Psychoonkologie bei Prostatakrebs: Gemeinsam gegen den Krebs
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Damit die Psyche nicht auf der Strecke bleibt

Psychoonkologie bei Prostatakrebs: Gemeinsam gegen den Krebs

Diagnose Prostatakrebs: Jetzt steht die Welt erstmal still. Die Krankheit trifft oft ältere Männer – im Durchschnitt sind sie 69 Jahre alt. Obwohl die Therapiemöglichkeiten vielversprechend sind, bedeutet die Diagnose für viele Patienten eine große psychische Belastung.

Gritt Schiller

Psychoonkologin und Psychologin

Die erfahrene Psychologin ist im Bereich Stammzelltransplantation, Onkologie, Tumororthopädie und im Sarkomzentrum im Helios Klinikum Berlin Buch tätig.

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Unter Psychoonkologie verstehen Expertinnen und Experten eine professionelle Begleitung und Behandlung psychischer Beschwerden während und nach einer Krebserkrankung. Gritt Schiller ist Psychoonkologin im Bereich Stammzelltransplantation; Onkologie, Tumororthopädie und im Sarkomzentrum im Helios Klinikum Berlin Buch. Die erfahrene Psychologin begleitet Prostatakrebspatienten durch die Therapie und weiß, wie wichtig die mentale Verfassung in diesen schweren Lebensphasen ist.

Psychoonkologie und Krebstherapie gehen Hand in Hand

Studien belegen, dass eine psychoonkologische Begleitung von Prostatakrebspatienten einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben kann.

Bei der Psychoonkologie geht es darum, die Patienten in der schwierigen Lebenssituation zu unterstützen. Psychoonkologen bieten den Betroffenen und ihren Angehörigen Informationen rund um die Erkrankung und den Therapiemöglichkeiten.

Gritt Schiller, Psychoonkologin | Helios Klinikum Berlin-Buch

Zentrum der Gespräche zwischen ihr und den Patienten seien zudem oftmals Anliegen rund um das Thema Sexualität und Partnerschaft. Oft leistet sie auch Hilfe, Entscheidungen zu fällen. Eine psychoonkologische Therapie kann in jeder Krankheitsphase unterstützend und hilfreich sein. Es geht darum, negative Gefühle wie Angst, Depression oder Schuld und Scham zu erfassen. Gritt Schiller begleitet ihre Patienten zudem bei existenziellen Krisen und bietet emotionale Unterstützung.

Größte Ängste betreffen Lebensqualität und Sexualität

Eine Krebserkrankung kann die Partnerschaft sehr belasten | Foto: Canva

Das Bedürfnis psychologisch begleitet zu werden, ist bei jedem Prostatakrebspatienten individuell ausgeprägt. Vor allem jüngere, verheiratete Patienten oder solche mit fortschreitender Krankheit äußern oft den Wunsch nach psychologischer Hilfe. Die größten Sorgen betreffen dabei die Themen Lebensqualität und Sexualität. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto stärker wird das alltägliche Leben beeinflusst.

Zudem sind Männer nach der Krebstherapie häufig von einer andauernden Inkontinenz sowie einer eingeschränkten Erektions-und Ejakulationsfähigkeit betroffen. Das belastet psychisch stark. Umso wichtiger ist es, vor und nach den Behandlungen offen über die Nebenwirkungen der Therapie mit dem behandelnden Arzt und einem Psychoonkologen zu sprechen. Dazu gehört auch, dass die Partnerin oder der Partner in die gemeinsame Kommunikation sowie das Blasentraining einbezogen wird. Tröstende Worte und ein offenes Ohr können die mentale Verfassung des Patienten erheblich verbessern. Weniger die Quantität der Unterstützung, sondern das Gefühl des Beistands selbst korreliert in diesem Zusammenhang positiv mit der Lebensqualität des Patienten.

Diagnose Prostatakrebs: Was jetzt?

Diagnose Prostatakrebs: was jetzt?

