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Herzrhythmusstörungen bei Kindern: Was Eltern wissen sollten

Herzrhythmusstörungen können auch bei Kindern vorkommen. Die beruhigende Nachricht: Viele Rhythmusstörungen sind gut behandelbar oder heilbar. Erfahren Sie, worauf Sie achten sollten und welche Therapiemöglichkeiten es gibt.

11.11.2023 Lesedauer: - Min. Aktualisiert am 02.02.2026
Medizinisch geprüft von Roman Gebauer
Pediatrician checking child heart rhythm with ECG holter monitor
Inhaltsverzeichnis

Was sind Herzrhythmusstörungen bei Kindern?

Bei einer Herzrhythmusstörung (Arrhythmie) gerät der Herzschlag aus dem Takt: es schlägt zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig. Vorwiegend unterscheiden Kardiologinnen und Kardiologen in:

  • Tachykarde Rhythmusstörungen (Tachykardie): Das Herz schlägt zu schnell.
  • Bradykarde Rhythmusstörungen (Bradykardie): Das Herz schlägt zu langsam.

"Kinder und Jugendliche sind häufig von Tachykardien betroffen, bei denen der Herzschlag plötzlich beschleunigt, oft weit über 200 Schläge pro Minute. Dann schlägt das Herz schnell und regelmäßig und kehrt genauso plötzlich wieder zu normaler Frequenz zurück. Man spricht auch über sogenanntes „on-off Verhalten“, sagt MUDr. Roman Gebauer, Leitender Oberarzt der Kinderkardiologie und Leiter des Zentrums für Kinder- und EMAH-Rhythmologie am Herzzentrum Leipzig.

Diese Tachykardien sind unterschiedlich lang und können von wenigen Minuten bis hin zu Stunden dauern. Sie haben keinen typischen Auslöser, zudem unterscheiden sich die Symptome nach Dauer und auch dem Alter der Patientinnen und Patienten: „Vor allem bei Säuglingen und kleinen Kindern sind die schnellen Herzrasen-Episoden mit unspezifischen Beschwerden wie Unwohlsein, Bauchschmerzen, Blässe und Müdigkeit verbunden. Ab dem Alter von vier oder fünf Jahren können Kinder diese Situationen oft schon als Herzrasen beschreiben."

Gut zu wissen: Was ist die normale Ruhefrequenz bei Kindern?

  • Säuglinge: 90 bis 130 Schläge pro Minute
  • Kleinkinder: 70 bis 120 Schläge pro Minute

Herzzentrum Leipzig

Oberarzt Kinderkardiologie/Kinderrhythmologie

Vor allem bei Säuglingen und kleinen Kindern sind die schnellen Herzrasen-Episoden mit unspezifischen Beschwerden wie Unwohlsein, Bauchschmerzen, Blässe und Müdigkeit verbunden. Ab dem Alter von vier oder fünf Jahren können Kinder diese Situationen oft schon als Herzrasen beschreiben.

Zu schneller Herzschlag: Tachykardien bei Kindern

"Tachykarde Herzrhythmusstörungen können in jedem Kindesalter auftreten. Es gibt aber drei Zeiträume, in denen sie häufiger vorkommen:

  • im ersten Lebensjahr,
  • im 5. bis 8. Lebensjahr und
  • in der Pubertät.

Während des Wachstums können diese Arrhythmien auch spontan ohne Therapie verschwinden. Das passiert praktisch aber nur im ersten Lebensjahr“ sagt MUDr. Gebauer.

Die häufigste Form der Tachykardien bei Kindern und Jugendlichen ohne strukturelle Herzerkrankung stellt die sogenannte paroxysmale supraventrikuläre Tachykardie, kurz SVT, dar. „Diese kann natürlich auch bei Kindern mit angeborenen Herzfehlern vorkommen. Die Behandlung ist dann oft deutlich komplexer als bei Kindern mit strukturell normalem Herz."

