Coloproktologie

Stuhlhalteschwäche: Wenn der Darm die Kontrolle verliert

Über dieses Problem spricht wohl kaum jemand gerne, dabei gibt es gar nicht so wenige Betroffene: Wer Probleme damit hat, seinen Stuhl zu halten, zieht sich häufig auch sozial zurück, aus Angst und Scham. Dabei lässt sich das Krankheitsbild oftmals gut behandeln.

Die Fähigkeit, seinen Stuhl zu kontrollieren, wird in unserer Gesellschaft als normal empfunden, obwohl sie eher den Idealzustand darstellt. Der Begriff Kontinenz lässt sich daher als die Fähigkeit definieren, festen oder flüssigen Stuhl und auch Winde im Körper zurück halten zu können, in Ruhe und auch bei körperlicher Belastung. Das beinhaltet somit auch die Fähigkeit einer koordinierten Stuhlentleerung. Was aber sind die Ursachen, wenn immer öfter sprichwörtlich etwas in die Hose geht und wie kann Betroffenen geholfen werden? Antworten auf diese Fragen finden Sie in unserer Übersicht zur Stuhlinkonzinenz.

Kontinenz resultiert aus dem Zusammenspiel einer Vielzahl anatomischer und funktioneller Faktoren:  

  • Stuhlfrequenz und Stuhlkonsistenz
  • anatomische Unversehrtheit der Beckenbodenmuskulatur
  • anatomische Unversehrtheit des Rektums
  • koordinierte Aktivität der glatten und quer gestreiften Muskulatur des Afters und des Beckenbodens
  • intakte Nervenstrukturen

Hier spielen also eine Vielzahl verschiedener Mechanismen ineinander und es wird klar, dass eine Störung schnell auch alle anderen Räder beeinflusst.

Die Diagnostik der Stuhlhalteschwäche (Inkontinenz) stützt sich in erster Linie auf die Krankengeschichte des Patienten und auf eine sorgfältige klinische Untersuchung. Sie gibt uns anhand des Verschmutzungsausmaßes der Unterwäsche und der umgebenden Hautregion um den After häufig schon Aufschluss über den Schweregrad. Entzündungen (Ekzeme) der Haut weisen zudem auf fortwährende Feuchtigkeit der Region hin. Ein klaffender After (Anus) kann ein Zeichen für eine bestehende Verringerung der Nervenfunktion (Denervierung) oder ausgedehnte muskuläre Defekte sein. Narben von vorangegangenen Operationen sind ebenfalls Hinweise auf mögliche muskuläre Defekte.

Bei der Tastuntersuchung (Palpation) können die Sensibilität des Analkanals und die Integrität der Hautmuskelreflexe überprüft werden, ebenso die Elastizität des Analkanals und des angrenzenden Enddarms (Rektums).

Des Weiteren können der Ruhe- und Kneifdruck der Schließmuskulatur überprüft werden. Hierbei sollte der Kneifdruck in etwa doppelt so hoch sein wie der Ruhedruck. Abschließend sollte für ein Gesamtbild der Beckenboden mitbeurteilt werden, um andere Erkrankungen oder anatomische Veränderungen einzubeziehen.

Die Ultraschalluntersuchung des Analkanals und Enddarms (Endosonographie) ist im Rahmen der apparativen Untersuchungstechniken von besonderer Bedeutung. Diese ist insbesondere vor operativen Maßnahmen zur Beurteilung eventueller traumatischer Verletzungen zu fordern. Ebenso sollte, wenn möglich, eine orientierende Beckenbodendiagnostik mit einem Schließmuskelfunktionstest durchgeführt werden.

Bei weichem Stuhlgang sind Medikamente zur Stuhleindickung das Mittel der Wahl. Eine selbstständig durchzuführende Beckenbodengymnastik unter Anleitung eines Physiotherapeuten ist jedem Patienten anzuraten.

Bei einer Wahrnehmungsschwäche ist die Elektrostimulation und bei muskulärer Schwäche das Biofeedbacktraining sinnvoll. Diese Behandlung wird durch speziell geschultes Personal dem Patienten nahegebracht.

