Helios Konzernregelung soll Vergabe von Antibiotika verbessern
Frühere Sorglosigkeit rächt sich heute

Helios Konzernregelung soll Vergabe von Antibiotika verbessern

Antibiotika galten lange als Wundermittel und viele Krankheiten haben durch sie ihren Schrecken verloren. Doch das Blatt wendet sich mit ihrer massenhaften Verwendung. Einige Antibiotika wirken heute nicht mehr, Bakterien entwickeln zunehmend Resistenzen. Die Folgen sind dramatisch.

Hunderttausende Menschen sterben jedes Jahr an resistenten Erregern. Mit einer Konzernregelung möchte Helios hier vorangehen und den Umgang mit Antibiotika in seinen Einrichtungen verbessern. Geplant sind die Einführung von Antibiotikabeauftragten in jeder einzelnen Station der Helios Kliniken und eines Antibiotika-Reportings. Wir sprachen dazu mit Prof. Dr. Andreas Meier-Hellmann, Medizinischer Geschäftsführer von Helios und PD Dr. Irit Nachtigall, Regionalleiterin Krankenhaushygiene der Helios Region Ost und Koordinatorin der geplanten Programme zum Thema Antibiotika bei Helios.

Antibiotika gelten weltweit als große Gefahr für die Gesundheit der Menschen. Wie groß ist das Problem in Deutschland?

PD Dr. Irit Nachtigall: Auch hier in Deutschland ist das Problem groß. Die Wirksamkeit der Antibiotika ist gefährdet, weil durch ihren wahllosen Einsatz Resistenzen entstanden sind. 85 Prozent der Antibiotika werden in Hausarztpraxen verschrieben. In vielen Fällen bringen sie nicht einmal etwas, denn diese Infekte sind fast immer durch Viren ausgelöst. Es würde da vollkommen reichen, sich ein paar Tage zum Auskurieren ins Bett zu legen und sich mit Hausmitteln wie Hühnerbrühe zu versorgen.

Diese sorglose Vorgehensweise hat den Weg für Resistenzen geebnet. Dabei ist die Gefahr von Anfang an bekannt gewesen: Als Alexander Fleming 1945 für die Entdeckung des Penicillins den Nobelpreis bekam, hat er schon in seiner Rede vor Resistenzen gewarnt. Es hat ihm nur leider niemand zugehört.

Was sind die größten Fehler, die bei der Vergabe von Antibiotika passieren?

Nachtigall: Antibiotika werden häufig zu niedrig dosiert oder zu lang verabreicht. Beides kann eine Resistenzen-Entwicklung unterstützen, da nicht alle Bakterien bekämpft werden, sondern sich an das Antibiotikum gewöhnen. Bei der verlängerten Gabe ist ebenfalls mehr Zeit Resistenzen zu entwickeln.

85 Prozent der Antibiotika werden in Hausarztpraxen verschrieben. In vielen Fällen bringen sie nicht einmal etwas, denn diese Infekte sind fast immer durch Viren ausgelöst.

PD Dr. Irit Nachtigall, Regionalleiterin Krankenhaushygiene der Helios Region Ost

Der größte Teil der Antibiotika wird in Hausarztpraxen verschrieben – gibt es Handlungsbedarf für Kliniken wie bei Helios?

Prof. Dr. Andreas Meier-Hellmann: Natürlich gibt es auch für uns in den Kliniken Handlungsbedarf. In erster Linie geht es darum unsere Mitarbeiter im Umgang mit Antibiotika besser zu schulen. Das hat auch der Gesetzgeber erkannt und es wird in absehbarer Zeit hierzu Vorgaben geben. Wir haben uns vorgenommen, nicht auf den Gesetzgeber zu warten, sondern sofort loszulegen und bewusst eine Konzernregelung daraus zu machen, weil uns das Thema zu wichtig ist. Wenn wir hier besser werden wollen, müssen wir jetzt loslegen und es müssen alle mitmachen.