Probleme mit der Sexualität – so leidet die Psyche

Das Leistungsdenken in der Gesellschaft überträgt sich oft auch auf das Sexualverhalten und das sexuelle Erleben. Prostatakrebspatienten, bei denen die Erektions-und Ejakulationsfähigkeit eingeschränkt ist, sehen sich deshalb oft mit vielen Ängsten und Fragen konfrontiert: Kann ich je wieder Sex haben? Was ist mir wichtig beim Sex? Wie gehe ich mit der therapiebedingten Lustlosigkeit um? Kann ich mich mit den Einschränkungen noch als Mann fühlen? Versagensängste und die Furcht, der Partnerin nicht mehr zu genügen, belasten die Psyche in dieser Zeit schwer.

Es ist wichtig, über die Fragen und Nöte in der Partnerschaft zu sprechen und Bedürfnisse oder Schamgefühle klar zu kommunizieren.

Gritt Schiller, Psychoonkologin | Helios Klinikum Berlin-Buch

Sie weiß: Nicht immer gelingt dies. Psychoonkologen oder Paartherapeuten sind dann wichtige Begleiter in diesem Prozess.

Herausforderungen der Psychoonkologie bei Prostatakrebs

Eine Frau spricht mit einem Patienten, der eine Infusion mit sich trägt
Gritt Schiller im Gespräch mit einem Patienten | Foto: Helios Gesundheit

Patienten mit Prostatakarzinom müssen meist erst lernen, über ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen – sei es mit dem behandelnden Arzt, der Partnerin oder einem Psychoonkologen. Oft fällt es den betroffenen Männern schwer, die existenziellen Ängste und Nöte leichtfertig Preis zu geben. Dafür benötigen sie Vertrauen und Einfühlungsvermögen, aber auch Zeit und Raum vom Gegenüber.

„Psychoonkologische Beratung sollte nicht nur den Patienten allein fokussieren, sondern auch die Partnerin oder den Partner mit einbeziehen“, so Gritt Schiller. Einerseits geht es um die Verunsicherung innerhalb der Beziehung und andererseits auch darum, die Partnerin aktiv in die Kommunikationskette zwischen Arzt und Patient mit einzubeziehen. „Die partnerschaftliche Kommunikation darf von professioneller Seite nicht unterschätzt werden, da sie ein Grundstein im Umgang mit Krankheit und Genesung darstellt“, erklärt die Psychoonkologin. Eine gelungene Kommunikation ermöglicht zugewandte und offene Gesprächsmöglichkeiten zwischen den Liebenden und stärkt das Verständnis für die Erkrankung und deren Folgen beidseits.

Psychologische Betreuung in verschiedenen Krankheitsstadien

Ein Patient, der die Diagnose Prostatakrebs erhält, durchläuft verschiedene Phasen, in denen er sich mit der Krankheit auseinandersetzen muss. Diesen Prozess können Psychoonkologinnen und Psychoonkologen sinnvoll unterstützen, um den Betroffenen und deren Angehörigen mehr Halt zu geben.

Phasen der Krankheit und psychische Herausforderungen:

Prädiagnostische Phase:

Oftmals weiß der Patient, bevor er eine eindeutige Diagnose erhält, dass etwas nicht in Ordnung ist. Folglich setzt er sich mit Vorsorgeuntersuchungen und Arztbesuchen auseinander. Der Betroffene ist wegen der auftretenden Symptome ängstlich und unsicher. Ist es wirklich Krebs? Oftmals dauert eine genaue Diagnostik länger. Das bedeutet für den Patienten eine starke psychische Belastung. Bereits in dieser Phase kann sich der Patient auf Wunsch an einen Psychoonkologen wenden. Der Erstkontakt wird meist über den behandelnden Arzt hergestellt. Schon jetzt ist es sinnvoll und wichtig, die Partnerin oder den Partner mit in die Gespräche einzubeziehen.

