Krankhafte Schlafstörungen
Ursachen, Symptome, Therapien

Krankhafte Schlafstörungen

Einschlafprobleme und Schlaflosigkeit kennen Sie nur zu gut? Unsere Medizin-Experten erklären die Ursachen von Schlafproblemen, verraten Ihnen, was Sie selbst dagegen tun können und stellen typische Krankheitsbilder vor, die Schlafstörungen mit sich bringen.

Atemaussetzer, Schlafwandeln oder Eisenmangel? Gehen Sie der Sache auf den Grund

Unsere Schlafmediziner klären auf:

  • Dipl.-Biologe Andreas Eger, Technischer Leiter Schlafmedizinisches Zentrum, Helios Amper-Klinikum Dachau
  • Dr. Christian Lechner, Chefarzt Neurologie und Neurogeriatrie, Schlafmedizinisches Zentrum Helios Amper-Klinikum Dachau

Zunächst einmal: Gelegentlich schlecht zu schlafen, das ist nicht ungewöhnlich. Bei vielen Menschen führt schon die Verbesserung der Schlafhygiene zu einem deutlich erholsameren Schlaf.

Viele Schlafprobleme lassen sich auch auf störende Faktoren von außen zurückführen oder liegen schlichtweg in einer falschen Ernährung, zu viel Stress oder zu wenig Bewegung begründet.

Die Schlafmedizin listet jedoch rund 90 Schlafstörungen, die nicht auf äußere Faktoren, vorübergehende Ausnahmesituationen oder andere Erkrankungen zurückzuführen sind.

Ist Ihre Schlafstörung harmlos oder gefährlich?

„Allgemein gilt: Nachtprobleme sind Tagprobleme“, sagt Andreas Eger, Technischer Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums im Helios Amper-Klinikum Dachau. „Wirkliche Schlafstörungen manifestieren sich in irgendeiner Form im Tagesgeschehen, etwa wenn Sie nach einer durchwachten Nacht am nächsten Tag nicht arbeitsfähig sind.“

Zeigen sich solche Probleme am Tag nicht, liege in der Regel auch keine Schlafstörung vor. „Wenn ein Mensch die ganze Nacht kein Auge zumacht, dann sieht man es ihm auch an“, so der Schlafmediziner.

Deutliche Hinweise auf eine tiefersitzende Erkrankung liegen laut Eger vor, wenn wochenlange Schlafstörungen dazu führen, dass Betroffene zum Beispiel:

  • nicht leistungsfähig sind
  • unter Depressionen leiden
  • sich schlecht konzentrieren können
  • häufiger in Sekundenschlaf verfallen
  • unter erhöhtem Blutdruck leiden, ohne die Ursachen zu kennen

Oft sind sich die Patienten selbst gar nicht bewusst, dass hinter ihrer Müdigkeit schwerwiegendere Probleme stecken. „Gerade Männer kommen häufig zu uns, weil die Partnerin sie auf Störungen oder Aussetzer in der Atmung hinweist.“ Ein unregelmäßiges Schnarchen, bei dem auf stille Aussetzer ein explosionsartig lautes Schnarchen folgt, könne beispielsweise auf ein gefährliches Schlafapnoe-Syndrom hinweisen. Eger: „Süffisant könnte man sagen: Verheiratete leben länger.“

Vom Hausarzt zum Schlafexperten

Wer solche Anzeichen bei sich feststellt, sollte zunächst seinen Hausarzt aufsuchen. „Dieser wird Sie dann in aller Regel an einen Lungenarzt oder HNO-Arzt überweisen, der ein sogenanntes ambulantes Screening macht“, sagt Eger.

Patienten bekommen dabei mit einem Gurt eine Art Kästchen umgeschnallt. Mit daran befestigten Sensoren wird gemessen, ob der Patient schnarcht, Atemaussetzer hat oder nicht genügend Sauerstoff bekommt. Ist dieser erste Befund positiv, wird in der Regel ein Termin im Schlaflabor empfohlen, um der Sache weiter nachzugehen.

„Schlafmediziner können mit gezielten Fragen schon viel herausfinden“, sagt Eger. „Etwa ob eine Störung eher in der ersten oder eher in der zweiten Nachthälfte auftritt.“ Im ersten Fall komme sie eher aus dem Tiefschlaf, im zweiten eher aus dem REM-Schlaf.

Mit umfangreicher Messung zum individuellen Schlafprofil

Im Schlaflabor schlafen Patienten eine Nacht unter Beobachtung. Dabei werden sie mit diversen Messgeräten verkabelt und detailliert untersucht – von Hirnströmen (EEG), Augenbewegungen (EOG) und Muskelspannung (EMG) über die Atmung an Mund und Brustkorb bis hin zu Puls, Sauerstoffgehalt im Blut (Pulsoxymetrie) und CO2-Gehalt (Kapnografie). Zusätzlich unterstützten Video- und Tonbandaufnahmen das Profil.

