Stillen: Ja oder Nein?
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Stillen oder doch lieber die Flasche geben?

Stillen: Ja oder Nein?

Schon zu Beginn der Schwangerschaft stellen sich viele werdende Mütter die Frage: Soll ich meinem Kind die Brust geben oder doch eher auf die Flasche zurückgreifen?

Rita Weis, seit 17 Jahren Stationsleitung der babyfreundlichen Geburtsklinik der Helios Klinik Erlenbach und ausgebildete Stillberaterin, erklärt, worauf Sie bei der Ernährung Ihres Babys in den ersten Wochen und Monaten achten sollten. 

Kann jede Frau stillen?

Baby gestillt
Jede Frau kann, wenn sie möchte, ihr Kind stillen | Foto: Canva

Ja, grundsätzlich ist jede Frau dazu in der Lage, ihr Baby zu stillen. Es gibt nur wenige Kontraindikationen, die dagegensprechen, etwa eine HIV-Infektion oder das Einnehmen von bestimmten Medikamenten. Die Brustgröße spielt in der Regel keine Rolle bei der Milchbildung. Nach einer Brustvergrößerung oder -verkleinerung kann es aber zu einer verringerten Milchbildung kommen. 

Vor- und Nachteile des Stillens

Ob Ihr Kind gestillt oder mit der Flasche gefüttert werden soll, müssen Sie für sich selbst entscheiden. Es gibt jedoch zahlreiche gesundheitliche Vorteile sowohl für die Mutter als auch für das Kind, die für das Stillen sprechen:

7 Vorteile des Stillens für die Mutter:

  • 1. Fördert die Rückbildung der Gebärmutter
  • 2. Trägt zu einer stabilen emotionalen Bindung zwischen Mutter und Kind bei
  • 3. Stillen macht glücklich: stimmungsaufhellende Hormone sorgen für Entspannung
  • 4. Muttermilch ist immer verfügbar: Zeit- und Geldersparnis, gut für die Umwelt
  • 5. Vermindert das Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken
  • 6. Vermindert das Risiko von Osteoporose, postpartaler Depression und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • 7. Geringeres Risiko nach Schwangerschaftsdiabetes an manifestem Diabetes zu erkranken

7 Vorteile des Stillens für das Kind:

  • 1. Optimale Zusammensetzung der Muttermilch: Die Muttermilch ist perfekt auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt (z. B. wässrigere Milch in heißeren Regionen, fetthaltigere Milch in skandinavischen Gebieten) und ist sehr gut verdaulich)
  • 2. Fördert die gesunde Entwicklung der Zähne und des Kiefers
  • 3. Muttermilch bietet Schutz gegen pathologische Keime und trägt zur Allergieprävention bei
  • 4. Gestillte Kinder sind seltener, weniger schwer und weniger lange krank: Studien zeigen, dass gestillte Kinder seltener an Magen-Darm-Erkrankungen leiden und nachweislich weniger Krankenhausaufenthalte haben. Frühgeborene erkranken seltener an Nekrotisierender Entercolitis (NEC), einer schweren Durchfallerkrankung
  • 5. Geringeres Risiko, im Erwachsenenalter an Diabetes Typ II und Adipositas zu erkranken
  • 6. Verringert das Risiko der Kindersterblichkeit
  • 7. Hinweis auf einen höheren durchschnittlichen IQ gestillter Kinder

Es gibt kaum körperliche Gründe, die gegen das Stillen sprechen. Einige sehen das Stillen auch als "körperliche Abhängigkeit" auf beiden Seiten: Das Baby ist auf die Mutter als Nahrungsquelle angewiesen, die Mutter wiederum braucht das Kind zur Entleerung der Brust.

Klappt das Stillen nicht auf Anhieb, setzen sich viele Mütter selbst unter Druck. Zudem ist das Stillen in der Öffentlichkeit auch heute noch ein viel diskutiertes Thema. Glücklicherweise nimmt die Akzeptanz aber immer mehr zu.

Das richtige Stillmanagement ist dabei das A und O des erfolgreichen Stillens.

Rita Weis, Stationsleitung der Geburtsklinik | Helios Klinik Erlenbach.

Probleme, die beim Stillen auftreten können, und deren Ursachen

Frau in Kassack über Mutter und Baby gebeugt
Rita Weis gibt ihrer Patientin Tipps zum Stillen | Foto: Helios

Das richtige Stillmanagement, also die Dauer, Art und Weise sowie Häufigkeit des Stillens, ist dabei das A und O des erfolgreichen Stillens. Nicht immer klappt das Stillen von Anfang an problemlos. Probleme wie eine zu geringe Milchbildung, wunde Brustwarzen oder Milchstau können meist aber mit einem guten Stillmanagement in den ersten Tagen vermieden werden. Eine gut etablierte Milchbildung in den ersten Tagen sollte in der späteren Stillzeit zudem nicht zu Problemen oder Schmerzen führen.

Wunde Brustwarzen sind in aller Regel auf nicht korrektes Anlegen zurückzuführen. Manche Brustwarzenformen (z. B. die Hohlwarze) erfordern ein gutes Stillmanagement. Eine geringe Milchbildung ist meist auf zu wenig Stimulation zurückzuführen: Säuglinge sollten in den ersten ein bis zwei Tagen 8 bis 12 mal oder häufiger an die Brust, um die Milchbildung anzuregen.