Diagnostische Phase:

Die Hoffnung schwindet, denn die Diagnose steht fest: Krebs. Die Krankheit Prostatakarzinom schürt nicht nur viele Ängste, sondern bringt auch Fragen mit sich: Was nun? Wie geht es weiter? Woher bekomme Informationen? Wie bespreche ich die Krankheit mit meiner Frau oder Familie? Patienten reagieren in den ersten Stunden bis Tagen nach der Diagnose häufig mit einer Belastungsreaktion – umgangssprachlich auch Nervenzusammenbruch. „Diese Phase wird auch Schockphase genannt“, erklärt Gritt Schiller.

Jetzt ist es wichtig, sich mit der Erkrankung auseinander zu setzen. Oftmals wird der Krebskranke mit einer enormen Informationsflut konfrontiert. Die erfahrene Psychoonkologin weiß: „Es gibt Patienten, die Informationen fordern, andere wiederum vermeiden diese“. Jetzt setzt die Psychoonkologie (wieder) an: In gemeinsamen Gesprächen soll der Patient Vertrauen aufbauen. Besonders bei Betroffenen, die die Krankheit verdrängen, stellt sich dies als große Herausforderung dar.

Aus ethischer Sicht ist es grundlegend, dem Patienten Informationen zukommen zu lassen. So kann er eigenständig entscheiden, welcher therapeutische Weg für ihn in Frage kommt.

Gritt Schiller, Psychoonkologin | Helios Klinikum Berlin-Buch

Patienten haben unterschiedliche Strategien mit der Diagnose umzugehen: verdrängen, bagatellisieren, verleugnen, der Krankheit „den Kampf ansagen“. Die Verarbeitungsmechanismen der Betroffenen sind so individuell wie die Krebskranken selbst.

Durch Gespräche mit einer Psychoonkologin oder einem Psychoonkologen kann die Informationsflut geordnet werden, fachliche Termini geklärt und auf weitere Beratungsangebote aufmerksam gemacht werden. Das kann auch für die Angehörigen sehr hilfreich sein.

Primärtherapie und Reha:

Während der Krebstherapie leidet der Patient oftmals unter Nebenwirkungen, die auch psychisch sehr belastend sein können. Der Betroffene braucht Zeit und Raum für die Krankheitsverarbeitung und muss sich mit den körperlichen Veränderungen erst arrangieren. Prostatakrebspatienten beschäftigen sich dann auch häufig mit dem Wohl der Angehörigen. Zudem machen sie sich Sorgen um die berufliche Perspektive oder die finanzielle Lage durch die Diagnose Krebs. Die psychoonkologische Betreuung zielt in dieser Phase darauf ab, Ängste und Verunsicherungen zu lindern. Es ist wichtig, dass Angehörige sich dem Rhythmus der Therapie anpassen und die körperlichen Veränderungen des Krebskranken akzeptieren.

Remission und Nachsorge:

Nach dem Ende einer Primärtherapie bei Prostatakrebs befindet sich der Patient in Remission mit regelmäßigen Nachsorgeterminen. In dieser Phase beschäftigt sich der Betroffene oftmals mit Gedanken wie: Was ist mir wichtig und wertvoll? Wie möchte ich mein künftiges Leben gestalten? Welche neuen Ziele möchte ich erreichen? Gleichzeitig haben die Krebskranken oftmals Angst vor Nachsorgeuntersuchungen und einem Rückfall. Nach der Therapie gilt es, mit der Ungewissheit zu leben: Kommt die Krankheit wieder zurück oder bin ich geheilt? In dieser Zeit geht es auch darum, eine neue Rolle in der Partnerschaft und der Familie zu finden. Psychoonkologen in Rehabilitations-Einrichtungen ermutigen den Patienten, das bisherige Leben zu reflektieren und auch neue Perspektiven zu besprechen. Außerdem geben die Expertinnen und Experten Anstöße, sich körperlich zu bewegen und innerpartnerschaftliche Themen zu besprechen. Angehörige müssen sich ebenfalls auf die neue Lebenssituation einstellen. Das erfordert Einfühlungsvermögen, aber auch die Fähigkeit über die eigenen (sexuellen) Bedürfnisse als Partnerin oder Partner offen zu sprechen. Auch Angehörige benötigen manchmal professionelle Hilfe, um sich auf die neue Situation einstellen zu können. Besonders gemeinsame therapeutische Gespräche bringen hier Vorteile.

