Im Rahmen des Interkulturellen Jahres 2026 stellt Petr Svab seine Heimat Tschechien vor und erzählt von persönlichen Erinnerungen, Traditionen und den historischen Verbindungen zu Kronach.
Heimat & Wurzeln
Woher genau kommen Sie? Was macht Ihr Land und gern auch Ihre Region oder Ihren Heimatort für Sie einzigartig?
Ich bin in Veltrusy geboren, etwa 25 Kilometer von Prag entfernt. Mit 20 Jahren bin nach Gablonz, tschechisch: Jablonec nad Nisou ins Isergebirge gezogen, das ist meine seelische zweite Heimat.
Tschechien ist für mich eine Art Miniatur Europas – nur ohne Meer. Auf engem Raum gibt es sehr unterschiedliche Landschaften und Regionen. Man findet Gebirge, Wälder, Felsen, historische Städte und Weinregionen.
Südmähren ist beispielsweise für seine vielfältigen Weißweine bekannt: Neben Weiß- und Grauburgunder werden dort unter anderem Welschriesling, Riesling, Traminer, Pálava und Solaris angebaut. Ebenso wichtig ist die lange Tradition der Bierproduktion, die Tschechien weltweit bekannt gemacht hat.
Verraten Sie uns Ihren persönlichen Geheimtipp. Welchen Ort abseits der typischen Touristenpfade sollte man unbedingt besuchen und warum?
Mein persönlicher Geheimtipp: das tschechische Kanada (Česká Kanada), eine zauberhafte Landschaft im Süden des Landes, direkt an der österreichischen Grenze abseits der bekannten Touristenpfade.
Diese außergewöhnliche Region begeistert mit tiefen Wäldern, stillen Teichen, sanften Hügeln und bizarren Granitfelsen. Ihren Namen verdankt sie ihrer ursprünglichen, bisweilen wild anmutenden Landschaft, die an die Weite und Ruhe Kanadas erinnert.
Besonders reizvoll ist es, die Gegend zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erkunden. Auf schmalen Waldwegen entdeckt man versteckte Felsformationen, romantische Teiche und immer wieder überraschende Ausblicke. Hier lässt sich die Natur in ihrer ganzen Ruhe erleben, fernab großer Besucherströme und doch voller kleiner Entdeckungen. Zu den besonderen Sehenswürdigkeiten zählen die mittelalterliche Burg Landštejn, die eindrucksvolle Felsformation Ďáblova prdel und die historische Stadt Slavonice mit ihren kunstvoll verzierten Renaissancefassaden. Gerade diese Verbindung aus ursprünglicher Natur, bewegter Geschichte und beschaulichen Orten macht den besonderen Charme der Region aus.
Essen und Trinken
Wenn Sie an Zuhause denken, welches Gericht oder welche Zutat kommt Ihnen sofort in den Sinn?
Wenn ich an die tschechische Küche denke, kommen mir zuerst zwei Spezialitäten in den Sinn: Olmützer Quargel und gebackener Käse. Der Olmützer Quargel, auf Tschechisch Olomoucké tvarůžky, ist ein gereifter Sauermilchkäse aus der Region Olmütz. Er gilt als der einzige ursprünglich tschechische Käse und wird bereits seit dem 15. Jahrhundert erwähnt. Sein kräftiger Duft und Geschmack gehören für mich zur tschechischen Küche. Gebackener Käse, auf Tschechisch „smažák“, wird in fast jeder tschechischen Gaststätte mit tatarská omáčka, Kartoffeln oder Pommes frites serviert. Und natürlich Lendenbraten und Knödel gehören ebenfalls zur traditionellen Küche, aber die kennt wahrscheinlich jeder.
Eine typische Vorspeise oder ein beliebtes Gericht in tschechischen Gaststätten ist Tatarák, ein gewürztes Rindertatar. Es wird mit Zwiebeln, Senf, Worcestersoße, Eigelb und Pfeffer abgeschmeckt. Dazu gibt es Topinky: in Fett geröstete Brotscheiben, die mit einer frischen Knoblauchzehe eingerieben werden. Das Tatar wird auf das Brot gestrichen oder dazu serviert.
Dazu passt ein gutes tschechisches Bier. Das Pilsner Urquell hat 4,4 Prozent Alkohol und damit etwas weniger als viele klassische Pilsbiere, die ungefähr 5 Prozent enthalten.
Traditionen und Geschichte
Welche Traditionen schätzen Sie an Ihrer Heimat besonders?
Ostern steht für Freude und den Beginn des Frühlings. Der Ostermontag steht in Tschechien traditionell im Zeichen der Jungen und Männer. Kinder und Männer ziehen mit einer geflochtenen Weidenrute, der sogenannten Pomlázka, von Haus zu Haus. Sie besuchen Mädchen und Frauen – traditionell besonders junge Frauen im heiratsfähigen Alter – und berühren sie symbolisch mit der Rute.
Der Brauch soll Gesundheit, Jugend und Fruchtbarkeit bringen. Als Dank erhalten die Jungen und Männer Ostereier, Süßigkeiten oder etwas zum Anstoßen. Besonders in Mähren gehören auch selbstgebrannte Schnäpse dazu. Deshalb wird der Ostermontag vielerorts als geselliger und teilweise sehr trinkfreudiger Männertag begangen.
