Das Wichtigste auf einen Blick
- Menschen mit Diabetes müssen Alkohol nicht grundsätzlich meiden.
- Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weisen jedoch darauf hin, dass es keine gesundheitlich risikofreie Alkoholmenge gibt. Wer trotzdem Alkohol trinkt, sollte die Menge möglichst gering halten.
- Bei Diabetes besteht ein besonderes Risiko: Alkohol kann Unterzuckerungen begünstigen.
- Besonders vorsichtig sollten Menschen sein, die Insulin spritzen oder bestimmte Diabetes-Medikamente nehmen.
Dürfen Menschen mit Diabetes Alkohol trinken?
Viele Menschen mit Diabetes können gelegentlich Alkohol trinken. Entscheidend ist aber immer die persönliche Situation: Wichtig sind die Diabetesform, die Behandlung und das individuelle Risiko für Unterzuckerungen. Wer Insulin spritzt oder Diabetes-Medikamente einnimmt, die Unterzuckerung auslösen können, sollte besonders vorsichtig sein.
Auch andere Faktoren können das Risiko durch Alkohol erhöhen. Dazu zählen Erkrankungen der Leber oder Bauchspeicheldrüse, stark erhöhte Blutfettwerte, eine Schwangerschaft oder ein aktuell schlecht eingestellter Diabetes.
„Hinzu kommt, dass sich heute die Einschätzung von Alkohol verändert hat. WHO, Fachgesellschaften und auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung betonen, dass es keine gesundheitlich risikofreie Alkoholmenge gibt. Die sicherste Empfehlung lautet, keinen Alkohol zu trinken“, sagt Prof. Dr. med. Stefan Zimny, Chefarzt der Allgemeinen Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie in den Helios Kliniken Schwerin. Wer dennoch trinkt, sollte möglichst wenig trinken.
Warum Alkohol den Blutzucker beeinflusst
Alkohol wird vor allem von der Leber abgebaut. Gleichzeitig spielt die Leber auch beim Blutzucker eine Rolle: Sie kann Zucker, also Glukose, ins Blut abgeben, wenn der Blutzucker sinkt. Zum Beispiel zwischen Mahlzeiten, nach körperlicher Aktivität oder während der Nacht.
Nach Alkoholkonsum ist die erste Aufgabe der Leber jedoch der Alkoholabbau. Währenddessen hemmt die Leber vorübergehend die Neubildung von Glukose (Glukoneogenese). Das kann eine Unterzuckerung begünstigen. Wichtig zu wissen: Dieser Effekt setzt nicht sofort ein.
Möglich ist zum Beispiel, dass Bier, Cocktails oder süße alkoholische Getränke den Blutzucker zunächst ansteigen lassen. Nach einigen Stunden kann der Blutzucker wieder fallen und am nächsten Morgen kann der Wert niedriger sein, als vermutet.
Kurz: Alkohol kann den Blutzucker später senken, als viele erwarten.
Unterzuckerung durch Alkohol: Wer besonders aufpassen sollte
Das Risiko für eine Unterzuckerung durch Alkohol betrifft nicht alle Menschen mit Diabetes gleich stark. Besonders aufmerksam sollten Menschen sein, die:
- Insulin spritzen
- Sulfonylharnstoffe oder Glinide einnehmen
- häufiger Unterzuckerungen haben
- Unterzuckerungen schlecht bemerken
- wenig gegessen haben
- Sport gemacht haben
- lange feiern oder tanzen
- abends Alkohol trinken
- zusätzlich Korrekturinsulin verwendet haben
„Eine Unterzuckerung kann sich außerdem ähnlich zeigen wie eine Alkoholisierung. Zittern, Schwitzen, Unsicherheit, Verwirrtheit oder verwaschene Sprache können falsch gedeutet werden“, sagt Professor Zimny. „Deswegen ist es wichtig, dass vertraute Menschen Bescheid wissen und im Fall der Fälle schnell richtig reagiert wird.“
Worauf Menschen mit Diabetes achten sollten
So senken Sie bei bestehendem Diabetes Ihr Risiko für eine Unterzuckerung, wenn Sie Alkohol trinken:
Nicht auf nüchternen Magen trinken
Alkohol besser zu einer kleinen Mahlzeit oder einem Snack trinken. Das ist besonders wichtig, wenn Insulin oder Medikamente mit Unterzuckerungsrisiko wirken.
