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Betroffene kämpfen bis zur Organspende um ihr Leben – jeden Tag

Herzinsuffizienz ist in Deutschland die häufigste Ursache für eine Einweisung ins Krankenhaus. Bis zu 10 Prozent aller Herzinsuffizienz-Patient:innen entwickeln im Krankheitsverlauf eine schwere Form der Erkrankung und viele von ihnen werden transplantationspflichtig. Doch der Weg bis zur lebensrettenden Organtransplantation ist lang. Was bis dahin hinter den Kulissen passiert und welche Gefühle die Betroffenen haben, bleibt oft verborgen.

03.06.2026 Lesedauer: - Min.
Patient Olaf Borgstedt mit Dr. Jozwiak-Nozdrzykowska und Prof. Dr. med. Sandra Eifert

Im Jahr 2025 standen bundesweit 1.102 Patient:innen auf der Warteliste für eine Herztransplantation. Davon haben 365 Personen im selben Jahr eine Herztransplantation erhalten.* Oft vergehen Monate oder zum Teil auch Jahre, bis ein passendes Spenderherz bereitsteht.

Patientin Linda-Maria Rohde

Herzzentrum Leipzig

Leitender Oberarzt der Universitätsklinik für Herzchirurgie/ Leiter des HTX- und VAD- Programms

Eine Herztransplantation ist ein Marathon und die Operation an sich ist dabei eigentlich nur eine kurze Trinkpause. Das Ganze beginnt Monate davor und dauert auch danach hoffentlich noch lange. Bis dahin kämpfen die Patient:innen jeden Tag um ihr Leben, und hoffen auf das rettende Spenderorgan.

Von der ersten Aufnahme bis zur Listung
Am Herzzentrum Leipzig wurden 2025 insgesamt 25 Herzen transplantiert. Die Organ-Empfänger:innen werden vorher meist stationär in der Interdisziplinären Abteilung für Herzinsuffizienz behandelt.

Herzzentrum Leipzig

Funktionsoberärztin in der Universitätsklinik für Kardiologie

Wenn Patient:innen mit einer schweren Herzinsuffizienz zu uns kommen, befinden sie sich oft schon in einem sehr kritischen Zustand. Wir starten dann eine umfangreiche Diagnostik und prüfen, welche Therapieoptionen infrage kommen. Dies dient auch dem Ausschluss von Kontraindikationen für eine mögliche Herztransplantation. Nachdem die Befunde in einer Transplantationskonferenz besprochen wurden, werden die Patient:innen nach entsprechender Aufklärung auf die Warteliste von Eurotransplant aufgenommen. Die Wartezeit variiert in Abhängigkeit der Position auf der Warteliste.** Zusätzlich müssen Spender:in und Empfänger:in kompatibel sein. Ist ein mögliches Spenderherz gefunden, erfolgt eine Information durch Eurotransplant an die Klinik. Nach Abgleich der Ergebnisse vorangegangener Untersuchungen, der Auswertung und möglicher Zusatzdiagnostik kann das Angebot in Abhängigkeit des Zustands des Empfängers angenommen werden.

Vom Spenderorgan zum Herzzentrum Leipzig
„Sobald der Anruf bei uns eingeht, läuft eine zügige, strukturierte Kommunikationskaskade ab. Dann wird erstens geklärt, ob das Organ grundsätzlich theoretisch passen würde und zweitens, ob der Empfänger damit kompatibel ist. Dies muss innerhalb weniger Minuten geregelt sein“, schildert Dr. Dashkevich. Die Entnahme und der Transport des benötigten Spenderorgans wird von der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (kurz DSO) organisiert. Ein Herzchirurg vom Herzzentrum Leipzig erhält zur Entnahme des Organs einen Transport in die Klinik des Spenders und zurück.

Herzzentrum Leipzig

Oberarzt Mechanische Kreislaufunterstützung

Die Stimmung am Bett des verstorbenen Organspenders ist sehr besonders und für alle spürbar. Viele Mediziner:innen treffen dort aufeinander, um für ihre Patient:innen die benötigten, rettenden Organe zu entnehmen. Alle wissen um den Übergang von Tod zu Leben und um die Verantwortung, die sie wortwörtlich in den folgenden Minuten in den Händen tragen.

Danach muss es sicher, aber zügig zurück nach Leipzig gehen. „Mit einem Spenderherz in den Händen geht man nicht, man rennt – stets mit dem Bewusstsein, dass jede Minute zählt“, so Dr. Nozdrzykowski. „Dies ist die kritischste Phase, die sogenannte Ischämiezeit, in welcher das Organ nicht durchblutet wird. Diese Zeit darf bei einem Herzen vier Stunden nicht überschreiten“, ergänzt Dr. Dashkevich.

