Alles, was Sie über künstliche Befruchtung wissen müssen
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Unerfüllter Kinderwunsch

Alles, was Sie über künstliche Befruchtung wissen müssen

Ungewollte Kinderlosigkeit betrifft in Deutschland rund jeden Zehnten. Welche Möglichkeiten bietet die künstliche Befruchtung? Wie hoch sind die Erfolgschancen? Und: Wer übernimmt die Kosten?

Die wichtigsten Fragen beantworten Professor Jürgen Kleinstein, deutschlandweit renommierter Experte für Reproduktionsmedizin, und Alexander Schaefer, verantwortlich für alle Fertilitätsangebote der Helios Health.

Frau und Mann freuen sich über positiven Schwangerschaftstest
Dass es ein paar Monate dauert, bis ein Paar sich über den positiven Schwangerschaftstest freuen darf, ist ganz normal | Foto: Canva

Monat für Monat das gleiche endlose Warten: Zuerst auf die fruchtbaren Tage im weiblichen Zyklus. Anschließend auf den sogenannten „NMT“ – den „Nicht-Menstruations-Tag“. Setzt die Monatsblutung dann doch ein, fallen viele Frauen mit Kinderwunsch in ein Loch: Wieder hat es nicht mit dem Baby geklappt. Wieder warten.

Dass es ein paar Monate dauert, bis ein Paar sich über den positiven Schwangerschaftstest freuen darf, ist ganz normal: „Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft liegt bei etwa 20 bis 30 Prozent pro Zyklus und ist abhängig von Alter und Veranlagung der Paare. Ab 30 lässt die Fruchtbarkeit bei Frauen aber bereits nach. Die Chance einer Schwangerschaft liegt mit 35 Jahren nur noch bei etwa 15 Prozent je Zyklus, mit 40 sogar nur noch bei 10 Prozent. Gleichzeitig steigt leider das Risiko für Fehlgeburten“, sagt Prof. Dr. med. Jürgen Kleinstein, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit dem Schwerpunkt Reproduktionsmedizin und Gynäkologische Endokrinologie.

Grundsätzlich gilt: Ist eine gesunde Frau unter 35, mit regelmäßigem Zyklus und  Geschlechtsverkehr nach einem Jahr noch nicht schwanger, sollte sie mit ihrem Frauenarzt sprechen. Bei Frauen über 35 Jahren verkürzt sich diese Spanne: Hier sollte der Frauenarzt bereits nach sechs Monaten einbezogen werden.

Wichtige Untersuchungen bei unerfülltem Kinderwunsch

Arzt im Gespräch mit Mann und Frau
Bei einem unerfüllten Kinderwunsch sollten Paare einen Kinderwunschexperten aufsuchen | Foto: Canva

„Den Frauenarzt beziehungsweise die Frauenärztin bezeichnet man zu Recht auch als „Hausarzt der Frauen“. Aufgrund ihrer Ausbildung kennen sie sich mit dem Zyklus der Frau und seinen Störungen sehr gut aus“, so der Kinderwunschexperte. „Bei unerfülltem Kinderwunsch sollte zunächst kontrolliert werden, ob ein Eisprung stattfindet. Außerdem muss eine Gelbkörperschwäche ausgeschlossen werden und die Durchlässigkeit der Eileiter gesichert sein. Per Ultraschall sollte überprüft werden, ob Eierstockszysten, polyzystische Ovarien – kurz PCO-Syndrom – und Myome vorliegen“, sagt Professor Kleinstein.

Eine Hormonanalyse unter Einschluss des Anti-Müller-Hormons – AMH –und des für die Schilddrüse wichtigen TSH gibt Informationen über Zyklus- und Schilddrüsenfunktion sowie die Eizellreserve. „Störungen der Schilddrüse sind bei Frauen vergleichsweise häufiger zu finden und müssen eventuell durch den internistischen Endokrinologen abgeklärt werden“, so der Reproduktionsmediziner. Nicht zuletzt gilt es, auch die Gerinnung zu überprüfen: Eventuell vorliegende Störungen werden auf Basis von Blutproben durch Labormediziner und entsprechende Spezialisten diagnostiziert und bewertet.

In circa 35 Prozent der Fälle sind die Ursachen bei der Frau zu finden, in rund 30 Prozent beim Mann und in nochmal 30 Prozent bei beiden Partnern. Bei ungefähr 5 Prozent der Paare lässt sich keine Ursache finden.

Prof. Prof. Dr. Jürgen Kleinstein Department Mikrochirurgie | Helios Health

Wann ist die künstliche Befruchtung sinnvoll?