Die zwei häufigsten Ursachen einer SVT bei Kindern sind:

  1. AV-Reentry Tachykardie, kurz AVRT: Vorhandensein einer (manchmal auch mehrerer) zusätzlichen Leitungsbahn zwischen Vorhöfen und Kammern 
  2. AV-Knoten Reentry Tachykardie, kurz AVNRT: Doppelte Leitungsbahnen im Atrioventrikularknoten (AV-Knoten) und dadurch zwei unterschiedlich leitende Wege – der schnelle und der langsamen AV-Knotenweg
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Reizweiterleitung im Herzen

Gesundes Herz ohne Herzrhythmusstörung

Das menschliche Herz hat zwei Vorhöfe und zwei Kammern. Das Reizleitungssystem hält das Herz durch spontan entstehende elektrische Impulse „in Bewegung“. Die elektrischen Impulse entstehen im rechten Vorhof und verbreitern sich auf die beiden Kammern - unter normalen Bedingungen über eine einzige elektrisch leitende Stelle, die His-Bündel heißt. Zwischen den Vorhöfen und Kammern liegen die Klappen, die dafür sorgen, dass das Blut nur eine Richtung fließt.

 

AV Reentry Tachykardie (AVRT)

 

Die zusätzliche Leitungsbahn, die eine AVRT verursacht, ist eigentlich ein Muskelfaden. Er überbrückt den Ring der Klappe zwischen Vorhof und Kammer rechts oder links und verbindet damit elektrisch den Vorhof mit dem Ventrikel. Zusammen mit dem His-Bündel hat man dann zwei Strukturen, die Vorhöfe und Kammer elektrisch verbinden. Dadurch kann es zur schnellen kreisenden Erregung der Vorhöfe und Kammer kommen.  

 

Wenn diese Bahn zusätzlich auch im Ruhe EKG zu sehen ist, spricht man über Wolff-Parkinson-White-Syndrom (WPW), einer speziellen Form der AVRT.

 

AV-Knoten Reentry Tachykardie (AVNRT)

 

Der AV-Knoten stellt einen Teil des Reizleitungssystems dar, der an der Grenze zwischen Vorhöfen und Kammern liegt. Seine funktionelle „Spaltung“ in zwei unterschiedlich schnell leitende Wege (schneller und langsamer Weg) kann wie bei einer zusätzlichen Bahn zu kreisender Erregung führen, wo die Erregung über einen AV Knotenweg zur Kammer läuft und über den anderen AV Knotenweg zurück zum Vorhof kehrt, um dann wieder über den ersten Weg die Kammer zu aktivieren. 

 

Die AVRT und die AVNRT stellen die zwei häufigsten Arrhythmien dar. Die Liste der möglichen Herzrhythmusstörungen im Kindes- und Jugendalter ist allerdings deutlich länger“, sagt der Leitende Oberarzt der Kinderkardiologie. 

Therapie der AVRT und AVNRT

In der Therapie der AVRT und AVNRT spielen Antiarrhythmika bei kleinen Kindern eine wichtige Rolle. Das sind Medikamente, die die Herzrhythmusstörungen unterdrücken. Die Verabreichung der Medikamente ist meistens zeitlich begrenzt auf Monate bis wenige Jahre und die Nebenwirkungen der Therapie sind gering.

"Bei größeren Kindern und Jugendlichen oder ausnahmsweise auch in therapie-resistenten SVT bei kleinen Kindern steht die ursächliche Therapie im Vordergrund: die Katheterablation“, sagt MUDr. Gebauer.          

Zu langsamer Herzschlag: Bradykardien bei Kindern

Bradykarde Herzrhythmusstörungen sind im Kindes- und Jugendalter bei strukturell normalem Herz deutlich seltener als tachykarde Arrhythmien. „Häufiger sehen wir diese Herzrhythmusstörungen als Folge einer Herzoperation oder nach katheterbasierten Eingriffen. Manchmal hat die Ursache auch nichts mit dem Herzen selbst zu tun. So können beispielsweise auch intensiver Ausdauersport, eine reduzierte Funktion der Schilddrüse, bestimmte Medikamente oder Infektion Auslöser sein“, sagt der Experte des Herzzentrums Leipzig.

In der Beurteilung einer Bradykardie spielt neben dem Ursprung vor allem die klinische Symptomatik eine Rolle. Die ursächliche Therapie einer behandlungsbedürftigen Bradykardie stellt in bestimmten Fällen die Implantation eines Herzschrittmachers dar.

Auf welche Warnzeichen sollten Eltern achten?

Es gibt körperliche Beschwerden, die auf eine Herzrhythmusstörungen bei Kindern hinweisen können. Allerdings können diese sehr unspezifisch sein. Oftmals haben die Beschwerden einen plötzlichen Beginn und ein schlagartiges Ende. Man spricht vom sogenannten "Lichtschaltereffekt" oder „on-off“ Phänomen.

