Covid-19: Genesen, aber mit Spätfolgen
Das wissen wir über Long-Covid

Covid-19: Genesen, aber mit Spätfolgen

Was heißt es für Menschen, wenn sie eine Corona-Infektion zwar überstanden haben und offiziell als genesen gelten, doch noch lange nicht gesund sind? Einige Betroffene leiden noch Wochen oder Monate an den Folgen der Infektion.

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben sich in Deutschland 1.183.655 Menschen nachweislich mit dem Corona-Virus infiziert. Rund 863.300 von ihnen gelten als genesen (Stand 07.12.2020). Aber was bedeutet das?

Genesen oder gesund – ein entscheidender Unterschied

Frau riecht an frischem Brot
Einige Betroffene riechen und schmecken trotz überstandener Infektion nichts | Foto: Canva

Den meisten Menschen, die eine Sars-CoV-2 Infektion überstanden haben, geht es gut. Doch circa 10 bis 20 Prozent haben anschließend mit Langzeitfolgen zu kämpfen – unabhängig davon, ob sie einen milden oder schweren Krankheitsverlauf hatten.

Professor Dr. Wolfgang Galetke, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Pneumologie in der VAMED Klinik Hagen-Ambrock, erklärt den Unterschied: „Wer eine akute Covid-19-Erkrankung überstanden hat, gilt als genesen. Das heißt, diese Person ist nicht mehr infektiös und hat keine akuten Symptome, wie Fieber, Luftnot oder Kopf- und Gliederschmerzen. Dennoch können weiterhin Folgesymptome bestehen. Wer gesund ist, ist komplett symptomfrei.“  

Wer eine akute Covid-19-Erkrankung überstanden hat, gilt als genesen. Das heißt, diese Person ist nicht mehr infektiös und hat keine akuten Symptome, wie Fieber, Luftnot oder Kopf- und Gliederschmerzen.

Professor Dr. Wolfgang Galetke, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Pneumologie | VAMED Klinik Hagen-Ambrock

Long-Covid oder auch Post-Covid-Syndrom

Noch ist wenig über die Spätfolgen von Covid-19 bekannt, da das Virus zu neu ist. Nach heutigem Kenntnisstand ist es schwer zu sagen, ob die Beschwerden dauerhaft sind oder nach einer bestimmten Zeit wieder verschwinden. Einen Namen für das Auftreten von Spätfolgen gibt es bereits: Long-Covid oder auch Post-Covid-Syndrom. Ins Leben gerufen haben die Bezeichnungen Betroffene selbst. Mittlerweile finden sie sich aber auch in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen von Fachgesellschaften wieder.

 „Long-Covid oder auch Post-Covid-Syndrom beschreibt den Zustand nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung, der durch fortbestehende Symptome gekennzeichnet ist. Erkrankungen der Lunge, des Nervensystems, der Blutgefäße oder der Muskulatur zählen zu den häufigsten Langzeitfolgen“, so der Chefarzt.

Wie häufig ist Long-Covid?

Die meisten publizierten Studien gehen davon aus, dass 10 bis 20 Prozent der Erkrankten an einem Long-Covid leiden.

Unklar ist bisher, welche Patientengruppen auch Wochen und Monate nach der Genesung noch mit Spätfolgen zu kämpfen haben. Bekannt ist, dass Patienten, die auf der Intensivstation lagen, in den meisten Fällen länger brauchen, um sich zu erholen. So haben über 80 Prozent der Schwerkranken auch nach drei Monaten noch Probleme in Folge ihrer Coronainfektion. „Derzeit scheint es so, dass vor allem Ältere, Patienten mit Vorerkrankungen und Patienten mit einem schwereren Verlauf eher Folgeschäden entwickeln“, so der Pneumologe.

Doch auch bei leichten Verläufen sind Langzeitfolgen möglich. Viele Patienten, die über Symptome von Long-Covid klagen, hatten einen leichten bis milden Verlauf. Häufig handelt es sich um junge Patienten ohne Vorerkrankungen und Risikofaktoren. Denn auch bei milden Verläufen kann das Virus die Blut-Hirnschranke überwinden und beispielsweise den Geschmacks- und des Geruchssinns verändern. In den meisten Fällen bilden sich diese Beschwerden innerhalb von zwei bis drei Wochen zurück, es kann es aber auch zu einer längeren Störung kommen.

