„Viele Patienten haben Todesangst“
Intensivmedizin in der zweiten Corona-Welle

„Viele Patienten haben Todesangst“

Immer wieder vermeldet das RKI im Dezember neue Höchststände – zuletzt fast 30.000 Neuinfektionen und 1.000 Tote an einem Tag. Was bedeutet es, in der zweiten Corona-Welle auf einer Intensivstation zu arbeiten?

Am 27. Januar 2020 wird die erste Corona-Infektion innerhalb Deutschlands bekannt. Ein Mann aus Bayern hat sich bei einer chinesischen Kollegin angesteckt. Es folgt der Ausbruch in Heinsberg (NRW), kurz darauf gibt es bereits viele lokale Infektionsherde im ganzen Bundesgebiet.

Am 11. März stuft die Weltgesundheitsorganisation das Infektionsgeschehen durch das neuartige Corona-Virus als Pandemie ein. Ende des Monats steigen die Infektionszahlen in Deutschland exponentiell an – die erste Welle ist da.

Einen mehrwöchigen und harten Lockdown später beginnt der Sommer. Die Infektionszahlen sind niedrig, Deutschland verreist. Alle ahnen: Im Herbst wird die zweite Welle kommen. Niemand kann sich jedoch vorstellen, wie stark sie ausfallen wird.

Altenpfleger, Lehrer, Erzieher: Die Pandemie stellt viele Berufsgruppen vor Herausforderungen. Ganz besonders aber die Mitarbeiter in den deutschlandweit 1.160 Krankenhäusern mit intensivmedizinischen Betten. 89 davon gehören zu Helios. In einer von ihnen arbeitet Matthias Kempe. Er ist Fachpfleger für Intensivpflege an den Helios Weißeritztal-Kliniken am Standort Freital (Sachsen). Rund 230 Kilometer weiter nördlich leitet Professor Jörg Brederlau die Intensivstation des Maximalversorgers Berlin-Buch. Wie erleben beide diese zweite Welle?

Herr Kempe, wie sieht es derzeit auf Ihrer Intensivstation aus?

Matthias Kempe: Aktuell sind alle Betten auf der Intensivstation belegt. Wir haben viele Patienten, die an Covid-19 schwersterkrankt sind. Das Durchschnittsalter ist 65, das ist kein Alter heutzutage.

Professor Brederlau, Sie sind Chefarzt der Intensivmedizin in Berlin-Buch und haben als Fachgruppenleiter der Intensivmedizin gleichzeitig einen Überblick über die Lage in den anderen Helios Häusern. Ähnelt sie der Situation in Freital?

Jörg Brederlau: Wie es auf den Intensivstationen aussieht, hängt von der Region ab. Vom Normalbetrieb bis hin zum Arbeiten im Grenzbereich ist alles dabei – je nachdem, ob man sich in einem Covid-19-Hotspot befindet oder nicht. Das Personal auf einer Covid-19-belasteten Station wie in Berlin-Buch arbeitet seit Wochen am Limit. Wir haben in der sogenannten zweiten Welle immer zwischen 22 und 28 Covid-19 -Patienten. Logistisch gibt es keine Versorgungsengpässe, aber unsere Mitarbeiter stellen eine kritische Größe dar.

Was bedeutet es für Ärzte und Pflegekräfte, in einer solchen Ausnahmesituation zu arbeiten?

Mann in Schutzkleidung im Krankenhaus
ITS-Pfleger Matthias Kempe in voller Schutzmontur | Foto: Helios

Matthias Kempe: Es ist ein hoher emotionaler Stress. Neben dem pflegerischen Aufwand besteht auch aus emotionaler Sicht ein hoher Betreuungsbedarf. Die Patienten empfinden durch die Luftnot Todesangst und haben Stress. Man muss ihnen Geduld und Mut zusprechen, damit sie den Zustand tolerieren können. Nur so können wir ihr Stresspotential verringern. Zusätzlich sind wir permanent hochsensibilisiert, achten auf jede mögliche Veränderung und haben jedes Szenario im Blick, um sofort reagieren zu können.

Jörg Brederlau: Aktuell auf einer Intensivstation zu arbeiten, bedeutet in erster Linie eine körperlich sehr belastende Tätigkeit. Wir müssen die ganze Zeit in Schutzkleidung arbeiten. Hinzu kommt: Die meisten Patienten befinden sich im künstlichen Koma und werden beatmet. Wir müssen sie regelmäßig für 16 Stunden auf den Bauch umlagern. Das ist ein Kraftakt, der je nach Gewicht des Patienten bis zu fünf Leute erfordert.

Auch wenn wir inzwischen wissen – und das wussten wir im Frühjahr nicht –, dass die Schutzmaßnahmen sehr gut sind, spielt auch die psychische Belastung und die dauernde Befürchtung, sich anstecken zu können, eine Rolle.

Was war für Sie der emotionalste Moment auf Station seit Beginn der Corona-Pandemie?

Matthias Kempe: Als eine Patientin genau eine Woche nach ihrem Mann verstorben ist. Beide hier auf der Intensivstation.

Jörg Brederlau: Auf der Intensivstation mussten wir auch schon vor Covid-19 täglich schwierige Entscheidungen treffen. Emotionale Momente gibt es unabhängig von der Pandemie. Für viele Angehörige ist es aber belastend, dass wir sie nicht so freizügig wie sonst ihre kranken Familienmitglieder besuchen lassen können.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag in der Pandemie verändert?

