Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie

SOP Suchtspezifische Anästhesie

 

1 Allgemeine Gesichtspunkte

Patienten mit Suchtkrankheiten sind chronisch krank und bedürfen aufgrund des häufig veränderten Bedarfs an Anästhetika und Analgetika sowie ggf. spezifischer Begleit- oder Drogenersatztherapie, Begleiterkrankungen und schwierigen Venenverhältnissen besonderer Aufmerksamkeit. Das gilt auch für Patienten mit Z. n. Drogenabusus.

  • Der Opioidbedarf heroinabhängiger oder methadonsubstituierter Patienten ist aufgrund einer Toleranzentwicklung gegen Opioide deutlich erhöht (30 – 100%).
  • Bei chronischen Alkoholabusus kann die Sensibilität für Anästhetika sowohl reduziert als auch gesteigert sein. Einerseits führt Alkoholkonsum zu einer Enzyminduktion des P450-Systems und Kreuztoleranz gegenüber Anästhetika, andererseits kann bei Leberzirrhose der Metabolismus verzögert sein.
  • Begleiterkrankungen wie Leberzirrhose mit Gerinnungsstörungen, Kardiomyopathien, Arrhythmien, Elektrolytstörungen und Anämie sind häufig. 
  • erhöhtes Aspirationsrisiko aufgrund einer alkoholbedingten verzögerten Magenentleerung und nicht immer vorhandener Compliance.
  • Bei Regionalanästhesieverfahren muss besonderes Augenmerk auf eine intakte plasmatische Gerinnung und die Thrombozytenfunktion gelegt werden.
  • Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens körperlicher Entzugssymptome ist unabhängig von der Bewusstseinslage möglich, d.h. auch in Narkose.
  • Eine Allgemeinanästhesie unter akuter Wirkung von Alkohol oder allen anderen Drogen darf nur im Notfall erfolgen.
  • bei intravenösem Drogenkonsum an Hepatitis C, HIV und Endokarditis denken

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2 Anästhesie und Analgesie bei Suchtkranken

2.1 Prämedikation

  • möglichst genaue Substanzanamnese mit Art, Menge und Zeitpunkt des letzten Konsums
  • Die Indikation für Midazolam großzügig stellen, z.B. bei Bedarf 7,5 mg p.o.
    Achtung: bei schlechtem Allgemeinzustand in einer Kombination mit Opioiden und/oder Alkohol über eine mögliche Atemdepression denken
  • Keine Opioide
  • Bei Substitutionstherapie: (Levo-)Methadon übliche Substitutionsdosis, Naltrexon 24 – 48h vor OP absetzen, Buprenorphin ggf. umstellen auf Methadon, wenn intra- oder postOP erhöhter Opiatbedarf erwartbar
  • Bei aktivem Opioidmissbrauch Levomethadon 10 – 20 mg als Einmalgabe
  • Bei einer hypertensiven Entgleisung durch Kokain- oder Ecstasymissbrauch ß-Blocker geben
  • Bei Gefahr eines Alkoholentzugssyndroms ergänzend Clonidin 150 µg. p.o. und Thiamin 100 mg i.v. nach Absprache mit dem Bereichs-OA anordnen

2.2 Anästhesie

2.2.1 Primär Regionale Verfahren

Cave: Psychische Besonderheiten und Infektionen an der Einstichstelle beachten.

  • großzügige Indikation zu Katheterverfahren. 
  • Lokalanästhetikadosis wie üblich
  • epidurale Opioidgabe möglich
  • Zusatz von Clonidin (z. B. 0,5 µg/Kg), Verlängerung der Wirkungsdauer des Lokalanästhetikums bei Single shot-Technik.

2.2.2 Allgemeinanästhesie

  • Allgemeinanästhesie möglichst unter zusätzlicher Nutzung regionaler Verfahren; falls regionale Verfahren nicht möglich, zumindest Lokalanästhesieverfahren wie LA-Infiltration, Gelenkinstillation, Wundkatheter durchführen
  • Gabe von Opioiden nach der Hypnotikagabe (Propofol)
  • Inhalationsnarkotika zur Aufrechterhaltung der Anästhesie bevorzugen (Matabolismus/Steuerbarkeit)
  • bei Opioidabusus vor Schnitt Esketamingabe (25 – 50 mg)
  • bei persistierender Tachykardie/Hypertonie trotz Anästhesievertiefung und angepasster Analgesie Clonidin (150 – 300 µg) zur vegetativen Dämpfung
  • bei intraoperativer Tachykardie, Hypertension, Schweißausbrüche etc. an intraoperartiven Entzug denken
  • kontraindiziert:
    Remifentanil (akute Toleranz, Entwicklung einer Hyperalgesie)
    ntagonisten (Naloxon, Flumazenil)
  • relativ kontraindiziert
    Succinylcholin (Rhabdomyolyse), Indikation streng überprüfen

2.3 Analgesie

  • Regionalanästhesie ⇒ siehe oben
  • für systemische Analgesie nur reine Morphin-Agonisten (z. B. Morphin) verwenden; um eine psychotrope Wirkung von Bolusgaben zu vermeiden die Opioidgabe als eine kontinuierliche Dauerinfusion durchführen.
  • Retardpräparate (Oxycodon), Clonidin 150 – 300 µg i.v. (opioidsparend), Ketamin 0,05 – 0,1 mg/kg/h i.v. (antihyperalgetisch), Lidocain 2 mg/kg/h i.v. nach Bolus 1,5 mg/kg i.v. (siehe SOP Schmerztherapie).
  • Nichtopioide (NSAID, COX-2-Hemmer).
  • Co-Analgetika (Antidepressiva, z. B. Amitriptylin; Antikonvulsiva, z. B. Gabapentin).

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3 Besonderheiten bei Z. n. Drogenabusus

  • Die Suchterkrankung ist eine chronische Erkrankung, auch nach Jahren der Abstinenz kann es zum Rückfall kommen. Stress, Angst und Schmerzen gelten als potenzielle Auslöser für einen Rückfall.
  • Psychische Komorbiditäten bestehen häufig weiter.
  • Opioide können wieder normal dosiert werden, da die vormalige Toleranz schon nach einigen Tagen ausbleibenden Drogenkonsums nicht mehr vorhanden ist.
  • Eine insuffiziente Schmerztherapie postOP kann zu einem Rückfall führen.

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Stand: 18.08.2020

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