Darmkrebs und Psyche: seelische Belastungen verstehen und meistern
Perspektive der Psychoonkologie

Darmkrebs und Psyche: seelische Belastungen verstehen und meistern

Darmkrebs zählt neben Brust- und Prostatakrebs zu den häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland. Die Diagnose reißt Betroffene aus ihrem Alltag, der Krebs rückt ins Zentrum des täglichen Lebens. Was macht das mit der seelischen Gesundheit?

Im Gespräch mit dem Psychoonkologen Dr. Gerald Ullrich am Onkologischen Zentrum der Helios Kliniken Schwerin, erklären wir Ihnen, wie Betroffene aber auch Angehörige der Diagnose Darmkrebs begegnen können.  

 

An Darmkrebs werden laut dem Robert Koch-Institut im Jahr 2020 circa 31.300 Männer und 24.100 Frauen erkranken. Betroffen sind vor allem ältere Menschen: Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei Frauen bei 76 Jahren und bei Männern bei 72 Jahren.

Die Mortalitätsrate ist in den letzten Jahrzehnten Dank medizinischer Fortschritte rückläufig. So liegt die 10-Jahres-Überlebensrate bei Menschen mit Darmkrebs zwischen 56 und 60 Prozent. Das heißt: 10 Jahre nach der Diagnose leben noch 56 bis 60 von 100 ursprünglich erkrankten Personen.

Was macht eine Krebserkrankung mit der Psyche?

Ältere Dame liegt im Bett und denkt nach
Viele Erkrankte befinden sich zunächst in einem Schockzustand | Foto: Canva

Eine Krebserkrankung stürzt viele Menschen in eine existenzielle Krise. Das Leben, das sie bisher kannten, wird in seinen Grundfesten erschüttert. Die meisten Betroffenen beschreiben ihr Befinden zunächst als einen Schockzustand, in den sich Verzweiflung, Wut und Auflehnung (Nichtwahrhaben wollen) mischen. Es ist der Startpunkt für einen Prozess, der in der Psychologie als Krankheitsbewältigung bezeichnet wird. In seinem Verlauf wird die Krebserkrankung mehr und mehr realisiert und oftmals auch akzeptiert.

Auch wenn am Beginn fast immer eine Art Schock steht, führt die Diagnose Krebs und Darmkrebs bei den meisten Menschen nur kurzfristig zu einer seelischen Überforderung, aber nicht zu einer anhaltenden Störung des inneren Gleichgewichts, betont Dr. Ullrich im Gespräch mit uns. „Gleichwohl kann es in jedem Abschnitt des Krankheitsprozesses auch zu Überforderungen kommen, die eine psychoonkologische Unterstützung sinnvoll oder auch notwendig erscheinen lassen.“

Zwar wissen wir seit dem Kindesalter, dass alle Menschen irgendwann sterben werden, aber zu merken, was das eigentlich heißt, ist etwas Anderes, und das macht sich im Diagnoseschock bemerkbar.

Dr. Gerald Ullrich, Psychoonkologe am Onkologischen Zentrum | Helios Kliniken Schwerin

Was macht die Diagnose Darmkrebs mit Betroffenen?

„Eine Darmkrebserkrankung zieht den Betroffenen oft den Boden unter den Füßen weg. Wichtig sind jetzt verlässliche Informationen, um sich im Alltag mit Krebs zu orientieren“, sagt Dr. Gerald Ullrich.
Nach einem ersten Schock helfen die Informationen den Patienten zu erkennen, dass eine Heilung wahrscheinlich ist, wenn der Krebs früh erkannt wurde. Gesicherte Informationen bieten etwa der behandelnde Arzt, der Hausarzt oder auch Broschüren und Krebsinformations-Webseiten.

Was ist mir wirklich wichtig

„Zwar wissen wir seit dem Kindesalter, dass alle Menschen irgendwann sterben werden, aber zu merken, was das eigentlich heißt, ist etwas Anderes, und das macht sich im Diagnoseschock bemerkbar“, so der Psychoonkologe. Viele Menschen beginnen dann, sich mit der verbleibenden Lebenszeit zu beschäftigen. „Die Patienten fragen sich, was ihnen jetzt wirklich ist“, sagt der Schweriner Psychoonkologe. So kann die durch die Krankheit erzwungene Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit auch zu einer Quelle von Kraft und Energie werden. Krebskranke können aus der Rückbesinnung auf sich selbst Lebensqualität schöpfen.

Wie sieht mein neues Leben aus?

Mann liegt im Krankenbett, Ärztin sitzt daneben
Ein offener Umgang zwischen Patient und Arzt ist wichtig für die Behandlung | Foto: Canva

Die Frage, ob nach der Entfernung des vom Krebs befallenen Darmabschnitts die Funktion des Darms weiterhin uneingeschränkt ist oder nicht, hat für viele Patienten eine enorme Bedeutung. Es ist in einigen Fällen erforderlich, vorübergehend einen künstlichen Darmausgang (Anus praeter) anzulegen. Dieser kann oft zurückverlegt werden, sobald die miteinander vernähten gesunden Darmabschnitte ausgeheilt sind. Die Zeit bis zur Rückverlegung des künstlichen Darmausgangs ist für viele Patienten eine harte Zeit, und mancher mag sich zu Beginn nicht vorstellen, jemals und auch nur vorübergehend mit einem künstlichen Darmausgang zurechtzukommen.  