Blutzucker kontrollieren
Sinnvoll ist eine Messung vor dem Trinken, bei längeren Abenden und vor dem Schlafengehen. Wer einen Glukosesensor trägt, sollte auf den Trendpfeil achten und gegebenenfalls den Sensor-Alarm aktivieren (falls vorhanden).
Traubenzucker dabeihaben
Schnell wirksame Kohlenhydrate sollten griffbereit sein. Gerade unterwegs, auf Feiern oder nach dem Sport. Sinnvoll kann auch sein, Traubenzucker oder einen geeigneten Snack vor dem Schlafengehen neben das Bett zu legen.
Vorsicht bei Sport und Alkohol
Bewegung kann den Blutzucker noch Stunden später senken. Alkohol kann diesen Effekt verstärken. Das gilt auch für Tanzen, lange Fußwege nach Hause oder einen sehr aktiven Abend.
Umfeld informieren
Vertraute Menschen sollten wissen, dass Zittern, Schwitzen, Verwirrtheit, Heißhunger, Sehstörungen oder ungewöhnliches Verhalten auch ein Zeichen einer Unterzuckerung sein können.
Alkohol bei Typ-1-Diabetes
Trinken Menschen mit Typ-1-Diabetes Alkohol, steht vor allem das Risiko für Unterzuckerung im Mittelpunkt. Denn: Menschen mit Typ-1-Diabetes brauchen Insulin. Wenn noch Insulin wirkt und die Leber gleichzeitig wegen des Alkoholabbaus weniger Zucker freigibt, kann der Blutzucker zu stark absinken.
Typ-1-Diabetikerinnen und -Diabetiker sollten deswegen vorsichtig mit Alkohol sein, vor allem wenn die bereits genannten Faktoren zutreffen (wenig Essen, lange Nächte, Sport oder Tanzen, niedriger Startwert, Alkohol am Abend, fallender Sensor-Trend etc.).
Alkohol bei Typ-2-Diabetes
Konsumieren Menschen mit Typ-2-Diabetes Alkohol, hängt das Risiko vor allem von der Behandlung ab.
Wer Insulin spritzt oder Medikamente mit Unterzuckerungsrisiko einnimmt, sollte ähnlich vorsichtig sein wie Menschen mit Typ-1-Diabetes. Wer keine solchen Medikamente nimmt, hat meist ein deutlich geringeres Risiko für Unterzuckerung durch Alkohol.
Trotzdem kann Alkohol bei Typ-2-Diabetes aus anderen Gründen ungünstig sein. Alkohol kann sich ungünstig auswirken auf:
Nicht zuletzt kann Alkohol zu Wechselwirkungen mit Medikamenten führen.
„Alkohol liefert viele Kalorien. Er kann außerdem die Leber und den Fettstoffwechsel belasten. Deshalb ist Alkoholverzicht oder weniger Alkohol bei Diabetes langfristig die bessere Wahl“, sagt der Schweriner Chefarzt.
Welche Rolle spielen Diabetes-Medikamente beim Alkoholkonsum?
Nicht jedes Diabetes-Medikament erhöht das Risiko für Unterzuckerungen gleich stark. Entscheidend ist, ob ein Medikament den Blutzucker unabhängig von den Mahlzeiten senken kann.
Insulin
Insulin kann Unterzuckerungen auslösen, wenn die Dosis im Verhältnis zu Essen, Bewegung oder aktuellem Blutzucker zu hoch ist. Alkohol kann dieses Risiko verstärken, weil die Leber während des Alkoholabbaus weniger Glukose freisetzt.
Sulfonylharnstoffe und Glinide
Auch Sulfonylharnstoffe und Glinide können Unterzuckerungen begünstigen. Wer diese Medikamente einnimmt und trotzdem Alkohol trinkt, sollte besonders auf regelmäßiges Essen, Blutzuckerkontrollen und Warnzeichen achten.
Metformin und Alkohol
Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes nehmen Metformin. Der Wirkstoff allein verursacht in der Regel keine Unterzuckerung. Hier geht es vor allem um Verträglichkeit, den Leberstoffwechsel und ein insgesamt sehr seltenes, aber ernstes Risiko: die Laktatazidose. Dabei handelt es sich um eine lebensgefährliche Übersäuerung des Blutes, weil sich zu viel Laktat (Salz der Milchsäure) anhäuft.
Das Risiko für eine Laktatazidose steigt vor allem bei:
- viel Alkohol
- Rauschtrinken
- regelmäßig hohem Alkoholkonsum
- Leberproblemen
- Nierenproblemen
Praktisch heißt das: Wer Metformin nimmt, sollte Alkohol vermeiden und individuelle Risiken ärztlich abklären.
