Die richtige Ernährung bei Gicht
Purinarm sollte es sein

Die richtige Ernährung bei Gicht

Gibt es die richtige Ernährung bei Gicht? Ja. Aber dabei handelt es sich nicht etwa um eine spezielle Diät, sondern vielmehr um eine gesunde Ernährungsumstellung. Ziel ist, den Harnsäurespiegel zu senken.

Andrea Stallmann ist Diätassistentin, Ernährungsberaterin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und Ernährungspsychologin im Helios Cäcilien-Hospital Hüls. Sie weiß, worauf es bei der Ernährung bei Gicht ankommt und hat Tipps für einen gesunden Alltag.

In der Regel erkranken eher Männer an Gicht. Etwa acht von zehn Patienten sind männlich.

Andrea Stallmann, Diätassistentin, Ernährungsberaterin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und Ernährungspsychologin | Helios Cäcilien-Hospital Hüls

Wie entsteht Gicht?

Frau fasst sich an das Handgelenk
Bei Gicht können sich die Gelenke entzünden | Foto: Canva

"Gicht ist eine Purin-Stoffwechselerkrankung, bei der sich die Gelenke entzünden können", so Andrea Stallmann. Durch eine hohe Harnsäurekonzentration im Blut lagern sich Harnsäurekristalle in den Gelenken, Schleimbeuteln, Sehnen oder im Ohrknorpel ab. Das führt zu Entzündungen und im Verlauf zu Schäden an den Gelenken.

Beträgt der Anteil der Harnsäure im Blut mehr als 6,5 mg/dl liegt eine Hyperurikämie vor. Betroffene haben dann zu viel Harnsäure im Blut.

Da der Körper die Harnsäure nicht abbauen kann, scheidet er sie vor allem mit dem Urin aus. Die erhöhte Harnsäurekonzentration kann zum einen durch eine vermehrte Bildung von Harnsäure und zum anderen durch eine verminderte Harnsäureausscheidung über die Nieren hervorgerufen werden.

In Deutschland leben circa 950.000 Menschen mit der Stoffwechselerkrankung. "In der Regel erkranken eher Männer an Gicht. Etwa acht von zehn Patienten sind männlich", so die Ernährungsexpertin.

Welche Ernährung löst Gicht aus?

Blonde Frau in Küche
Ernährungsberaterin Andrea Stallmann kennt sich mit purinarmer Ernährung bei Gicht aus | Foto: Markus Borsch

Das Entstehen von Gicht geht oft auf eine üppige Ernährung mit übermäßigem Alkoholkonsum zurück – das ist auch vielen Erkrankten bekannt. Betroffene sollten daher purinreiche Lebensmittel und Alkohol meiden.

Vor allem Fleisch, Wurst, Innereien und Fisch sind bei einem erhöhten Harnsäurespiegel ungünstig. Auch Hülsenfrüchte, Säfte und Softgetränke können den Harnsäurespiegel steigen lassen.

Die Ernährung spielt bei Gicht eine zentrale Rolle und kann Folgen für den Harnsäuregehalt im Blut haben. Die richtige Auswahl an Lebensmitteln kann dem entgegenwirken. "Sowohl zur Vorbeugung als auch zur Behandlung einer Gicht ist eine Ernährungsumstellung die beste Therapie", so Andrea Stallmann.

Ziel ist die dauerhafte Senkung des Harnsäurespiegels im Körper und ein Harnsäurewert unter sechs Milligramm pro Deziliter.

Dazu sollten Betroffene:

  • purinarm essen und trinken
  • Fruchtzucker meiden
  • Normalgewicht anstreben

Was sind Purine?

Purine sind Substanzen in Lebensmitteln. Sie kommen in jeder Zelle vor und sind für die Erbsubstanz und den Aufbau neuer Zellen notwendig.

Die Aufgaben der Purine:

  • Aufbau der DNA im Zellkern
  • Aufbau von Enzymen im Körper
  • Beteiligung am Energiestoffwechsel

Wie sieht eine purinarme Ernährung aus?

Markele zubereitet
Omega-3-Fettsäure reiche Fischarten können einmal pro Woche auf den Teller| Foto: Canva

"Wer sich purinarm ernähren möchte, sollte vor allem bei Fleisch- und Fischerzeugnissen, aber auch bei einigen pflanzlichen Lebensmitteln aufpassen", rät die Ernährungsexpertin. Das Übermaß an Harnsäure stammt aus den Purinen in der Nahrung.

Konkret heißt das, rotes Fleisch und Geflügel sollte nur in geringen Mengen gegessen werden. Fisch und Meerestiere sollten nicht mehr als einmal pro Woche auf den Tisch kommen. Dabei gilt auch, die Omega-3-Fettsäure reichen Fischarten zu bevorzugen, etwa Wildlachs, Makrele und Hering. Die Haut von Fleisch und Fisch, als auch Innereien, sind wahre Purinbomben und sollten eher gemieden werden.