Vom Verlust des eigenen Herzens und einer neuen Chance mit 25 Jahren
Im Jahr 2024 erhält Linda-Maria Rohde ihr neues Herz. Damals ist sie gerade einmal 25 Jahre alt. Nach plötzlichem und wiederholt auftretendem Herzrasen sucht sie ihren Hausarzt auf und wird zum Kardiologen weiterüberwiesen. Schnell ist klar – mit noch 15 Prozent Herzleistung muss sie in Magdeburg die Klinik. Mit nur noch 3 Prozent Herzleistung und einem kardiogenen Schock wird sie drei Tage später ins Herzzentrum Leipzig geflogen. Lindas linke Herzhälfte ist stark vergrößert und nicht mehr funktionsfähig. Nach drei Wochen medikamentöser Behandlung mit herzunterstützenden Medikamenten ist ihr Zustand so kritisch, dass sie zur mechanischen Kreislaufunterstützung eine Herzpumpe erhält und auf die Hochdringlichkeitsliste kommt. „Als mir klar wurde, was das bedeutet, bekam ich eine Panikattacke. Ein neues Herz zu brauchen, bedeutet, nicht zu wissen, ob man es bis zu dem Tag der Organspende überhaupt noch schafft. Und obwohl ich nach insgesamt sechs Wochen ein neues Herz bekommen habe, kamen mir die Tage bis dahin endlos lang vor. Einerseits habe ich darauf gehofft, anderseits wollte ich mich nicht von meinem eigenen Herz trennen“, reflektiert die mittlerweile 27-Jährige. Auch als das rettende Spenderherz unterwegs ist, bleiben gemischte Gefühle: „Ich war schon erleichtert, dass es jetzt passiert. Aber natürlich hat man auch andere Gedanken: ‚Jetzt verlierst du dein eigenes Herz.‘ Außerdem war ungewiss, ob mein Körper das neue Herz annehmen würde. Ich war glücklich und traurig zugleich“, sagt Linda. Heute führt sie ein normales Leben – geht wieder arbeiten, macht viel Sport, liebt Konzerte und Reisen, Spaziergänge mit ihrem Hund und trifft sich mit Freunden. Nur drei Monate nach der Transplantation hat sie ihren langjährigen Partner geheiratet.

Nach langem Leidensweg der Blick nach vorn mit neuem Herzen
Der Leidensweg von Olaf Borgstedt beginnt bereits 2013. Nach einem ersten Herzinfarkt folgen in den kommenden Jahren mehrere Klinikaufenthalte, ein Schlaganfall und ein weiterer Herzinfarkt. Mit einer Koronaren-Herz-Krankheit (kurz: KHK) ist auch er von einer schweren Herzinsuffizienz betroffen. Er erhält mehrere Stent-Implantationen und 2021 einen Defibrillator. Lange arrangiert er sich mit seiner Herzschwäche, bis seine Belastbarkeit Mitte 2025 stark abnimmt. Im November kommt er ins Herzzentrum Leipzig, welches er bis zur Transplantation nicht mehr verlässt. Zum Jahresende kommt er auf die Warteliste und wird an Heiligabend hochdringlich gelistet – wenige Wochen später erhält er sein neues Herz. „An die letzten Wochen vor der Transplantation erinnere ich mich kaum noch. Ich war nicht mehr belastungs- oder aufnahmefähig“, schildert der 63-Jährige. Am Tag der Organspende besucht ihn eine Ärztin am Herzzentrum Leipzig. „Ich erinnere mich nur noch daran, wie sie sagte: ‚Es gibt ein neues Herz für Sie. Sollen wir Ihre Frau informieren oder wollen Sie sie anrufen?‘,“ schildert er weiter. Er ruft sie selbst an und überbringt die freudige Botschaft. Wenige Monate nach der Transplantation ist er aufgrund seiner langjährigen Begleiterkrankung zwar noch eingeschränkt, erholt sich aber zunehmend: „Ich kann vieles wieder machen und fahre sogar wieder Rad; aber mit kleinen Verschnaufpausen“. Der ehemalige Lokführer ist dennoch dankbar über sein neues Herz: „Ehrlicherweise blende ich alle Gedanken aus, die mich belasten. Ich weiß, wie es um mich stand und dass ich viel Glück hatte. Jetzt blicke ich nach vorn“, sagt er.