Ist abzusehen, dass es sich um einen dauerhaft künstlichen Darmausgang handelt, besprechen die Chirurgen dies frühzeitig mit dem Patienten, um keine falschen Hoffnungen zu schüren und Raum für eine innere Vorbereitung auf den schmerzlichen Einschnitt zu verschaffen. „Für viele Darmkrebspatienten ist die Aussicht auf einen dauerhaften Anus praeter ein besonders schwerwiegender Aspekt der ohnehin schon schlimmen Krebsdiagnose“, so Dr. Ullrich. „Männer nehmen dies meist schwerer hin als Frauen. Auch Jüngere trifft es nochmal mehr.“ Gerade bei vergleichsweise „jungen“, unter 45-jährigen, Darmkrebspatienten ist dies nicht überraschend, da das körperliche Erscheinungsbild und die Auswirkungen der körperlichen Versehrung auf die Sexualität einen hohen Stellenwert haben.

Wie erwähnt, fühlen sich viele Darmkrebspatienten gerade zu Beginn mit einem künstlichen Darmausgang überfordert. Nicht zuletzt, weil das Thema Ausscheidungen, insbesondere Stuhlgang, oft tabuisiert wird oder mit Ekel besetzt ist. „Die Vorstellung, dass sie dauerhaft ein Leben mit diesem „Ersatzkörperteil“ führen müssen, fällt vielen Betroffenen begreiflicherweise schwer“, so Dr. Gerald Ullrich.

Die sich an die Behandlung anschließende Reha ist hier meist ein hilfreicher Rahmen, um sich schrittweise der unüberwindlich erscheinenden Hürde anzunähern – mit dem Ziel, sie irgendwann (und meistens bald) zu akzeptieren.

Was hilft im Umgang mit der Erkrankung?

Durch eine Krebserkrankung sind Patienten vielen „Stressquellen“ ausgesetzt, die sie zum Teil nur wenig kontrollieren können. Stress resultiert beispielsweise aus dem Verlust der persönlichen Sicherheit und des Vertrauens in eine lange Zukunft. Daneben spielt der mit der Behandlung einhergehende Stress natürlich eine herausragende Rolle. Aber: Stress resultiert auch aus vielen kleinen und großen Belastungen, die eine Krebserkrankung im persönlichen, sozialen und beruflichen Umfeld erzeugt.

„Techniken, die ein positives Gegengewicht erzeugen, helfen Patienten im Umgang mit diesem krankheitsbedingten Stress“, sagt Dr. Ullrich.

Zu solchen Techniken gehören:

  • körperliche Aktivität und Sport
  • die Aufmerksamkeit für positive Erlebnisse und Erfahrungen im Alltag stärken
  • Entspannungstechniken, wie Muskelentspannung nach Jacobsen, autogenes Training, Yoga, Tai-Chi
  • größere Wachsamkeit für die Vermeidung von Stress

„Trotz allem sollten sich Betroffene eine „Fehlerfreundlichkeit“ bewahren und damit rechnen, dass nicht alles so gelingen wird, wie sie es sich wünschen. Das ist oft leichter gesagt als getan, aber wichtig für den Umgang mit der Erkrankung“, weiß der Psychoonkologe.

Mit Kindern über Darmkrebs und Folgen sprechen

Eltern und Jugendliche im Gespräch
Offene Gespräche mit Kindern über die Krankheit sind wichtig | Foto: Canva

Wenn einer der Großeltern oder gar ein Elternteil an Darmkrebs erkrankt, spüren auch Kinder die Veränderungen. Wichtig ist ein wohlbedachtes Vorgehen, um das Kind mit der Wirklichkeit vertraut zu machen.

„Die Krebserkrankung von Kindern fernhalten, indem nicht darüber gesprochen wird, misslingt in aller Regel. Besorgte Gesichter oder verweinte Augen verraten dem Kind, dass etwas nicht stimmt und schüren Sorgen und Ängste“, sagt Dr. Gerald Ullrich. Solche Ängste und Sorgen kann das Kind dann im schlimmsten Fall nicht mit seinen Eltern teilen, weil es kein Gehör findet.

Im Zweifel ist es ratsam, wenn sich Eltern hier Rat und Unterstützung suchen, an erster Stelle beim Kinderarzt, oder auch im Rahmen eines – mitunter bloß einmaligen – Beratungsgespräches mit einem Psychologen. (Siehe auch unten, Informationsquellen).

„Jede Familie hat ihren eigenen Umgang mit Krisen, daher braucht es auch eine gewisse Zeit, bis Eltern wissen, wie sie bei solch einer Diagnose am besten mit ihrem Kind reden“, sagt Dr. Ullrich.

Die Krebserkrankung von Kindern fernhalten, indem nicht darüber gesprochen wird, misslingt in aller Regel. Besorgte Gesichter oder verweinte Augen verraten dem Kind, dass etwas nicht stimmt und schüren Sorgen und Ängste.

Dr. Gerald Ullrich, Psychoonkologe am Onkologischen Zentrum | Helios Kliniken Schwerin

An wen können sich Betroffene wenden?

Persönliche Gespräche mit Experten:

  • Psychoonkologen im Krankenhaus oder in der Reha
  • Niedergelassene Psychotherapeuten
  • Krebsberatungsstellen oder auch Lebensberatungsstellen

Austausch mit anderen Erkrankten:

  • in der Rehaklinik
  • Selbsthilfegruppen
  • Online-Foren

Informationsquellen

  • Netzwerk Krebsmedizin Helios
  • Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums
  • Deutsche Ilco e. V.
  • Felix-Burda-Stiftung
  • Flüsterpost e.V.

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