Nadia Joanita Assou, 25 Jahre alt, ist seit April 2021 in Deutschland. Nach ihrer Ausbildung im Saarland verstärkt sie seit Oktober 2025 unser Team der Frankenwaldklinik in Kronach. Als Kulturbotschafterin nimmt sie uns mit in ihre Heimat Benin – ein Land voller Geschichte, lebendiger Traditionen und tiefer familiärer Verbundenheit.
Heimat & Wurzeln: Im Herzen Westafrikas
Woher genau kommen Sie?
Ich bin in Cotonou geboren und aufgewachsen, der größten Stadt Benins, dem wirtschaftlichen Zentrum und Regierungssitz. Ich komme aus einer großen Familie und habe drei jüngere Brüder.
Benin liegt in Westafrika, eingebettet zwischen Togo und Nigeria, und ist ein Land, das unglaublich reich an Kultur und Geschichte ist. Bis 1975 hieß unser Land Dahomey, benannt nach dem mächtigen historischen Königreich, das unsere Region über Jahrhunderte prägte.
Was macht das Land für Sie einzigartig?
Benin ist tief geprägt von der Vodoun-Religion und -Kultur, die dort ihren Ursprung hat und 1996 sogar als offizielle Nationalreligion anerkannt wurde. Jedes Jahr am 10. Januar feiern wir den nationalen Voodoo-Tag. Ich selbst bin katholisch aufgewachsen und habe diese Religion sehr intensiv und lebendig erlebt. Ich selbst habe im Chor gesungen in einer sehr musikalischen und fröhlichen Kirche. Diese friedliche Koexistenz verschiedener Glaubensrichtungen ist typisch für uns.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Familie. Sie ist das Wichtigste im Alltag und funktioniert wie ein starkes Netz. Es gibt bei uns keine Pflegeheime oder Kindergärten im klassischen Sinn; die Familie fängt alles auf und ist gleichzeitig die Altersvorsorge. Wir sind zudem ein sehr junges Land, fast 40 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt.
Kultur & Geheimtipps: Zwischen Geschichte und Stränden
Haben Sie einen persönlichen Geheimtipp für uns?
Ich würde jedem empfehlen, Benin zu besuchen, besonders die wunderschönen Strände am Golf von Guinea. Ein absoluter Geheimtipp ist das Pfahldorf Ganvié im Nokoué-See. Es wird oft als das "Venedig Afrikas" bezeichnet und ist mit rund 20.000 Einwohnern das größte Seedorf des Kontinents. Die Menschen dort leben in Häusern aus Bambus auf Stelzen und bewegen sich nur in Booten fort.
Auch das Monument der Amazonen in Cotonou ist sehr beeindruckend. Es erinnert an die Agojie, die legendären Kriegerinnen des Königreichs Dahomey, die eine der wenigen rein weiblichen Militäreinheiten der Weltgeschichte bildeten. Diese faszinierende Geschichte rückte übrigens 2022 durch den Hollywood-Film "The Woman King" weltweit ins Rampenlicht. Und wer schon dort ist, sollte unbedingt einen Abstecher ins Nachbarland Togo machen, um die traditionellen, farbenfrohen Stoffe einzukaufen.
Gibt es einen Ort, der eine besondere Bedeutung für Sie hat?
Touristisch und historisch sehr bedeutend ist Ouidah, die spirituelle Hauptstadt. Dort steht das "Tor der Unwiederbringlichkeit" (Porte du Non-Retour) direkt am Strand am Ende der sogenannten Sklavenroute. Es ist ein Mahnmal, das an die dunkle Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels erinnert, an die Trennung und das Leid von über einer Million versklavter Menschen, die von hier verschleppt wurden. Es ist ein sehr eindrucksvolles und wichtiges Zeugnis unserer Geschichte.