Jörg Brederlau: Er hat sich nicht besonders verändert – es ist nur mehr zu tun und die Ressourcen sind begrenzt. Das strengt an. Wir wollen schließlich für jeden intensivpflichtigen Patienten die optimale Versorgung sicherstellen.

Matthias Kempe: Viele Patienten werden beatmet. Viele sind so instabil, dass man nicht weiß, ob sie überleben. Nach der Schicht bin ich durch den hohen emotionalen Stress und die extreme körperliche Anstrengung sehr müde.

Worin unterscheiden sich die erste und zweite Welle?

Mann im Arztkittel
Prof. Jörg Brederlau sieht, dass auch immer mehr jüngere Covid-19-Patienten ins Krankenhaus kommen | Foto: Helios

Matthias Kempe: Wir hatten in Sachsen während der 1. Welle sehr wenige Fälle von Covid-19 Patienten. Das ist nun anders.

Jörg Brederlau: Wir behandeln jetzt etwa dreimal so viele Patienten mit Covid-19 wie in der ersten Welle. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung von Patienten mit anderen Krankheitsbildern, die auch intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Man muss darauf achten, dass diese Patienten nicht von den Covid-19 Patienten „verdrängt“ werden, weil jeder nur noch an die Pandemie denkt.

Wir sehen jetzt auch mehr jüngere Patienten, als im Frühjahr. Und leider gibt es auch jüngere Patienten mit verheerenden Verläufen.

Warum kann nicht jede Pflegekraft auf der Intensivstation aushelfen?

Matthias Kempe: Die Arbeit auf der Intensivstation erfordert spezialisiertes Wissen und komplexes Handeln. Viele Handgriffe laufen nicht nach Schema F, aber jeder Handgriff muss sitzen. Auch in den größten Stresssituationen müssen wir die Ruhe bewahren und einen Plan B in der Tasche haben.

Wie fühlt es sich an, wenn ein Covid-19 Patient auf Station kommt?

Jörg Brederlau: Inzwischen nicht mehr anders als bei einem Nicht-Covid-19 Patienten. Das ist alles Routine, es gibt standardisierte Abläufe. Wir wissen inzwischen, dass die Schutzausrüstung effizient ist. Das erhöht die Sicherheit im Umgang mit den Patienten.

Welche Herausforderungen bestehen bei der Versorgung von Covid-19 Patienten?

Mann und Frau in Schutzkleidung am Krankenbett auf Intensivstatio
Prof. Brederlau und eine Intensivschwester bei der Versorgung eines Covid-19-Patienten| Foto: Helios

Matthias Kempe: Die Covid-Patienten haben häufig einen hohen Sauerstoffmangel. Manche verspüren Todesangst, das führt zu viel Stress. Es gibt Standards zur Behandlung, die aber natürlich noch nicht lange etabliert sind und uns neu fordern. Dazu kommt noch der Punkt des Eigenschutzes, der viel Aufmerksamkeit verlangt. Ich habe großen Respekt vor der Erkrankung – obwohl wir es gewöhnt sind, mit infektiösen Patienten zu arbeiten.

Jörg Brederlau: Viele Patienten entwickeln ein Multiorganversagen. Daraus resultieren wochenlange Behandlungsverläufe, häufig ohne große Veränderungen. Da müssen wir immer wieder ein realistisches Therapieziel hinterfragen, insbesondere, weil die Sterblichkeit sehr hoch bleibt. Sie liegt bei Patienten, die invasiv beatmet werden, bei circa 40 Prozent, bei Patienten, die zusätzlich an eine künstliche Lunge angeschlossen werden, bei über 80 Prozent.

Die zweite große Herausforderung besteht bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Anzahl an qualifizierten Intensivmedizinern und qualifiziertem Pflegepersonal ist endlich. Solange es keine Ausbrüche unter dem Personal gibt und die Leute konditionell durchhalten, ist alles gut. Kommt es jedoch zu Ausfällen, sind diese Mitarbeiter und ihre Fähigkeiten nicht zu ersetzen.

Stimmt es Sie zuversichtlich, wenn Covid-Patienten entlassen werden?

Jörg Brederlau: Ja. Natürlich freut man sich immer, wenn Patienten von der Intensivstation entlassen werden können.

Matthias Kempe: Wir freuen uns über jeden einzelnen Patienten, der die Intensivstation verlassen kann. Sonst ist eine Entlassung eher Routine.

Wie schaffen Sie es im Feierabend abzuschalten? Haben Sie sich einen Ausgleich geschaffen?

Matthias Kempe: Ein sehr wichtiger Halt ist meine Familie. Mehrmals in der Woche gehen wir zusammen spazieren. Ich mache außerdem Sport, gehe regelmäßig im Osterzgebirge laufen. Allerdings haben diese beiden Dinge nichts mit der Pandemie zu tun – das habe ich auch schon vorher so gehandhabt.

Jörg Brederlau: Wer nicht abschalten kann, ist in der Intensivmedizin falsch. Das gehört dazu. Das war aber auch schon vor der Pandemie so.

Wie beeinflusst Corona Ihren Alltag?

Matthias Kempe: Für mich selbst hat sich kaum etwas geändert. Ich wohne auf dem Dorf, fühle mich kaum eingeschränkt. Man hält zusammen. Treffen sind natürlich nur in der erlaubten Personenzahl möglich, aber auch das kann man mal aushalten.

Jörg Brederlau: Gar nicht. Wie jeder andere verantwortungsbewusste Mensch achte ich aber auf die Einhaltung der Regeln und reduziere meine Sozialkontakte.