Anzeichen und Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen:

  • plötzliches Herzrasen ohne erkennbaren Grund, ohne typischen Auslöser
  • Herzschlag, der bis in den Hals spürbar und oft an den Seiten am Hals sichtbar ist
  • akute Schwäche, Übelkeit
  • Schwindel, Benommenheit oder sehr kurze Ohnmachtsanfälle (eher Ausnahme) die mit Herzrasen verbunden sind

Anzeichen und Beschwerden bei Säuglingen und Kleinkindern:

  • Verändertes Verhalten und Teilnahmslosigkeit
  • Trinkschwäche
  • anfallartige Müdigkeit, Blässe oder Schweißausbrüche

Wichtig: "Wenn solche Beschwerden bei Ihrem Kind auftreten, sollten Sie diese kinderärztlich abklären lassen“, rät der Kinderrhythmologe.

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Wie werden Herzrhythmusstörungen bei Kindern diagnostiziert?

Um herauszufinden, ob eine und wenn ja, welche Herzrhythmusstörung vorliegt, können verschiedene diagnostische Verfahren genutzt werden. Ziel ist die Aufzeichnung des EKGs während einer Herzrhythmusstörung (sprich während der klinischen Symptomatik).

  • Elektrokardiogramm (EKG):
  • Belastungs-EKG:
    • mittels Fahrrad- oder Laufbandergometer, zur Verfügung steht auch eine mobile Spiroergometrie zur Messung der Herz-Kreislauf- und Lungenfunktion
  • Eventrekorder/Wearables:
    • Externes Gerät, das man an die Brust während des Herzrasens anlegt und das den Herzrhythmus automatisch aufzeichnet. Das EKG wird mittels GSM-Netz direkt zur Auswertung gesendet.
    • Als Event Recorder kann man auch eine Smart Uhr benutzen. Manche Uhren messen nur die Herzfrequenz, aber immer mehrere Firmen bringen Produkte auf den Markt, die auch ein EKG aufzeichnen
  • implantierbarer Looprekorder:
    • Dieses kleine Gerät wird meistens nach lokaler Betäubung unter die Haut auf der Brust (neben dem Brustbein) implantiert. Es ist zur Diagnostik bei unklaren Bewusstlosigkeitszuständen (Synkopen) geeignet. Die Batterie hält etwa drei Jahre und das Gerät erlaubt auch die telemetrische Überwachung des Herzrhythmus.
  • Elektrophysiologische Katheter-Untersuchungen (EPU):
    • Die EPU dient der zielgerichteten Diagnose der Art der Herzrhythmusstörung. Während Ihr Kind schläft, aber spontan atmet („Analgosedierung“) werden zwei bis drei Kathether von der Leiste ins Herz geführt.
  • Kardio-MRT oder Herz-CT:
    • Zur detaillierten Darstellung von Herz und großen Gefäßen, Beurteilung der Herzfunktion und Ermittlung von möglichen Herzfehlern oder anatomischen Abweichungen, die dann für die EPU wichtig sein können.
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Wie sieht die Behandlung bei kindlichen Arrhythmien aus?

Die Behandlung richtet sich nach Art der Herzrhythmusstörung, Alter des Kindes, den klinischen Beschwerden und der Herzfunktion. Für die richtige und gezielte Behandlung ist die Dokumentation der Herzrhythmusstörung im EKG essenziell.

Keine Behandlung

Der schnelle Herzschlag muss nicht immer behandelt werden. Das ist der Fall, wenn Herzrasen

  • sehr selten auftritt
  • gut dokumentiert ist, damit man weißt, dass es sich um keine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung handelt
  • und nicht als störend empfunden wird.

Wichtig: Herzrasen oder auch manche EKG-Muster können dazu führen, dass im späteren Leben bestimmte Berufe nicht erlernt werden können, wie zum Beispiel Polizistin/Polizist oder Berufskraftfahrende. Auch bei Hochleistungssport soll das Ruhe- und Belastungs-EKG normal sein. Wenn es öfter zu Herzrasen kommt, sollte eine Behandlung folgen. Die Entscheidung liegt aber immer bei der Familie und dem Patienten. „Unsere Aufgabe ist, der Familie alle Informationen zur Verfügung zu stellen, die für die Entscheidung über das weitere Vorgehen wichtig sind – inklusive der Risiken und Erfolgsraten der einzelnen therapeutischen Maßnahmen“, sagt MUDr. Gebauer. 

Medikamentöse Therapie

Sogenannte Antiarrhythmika können das Herz entlasten, in dem sie Herzrasen bremsen oder – wie es meistens der Fall bei SVTs ist – komplett verhindern. Die Gabe wird ärztlich verordnet und kann entweder als Dauermedikation erfolgen oder nur vorübergehend sein, bis eine Verödung (Katheterablation) möglich ist.