Eine kontrollierte Entleerung mittels Zäpfchen oder Einläufen kann manchmal ebenfalls hilfreich sein. Bei diesen Behandlungsstrategien ist die ständige Motivation und das Vertrauen des Patienten erfolgsentscheidend.

  • Schließmuskelwiederherstellung (Sphinkterrekonstruktion): Die Wiederherstellung des Schließmuskels ist das Verfahren der Wahl bei traumatischen Zerreißungen (etwa durch eine Geburt) oder Schließmuskeldurchtrennungen durch einen Unfall. Der Muskeldefekt wird durch eine Ultraschalluntersuchung (endosonographisch) festgestellt, operativ genau dargestellt und Stoß-auf-Stoß oder überlappend geschlossen. Ob eine Überlappung oder eine nicht überlappende Rekonstruktion, ob eine getrennte Versorgung des inneren und des äußeren Schließmuskels sich günstiger erweist als eine gemeinschaftliche, ist derzeit noch nicht geklärt.
  • Muskelverlagerung: Bei größeren Muskeldefekten, die eine Sphinkterrekonstruktion nicht mehr sinnvoll erscheinen lassen, kann die Transposition eines Muskels zur Verbesserung der Sphinkterfunktion beitragen. Nachhaltigkeit erlangte die Verlagerung eines Oberschenkelmuskels (Transposition des M. grazilis), der sich aufgrund der Muskellänge und aufgrund der Lage des versorgenden Gefäß-Nervenstranges für die Verlagerung um den After herum sehr gut eignet. In der Erwachsenenchirurgie kam es zum Durchbruch in der Ergebnisqualität mit der Idee der Elektrostimulation dieses Muskels (dynamische Grazilisplastik).
  • Künstlicher Schließmuskelersatz: Eine weitere operative Behandlungsmöglichkeit der analen Inkontinenz besteht in einem künstlichen Sphinkterersatz. Hierbei wird eine mit Flüssigkeit befüllbare Kunststoffmanschette um den defekten Schließmuskel gelegt. In die Bauchdecke wird ein dazugehöriges Befüllungssystem implantiert, um mechanisch die Kunststoffmanschette zu schließen bzw. zu öffnen. Über einen Port wird die Analmanschette kalibriert. Über einen Ballon wird die Analmanschette geschlossen, indem Flüssigkeit in die Analmanschette gedrückt wird. Über das Öffnungsventil wird die Manschette wieder entspannt
  • Elektrostimulation von Sakralnerven ( S2-S4): Eine weitere Möglichkeit besteht in der Stimulation von Sakralnerven in der Hoffnung, die Beckenbodenmuskulatur in ihrer Aktivität zu unterstützen. Hierbei werden Elektroden an die Sakralnerven S2-S4 gebracht und so eine Neurostimulation der Beckenbodennerven durchgeführt. Diese führt über noch nicht hinreichend geklärte Mechanismen einerseits zu einer verbesserten Muskelaktivität, andererseits scheint sie auch zu einem koordinierteren Ablauf des Stuhlgangs  beizutragen.

Zwischen Geburt und Tod entwickeln wir Kontinenz und verlieren sie wieder. Dies ist ein dynamischer Prozess. Manche Menschen erlangen in ihrer Entwicklung gar keine vollständige Kontinenz. Viele Faktoren wirken auf die Kontinenzleistung ein und viele Erkrankungen mindern sie auf Dauer.

Präventive Maßnahmen tragen deshalb in hohem Maße zur Verlängerung der kontinenten Phase eines Menschen bei. Ein chirurgisch-rekonstruktiver Beitrag ist aufwändig und nur in ausgewählten Fällen nachhaltig und sinnvoll. Glücklicherweise hat vor allem die Entwicklung der Nervenstimulation in den letzten Jahren zu einer deutlichen Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten geführt.

Wenn Sie Fragen zu bestimmten Abläufen in unserer Abteilung oder zu speziellen Themen haben, sprechen Sie uns jederzeit an.

Claudia Mücke

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