Long-Covid oder auch Post-Covid-Syndrom beschreibt den Zustand nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung, der durch fortbestehende Symptome gekennzeichnet ist.

Professor Dr. Wolfgang Galetke, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Pneumologie | VAMED Klinik Hagen-Ambrock

Spätfolgen nach Corona-Infektion

Mann beim Sport erschöpft
Kurzatmigkeit beim Sport kann eine Folge von Covid-19 sein | Foto: Canva

Auch wenn das Virus nicht mehr nachweisbar und längst aus dem Körper verschwunden ist, sind viele Betroffenen noch nicht wieder gesund. Zu den häufigsten Beschwerden nach einer überstandenen Corona-Infektion zählen:

  • Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns
  • Anhaltende Erschöpfung und Müdigkeit
  • Atembeschwerden
  • Gelenkschmerzen

Oft eingeschränkte Lungenfunktion

„Am häufigsten beobachten wir pulmonale Spätfolgen, da vor allem die Lunge betroffen ist. In Röntgenbildern sehen wir nach einer Covid-19-Erkrankung oft narbige Veränderungen des Lungengewebes, von denen wir heute noch nicht wissen, ob sie jemals wieder verschwinden werden. Dies betrifft vor allem Patienten, die beatmet werden mussten“, so Prof. Dr. Wolfgang Galetke.

Sowohl Patienten, die beatmet wurden, als auch Erkrankte mit einer Lungenentzündung in Folge von Covid-19 leiden unter Belastungsluftnot, eingeschränkter Leistungsfähigkeit, Kurzatmigkeit beim Sport oder anhaltendem Husten. Genesene zeigen oft ein reduziertes Lungenvolumen.

Neurologische Schäden sind keine Seltenheit

Ein zahlreich auftretendes Symptom bei Covid-19 ist der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns. Diese Begleiterscheinung bleibt bei einigen Patienten noch über Wochen und Monate bestehen.

Andere Betroffene leiden unter Schwindel. Aber auch eine verringerte Merkfähigkeit oder ausgeprägte Konzentrationsschwäche sind mögliche Folgen der Infektion.

Nerven- und Muskelschwäche

Gerade nach einer längeren intensivmedizinischen Behandlung weisen Patienten eine typische Nerven- und Muskelschwäche auf, die als „Critical Illness“-Neuropathie beziehungsweise Myopathie bezeichnet wird. Intensivmediziner kennen diese Schwäche bereits von anderen Krankheitsbildern mit Langzeitbeatmeten. Der entscheidende Faktor ist hier also nicht die Sars-CoV-2-Infektion, sondern die Langzeitbeatmung.  

Durchblutungsstörungen

„Eine weitere Folge sind Durchblutungsstörungen an den Armen und Beinen“, so der Arzt. Diese entstehen während der intensivmedizinischen Behandlung, bei der es durch Sars-CoV-2 zu Mikrozirkulationsstörungen, also Durchblutungsstörungen in den kleinen Arterien, kommen kann.“  

Welche schwerwiegende Auswirkung die schlechte Durchblutung haben kann, hat Prof. Dr. Wolfgang Galetke bereits im eigenen Haus erlebt: So wurden in Hagen-Ambrock bereits zwei Patienten behandelt, denen nach überstandener Covid-19-Erkrankung Finger beziehungsweise Zehen amputiert werden mussten.

Chronische Müdigkeit

Frau sitzt mit Decke auf Sofa und fasst sich an den Kopf
Anhaltende Erschöpfung und Müdigkeit ist eine mögliche Folge von Covid-19 | Foto: Canva

Fatigue“ ist die medizinische Bezeichnung für die chronische Müdigkeit. Sie ist bereits von anderen Erkrankungen bekannt, die mit einer längeren intensivmedizinischen Behandlung einhergingen. Fatigue kann in manchen Fällen auch eine Begleiterscheinung bei chronischen Erkrankungen, wie Krebs, Rheuma und Aids sein oder in Folge einer Chemotherapie auftreten.

„Betroffene klagen über Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, fehlende körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sowie einen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus“, so Prof. Galetke.

Vermutet wird, dass nicht das Virus selbst zum Fatigue-Syndrom führt, sondern eine vom Virus hervorgerufene Entzündungsreaktion. Dabei kommt es zu einer Ausschüttung von Entzündungsstoffen im Körper, die länger anhaltende entzündliche Veränderungen in praktisch allen Organen hervorrufen können. Obwohl der Mensch schon gesund ist, scheint im Körper immer noch eine Entzündung zu schwelen.