Sind alle Untersuchungen ohne Befund oder tritt trotz Behandlung der Frau keine Schwangerschaft ein, sollten sich Paare nicht scheuen, eine Kinderwunschsprechstunde aufzusuchen. Spätestens hier wird die Spermienqualität des Mannes überprüft: Ist die Spermienkonzentration reduziert? Wie hoch ist der Anteil normal geformter Spermien? Ist die Beweglichkeit der Spermien eingeschränkt?

Wie wichtig die Untersuchung beider Partner ist, zeigt die ungefähre Verteilung der Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit: „In circa 35 Prozent der Fälle sind die Ursachen bei der Frau zu finden, in rund 30 Prozent beim Mann und in nochmal 30 Prozent bei beiden Partnern. Bei ungefähr 5 Prozent der Paare lässt sich keine Ursache finden“, so Professor Jürgen Kleinstein.

Welche Methoden der künstlichen Befruchtung gibt es?

Petrischale mit befruchteten Eizellen
Embryokulturschale für die IVF | Foto: Canva

Grundsätzlich unterscheidet man die künstliche Befruchtung durch Intrautrine Insemination (IUI) oder durch In-vitro-Fertilisation (IVF). Während bei der IUI die Spermien in den Gebärmutterhals, die Gebärmutter oder den Eileiter eingebracht werden und dann selbständig zur Eizelle finden, erfolgt bei der IVF-Behandlung die Befruchtung außerhalb des weiblichen Körpers, die befruchtete Eizelle wird später eingesetzt. Auch bei einer IVF gibt es verschiedene Verfahren: Einmal können Eizelle und männliche Spermien in einer Nährlösung zusammengebracht werden, eine der Samenzellen verschmilzt dann eigenständig mit der Eizelle. „Bleibt das erfolglos oder besteht beim Mann eine schwere und nicht medikamentös therapierbare Unfruchtbarkeit, kann die Samenzelle auch mittels „Spritze“ in die Eizelle eingebracht werden. Dieses Verfahren nennt sich ICSI“, erklärt Professor Kleinstein.

Die klassische IVF kommt beispielsweise nach dem Verlust der Eileiter, bei einem operativ nicht korrigierbaren Eileiterschaden, bei Endometriose, einer milden Fertilitätsstörung – sprich Unfruchtbarkeit – des Mannes oder nicht erklärbare Kinderlosigkeit zum Einsatz. Eine IUI wird versucht, wenn die Spermienqualität beziehungsweise -menge unzureichend ist oder eine Schwäche im Gebärmutterhals vorliegt.

Welche Risiken birgt eine künstliche Befruchtung?

Bevor sich Paare für die künstliche Befruchtung entscheiden, werden sie über die möglichen Risiken der Behandlung aufgeklärt. „Wichtig ist, dass man bei der Frau das sogenannte Überstimulationssyndrom vermeidet. Es kann mit vergrößerten Eierstöcken, vielen Eibläschen, Flüssigkeitsansammlung, Schmerzen und Kreislaufinstabilität einhergehen“, so der Arzt. Um schwerwiegende Komplikationen zu verhindern, kann beispielsweise nur ein Embryo eingesetzt werden. „Der Transfer von nur einem Embryo, zum Beispiel als Blastozyten-Transfer, ist die wirksamste Komponente um kindliche Gefährdungen in Form von Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden“, sagt Professor Jürgen Kleinstein. Bei ungünstiger Konstellation sollte gegebenenfalls auch zugunsten des Transfers zu einem späteren Zeitpunkt auf den aktuellen Embryotransfer verzichtet werden.

Schwangerschaften durch künstliche Befruchtung sind nicht per se Risikoschwangerschaften. Aufgrund des meist fortgeschrittenen Alters der Patientinnen, verschiedener Einschränkungen der Fruchtbarkeit und einem höheren Risiko für Schwangerschaftsdiabetes werden die Schwangeren jedoch engmaschig betreut.

Wie hoch sind die Erfolgschancen?

Unabhängig von der Statistik hat jedes Paar individuelle Erfolgschancen, die vom Alter, dem allgemeinen Gesundheitszustand, Vorerkrankungen und dem Lebensstil bestimmt sind. „Man muss dabei Schwangerschafts- und Geburtenrate unterscheiden. Denn: Nicht jede Schwangerschaft führt auch zu einer Geburt. Je Embryotransfer nach einer IVF oder ICSI liegt die Schwangerschaftsrate bei einer 30-jährigen Frau bei rund 35 bis 45 Prozent, die Geburtenrate bei rund 25 bis 35 Prozent. Leider nimmt die Erfolgschance bereits ab dem 31. und insbesondere ab dem 35. Lebensjahr deutlich ab, während die Anzahl der Fehlgeburten steigt“, sagt Alexander Schaefer, der bei Helios Health alle Angebote rund um die Reproduktionsmedizin verantwortet.