"Anders als früher häufig empfohlen, gilt nicht mehr, dass die Zufuhr tierischer und pflanzlicher Proteine grundsätzlich reduziert werden sollte", so Andrea Stallmann. Eher das Gegenteil ist der Fall, denn insbesondere Nüsse und Hülsenfrüchte sind empfehlenswert, da sich deren Zusammensetzung auch bei Gicht-Patienten positiv auf das kardiovaskuläre Risiko auswirken kann.

Auch bei Getränken ist Vorsicht geboten. Bier, auch alkoholfrei, sowie Spirituosen enthalten viele Purine und sollten möglichst gemieden werden. Beim Bier ist das Problem auch die negative Beeinflussung des Harnsäurestoffwechsels – Alkohol kurbelt die Bildung von Harnsäure an und hemmt ihre Ausscheidung über die Nieren. Besonders kritisch ist das Bier, denn es enthält selbst Purine. Ab und zu ein Glas trockener Wein ist erlaubt.

Anders als früher häufig empfohlen, gilt nicht mehr, dass die Zufuhr tierischer und pflanzlicher Proteine grundsätzlich reduziert werden sollte

Andrea Stallmann, Diätassistentin, Ernährungsberaterin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und Ernährungspsychologin | Helios Cäcilien-Hospital Hüls

Die Obergrenze der täglichen Purinaufnahme liegt bei circa 500 Milligramm. Während und nach einem Gichtanfall sollte die Purinaufnahme auf höchstens 200 Milligramm pro Tag gesenkt werden.

Welche Lebensmittel sind purinarm?

Eier, Käse, Milch
Milchprodukte und Eier sind purinarm | Foto: Canva

Purine kommen in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor. Zu beachten ist, dass der Puringehalt einzelner Lebensmittel davon abhängig ist, wie das Produkt zubereitet wurde. So enthält gebratenes Fleisch mehr Purine als rohes Fleisch.

Bei Gicht ist eine ovo-lacto-vegetabile Ernährung günstig. Sie setzt sich aus Milchprodukten, Eiern und viel Gemüse (ausgenommen purinreiche Sorten wie Kohl, grüne Bohnen, Brokkoli, Spinat und Spargel) zusammen. Milch, Joghurt und Quark enthalten wenig bis gar keine Purine und können beliebig viel gegessen werden, ohne dass der Harnsäurespiegel steigt. Selbiges gilt für Eier und Hartkäse.

Auch eiweißreiche, pflanzliche Lebensmittel, etwa Getreideprodukte- oder -flocken passen gut auf den Speiseplan. Ebenso wie Kartoffeln, Eiernudeln, Weißbrot und Reis, die ebenfalls einen geringen Puringehalt haben. 

Neben der richtigen Ernährung ist auch eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr wichtig: zwei bis drei Liter Wasser, ungesüßte Kräuter- und Früchtetees sowie Kaffee sind hier empfehlenswert. Die aufgenommene Flüssigkeit verdünnt das Blut und führt dazu, dass Harnsäure besser ausgeschieden wird.

Diese Lebensmittel erhöhen die Harnsäure

Es gibt es ein paar Lebensmittel, die sich negativ auf den Harnsäuregehalt auswirken und einen Gichtanfall auslösen können.

 

Dazu zählen

  • Haut von Fisch
  • Innereien (Leber, Bries, Herz, Nieren)
  • fettreiches Fleisch, wie Haxe, Gans, Ente (insbesondere die Haut, lässt man diese weg, verringert sich der Puringehalt drastisch)
  • Speck, Schweine- und Gänseschmalz, Butterschmalz, Mayonnaise
  • fettreiche Wurst (z. B. Bratwurst, Mettwurst, Salami, Leberwurst)
  • Alkohol, insbesondere Bier, auch alkoholfreies
  • Softdrinks und Fruchtsäfte mit zusätzlichem Fruchtzucker (Fruktose)

Lebensmittel mit viel Purin pro 100 g gebildete Harnsäure (mg)
Forelle, Matjes mit Haut 310–320
Ölsardinen 345
Sprotten, geräuchert 800
Muscheln 370
Innereien (Leber, Nieren, Kalbsbries) 220–920
Geflügelhaut 300
Fleischextrakt, Bratensoße 3500
Hefe und Produkte daraus wie Hefeextrakt, Instantbrühwürfel 750–1810
Sojafleisch, trocken 355
Weizenkeime, 1 El = 10 g 85

Umrechnungshilfe:

1 mg Harnsäure entspricht etwa 0,42 mg Purine

1 mg Purine entspricht etwa 2,4 mg Harnsäure

Die Ernährungsexpertin rät: "Purinreiche Lebensmittel mit einem Gehalt von mehr als 250 mg Harnsäure sollten Betroffene besser ganz meiden, insbesondere Innereien."