Andere Diabetes-Medikamente
Bei anderen Diabetes-Medikamenten ist das Unterzuckerungsrisiko häufig geringer, solange sie nicht mit Insulin oder Sulfonylharnstoffe und Glinide kombiniert werden.
Trotzdem gilt: Wer unsicher ist, sollte die eigene Medikation in der diabetologischen oder hausärztlichen Praxis besprechen.
Alkoholfreies Bier bei Diabetes
Alkoholfreies Bier kann bei Diabetes eine bessere Wahl sein als normales Bier. Es enthält keinen oder kaum Alkohol. Dadurch ist das alkoholbedingte Risiko für verzögerte Unterzuckerung geringer.
Aber: Alkoholfreies Bier ist nicht automatisch blutzuckerfreundlich. Durch Zutaten wie Malzzucker kann es relevante Mengen an Kohlenhydraten enthalten. Ein Blick auf das Etikett lohnt: Manche Sorten enthalten deutlich mehr Kohlenhydrate als andere.
Eine gute Orientierung ist, die Kohlenhydrate pro 100 Milliliter zu vergleichen und die Blutzuckerreaktion nach dem Trinken zu beobachten. Wasser sollte aber als Alltagsgetränk klar bevorzugt werden.
Wann Menschen mit Diabetes auf Alkohol verzichten sollten
In bestimmten Situationen ist Abstinenz die beste beziehungsweise sicherste Entscheidung. Das gilt insbesondere bei:
- Schwangerschaft und Stillzeit (auch unabhängig von einem Diabetes sollte in dieser Zeit auf Alkohol verzichtet werden)
- häufigen Unterzuckerungen
- schweren Unterzuckerungen in der Vergangenheit
- schlechter Wahrnehmung von Unterzuckerung
- schlecht eingestelltem Diabetes
- Lebererkrankungen
- Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis)
- stark erhöhten Triglyzeriden
- Einnahme bestimmter Medikamente
- problematischem Alkoholkonsum (auch unabhängig von einem Diabetes)
Fazit
Alkohol ist mit gesundheitlichen Risiken verbunden. WHO und DGE empfehlen deswegen: Am besten keinen Alkohol, zumindest aber möglichst wenig. Für Menschen mit Diabetes kommt hinzu, dass Alkohol den Blutzucker beeinflussen und Unterzuckerungen begünstigen kann. Das Risiko kann deutlich steigen, wenn Insulin oder bestimmte Medikamente wirken, wenig gegessen wurde oder Bewegung dazukam.
Wer trotzdem Alkohol trinkt, kann einiges für die eigene Sicherheit tun:
- nicht auf nüchternen Magen trinken
- Blutzucker kontrollieren
- bei Glukosesensoren den Trend beachten
- Traubenzucker dabeihaben
- vor dem Schlafengehen noch einmal bewusst den Blutzucker prüfen
FAQ
Wein enthält meist weniger Kohlenhydrate als Bier. Bier kann den Blutzucker deshalb zunächst stärker ansteigen lassen.
Entscheidend ist aber nicht nur der Zucker. Denn: Alkohol kann zu Unterzuckerungen führen, egal ob er aus Wein oder aus Bier stammt.
Diabetes entsteht meist durch mehrere Faktoren. Dazu gehören beispielsweise Veranlagung, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, höheres Lebensalter, Lebererkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen.
Trotzdem kann Alkohol das Risiko ungünstig beeinflussen. Vor allem regelmäßiger hoher Alkoholkonsum kann Gewichtszunahme, Fettleber, erhöhte Blutfette sowie Bluthochdruck und Entzündungen der Bauchspeicheldrüse begünstigen.
Eine chronische Entzündung der Bauchspeicheldrüse kann die Insulinproduktion stören und einen Diabetes begünstigen. Alkohol gehört zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine solche Pankreatitis.
Nicht direkt, aber Alkohol kann das Risiko für Unterzuckerungen erhöhen, wenn gleichzeitig Insulin wirkt.
Meist länger, als erwartet: Das Risiko ist für mehrere Stunden, zum Teil bis in die Nacht und bis zum nächsten Morgen erhöht.
Glukosesensoren können helfen, fallende Werte frühzeitig zu erkennen. Allerdings messen sie den Zucker im Gewebe und nicht direkt im Blut. Deshalb folgen Sensorwerte dem tatsächlichen Blutzucker etwas zeitversetzt. Bei Unsicherheiten ist eine zusätzliche Blutzuckermessung sinnvoll.