Die auf diese Weise gewonnenen Daten ergeben ein aussagekräftiges Schlafprofil des Patienten, das sich aus Schlafqualität, Atmung und weiteren festgestellten Störungen zusammensetzt. An den Messungen können die Schlafmediziner unter anderem ablesen:

  • Wie lange brauchte die Person, um einzuschlafen?
  • Wie viel Tiefschlaf und wie viel REM-Schlaf hat sie abbekommen?
  • Wie viele Schlafzyklen und Wachphasen gab es in der Nacht?
  • Funktioniert das Herz in der Nacht genau so gut wie am Tag?
  • Gab es etwa Rhythmusstörungen oder Aussetzer (Asystolie)?
  • Wie funktioniert die Atmung in der Nacht?
  • Gab es sonstige Besonderheiten?
  • Lag die Muskelanspannung im erwarteten Bereich?

„Eine unserer Kenngrößen ist die Zahl der sogenannten Arousal", sagt Eger. Dabei handelt es sich um eine kurze, unbewusste Aktivierung der Gehirnströmung, etwa durch Geräusche von außen oder auch durch eigenes Schnarchen sowie Atemaussetzer. „Bei jedem dieser Arousal werden Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol ausgeschüttet“, so Eger. „Je mehr dieser Stresshormone ausgeschüttet werden, desto weniger erholsam ist der Nachtschlaf.“

Die festgestellten Auffälligkeiten und Abweichungen erlauben anschließend sehr genaue Aussagen über die mögliche Diagnose.

Wichtige Krankheitsbilder und Behandlungsmöglichkeiten im Überblick

Mann mit Brille im Arztkittel im Gespräch
Andreas Eger im Gespräch über Schlafstörungen | Foto: Helios

Nächtliche Atemprobleme ernst nehmen

„Störungen in der Atmung sind die Brot-und-Butter-Diagnose“, sagt Eger. „Sie sind weit verbreitet, und es gibt viele verschiedene Arten.“ Häufig wird etwa das Schlafapnoe-Syndrom diagnostiziert: Apnoe bedeutet Atemaussetzer im Schlaf. Eine Schlafapnoe begünstigt auch Folgeerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt sowie chronische Erkrankungen wie Diabetes.

Solche Störungen werden oft mit einer Beatmungstherapie mithilfe eines CPAP-Geräts bzw. einer CPAP-Maske behandelt (CPAP: Continuous Positive Airway Pressure). „Die Maske baut einen Luftdruck auf, den Sie ausatmen müssen“, sagt Eger. „Wie eine Schiene aus Luft.“ Dabei werden die Atemwege offengehalten, sodass sie nicht mehr kollabieren können. Netter Nebeneffekt: Auch das Schnarchen verschwindet auf diese Weise.

„Es gibt auch weitere Behandlungsmöglichkeiten“, sagt Eger. „Etwa feste Schienen, die den Unterkiefer nach vorne verlagern, um die Atemwege zu erweitern.“ Für Menschen, die nur in Rückenlage schnarchen, gibt es auch spezielle Westen oder Bandagen, die verhindern, dass man in Rückenlage liegt. Denkbar sind auch operative Maßnahmen.

„Ein relativ neuer Trend sind Zungengrund-Schrittmacher“, sagt Eger. „Dabei handelt es sich um einen modifizierten Schrittmacher in der Art eines Herzschrittmachers.“ Beim Atemzug straffe dieser den Zungengrund, sodass die Atemwege frei werden.

Bei Ursachen wie Übergewicht oder Alkoholkonsum setzt die Behandlung natürlich bei den Ursachen selbst an, sprich: beim Abnehmen oder Reduzieren des Konsums.

Restless-Legs-Syndrom (RLS) – unruhige Beine im Schlaf

Frauen leiden unter diesem Problem häufiger als Männer. Die Betroffenen haben Missempfindungen in den Beinen. Durch das Bewegen der Beine würden die Beschwerden zwar gemindert, sagt Eger. „Das Gefühl ist aber oft so ungemütlich, dass das Einschlafen verzögert oder sogar verhindert wird.“

Man unterscheidet zwischen zwei Arten des Restless-Legs-Syndroms. Das primäre Restless-Legs-Syndrom tritt im Alter oder aufgrund einer genetischen Veranlagung auf. Bei der zweiten Form ist das Restless-Legs-Syndrom auf sekundäre Ursachen zurückzuführen, etwa auf einen Eisenmangel oder Probleme bei der Eisenaufnahme.

„Die Krankheit ist schon seit dem Mittelalter bekannt“ sagt Eger. „Behandelt wurde sie – wie damals üblich – mit einem Aderlass, der den Eisenmangel und damit die Eisenmangel-Symptome nur verschlimmert hat.“

Exploding-Head-Syndrom (EHS) – Schreck lass nach!

Betroffene dieser relativ neuen Diagnose beschreiben die Symptome oft, als finde beim Schlafen eine „Explosion im Kopf“ statt, mit einem lauten Knall.