Auch Jan Hus gehört für mich zur tschechischen Identität. Er gilt als Begründer der böhmischen Reformation und als wichtiger Wegbereiter der europäischen Reformation. Der Theologe und Prediger kritisierte im frühen 15. Jahrhundert Missstände in der Kirche. Nach seiner Hinrichtung im Jahr 1415 entstand die hussitische Bewegung.
Kultur lebt von Geschichten. Gibt es eine besondere, vielleicht auch humorvolle Anekdote aus Ihrer Heimat, die mit Traditionen oder der Mentalität verbunden ist?
Der brave Soldat Schwejk aus dem Roman von Jaroslav Hašek gilt als Sinnbild für eine besondere tschechische Art, mit Autoritäten und Bürokratie umzugehen. Schwejk wirkt zunächst naiv und fügt sich scheinbar in jede Anweisung. Mit seinem trockenen Humor, seiner Übertreibung und seiner scheinbaren Ahnungslosigkeit führt er starre Regeln jedoch ad absurdum. Darin erkennen viele eine typisch tschechische Mischung aus Pragmatismus, Skepsis und Ironie. Auch der Satz „Wenn etwas nicht ausdrücklich verboten ist, dann ist es erlaubt“ passt zu diesem selbstbewussten und unbürokratischen Umgang mit Regeln.
Brücken bauen
Was sind für Sie die prägnantesten Unterschiede zwischen der tschechischen und der deutschen Kultur, insbesondere im Alltag und im Miteinander?
Die Deutschen erlebe ich im Vergleich häufig als höflicher, planvoller und zuverlässiger. In Tschechien ist man oft pragmatischer und spontaner. Das sind natürlich Verallgemeinerungen, aber sie können helfen, unterschiedliche Erwartungen im Alltag zu verstehen.
Was vermissen Sie manchmal aus Ihrer Heimat? Und umgekehrt, gibt es etwas an Ihrer neuen Heimat in und um Kronach, das Sie besonders schätzen gelernt haben?
Ich vermisse besonders das Isergebirge mit Gablonz. An Kronach schätze ich die Stadt, ihre Umgebung und die vielen historischen Verbindungen zu Tschechien. Es gefällt mir, dass diese gemeinsame Geschichte bis heute an verschiedenen Orten sichtbar ist.
Wenn Sie eine Sache über Ihr Heimatland sagen könnten, die jeder wissen sollte, was wäre das?
Tschechien und Deutschland haben viele Gemeinsamkeiten und eine lange gemeinsame Geschichte. In Kronach erinnern der Hussitenplatz und die Statue des heiligen Johannes Nepomuk an diese Verbindungen. Auch der Ortsname Tschirn ist bemerkenswert: Er wird nach Angaben der Gemeinde vom slawischen beziehungsweise tschechischen Wort černý („schwarz“) abgeleitet und kann mit Schwarzwald oder Fichten- und Tannenwald verbunden werden – eine schöne Erinnerung an die dunklen Wälder der Region.
Der Hussitenplatz erinnert an die Belagerung Kronachs durch eine hussitische Heeresabteilung im Jahr 1430. Die Bürger der Oberen Stadt brannten damals die Vorstädte selbst nieder, um die Stadt besser verteidigen zu können. Auch Kaiser Karl IV. steht für die Verbindung zwischen Böhmen, Franken und dem damaligen Heiligen Römischen Reich. Unter seiner Herrschaft war die „Goldene Straße“ zwischen Prag und Nürnberg eine wichtige Verbindung. Sein Herrschaftsbereich reichte mit dem sogenannten Neuböhmen bis in die Nähe Nürnbergs.
Johannes Nepomuk, auf Tschechisch Jan Nepomucký, wurde um 1350 in Nepomuk bei Pilsen geboren und wird als Brückenheiliger verehrt. In Kronach steht eine Johannes-Nepomuk-Statue aus dem Jahr 1713. Sie befand sich ursprünglich an einer Brücke über den Mühlbach und wurde später an die Kaulangerbrücke versetzt.
Vorbilder und Persönlichkeiten
Gibt es berühmte Persönlichkeiten aus Tschechien, die die Kultur in die Welt tragen? Welche fallen Ihnen ein, und was bedeuten sie für Sie?
Václav Havel war Schriftsteller, Bürgerrechtler und Politiker. Als Mitbegründer und Sprecher der Charta 77 setzte er sich für Menschenrechte und gegen die kommunistische Unterdrückung ein. 1989 wurde er zur Symbolfigur der Samtenen Revolution und zum letzten Präsidenten der Tschechoslowakei. Später war er der erste Präsident der Tschechischen Republik. Er ist für mich ein Vorbild, weil er seine Überzeugungen auch unter schwierigen Bedingungen vertreten hat.
Besonders beeindrucken mich außerdem zwei Ärzte, die mit dem Institut für klinische und experimentelle Medizin (IKEM) in Prag verbunden sind: Professor MUDr. Jan Pirk, ein bedeutender tschechischer Kardiochirurg, und Professor MUDr. Jan H. Peregrin, ein Wegbereiter der interventionellen Radiologie und langjähriger Leiter der Radiodiagnostik und interventionellen Radiologie am IKEM. Beide stehen für medizinische Kompetenz, wissenschaftliche Arbeit und den Anspruch, Fortschritt zum Wohl der Patientinnen und Patienten einzusetzen.
„Unsere gemeinsame Geschichte verbindet Tschechien und Kronach.“