Wenn der eigene Körper gegen sich selbst kämpft

Wenn der eigene Körper gegen sich selbst kämpft

Erfurt

Leitende Oberärztin Dr. Sabine Adler erklärt, was sich hinter dem Sammelbegriff Rheuma verbirgt.

Genau genommen gibt es die Erkrankung Rheuma nicht. Vielmehr beschreibt das Wort mehr als 200 Krankheiten mit unterschiedlichen Symptomen. Priv.-Doz. Dr. med. Sabine Adler, leitende Oberärztin der Rheumatologie im Helios Klinikum Erfurt, erklärt, was sich hinter dem Sammelbegriff verbirgt und spricht über eine der häufigsten Formen von Rheuma: die „rheumatoide Arthritis“.

Was passiert bei Rheuma im Körper?

Rheuma wird hauptsächlich durch Entzündungen verursacht, die zumeist die Gelenke betreffen. Die Entzündungen können sich aber auch auf Muskeln, Blutgefäße, Bindegewebe sowie andere Organe ausweiten und dabei leichte bis starke Schmerzen hervorrufen. Ursächlich spielt das Immunsystem hierbei eine entscheidende Rolle. Normalerweise ist es dafür zuständig, uns vor Mikroorganismen (Bakterien, Viren usw.) und Schadstoffen von außen oder auch aus dem eigenen Körper (entartete Zellen und innere Keime) zu schützen.

Im Rahmen einer Rheumaerkrankung ist die Reaktion des Immunsystems jedoch fehlgeleitet und richtet sich gegen die eigenen Gewebestrukturen. Fehlgesteuerte Abwehrzellen wandern in die benannten Körperbereiche und können dort entzündungsfördernde Botenstoffe herstellen, die körpereigene Strukturen angreifen.

Worin liegen die Ursachen?

Die Auslöser für die beschriebene Reaktion des Immunsystems sind noch nicht hundertprozentig bekannt. Bei einigen Rheumaerkrankungen wissen wir, dass eine genetische Veranlagung mit dafür verantwortlich ist. Dazu kommt häufig ein weiterer Auslöser, um eine „schlafende“ Krankheit zu aktivieren. Bakterien oder Viren können beispielsweise solche Auslöser sein.

Wie gut ist Rheuma zu behandeln?

Sind die entzündungsauslösenden Botenstoffe bekannt, lassen sich die Symptome meist gut behandeln und es können Folgeschäden wie Gelenkzerstörungen vermieden werden. Eine frühe Diagnosestellung ist daher sehr wichtig. Gleichwohl verlaufen die meisten rheumatischen Erkrankungen in der Regel chronisch, sodass eine jahrelange oder auch lebenslange medizinische Betreuung notwendig bleibt.

Wie hoch ist die Zahl der Betroffenen?

In Deutschland werden aktuell 1,5 Millionen Erwachsene und rund 15.000 Kinder wegen rheumatischer Erkrankungen behandelt. Die meisten von ihnen leiden an der Gelenkentzündung „rheumatoide Arthritis“. Eine besonders große Gruppe bilden dabei Frauen, die kurz vor den Wechseljahren stehen.

„Die meisten rheumatischen Erkrankungen sind in der Regel chronisch, sodass eine jahrelange oder auch lebenslange medizinische Betreuung notwendig bleibt.“

Priv.-Doz. Dr. med. Sabine Adler, leitende Oberärztin der Rheumatologie

Wie äußert sich eine „rheumatoide Arthritis“?

Die Gelenkentzündung zeigt sich zumeist in Form von Schwellungen, Rötungen und Schmerzen, vor allem an den Hand- und Fingergelenken. Umliegende Strukturen wie Knorpel, Knochen und Weichteilgewebe können in Mitleidenschaft gezogen werden, was die Bewegung des Gelenks erschwert. So können sich unter anderem Fehlstellungen bilden. Eine „rheumatoide Arthritis“ verläuft häufig in Schüben, das heißt, die aktive Gelenkentzündung verschwindet nach einiger Zeit wieder. Sie hinterlässt jedoch eine ca. dreißigminütige „Morgensteifigkeit“. Betroffene können dann insbesondere nach dem Aufstehen einfachste Tätigkeiten wie Haare bürsten oder auch Ankleiden nur schwer oder gar nicht verrichten. Erstes Therapieziel ist es daher, diese aktiven Schübe mit einer so genannten Basistherapie sowohl an Zahl wie auch an Intensität zu reduzieren, sie möglichst sogar zu stoppen.

An wen sollen sich Betroffene wenden?

Wer die geschilderten Symptome bei sich erkennt oder einen Verdacht auf Rheuma hegt, dem empfehle ich ein Gespräch mit dem Hausarzt und/oder mit einem Rheumatologen. Nach der gesicherten Diagnose entscheiden die Ärzte gemeinsam mit dem Betroffenen, ob eine ambulante Behandlung ausreicht oder ob ein stationärer Aufenthalt notwendig ist. Eines der wichtigsten Therapieziele ist immer, die Selbstständigkeit der Betroffenen aufrechtzuerhalten. Das Bild vom Rheumakranken im Rollstuhl wird uns schon heute nicht mehr begleiten.

Wie wird eine „rheumatoide Arthritis“ konkret behandelt?

In den letzten Jahren hat sich viel getan. Unterschieden wird zwischen medikamentösen und nicht medikamentösen Therapien. Bei einer medikamentösen Therapie wird mit einer Basistherapiebegonnen, z.B. mit kortisonhaltigen Präparaten. Im späteren Verlauf kommen oft weitere Medikamente zum Einsatz, die dauerhaft eingenommen oder gespritzt werden. Dabei richten sich die Wirkstoffe gegen die Entzündungsbotenstoffe, das heißt, sie stoppen die Entzündungen und somit auch die Folgeerscheinungen einer rheumatischen Erkrankung. Die nicht medikamentöse Variante beinhaltet Physio-, Ergo- und Thermotherapie sowie aktiven, gelenkschonenden Sport. Bewegung sollte übrigens auch in aktiven Krankheitsphasen umgesetzt werden. Lediglich während einer akuten Entzündungsphase ist Sport nicht empfehlenswert.

Welchen Einfluss hat die Ernährung?

Eine spezielle Rheuma-Diät gibt es nicht. Individuell erstellte Ernährungspläne können aber bei Gelenkentzündungen helfen. Grundsätzlich rate ich zu einer ausgewogenen Ernährung entsprechend den üblichen geltenden Ernährungsvorschlägen für „Jedermann“: weniger Fleisch, mehr Obst und Gemüse und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Ein maßvoller Umgang mit Alkohol ist erlaubt, sollte aber vorher mit dem Arzt offen abgesprochen werden. Das gilt hingegen nicht für das Rauchen: Betroffene sollten darauf komplett verzichten, da das Rauchen nachgewiesenermaßen den Verlauf einer Rheumaerkrankung negativ beeinflusst.

Ein paar allgemeine Ratschläge für Rheumaerkrankte

  • Besteht der Verdacht auf Rheuma – ziehen Sie einen Arzt oder Rheumatologen zu Rate.
  • Treiben Sie regelmäßig Sport.
  • Ernähren Sie sich ausgewogen und gesund.
  • Eine chronische Krankheit kann Hilflosigkeit und Angst auslösen: Schließen Sie sich einer Selbsthilfegruppe an oder holen Sie sich Rat bei anderen erfahrenen Betroffenen.
  • Hören Sie mit dem Rauchen auf oder fangen Sie gar nicht erst damit an.

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