Gleichzeitig verbinde ich mit dem Strand aber auch wunderschöne Kindheitserinnerungen: Wir haben oft Urlaub in Grand-Popo gemacht, dort direkt am Strand Fische gefangen und sie sofort vor Ort gegrillt.
Brücken bauen: Mentalität und Miteinander
Wie würden Sie die Mentalität der Beniner beschreiben?
In Benin sind menschliche Beziehungen extrem wichtig. Die Menschen sind sehr warmherzig, ausdrucksstark und freundlich. Ein ganz zentraler Wert ist der Respekt vor den Älteren. Das zeigt sich schon bei der Begrüßung: Ältere Menschen begrüßt man mit leicht gesenktem Kopf und schaut ihnen dabei nicht direkt in die Augen, das ist ein Zeichen von tiefem Respekt. Gleichzeitig wird bei uns sehr viel gesiezt, sogar die eigenen Eltern. Nur Geschwister, Ehepartner oder Freunde im gleichen Alter werden geduzt.
Wir sind sprachlich sehr anpassungsfähig, weil wir in Benin neben der Amtssprache Französisch über 50 weiter Sprachen haben, zum Beispiel Fon, Goun oder Kotafon. Ich selbst spreche 3 Sprachen neben Französisch, einige kann ich verstehen in anderen mich auch unterhalten. Aber auch hier in Kronach habe ich mir schon ein paar fränkische Dialektwörter angeeignet.
Gibt es Menschen aus Benin, die diese Kultur besonders in die Welt tragen?
Ja, absolut! Benin hat eine beeindruckende Anzahl an Persönlichkeiten hervorgebracht, die weltweit als Botschafter unseres Landes wirken. In der Musik ist Angélique Kidjo zweifellos unsere bekannteste Stimme. Sie ist mehrfache Grammy-Gewinnerin, singt in Sprachen wie Fon, Yoruba, Französisch und Englisch und setzt sich als UNICEF-Botschafterin stark für Frauenrechte in Afrika ein. Auch Lionel Loueke ist ein absoluter Superstar in der Welt des Jazz. Er kombiniert traditionelle afrikanische Rhythmen mit modernem Jazz und spielt als einer der innovativsten Gitarristen unserer Zeit in der Band der Legende Herbie Hancock.
Im Filmgeschäft ist Djimon Hounsou vielleicht das bekannteste Gesicht Benins. Er wurde in Cotonou geboren und schaffte nach seiner Zeit als Model in Paris den Durchbruch in Hollywood – bekannt aus Blockbustern wie Gladiator, Blood Diamond (wofür er eine Oscar-Nominierung erhielt), dem Marvel-Universum und Fast & Furious.
Und auch in der Religion und Geschichte haben wir bedeutende Persönlichkeiten: Kardinal Bernardin Gantin war einer der einflussreichsten afrikanischen Geistlichen in der katholischen Kirche. Er war eng mit Papst Johannes Paul II. befreundet und hielt extrem hohe Ämter im Vatikan inne. Ihm zu Ehren trägt der internationale Flughafen in Cotonou heute seinen Namen.
Kulinarik: Der Geschmack von Zuhause
Wenn Sie an Zuhause denken, welches Gericht kommt Ihnen sofort in den Sinn?
Ganz klar: Crincrin-Sauce mit Maisbrei. Der feste Brei aus Mais- oder Maniokmehl, den wir Tô oder Pâte nennen, ist die Grundlage fast aller unserer Gerichte. Crincrin ist ein besonderes Gemüse, das ähnlich wie Spinat zubereitet wird. Es ist mein absolutes Lieblingsgericht, weil meine Oma es früher sehr oft für uns gekocht hat. Wenn ich das esse, schmecke ich sofort ein Stück Heimat.
Unsere Küche ist generell sehr vielfältig und oft gut gewürzt, mit viel rotem Palmöl, Erdnüssen und Chili. Auch Yovo Doko, süße frittierte Teigbällchen, oder Wagassi, unser traditioneller Käse, sind typisch für Benin.