EPU und Katheterablation

Kleinere Patientinnen und Patienten über fünf Jahren beziehungsweise 15 bis 20 Kilogramm Körpergewicht können mittels elektrophysiologischer Katheteruntersuchung (EPU) und Ablation behandelt werden. „Die Katheterablation ist auch bei Säuglingen und kleinen Kindern möglich. In dieser Altersgruppe ist sie aber nur für die therapie-resistenten Fälle reserviert, sprich: Wenn sonst keine Behandlung wirkt“, sagt der Kinderkardiologe.

Herzschrittmacher

Bei anhaltender Bradykardie wird in der Regel ein Herzschrittmacher implantiert.

  • Bei kleinen Kindern und Säuglingen: Implantation eines epikardialen Systems. Das heißt, der Herzschrittmacher wird in die Bauchwand implantiert und die Elektroden sitzen auf der Herzoberfläche.
  • Bei Jugendlichen: Minimalinvasive Implantation eines transvenösen Systems. Das heißt, der Herzschrittmacher wird über einen venösen Zugang in eine Gewebetasche unter der Haut unterhalb des Schlüsselbeins implantiert und die Elektroden über die Venen zum Herzen vorgeschoben.
  • Die Eingriffe sollten laut der Deutschen Gesellschaft Pädiatrische Kardiologie nur in Zentren stattfinden, die über eine komplexe kinderkardiologische und herzchirurgische Versorgung von Kindern mit angeborenen Herzfehler verfügen.

Warum ist ein spezialisiertes Zentrum für Kinder- und EMAH-Rhythmologie wichtig?

Das Zentrum für Kinder- und EMAH-Rhythmologie an Herzzentrum Leipzig bietet eine exzellente und vor allem bei EMAH-Patienten die komplexe Behandlung der Herzrhythmusstörungen auf höchstem medizinischen Niveau an.

 

„Die rhythmologische Therapie der EMAH-Patienten gehört zu größten Herausforderungen der Rhythmologie und benötigt umfangreiche Kenntnisse und die eingespielte interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen sehr erfahrenen Rhythmologen und den Spezialistinnen und Spezialisten der Bildgebungsabteilung, interventionellen Kardiologie und Herzchirurgie. Das Konzept des Herzzentrums ist hierbei deutschlandweit einzigartig und ich bin sehr stolz, dass unser Zentrum diese komplexe Therapie in voller Breite und auf solch sehr hohem Niveau anbieten kann“, sagt MUDr. Roman Gebauer,  

FAQ

Bewegung ist für Kinder und Jugendliche wichtig – auch mit Herzrhythmusstörung. Ob und wie viel Sport möglich ist, hängt von der Art der Rhythmusstörung ab.

 

Besprechen Sie in der kardiologischen Praxis, was für Ihr Kind gilt und worauf zu achten ist. 

Viele der Rhythmusstörungen, wie das AVRT inkl. WPW-Syndrom oder AVNRT, können dank moderner Verfahren wie der Katheterablation dauerhaft beendet werden.

Wenn Ihr Kind schlecht atmet, blau oder sogar bewusstlos wird, rufen Sie sofort den Notruf 112. Erwähnen Sie Herzprobleme oder einen Herzschrittmacher, sodass der Rettungsdienst sich darauf einstellen kann.

 

Wenn Ihnen bisher noch keine Herzprobleme bekannt sind, sollten Sie bei Warnzeichen wie Herzrasen, Schwindel, kurzen Ohnmachtsanfällen oder einer familiären Vorgeschichte von plötzlichen Herztoden unbedingt eine ärztliche Untersuchung bei Ihrem Kind durchführen lassen.

Herzrhythmusstörungen: Wirken bedrohlich, sind aber oft gut behandelbar

  • Herzrhythmusstörungen können schon bei den Säuglingen, Kindern und Jugendlichen vorkommen.
  • Häufig handelt es sich um Rhythmusstörungen mit plötzlichen Herzrasen, Schwindel, Ohnmacht und Blässe.
  • Eltern sollten Warnzeichen ernst nehmen und ärztlich abklären lassen.
  • Diagnose meist mit EKG, Langzeit EKG, Belastungstest und bei Bedarf EPU
  • Therapie-Bausteine sind unter anderem Medikamente (Antiarrhythmika) oder eine Katheterablation.