Sammeln, horten oder so wenig wie möglich besitzen?

Sammeln, horten oder so wenig wie möglich besitzen?

Loszulassen fällt mitunter nicht leicht. Persönliche Erinnerungsstücke, scheinbar Nützliches, das Auge Erfreuendes oder die aus allen Nähten platzende Privatbibliothek können einem durchaus an Herz wachsen. Sich davon zu trennen, auch wenn der vorhandene Platz an seine Grenzen kommt, ist schwer.

Zum Tag der alten Dinge, der jedes Jahr auf den 2. März datiert ist, erläutert Prof. Dr. Katarina Stengler, Direktorin des Zentrums für Seelische Gesundheit und Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Helios Park-Klinikum Leipzig, was es mit dem Sammeln von Dingen auf sich hat und ab wann der Zeitpunkt erreicht ist, dass es zwanghaft wird.

Frau Prof. Stengler, gibt es etwas, wovon Sie sich partout nicht trennen können?

Das sind vor allem Dinge, die mir emotional wichtig sind, die einen persönlichen Background haben. Sie erinnern mich an meine Eltern und Großeltern. Dazu gehören aber auch Bücher die mir viel bedeuten – und der Klassiker: Schuhe.

Ab wann geht eine Sammelleidenschaft über in zwanghaftes Sammeln? Wo befindet sich aus Ihrer Sicht die Grenze?

Eines möchte ich erst einmal vorab stellen: Das Sammeln ist eine der ältesten und zugleich wichtigsten und gesunden Eigenschaften von Menschen. Der Fortschritt von heute wäre nicht möglich, wenn Menschen Dinge nicht sammeln und zusammentragen würden. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Kunst. Wo wären wir heute, wenn Sammler Kulturgüter, die wir in Museen bewundern, nicht zusammengetragen hätten? Wo wäre all das Wissen, das heute viele Bücher füllt?

Für diejenigen, die hochkrankhafte Verläufe in punkto Sammeln und Horten aufweisen ist es deshalb wichtig zu wissen, dass die Wurzeln dieses Verhaltens in sich hochnormal und notwendig sind. Ohne sie wäre die menschliche Geschichte wohl nicht möglich. Grundsätzlich gibt es nichts, was nicht gesammelt werden darf. Die Menschen nutzen diese Dinge, um sich an ihnen zu erfreuen, sich an ihnen zu orientieren, Hobbys auszuleben, mitunter aber auch, um Macht auszuüben.

Wie ist das zu verstehen?

Es gibt durchaus Menschen, die sammeln Häuser, teure Autos, Uhren oder andere wertvolle Gegenstände. Damit symbolisieren sie eine gewisse Macht, Präferenz oder Eitelkeiten. Was die einen als krank definieren, fundamentiert in bestimmten sozialen Schichten den Status. Menschen können durch das Anhäufen von Dingen persönliche Maßstäbe setzen, die in bestimmten sozialen Zusammenhängen akzeptierter sind als in anderen. Ein Wohlhabender, der 3.000 Paar Sneakers sammelt macht grundsätzlich nichts anderes als ein armer Mensch, der 3.000 kaputte Schuhe in seiner zu kleinen Wohnung aufbewahrt. Nur, dass man es bei dem einen akzeptiert, der andere aber als krank eingestuft wird.

„Sammler sind glückliche Menschen“, sagte schon Goethe. Ab wann wird beim Sammeln und Horten jedoch ein krankhaftes Stadium erreicht?

Ab dem Zeitpunkt, wo ich soziale Normen und Grenzen überschreite. Wenn das, was gesammelt wird sozial definierter Müll ist, dessen Aufbewahrung Mitmenschen belästigt oder er das eigene Wohlbefinden oder das von anderen einschränkt, dann ist die Grenze zum Krankhaften überschritten. In dem Fall müssen soziale Regelkreise eingreifen oder das Gesundheitssystem.

Prof. Dr. Katarina Stengler, Direktorin des Zentrums für Seelische Gesundheit und Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Helios Park-Klinikum Leipzig

Schlummert die Gefahr, von diesem krankhaften Gen befallen zu werden, in jedem von uns?

So wie alles und jedes Ding gesammelt werden kann, kann auch jeder Mensch davon betroffen sein.

gluehbirne

Was sind möglich Auslöser?