Progredienz (zunehmende Verschlimmerung einer Krankheit):

Ein Fortschreiten der Krankheit verursacht meistens auch Schmerzen, was die Betroffenen sehr belastet. Außerdem müssen sie sich, je nach Prognose, mit dem Ende des eigenen Lebens befassen. Dies schürt Ängste bis hin zu Depressionen. Erkrankte fühlen sich oft hilflos und ausgeliefert. Psychoonkologen nehmen sich in dieser Phase der Gefühlswelt ihrer Patienten an und versuchen die mentale Belastung zu lindern. Angehörige sind erschüttert, dass die Krankheit nicht heilbar ist. Sie reagieren häufig mit Verzweiflung und Wut und setzen sich zunehmend mit Verlustängsten auseinander.

Präterminale und terminale Phase:

Psychoonkologinnen und Psychoonkologen setzen sich in dieser Phase gemeinsam mit dem Patienten mit vielen existentiellen Fragen auseinander: Gibt es noch Lebenssinn in dieser Lebensphase? Was ist Lebensqualität für mich? Was ist mir wichtig? Wo möchte ich sterben? Es ist wichtig, auch Angehörige in den Sterbeprozess mit einzubeziehen. Hier bieten Psychoonkologen auch nach dem Tod des Erkrankten ein offenes Ohr und begleiten den Trauerprozess, sofern dies erwünscht ist.  

Wie können Patienten psychoonkologische Beratung in Anspruch nehmen?

Das Angebot der Psychoonkologie steht jedem Patienten mit Prostatakarzinom zur Verfügung. Erste Ansprechpartner sind oftmals die behandelnden Ärztinnen und Ärzte.

Folgende Angebote können hilfreich sein:

  • Psychoonkologen im Krankenhaus (Kontakt durch die behandelnden Ärzte oder eigenständige Kontaktaufnahme)
  • Psychoonkologische Angebote in den Rehabilitationskliniken
  • Ambulante psychoonkologische Beratung und Therapie (niedergelassene Psychotherapeuten oder die Krebsgesellschaften der einzelnen Bundesländer)
  • Krebsinformationsdienst (KID) der Deutschen Krebsgesellschaft
  • Austausch in Selbsthilfegruppen
  • Gespräche mit Seelsorgern

Wo finden Angehörige Unterstützung?

Angehörige von Krebspatienten, stellen ihre Bedürfnisse und Ängste oftmals aus Rücksicht gegenüber dem Erkrankten zurück. Dabei profitiert der Patient von einem offenen Austausch und einer ehrlichen Kommunikation genauso, wie von einer erfolgreichen Krebstherapie. Angehörige, die therapeutische Hilfe in dieser schweren Zeit suchen, können folgende Angeboten nutzen.

Hilfestellungen im Überblick:

  • Rückfragen beim zuständigen Psychoonkologen auf der Station und Einbeziehung der Partnerin in das Gespräch
  • Paarberatung und Sexualberatung
  • Beratung bei Krebsgesellschaften der einzelnen Bundesländer
  • Beratungsstellen der Rathäuser und Gemeinden
  • Allgemeine Krebsberatungsstellen
  • Online-Angebot des Krebsinformationsdienstes (KID)
  • Psychotherapeuten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV)

Gemeinsam gegen den Krebs

Das Angebot der Psychoonkologie unterstützt Krebspatienten, die niederschmetternde Diagnose Krebs zu verarbeiten. Expertinnen und Experten stehen den Betroffenen mit einem offenen Ohr zur Seite und helfen dabei, Informationen einzuordnen und zu verstehen. Studien zeigen, das eine psychoonkologische Therapie positive Auswirkungen auf die Krebsbehandlung haben kann. Wichtig ist, dass auch die Angehörigen in die Gesprächstherapien einbezogen werden – so kann der Kampf gegen den Krebs gemeinsam erfolgen.