Deshalb ist ein gutes Stillmanagement und viel Beratung und Anleitung schon kurz nach der Geburt wichtig. Mütter, die einen guten Stillbeginn haben, stillen nachweislich besser und länger. Die psychische Betreuung durch die Hebamme oder Stillberaterin in den ersten Tagen ist wichtig, da das Stillen zu diesem Zeitpunkt auch anstrengend sein kann und Motivation verlangt.

Probleme beim Stillen: Das können Sie tun

Eine zu geringe Milchbildung kann meist durch mehr Stimulation, also häufigeres Anlegen oder zusätzliches Pumpen, behoben werden. Hier sind auch aufmunternde Gespräche und Aufklärungen über die Milchbildung ganz wichtig. Holen Sie sich Unterstützung von der Hebamme oder Stillberaterin Ihres Vertrauens oder aus der Familie.

Wunde Brustwarzen können oft mit korrekter Anlegetechnik behoben werden, ansonsten gibt es auch Salben, Auflagen und Laser zur Behandlung. Es ist ein Irrglaube, dass wunde Brustwarzen vom zu häufigen Stillen kommen: Vielmehr ist das nicht korrekte Erfassen der Brustwarze durch das Baby der Grund.

Milchstau ist meist auf Stress der Mutter oder nicht korrektes Saugverhalten zurückzuführen. Hier können Brustauflagen (warm vor dem Stillen, kalt nach dem Stillen) und Ruhe für die Mutter Abhilfe schaffen.

Bei einer Brustentzündung ist oft eine Antibiotikagabe notwendig.

3 Tipps für erleichterndes Stillen

  1. Eine gute Vorbereitung hilft viel: Informieren Sie sich bei Ihrer Stillberaterin oder Hebamme über Stillzeiten und -häufigkeiten, korrekte Anlegetechniken und den Stillzeichen des Säuglings. Auch Stillgruppen mit anderen Müttern sind hilfreich, um sich auszutauschen und bei Problemen Hilfestellungen zu bekommen.
     
  2. Stillen Sie Ihr Kind mindestens 8 bis 12-mal am Tag. Auch sehr häufiges Stillen zum Beispiel stündlich über ein paar Stunden hinweg ist normal. Babys regulieren ihre Nahrungsaufnahme eigenständig, das heißt, sie trinken nur so viel Milch, wie sie benötigen – vorausgesetzt, Sie haben uneingeschränkten Zugang zur Brust und können Häufigkeit und Dauer der Stillmahlzeiten bestimmen. Diese Aspekte sowie die Effektivität des Saugens entscheiden darüber, wie viel Milch von der Mutter gebildet wird. In anderen Worten: Die Nachfrage regelt das Angebot.  
     
  3. Verzichten Sie insbesondere in den ersten Lebenswochen auf die Verwendung von Schnullern. Da durch den Schnuller andere taktile Reize angesprochen werden, kann das Baby verlernen, wie es die Brust richtig entleert, was wiederum zu Problemen beim Stillen führen kann.    

Abstillen: Wann Sie Ihr Kind von der Brust entwöhnen sollten

Der Hautkontakt beim Stillen ist wichtig für die Bindung – nicht die Brust oder die Flasche | Foto: Canva

Stillprobleme sind kein Grund zum Abstillen, denn sie können bei guter Betreuung relativ rasch behoben werden. Es gibt nur sehr wenige mütterliche Indikationen zum Abstillen, wie etwa Einnahme von kontraindizierten Medikamenten – die meisten geläufigen Medikamente sind jedoch stillverträglich.

Ich möchte nicht stillen. Hat das einen Einfluss oder ist es schlecht für die Entwicklung des Kindes?

Jede Frau sollte nach einer guten Aufklärung für sich selbst entscheiden, ob sie stillen möchte oder nicht. Eine Mutter, die sich dagegen entscheidet, ist deshalb keine Rabenmutter.

Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass auch die beste Ersatzmilch die Muttermilch qualitativ nicht ersetzen kann, da diese optimal auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt ist. Zudem ist sie leichter verdaulich als Ersatzmilch.

Die Bindung wird durch das Füttern mit der Flasche jedoch nicht negativ beeinflusst, denn ausschlaggebend ist nicht das Stillen selbst, sondern der damit verbundene Hautkontakt zwischen Mutter und Kind. Hier werden alle Sinne des Babys und fast alle der Mutter angesprochen. Behält man diese Fakten beim Füttern im Hinterkopf, steht einer gesunden Beziehung nichts im Weg.    

Brust oder Flasche: Unterschiede und Zeitpunkt des Wechsels

Bei der Flaschenernährung sollte man bestimmte Dinge beachten, die sich im Rahmen des Stillens normal von alleine ergeben, wie zum Beispiel Haut- und Blickkontakt beim Füttern. Legen Sie Ihr Kind abwechselnd auf den rechten und linken, nackten Arm. Das Kind muss die Flasche nicht leer trinken, denn es sollte von selbst ein Sättigungsgefühl entwickeln. Füttern Sie Ihr Kind nach Bedarf und nicht zu festen Zeiten. Für eine gesunde Bindung ist es wichtig, dass das Kind in den ersten Wochen nur von wenigen, engen Bezugspersonen gefüttert wird.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Kinder im ersten Lebenshalbjahr ausschließlich mit Muttermilch zu ernähren. Berufstätige Mütter können auch abpumpen und dann mit der Flasche füttern. Übrigens: Ihr Arbeitgeber muss Ihnen Zeit für regelmäßiges Abpumpen gewähren.