Das können Krisensituationen sein, Sorgen, Chaos um mich herum oder wie aktuell, wenn man die Angst hat, das alles zusammenbricht. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich es mir subjektiv nur einbilde oder objektiv wirklich der Fall eintritt, dass ich die Kontrolle über mein Leben verliere. Derjenige befürchtet, dass seine Sicherheiten dahinschwinden. Dann kann Sammeln und Horten durchaus Struktur, innere Ordnung und Halt geben. Für den Betreffenden wird es zum Geländer, an dem er sich in schweren Zeiten festhält. Das überdimensionierte Sammeln schafft ihm eine Nische, in die er sich zurückziehen kann, in der er sich sicher fühlt.

Im Brockhaus Lexikon des Jahres 1965 stand geschrieben, Sammeln sei eine „krankhafte Neigung, Gegenstände ohne praktischen Bedarf anzuhäufen“. Wenn man selbst merkt, dass eine kritische Schwelle überschritten wurde, wie gehe ich dann vor?

Wenn sich normales Sammeln in eine Phase begibt, die den sozialen Kontext gefährdet oder sich hygienische Probleme auftun, sind die Betroffenen leider nicht in der Lage zu sagen: Das wächst mir über den Kopf. Vielmehr ziehen sie sich zurück. Sie realisieren ihre Situation zwar, suchen sich aber nur in den seltensten Fällen Hilfe. Vielmehr sind es Angehörige, die zu uns kommen und um Unterstützung bitten.

Was raten Sie denen?

Sie sollten an erster Stelle Vertrauen aufbauen. Die Betroffenen sehen nicht ein, dass ihr Verhalten krankhaft ist und sie sich optional von Dingen trennen müssen. Was man auf keinen Fall tun darf, und das empfehlen leider auch völlig fehl geleitet manche Therapeuten, ist das sofortige Entrümpeln der Wohnung. Denn das signalisiert: Wenn ich Hilfe annehme, nimmt man mir alles weg oder weist mich sogar in die Klinik ein.

Die Helfenden müssen zunächst verstehen, dass es nicht darum geht Dinge wegzunehmen. Es geht vielmehr darum, einen therapeutischen Prozess einzuleiten, der langwierig sein kann und sehr sensibel ist. Der Beginn des Sammelns ist nicht selten mit einem traumatischen Ereignis verknüpft, einem Verlust, einem gravierenden Einschnitt im Leben. Gegen den Willen des Betreffenden etwas wegzuschmeißen ist daher ein falscher Ansatz.

Wenn jemand mit einem schweren Verlauf zu Ihnen in die Klinik kommt, wie gehen Sie dann vor?

Da die meisten dieser Patienten den Zeitpunkt verpasst haben, an dem es noch möglich war, Abstand zur krankhaften Schwelle des Sammelns zu finden, werden sie nicht selten gegen ihren Willen eingewiesen. Zum Teil von ärztlichen Kollegen, der Polizei oder anderen staatlichen Kräften. Oftmals wurden sie aus ihrer Wohnung verwiesen und sind demzufolge bei uns in großer Angst, müssen gewaltsam bei uns gehalten werden. Das sind natürlich die schlimmsten Verläufe. Sobald es möglich ist, suchen wir das gemeinsame Gespräch, um auch die Ursachen des Verhaltens zu ergründen. Gleichsam nehmen wir Kontakt zu Angehörigen oder Vermietern der Wohnung auf, um das Entsorgen der Dinge nicht sofort umzusetzen. Das Entsorgen muss kommen, keine Frage, aber stets eingebettet in den therapeutischen Prozess.

Und in den leichteren Fällen?

Auch das gibt es natürlich, dass Menschen zu uns kommen und sagen, ich habe das nicht mehr im Griff, wie komme ich davon weg. Hier gilt ebenso, in erster Linie mittels Verhaltenstherapie Ursachenforschung zu betreiben. Seit wann mache ich das, wie hat das angefangen, welche Lebenssituation gab den Auslöser? Auch dieser Prozess braucht Zeit, wenn er zum Erfolg führen soll.

Ist Minimalismus das gesunde Gegenteil der Sammelwut?