Nachtigall: Das Thema betrifft in den Kliniken sowohl uns als verschreibende Mediziner, als auch als Institutionen, in denen durch die Resistenzen die Erregerbelastung zu einem massiven Problem werden kann. Nicht zuletzt hat unsere Art, mit Antibiotika umzugehen, auch Auswirkungen auf das Verschreibungsverhalten der Hausärzte - wenn sie Patienten etwa nach dem Klinikaufenthalt weiter behandeln und sich dabei auf unsere Arztbriefe stützen. Wir setzen hier auch auf eine gewisse Vorbildwirkung und Aufklärung.

Worin besteht die Konzernregelung bei Helios konkret?

Meier-Hellmann: Die Konzernregelung sieht vor, dass auf jeder Station ein Arzt zum Antibiotika-Berater ausgebildet wird. Derzeit sind die Kliniken aufgefordert, diese Personen zu benennen und zu den Ausbildungen anzumelden. Natürlich wird dies eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen – denn es geht hier um mehr als 600 Kolleginnen und Kollegen, die wir schulen werden.

Wir haben uns vorgenommen, nicht auf den Gesetzgeber zu warten, sondern sofort loszulegen und bewusst eine Konzernregelung daraus zu machen, weil uns das Thema zu wichtig ist.

Andreas Meier-Hellmann, Medizinischer Geschäftsführer von Helios

Inwiefern kann die neue Konzernregelung bei Helios helfen, besser mit Antibiotika umzugehen?

Nachtigall: Sie hilft, dass in den Kliniken der Umgang mit Antibiotika überdacht wird, dass die Ärzte sensibler für das Thema werden. Es ist nämlich erschütternd, wie viel Unwissen über die richtige Behandlung mit Antibiotika vorhanden ist. Da gibt es schon im Medizinstudium große Versäumnisse. Unsere Antibiotika-Berater können dann natürlich auch nicht alles wissen, aber sie haben zumindest so viel Ahnung, dass sie in Zweifelsfällen einem Experten die richtigen Fragten stellen können.

Wie sieht die Ausbildung eines Antibiotika-Beauftragten aus?

Nachtigall: Im Moment ist es ein einwöchiger Kurs, in dem die Ärzte zum Antibiotika-Berater ausgebildet werden. Aber ab 2021 wollen wir die Ausbildung umstrukturieren. Dann wird es ein dreitägiges Online-Seminar und nur zwei Tage Anwesenheit geben. Das ist für die Kliniken leichter zu bewerkstelligen, als einen Mitarbeiter für eine ganze Woche zu entbehren.

Im Video spricht Priv.-Doz. Irit Nachtigall über die Ausbildung der Antibiotika-Beauftragten bei Helios.

Welche Aufgaben hat der Antibiotika-Beauftragte dann im Klinikalltag?

Nachtigall: Er ist bei der Visite dabei und sensibilisiert durch Einwände seine Kollegen bei der Verordnung von Antibiotika. Das werden gerade zu Anfang nicht alle Kollegen hören wollen, wir müssen uns da also auf einen längeren Prozess einstellen.

Meier-Hellmann: Parallel dazu werden wir ein Antibiotika-Reporting einrichten. Wir schauen uns dabei die Antibiotika-Verbrauchszahlen der Kliniken an. Kommt es an einem Standort zu einer ungewöhnlichen Häufung, besuchen wir die Kollegen vor Ort zu einem kollegialen Review. Wir unterstellen durch unseren Besuch nicht automatisch Fehler. Denn in einigen Kliniken kann ein hoher Verbrauch zum Beispiel aus medizinischen Gründen gerechtfertigt sein, in anderen aber wiederum nicht. Das wollen wir nachvollziehen können und eventuell Alternativen vorschlagen.

Helios bildet Antibiotika-Experten aus

Helios bildet Antibiotika-Experten aus

Helios startet ein flächendeckendes Ausbildungsprogramm für Ärztinnen und Ärzte, um multiresistenten Erregern den Kampf anzusagen. Künftig wird es für jede bettenführende Abteilung einen ausgebildeten Antibiotika-Berater geben, der für das Thema Antibiotika sensibilisert, aber auch erster Ansprechpartner bei Fragen und Unsicherheiten im Umgang sein wird.

Die Leitung des Schulungskonzeptes übernimmt Frau PD Dr. Irit Nachtigall, Regionalleiterin Krankenhaushygiene und Infektionsprävention bei Helios.