„Diese Betroffenen leiden zwar nicht unter Kopfschmerzen oder dergleichen“, so Eger. „Dafür aber unter einem riesigen Schrecken, der ihnen in die Glieder fährt.“

Lange Zeit habe man diese Patienten gründlich untersucht, durchs MRT gejagt und mehr – ohne Erfolg. Der genaue Hintergrund ist bis heute unbekannt. Von außen ist diese „Explosion“ nicht nachweisbar, nur die Aufregung danach, ist im EEG als Arousal festzustellen.

Schlafwandeln statt Entspannung

Das Schlafwandeln im Kindesalter wird mittlerweile als gängige Erscheinung gewertet. Bei den meisten Menschen nimmt es beim Älterwerden ab. „Eltern können also darauf hoffen, dass es von alleine weggeht“, sagt Eger.

Aus diesem Grund gebe es auch keine monosymptomatische Therapie, etwa durch Medikamente. „Sie sollten als Eltern aber dafür sorgen, dass es keine Selbst- und keine Fremdgefährdung geben kann“, so Eger, „indem Sie etwa Fenster verschließen und das Kinderbett sichern.“

Tritt das Schlafwandeln im Erwachsenenalter noch auf, handelt es sich um eine Erkrankung, die diagnostiziert und behandelt werden sollte. Das Schlafwandeln ist eine Arousal-Störung, die direkt aus dem Tiefschlaf kommt: Betroffene befinden sich in der Tiefschlafphase, jedoch nimmt die Muskelanspannung bei ihnen nicht ab.

Tiefschlaf zeichnet sich durch langsame Delta-Wellen aus, die im Wachzustand nicht wahrnehmbar sind. Steigt der Anteil dieser Wellen im EEG über 20 Prozent, handelt es sich um Tiefschlaf.

„Bei einer Patientin, die sich zuvor beim Schlafwandeln verletzt hatte, wollten wir das Schlafwandeln reproduzieren“, sagt Eger. Im Delta-Schlaf dieser Patientin sei im Schlaflabor ein regelrechter Delta-„Burst“ zu erkennen gewesen. „Der Anteil der Delta-Wellen stieg immer weiter an, bis schließlich die Muskelgruppen aktiviert wurden“, so Eger. „In diesem Moment beginnt das Schlafwandeln.“

Achtung vor einer REM-Schlafverhaltensstörung

Schlafwandeln kann abgegrenzt werden von einer Epilepsie und von einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung: „Tritt die Aktivität in der ersten Nachthälfte auf, handelt es sich zumeist um ein Schlafwandeln“, sagt Eger. „Tritt sie in der zweiten Hälfte auf, ist eine REM-Schlafverhaltensstörung wahrscheinlicher.“

Normalerweise besteht in der REM-Schlafphase eine motorische Entkoppelung: Die Trauminhalte werden zwar bewusst erlebt – aber der Körper ist wie gelähmt. „Bei einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist die Entkoppelung bei den Betroffenen jedoch aufgehoben“, sagt Eger. „Sie leben ihren Traum wortwörtlich aus – und das kann verheerende Folgen haben.“

Wer im Traum um sich schlägt, schlage wirklich, so Eger. „Im besten Fall aufs Kopfkissen, im schlimmsten Fall auf den Bettpartner. Ich weiß von einem Fall in den USA, wo dieses Verhalten den Tod des Partners zur Folge hatte.“

Narkolepsie – die Schlafkrankheit

Narkolepsie, im Volksmund auch „Schlafkrankheit“ genannt, ist eine sehr seltene Störung der Schlaf-Wach-Regulation. Betroffene sind unfähig, sich wachzuhalten – und schlafen zum Beispiel mitten im Gespräch ein. Nicht nur wegen der immensen Gefahren im Alltag, etwa im Straßenverkehr, schränkt diese Krankheit die Lebensqualität dieser Betroffenen massiv ein.

Hintergrund: Die Schlaf-wach-Regulation wird durch eine bestimmte Menge von Orexin-produzierenden Zellen vorgenommen: den Nucleus suprachiasmaticus. „Wenn dieser Zellhaufen kein Orexin mehr produziert, ist die Schlaf-wach-Regulation gestört“, sagt Eger. „Betroffene schlafen dann einfach ein, vorwiegend in emotionaler Erregung, also bei Freude, Aufregung oder Ärger.“

Zähneknirschen – ein weit verbreitetes Phänomen

Zahlreiche Menschen leiden beispielsweise aufgrund von Stress unter nächtlichem Zähneknirschen, dem sogenannten Bruxismus. Viele von ihnen wissen noch nicht einmal, dass sie betroffen sind. Der Zahnarzt kann jedoch die Folgen an den Zähnen schnell erkennen und eine sogenannte Knirscherschiene verschreiben. Sie schützt die Zähne. Gegen die Ursachen helfen aber nur Entspannungsübungen und Stressreduktion durch Yoga, Autogenes Training, Qiqong Muskelentspannung nach Jacobsoen oder andere Anwendungen.

Sie sehen, es gibt viele Möglichkeiten und Ursachen, die zu einer Schlafstörung führen können. Wichtig ist es, die genaue Ursache herauszufinden und eine auf Ihre Bedürfnisse zugeschnittene Therapie zu beginnen.