Keineswegs. Derjenige, der sich von allem befreit, der meint, dass er so gar nichts braucht, verfolgt auch den Anspruch, der Beste mit seiner Haltung zu sein. „Ich häufe das Nichts an.“ Es ist der gleiche übersteigerte Mechanismus, nur entgegengesetzt der Nulllinie. Dieser Mechanismus ist weder nützlich, noch sinnvoll und hat auch nichts mit verbesserter Lebensqualität zu tun. Im Gegenteil. Man trennt sich dabei nicht nur von Dingen und Sachen, sondern auch von sozialen Bezügen und einem Stück eigener Vergangenheit. Gleichzeitig gibt man den Bezug zu einer Beziehung auf. Einen zweiten Stuhl in der Wohnung zu haben, hat auch etwas mit Kultur zu tun, etwa um sich einmal einen Gast einzuladen oder entspannt die Füße nach oben legen zu können.

Wer aufräumen will, welchen Zeitpunkt sollte er wählen, welcher Moment wäre hierfür perfekt?

Jeder! Man kann zu jedem Zeitpunkt anfangen, Veränderungen herbeizuführen. Auf keinen Fall auf die lange Bank schieben oder einen Stichtag in weiter Ferne suchen. Erfolg stellt sich ein, wenn der Wille zur aktiven Veränderung sofort umgesetzt wird.

Wann starten Sie Ihren Frühjahrsputz?

Mit der ersten Frühlingssonne habe ich bereits kleinere Schritte in Haus und Garten unternommen. Der Impuls war auf jeden Fall schon da.

Aufgeräumt in den Frühling

Aufgeräumt in den Frühling

Unsere Kollegin Romy hat den Generalangriff auf das alltägliche Chaos gewagt und dabei mal ausprobiert, wie das lästige Aufräumen tatsächlich Spaß machen kann, wie man sich von alten Dingen und Gewohnheiten löst und die neue Ordnung auch hält.

Mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings waren sie nicht mehr zu übersehen: die ungeputzten Fenster und die kleinen fiesen Wollmäuse, die sich aber auch wirklich überall verstecken. Bewaffnet mit Staubwedel und Co ging’s los. Bald war Abhilfe geschafft. Ein gutes Gefühl stellte sich ein – zumindest für ein paar Tage. Doch schnell kam die Ernüchterung. Die Ecken und Schränke waren noch genauso voll wie vorher und die ersten Wollmäuse schon wieder zu sehen.

Immer noch motiviert und in Frühlingslaune machte ich mir Gedanken, wie man das Projekt Frühjahrsputz wirklich mal „effektiv und mit langfristiger Wirkung“ angehen kann. Das Buch „Magic Cleaning“ von Marie Kondo verhieß Unterstützung. Marie Kondo ist Aufräum-Expertin und Bestsellerautorin aus Japan. Ihrer KonMari-Methode Aufräum-Regeln versprechen eine dauerhafte Ordnung im eigenen Zuhause im Einklang mit sich selbst.

Das klang großartig und war zumindest einen Versuch wert. Also ging ich es an. Tatsächlich hatte ich schon nach den ersten Seiten Lust, die Ärmel hochzukrempeln und loszulegen. In kürzester Zeit war das Buch dann gelesen und bereits ein paar Tage später fand ich mich zwischen Unmengen prall gefüllter Müllbeutel und einem extrem befreiten Gefühl wieder.

Die wichtigsten Erkenntnisse meiner Aufräumaktion:

1. Täglich ein bisschen bringt nichts
Wenn du den gängigsten Haushaltstipps folgst und Stück für Stück aufräumst, wirst du gefühlt nie fertig. Nur durch das radikale Aufräumen „in einem Rutsch“ wird ein Bewusstseinswandel ausgelöst. Erst dadurch entsteht der richtige „Wow-Effekt“, der wiederum für weitere Motivation und Durchhaltevermögen sorgt.

2. Die richtige Methode
Für erfolgreiches Aufräumen sind zwei simple Handlungen nötig.

  • Dinge wegwerfen
  • Aufbewahrungsorte für jene Dinge bestimmen, die nicht weggeworfen werden sollen

Entscheidend ist dabei die Reihenfolge: Das Wegwerfen kommt immer zuerst!

3. Aufräumen nach Kategorien anstatt nach Zimmern
Wir alle besitzen oft zu viele Dinge. Und es werden immer mehr, sodass kaum einer von uns den Überblick behält. Dieser fehlt vor allem deshalb, weil die Dinge einer Kategorie meist auf verschiedene Aufbewahrungsorte verteilt sind. Anstatt also nach Zimmern aufzuräumen, ist eine wichtige Grundregel nach Kategorien von Dingen aufzuräumen.