Bislang ist das Erschöpfungssyndrom noch wenig erforscht, sodass Ärzte nicht genau wissen, was im Körper passiert und welche Rolle Covid-19 spielt.

Weitere Folgeschäden nach Corona

Genesene klagen zudem über Depressionen, unklare Hautveränderungen oder auch Herzrhythmusstörungen. Einige Patienten berichten über „brennende Missempfindungen“ in der Brust.

Die Vielfalt an Langzeitfolgen und Begleiterkrankungen zeigt, womit Betroffene trotz überstandener Covid-19-Erkrankung ihren Alltag bewältigen müssen. Da Sars-CoV-2 ein neuartiges Corona-Virus, wissen die Genesen und auch ihre behandelnden Ärzte nicht, ob die Beschwerden dauerhaft sind.

Organe und Psyche aktiv erholen

Oberstes Ziel ist, die Patienten in der Akutphase der Erkrankung so zu behandeln, dass Folgeschäden möglichst vermieden werden. Für Patienten mit fortwährenden Symptomen eignet sich nach der Akutbehandlung eine stationäre oder ambulante Rehabilitation. Auch für das Fatigue-Syndrom oder bei psychischen Folgeschäden wie Depressionen und Angststörungen gibt es Spezialisten im ambulanten Bereich, die unterstützen können.

„Vielen Patienten hilft es schon, wenn sie die Erlebnisse und die Erinnerungen an ihre Corona-Erkrankung mit jemanden teilen und besprechen können“, so Prof. Galetke. Zwei Patientinnen sind dem Chefarzt besonders im Gedächtnis geblieben: Zum einem eine Patientin, die ihre Mutter infizierte, welche dann an Covid-19 verstarb. Zum anderen eine Patientin, die beatmet wurde und nach dem Absetzen der Beatmungsmaschine erfahren musste, dass ihr ebenfalls infizierter Ehemann in der Zwischenzeit verstorben war. „In solchen Fällen ist es wichtig, auch die Seele zu heilen“, so Prof. Dr. Wolfgang Galetke.

Aus Sicht des Experten ist eine gesunde Lebensführung ratsam und sinnvoll. Wer vor Corona sportlich aktiv war, kann dies auch nach der überstandenen Infektion wieder werden – allerdings mit gebotenem Maß und einem langsamen Trainingsanstieg.

Welche Sorgen und Ängste haben Long-Covid-Patienten?

„Einige unserer Patienten haben die Sorge, ob sie jemals wieder ihre volle körperliche oder geistige Fähigkeit erreichen werden können oder ob Langzeitfolgen bleiben. Hinzukommt Angst um den Beruf – gerade auch bei langen Krankheitsverläufen“, so Prof. Galetke.

Tipps für den Umgang mit Long-Covid

Die meisten Covid-19-Patienten werden wahrscheinlich wieder ganz gesund. Wer die Infektion überstanden hat und an Folgeschäden leidet, sollte sich ärztlichen und/oder psychologischen Rat holen. Dies geht zunächst auch in der hausärztlichen Praxis, um zumindest körperliche Beschwerden zu lindern. Um längerfristige psychische Folgen zu verringern, sollten Spezialisten aufgesucht werden.

Prof. Galetke hat Tipps, die gegen Erschöpfung nach Covid-19 helfen können:

  • Grenzen erkennen: Machen Sie zwischendurch Pausen, wenn etwas zu anstrengend ist und sich Beschwerden verschlimmern. Es hilft auch, bei Aktivitäten öfters mal zu sitzen, statt zu stehen.
  • Planen: Nicht alles auf einmal und nicht alles einem Tag. Verteilen Sie Aufgaben und Aktivitäten auf mehrere Tage, so bleibt genug Zeit zum Ausruhen und der Körper erholt sich besser von der Infektion.
  • Prioritäten: Sie entscheiden, welche Aktivitäten wichtig sind und was warten kann.

„Wichtig ist, dass Betroffene sich und ihrem Körper Zeit geben, die Erkrankung zu verarbeiten und wieder zu Kräften zu gelangen“, so Prof. Galetke.

10 Punkte für Ihre Sicherheit

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Dieser Artikel gibt den derzeitigen Wissensstand des zuletzt aktualisierten Datums wieder. Er wird regelmäßig nach den neuesten wissenschaftlichen und medizinischen Kenntnissen aktualisiert.