Während in den meisten europäischen Ländern auch Eizellspenden erlaubt sind, ist dies in Deutschland verboten. „Das beruht im Wesentlichen auf der Begründung, dass eine gespaltene Mutterschaft für die entstehenden Kinder zu einer psychologischen Belastung führen würde. Außerdem will man einen möglichen Handel mit menschlichen Eizellen unterbinden. Dass diese Argumentation widersprüchlich ist, wird mit Blick auf die Samenspende deutlich. Sie hat im Grunde einen ähnlichen Charakter – ist aber in Deutschland legal“, so Schaefer.

Nicht jede Schwangerschaft führt auch zu einer Geburt. Je Embryotransfer nach einer IVF oder ICSI liegt die Schwangerschaftsrate bei einer 30-jährigen Frau bei rund 35 bis 45 Prozent, die Geburtenrate bei rund 25 bis 35 Prozent.

Alexander Schaefer, Executive Director Fertility | Helios Health

Wer trägt die Kosten einer künstlichen Befruchtung?

Die künstliche Befruchtung kostet in Deutschland je Zyklus circa 800 Euro bei einer IUI, rund 3000 Euro bei einer IVF und rund 5000 Euro bei einer ICSI. Dazu kommen Medikamentenkosten von 700 bis 1500 Euro. „Bei der Kostenübernahme sind die meisten gesetzlichen Krankenkassen leider sehr restriktiv. Wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, können in der Regel 50 Prozent der Kosten für eine eingeschränkte Zahl an Behandlungszyklen übernommen werden. Meist sind das bis zu drei IVF beziehungsweise ICSI und bis zu acht IUI“, weiß Alexander Schaefer.

Die Kriterien können zwar je nach Krankenkasse variieren, in der Regel sind aber folgende Voraussetzungen zu erfüllen.

Das gilt für gesetzlich Versicherte:

  • Nachweis medizinischer Notwendigkeit
  • verheiratetes heterosexuelles Paar
  • Ei- u. Samenzellen der Partner werden verwendet (keine Spende)
  • Alter: Frau 25 bis 40 Jahre; Mann 25 bis 50 Jahre

Private Krankenkassen haben sehr unterschiedliche Regelungen und Tarife. Oft werden jedoch bis zu 100 Prozent der Kosten übernommen. Die Voraussetzungen für die Kostenübernahme sind hier oft etwas günstiger für die Patientinnen und Paare.

Das gilt für Privatversicherte:

  • Keine starren Altersgrenzen
  • Ehe ist kein Muss
  • Samenspende kann in Anspruch genommen werden
  • Behandlung im europäischen Ausland könnte übernommen werden, wenn diese Behandlung auch in Deutschland legal ist

„Bei privaten Versicherungen muss aber meist eine medizinische Erfolgswahrscheinlichkeit von mehr als 15 Prozent nachgewiesen werden“, so Professor Kleinstein. Außerdem kann es zu Schwierigkeiten kommen, wenn beide Partner bei unterschiedlichen Versicherungen sind.

Gut zu wissen: Viele Bundesländer und auch der Bund bieten Förderprogramme an, deren Voraussetzungen oft ähnlich denen der gesetzlichen Krankenversicherungen sind und die eine zusätzliche Erstattung von jeweils 12,5 Prozent je Partner – insgesamt also 25 Prozent – ermöglichen. „Eine Vorreiterrolle nimmt hier Rheinland-Pfalz ein, das als erstes Bundesland seit dem 1. März 2021 auch lesbische Paare fördert, die krankheitsbedingt keine Kinder bekommen können“, weiß Alexander Schaefer.

Schwangerschaft nach Eileitersterilisation

Eine Sonderform in der Reproduktionsmedizin ist die sogenannte „Refertilisierung“, bei der eine Eileitersterilisation rückgängig gemacht wird. „Hier handelt es sich also nicht um eine künstliche Befruchtung, sondern um die Wiederherstellung der Fruchtbarkeit bei Frauen, die in der Regel bereits mehrere Kinder geboren haben“, erklärt Prof. Jürgen Kleinstein, der in der Helios Klinik Köthen diesen Eingriff anbietet.

Häufig kommen zu ihm Patientinnen, die in einer neuen Partnerschaft nochmal einen Kinderwunsch haben. „Der große Vorteil einer Refertilisierung besteht in der Möglichkeit, Zyklus für Zyklus schwanger werden zu können – ohne aufwendige Stimulation der Eierstöcke.“ Der Erfolg gibt ihm Recht: Inzwischen werden in Köthen die meisten Refertilisierungen der DACH-Länder (Deutschland, Österreich und Schweiz) durchgeführt.