Wieso sollte bei Gicht der Fruchtzucker eingeschränkt werden?

Frau hält Teetasse in den Händen
Früchtetees sind besser als mit Fruchtzucker gesüßte Säfte | Foto: Canva

Studien legen nahe, dass Gicht und Fruchtzucker zusammenhängen. So soll Fruchtzucker die Harnsäure-Ausscheidung behindern und dadurch Gichtanfälle fördern.

"Fruchtzucker ist ein Problem, aber nicht der tägliche Obstkonsum ist problematisch, sondern der industrielle Einsatz von Fruchtzucker als Süßungsmittel in Softdrinks, Multivitaminsäften, Müsliriegeln oder auch Süßigkeiten", sagt Andrea Stallmann.

Fruktose ist das einzige Kohlenhydrat, dass einen direkten Effekt auf den Harnsäuregehalt im Blut und Urin hat. Eine Ursache ist der physiologische Fruktose-Metabolismus im Körper, der zu einer Steigerung der körpereigenen Purin-Synthese führt. Fructose hemmt ähnlich wie Alkohol die Harnsäure-Ausscheidung. Gicht-Patienten sollten daher auf mit Fruktose gesüßte Säfte und Softdrinks verzichten.

Ausreichend trinken

Wer an Gicht leidet, sollte ganz besonders darauf achten, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen – mindestens zwei Liter Wasser oder auch Kräuter- oder Früchtetees täglich. Wassermangel kann ein auslösender Reiz für eine Gicht sein. Betroffene, die ausreichend trinken, tragen dazu bei, die Harnsäure im Blut zu verdünnen und können dadurch das Risiko eines Gichtanfalls verringern. 

Häufig gestellte Fragen rund um die Ernährung bei Gicht

"Bei einem zu hohen Körpergewicht besteht ein Risiko für die Stoffwechsel-Krankheit Gicht", so Andrea Stallmann. Liegt der Body-Mass-Index über 25, ist es ratsam abzunehmen. Dabei sollten Betroffene bei der Gewichtsreduktion langsam vorgehen und nicht mehr als zwei bis drei Kilogramm pro Monat verlieren. Denn: Eine zu schnelle Gewichtsabnahme kann ein Auslöser für einen Gichtanfall sein. Spezielle Gicht-Diäten gibt es nicht. Wer abnehmen möchte, sollte dazu mit seinem Arzt sprechen und einen individuellen Plan erstellen.

Vollkornbrot eignet sich besonders gut für eine purinarme Ernährung.

Gezuckerte Obstkonserven, Obstmus und kandiertes Trockenobst sollte möglichst gemieden werden. Auch beim Einsatz von industriellen Fruchtzucker ist Vorsicht geboten, da dieser den Harnsäureabbau hemmt. Gut sind hingegen zwei Hände voll frisches Obst  – egal was.

Hühnerfleisch, Putenfleisch ohne Haut und Putenaufschnitt sind in Maßen in Ordnung. Auch mageres Rind-, Kalb- oder Wildfleisch kann in Maßen auf den Speiseplan.

Der hohe Kaliumgehalt in Bananen hilft, Harnsäurekristalle in flüssige Form umzuwandeln, um sie beim urinieren aus dem Körper zu spülen. Zudem enthalten Bananen moderate Mengen an Vitamin C, das bei der Bekämpfung von Schwellungen und Schmerzen sehr effektiv sein kann. Aber: Bananen sollten nicht in größeren Mengen verzehrt werden. Besser ist Gemüse, das reich an Kalium und Vitamin C ist.

Vitamin C hat einen harnsäuresenkenden Effekt und kann bei Schwellungen und Schmerzen effektiv sein. Aber: Es bringt nichts, Vitamin C in großen Mengen zu sich zu nehmen, da der Körper dies nicht verwerten kann und dann einfach wieder ausscheidet.

Auf die Ernährung kommt es an

Anstatt sich bei einer Gichterkrankung auf eine bestimmte Diät zu konzentrieren, sollten Betroffene sich mehr mit dem Thema gesunde Ernährung beschäftigen und bestimmte Lebensmittelgruppen meiden. Wer übergewichtig ist, sollte langsam und bewusst abnehmen. Werden bestimmte Lebensmittel in der Ernährung gemieden, lassen sich Gichtanfälle vermeiden und Beschwerden verringern. Auch viel trinken verringert das Risiko von Gichtanfällen.