4. Die richtige Reihenfolge
Entscheidend für den Aufräumerfolg ist die richtige Reihenfolge. Fange mit der Kategorie an, bei der das Wegwerfen weniger schwerfällt, arbeite dich dann vor zu den Dingen mit emotionalem Wert. Also zuerst die Kleidung, dann die Bücher, die Papiere, der Kleinkram und zum Schluss Erinnerungsstücke. Mit dieser Reihenfolge geht es erstaunlich schnell voran. Nimm alle Bestandteile einer Kategorie, also z. B. sämtliche Kleidung aus allen Schränken, Kommoden, Kisten und sammele sie an einer Stelle. Nun sortiere nach dem Kriterium Glücksgefühl zügig und in einem Rutsch aus. Bei Kleidung empfehle ich, mit den Sachen zu beginnen, die einer anderen Saison angehören. Im Zweifelsfall kannst du dich selbst fragen, was würde ich anziehen, wenn morgen der erste richtig schöne Sommertag wäre. Nach diesem Prinzip bearbeitest du alle Kategorien.

5. Auf das Glücksgefühl achten
Behalten oder Wegwerfen? So fällt die Entscheidung leicht: Wenn etwas kaputt ist, das Design nicht mehr gefällt oder in einem Set Teile fehlen, ist die Sache recht klar. Wenn es aber eigentlich keinen besonderen Grund gibt oder man mit dem Gegenstand eine Erinnerung verbindet, rät die Expertin, erstmal inne zu halten und die Situation möglichst neutral zu betrachten. Spür mit dem Gegenstand in der Hand in dich hinein. Macht dich dieses Teil glücklich? Fühlst du dich wohl? Das Ganze klingt erstmal merkwürdig, aber schon ein paar Teile später zeigt sich, wie unterschiedlich die Reaktion ausfällt. Jetzt ist Konsequenz gefragt. Behalte nur die Dinge, die glücklich machen. Der Rest wird entsorgt.

6. Danke sagen
Das ist tatsächlich der spannendste, aber auch gewöhnungsbedürftigste Teil der Methode. Bei allen Dinge, die du aussortierst, musst du dich zuvor bedanken. Danke z. B. dem Kleid, welches du beim ersten Date getragen hast oder danke den Socken, die jeden Tag harte Arbeit für uns leisten. Was zunächst lustig klingt, ist eine sehr schöne und effektive Methode achtsam mit seinem Besitz umzugehen und die Dinge um sich herum wieder mehr wertzuschätzen.

7. Feste Aufbewahrungsorte suchen
Für eine langfristige Wirkung ist es wichtig, dass nun alles seinen festen Platz bekommt. Wenn dieser Platz einmal festgelegt ist, werden die Dinge nach ihrer Benutzung genau an diesen Platz wieder zurückgelegt. Das kostest zwar jeden Tag ein paar Minuten Aufräumzeit, aber die lohnen sich. Kleine Schachteln, Boxen oder Schubladeneinsätze sind hier sehr nützliche Helfer. Die sichtbare Ordnung hat einen positiven Effekt auf die eigene Wahrnehmung.

8. Richtiges Falten und Verstauen
Wenn erstmal ein fester Aufbewahrungsort definiert ist, müssen die Sachen jetzt nur noch richtig und sinnvoll verstaut werden. Dafür hat die Expertin besondere Falttechniken für Kleidung, Socken und Unterwäsche entwickelt. Das sorgt für eine bessere Übersicht und neue Ordnung im Kleiderschrank.

9. Das große Aufräumfest
Und das Beste zum Schluss – das große Aufräumfest. Du musst dich nicht ständig mit dem Aufräumen rumplagen. Die Idee der Methode ist es, einmal eine große Aktion zu starten und dann Ruhe zu haben. Mach diese Aktion zu deinem großen Aufräumfest und genieße das neue Raumgefühl. Das alltägliche Aufräumen besteht dann nur noch darin, die Dinge nach der Benutzung wieder dorthin zurückzulegen, wo sie hingehören.

Wer nun vom großen Aufräum-Fieber angesteckt ist und sich inspiriert fühlt, sollte am besten gleich loslegen. Mein Fazit: Mit der richtigen Einstellung, Strategie und Konsequenz kann man nicht nur sein Zuhause von unnötigem Ballast befreien, sondern auch seine Gedanken. Das wiederrum sorgt für Zufriedenheit und Ausgeglichenheit (in der ganzen Familie) – und damit lässt es sich doch gleich noch viel besser in den Frühling starten.