet man den Einbruch eines Wirbelkörpers durch eine verminderte Knochendichte.
„Für einen Wirbelbruch bei Osteoporose reicht dann oftmals schon eine geringe Krafteinwirkung aus“, so der Experte.
Weitere Ursachen für einen Wirbelbruch
Neben Osteoporose und einem traumatisch bedingten Wirbelbruch können folgende Erkrankungen ebenfalls zu einer Fraktur führen:
- Knochenmetastasen
- Morbus Bechterew
- Multiples Myelom (Blutkrebs-Form)
- Wirbelkörperentzündung (Spondylitis)
Diagnostik eines Wirbelbruchs
Grundlage jeder Diagnostik bildet das ausführliche Gespräch zur Krankengeschichte und dem Unfallhergang. In der anschließenden körperlichen Untersuchung werden die allgemeine Beweglichkeit sowie Sensibilität geprüft, um etwa neurologische Ausfälle zu erkennen.
Zusätzlich können folgende bildgebende Verfahren zum Einsatz kommen:
Behandlung eines Wirbelbruchs
Wirbelbrüche können operativ oder konservativ (nicht-operativ) behandelt werden.
Konservativ
Wenn es durch den Bruch zu keiner weiteren Schädigung, insbesondere Nervenverletzung beziehungsweise -bedrängung oder einer relevanten Wirbelsäulenfehlstellung, gekommen ist, findet meist eine nicht-operative Therapie statt.
Diese umfasst Ruhigstellung, zum Beispiel durch ein Stützkorsett, krankengymnastische Behandlungen zur Kräftigung der Rückenmuskulatur sowie die Gabe schmerzstillender Medikamente. Ein Großteil der nicht-tumorbedingten Brüche heilt so in der Regel über Wochen bis wenige Monate aus.
Operativ
Operative Maßnahmen kommen zum Tragen, wenn
- die konservativen Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg führen,
- Nerven- beziehungsweise Rückenmarkbedrängungen auftreten oder bestehen,
- der Wirbelkörperbruch instabil ist oder
- eine deutliche Fehlstellung der Wirbelsäule besteht.
Hier bestehen wiederum zwei Möglichkeiten: die offene Operation oder die minimalinvasive Kyphoplastie.
Die offene Operation
"Bei der offenen Operation versuchen wir durch ein Schraubenstabsystem die Wirbelsäulenfehlstellung zu korrigieren, zu stabilisieren und gegebenenfalls vorhandene Einengungen des Wirbelsäulenkanals zu beseitigen", erklärt Prof. Dengler.
Bei Wirbelkörperbrüchen, die offen operativ versorgt werden müssen und bei denen zusätzlich eine Osteoporose vorliegt, führt manchmal die alleinige Stabilisierungsoperation nicht zum gewünschten Erfolg. Sie wird dann häufig mit einer Vertebroplastie und gegebenenfalls auch Zementunterfütterung der Schraubenlager kombiniert.
Minimalinvasiv
Kyphoplastie: Der Eingriff erfolgt in Vollnarkose. Unter Röntgenkontrolle führt der Operateur zwei dünne Kanülen in den Wirbelkörper ein. Über diese Sonden wird ein Ballon in den betroffenen Wirbelkörper eingebracht. Durch Auffüllen des Ballons richtet sich der Wirbelkörper wieder auf. In den nun entstandenen Hohlraum wird anschließend ein spezieller Knochenzement eingebracht. Der betroffene Wirbelkörper ist dadurch sofort wieder stabil und die Schmerzen sind in der Regel deutlich verbessert. Die Kyphoplastie lässt sich auch mit einem offenen Eingriff kombinieren.
Gut zu wissen: Die Strahlenbelastung durch die Röntgendurchleuchtung ist bei der Kyphoplastie sehr gering.
