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Handwerksberufe im Alter gesund ausüben

Bonn

Berufe, wie Dachdecker:in, Maurer:in oder Straßenbauer:in noch im hohen Alter auszuüben, kann durchaus zur Herausforderung werden. Wie die Arbeitsmedizin Arbeitnehmer:innen dabei unterstützt diesen Berufen noch im hohen Alter nachzugehen, erklärt Maria Spillmann, Assistenzärztin im ersten Ausbildungsjahr bei der Helios Arbeitsmedizin, im Interview.

Wie kann die Arbeitsmedizin Arbeitnehmer:innen dieser Berufsfelder dabei unterstützen noch im hohen Alter ihren Beruf auszuüben?

Unsere Aufgabe ist es das Arbeitsschutzgesetz mit der arbeitsmedizinischen Vorsorge zu erfüllen. Im Rahmen dieser Vorsorge arbeiten wir primär- und sekundärpräventiv. Prävention ist ein wesentlicher Bestandteil und gleichzeitig eine große Chance der Arbeitsmedizin. Dabei sind wir der beratende Part für Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen. Unser Repertoire an Möglichkeiten ist sehr individuell und branchenabhängig. Grundsätzlich kann man unsere Arbeit als wiederkehrenden Prozess betrachten: Wir müssen Maßnahmen stets reevaluieren und gegebenenfalls anpassen.

Die Primärprävention zieltdarauf ab vor den Beschwerden anzusetzen. Im Voraus hierzu gibt es stets eine Betriebsbegehung. Diese dient dazu den Arbeitsplatz genauer kennenzulernen und somit Tätigkeiten der Arbeitnehmer:innen einzuschätzen zu können. Auf dieser Grundlage erfolgt eine ausführliche Beratung der Mitarbeitenden bezüglich der Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Gesundheit. 

In dieser werden verschiedenste Aspekte besprochen, wie beispielsweise:

  • Welche Hilfsmittel gibt es und wie werden diese richtig angewandt?
  • Wie können Arbeitnehmer:innen ihre Arbeit organisieren?
  • Wie wird richtig gehoben, getragen oder gezogen?
  • Wie kann eine ergonomische Arbeitsweise erreicht werden?

Ziel dabei ist es die Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer:innen zu fördern und zu erhalten, ohne dabei eine Überbelastung zu generieren. Abgesehen davon ist es wichtig, dass sich Arbeitnehmer:innen auch im Privatleben stets einen Gegenpol zur Arbeit schaffen. Empfehlenswert ist eine Art Ausgleichssport, die den Körper entlastet. Muss man beispielsweise bei der Arbeit viel heben und tragen, so eignen sich schwimmen oder auch der Gang ins Fitnessstudio für den Muskelaufbau. Aber auch die richtige Ernährung und der Schlafrhythmus spielen hier eine wichtige Rolle.

Bei der Sekundärprävention geht es darum, berufsbedingte Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, Zusammenhänge zu erörtern und Mitarbeiter:innen auf ihrem Weg zu begleiten. Häufig wissen Mitarbeiter:innen nicht, was sie tun sollen, wenn sie erkranken. Wir beraten hier und evaluieren, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Dies können beispielsweise Facharztvorstellungen oder auch weiterführende Diagnostik sein.

Grundlegend haben Arbeitgeber:innen die Pflicht an Arbeitsplatztätigkeiten die Gefährdungen einzuschätzen, dies ist die sogenannte Gefährdungsbeurteilung. Hieraus ergeben sich unter anderem als individuelle Schutzmaßnahme verschiedene Vorsorgeuntersuchungen:

  1. Pflichtvorsorge: Diese müssen Arbeitgeber:innen für Ihre Arbeitnehmer:innen organisieren, damit bestimmte Tätigkeiten ausgeübt werden dürfen. Eine Teilnahme der Arbeitnehmer:innen ist dabei verpflichtend, die Gestaltung des Inhaltes jedoch freiwillig. Ein Beispiel hierfür wäre der Umgang mit bestimmten Gefahrenstoffen.
  2. Angebotsvorsorge: Arbeitgeber:innen sind gesetzlich dazu verpflichtet in regelmäßigen Abständen Vorsorge anzubieten z. B. zur Bildschirmarbeit. Jedoch ist die Teilnahme von Arbeitnehmer:innen in diesem Fall freiwillig.
  3. Wunschvorsorge: Arbeitnehmer:innen können den Wunsch nach einem Austausch mit dem  Betriebsmediziner äußern, welchen Arbeitgeber:innen stets ermöglichen müssen. 