Besonderheiten bei Wirbelbruch durch Osteoporose
Ein osteoporotischer Wirbelkörperbruch ist auf poröse Knochen zurückzuführen. Auslösende Faktoren für den Bruch können bereits geringe Belastungen wie Husten, Niesen oder Heben sein. Oftmals passiert der Bruch in der Brust- und Lendenwirbelsäule und geht mit starken Schmerzen einher. Betroffen sind vor allem Frauen nach der Menopause und ältere Menschen.
Laut S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen" ist die Schmerzlinderung sowie eine rasche Mobilisierung der Betroffenen das primäre Therapieziel.
Behandlung bei Osteoporose
Zur Behandlung von Osteoporose können konservative und operative Maßnahmen infrage kommen. Dies wird individuell entschieden.
Konservative Maßnahmen:
- Schmerztherapie gegen akute Schmerzen und Entzündungen
- Sehr kurze Bettruhe, besser: frühzeitige Mobilisation
- Unterstützende Physiotherapie zur Schmerzlinderung und Muskelerhalt
- Orthesen können die Mobilisation erleichtern und die Schmerzen lindern.
operative Maßnahmen:
Da bei der osteoporosebedingten Fraktur der Wirbelkörper immer mehr an Substanz einbüßt, soll er durch das Verfahren der Kyphoplastie wieder aufgerichtet werden. Wenn das nicht ausreicht, können auch Maßnahmen wie ein Wirbelkörperersatz oder stabilisierende Maßnahmen wie die Wirbelsäulenversteifung (Spondylodese) zum Einsatz kommen. Welches Verfahren eingesetzt wird, hängt immer von den individuellen körperlichen Voraussetzungen ab.
Grunderkrankung behandeln
Essenziell ist zudem die Behandlung der Osteoporose, um weiteren Wirbelbrüchen vorzubeugen. Zwar ist Osteoporose nicht heilbar, jedoch lässt sich der Krankheitsverlauf mit der rechtzeitigen Therapie positiv beeinflussen und etwas verlangsamen.
FAQ
Ein besonders typisches Anzeichen sind plötzlich auftretende starke Schmerzen im Bereich des Wirbelbruchs. Auch eine Buckelbildung ist möglich. Zum Wirbelbruch kommt es beispielsweise nach einem Sturz.
Wenn Sie gestürzt sind, die Schmerzen sehr stark sind oder zunehmen, sich Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen einstellen, sollten Sie die Beschwerden umgehend ärztlich abklären lassen.
Auch wenn bei Ihnen bereits eine Osteoporose diagnostiziert wurde, sollten Sie ärztlichen Rat einholen.
Menschen, die Osteoporose haben, können bereits bei geringer Belastung einen Wirbelbruch erleiden. Nehmen Sie daher neu aufgetretene Rückenschmerzen ernst und lassen Sie die Beschwerden ärztlich abklären.
Ein stabiler Wirbelbruch ist schmerzhaft, aber heilt in der Regel von allein aus.
Instabile Brüche sind im Gegensatz dazu risikoreich und können unter anderem zu Lähmungen und chronischen Schmerzen führen. Eine umgehende ärztliche Abklärung des Bruchs ist daher wichtig, um Spätfolgen vorzubeugen und die richtige Therapie des Wirbelbruchs zu gewährleisten.
Wichtig ist, die zugrundeliegende Erkrankung zu behandeln, um weiteren Brüchen vorzubeugen. Neben der medikamentösen Behandlung hat sich eine Kombination aus Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining in sportmedizinischen Studien als besonders effektiv erwiesen, um die Knochendichte- und Struktur aufrecht zu erhalten.
Im Alltag sollten Sie zudem darauf achten, Stürzen vorzubeugen. Etwa durch das Installieren von Griffen im Badezimmer, das Tragen von festen Schuhwerk sowie Gleichgewichts-, Kraft-, und Geschicklichkeitsübungen.
Die vollständige Heilung ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Oft verbessern sich die Beschwerden in den ersten Wochen, wenn es sich um einen stabilen Bruch handelt.
Ein instabiler Wirbelbruch hat meist eine längere Genesungszeit von bis zu sechs Monaten, da meist eine Operation zur Stabilisierung der Wirbelsäule nötig ist.