 

Unsere Expertin

Unsere Expertin

Maria Spillmann ist Assistenzärztin im ersten Ausbildungsjahr und seit Oktober 2021 bei der Helios Arbeitsmedizin in Leipzig. Zuvor war sie acht Monate in einer allgemeinmedizinischen Praxis tätig. Bereits während Ihres Studiums wurde Ihr Interesse für die Arbeitsmedizin geweckt. Sowohl Ihre Famulatur, als auch Ihr praktisches Jahr absolvierte Sie bei der Helios Arbeitsmedizin in Leipzig. Ihr Ziel ist es Ihren Facharzt in der Arbeitsmedizin zu machen und künftig verschiedenste Betriebe arbeitsmedizinisch zu betreuen.

Welche berufsbedingten Krankheiten kommen häufig vor?

Die Liste an Berufskrankheiten ist lang, sehr häufig dabei sind bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule verursacht durch langjähriges Tragen schwerer Lasten oder Arbeiten unter Zwangshaltung.

Wie ist hoch ist die Erfolgsquote auf Heilung bzw. Besserung?

Dies ist ganz individuell: Zum einen kommt es auf die Bereitschaft der Arbeitnehmer:innen an, zum anderen auch auf das Ausmaß der Erkrankung. In einigen Fällen können Rehamaßnahmen und andere Sportprogramme bereits helfen. Bei höhergradigen Abnutzungserscheinungen mit Beeinträchtigung der Motorik und/ oder der Sensibilität wird es hingegen schwieriger und weitere Therapiemöglichkeiten müssen gegebenenfalls in Betracht gezogen werden.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, um Arbeitnehmer:innen höheren Alters in Handwerksberufen zu unterstützen?

Abgesehen von dem Ansatz der Prävention spielt das sogenannte Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) eine wichtige Rolle. Sind Arbeitnehmer:innen innerhalb eines Jahres sechs Wochen oder mehr arbeitsunfähig, so sind Arbeitgeber:innen dazu verpflichtet ihren Mitarbeitenden ein BEM-Verfahren anzubieten. In diesem erörtern wir von der Arbeitsmedizin, wie der Arbeitsplatz angepasst werden kann, um die Arbeitsunfähigkeit der Mitarbeitenden zu überwinden, wie eine schonende Rückkehr an den Arbeitsplatz gelingt und wie künftiger Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt werden kann.

Ein Hilfsmittel, um hierfür Maßnahmen abzuleiten ist das sogenannte STOP-Prinzip:

S steht für Substitution: Ziel dabei ist es die Gefahr zu ersetzen. Diese sehr effektive Maßnahme ist leider oft schwer umsetzbar. Ein Beispiel hierfür wäre ein Arbeitsplatz im Büro, statt auf der Baustelle.

T steht für technische Maßnahmen: Durch diese wird Arbeitnehmer:innen die Arbeit erleichtert, beispielsweise durch das Einsetzen von Kränen oder dem Einsatz ergonomischer Arbeitsplätze. So könnte ein Schlosser eine Bank erhalten, die höhenverstellbar ist.

O steht für organisatorische Maßnahmen: Hier geht es darum ein Wechselmodell zu schaffen, beispielsweise müssten Arbeitnehmer:innen höheren Alters nur noch bis zu einer gewissen Anzahl an Kilogramm heben.

P steht für persönliche Schutzmaßnahmen: Diese können in Form einer Unterweisung der Arbeitnehmer:innen umgesetzt werden, in der ergonomisches Heben oder Tragen erklärt wird oder auch durch Unterstützung in Form von exoskeletter Kleidung.