Dr. Gábor Horvath, Chefarzt der Radiologie an der Helios Frankenwaldklinik Kronach, ist unser Kulturbotschafter für Ungarn. Im Interview erzählt er von seiner Heimatstadt Pécs, von einem Land, in dem Schwaben, Ungarn und Südslawen seit Jahrhunderten zusammenleben, warum er eigentlich lieber Musiker geworden wäre – und weshalb man in Ungarn besser nicht mit Bier anstößt.
Heimat & Wurzeln: Fünfkirchen – eine Stadt, viele Kulturen
Woher genau kommen Sie?
Ich komme aus Pécs, auf Deutsch heißt die Stadt „Fünfkirchen“. Diesen Namen haben die dort lebenden Schwaben geprägt. Pécs ist eine Universitätsstadt mit rund 350.000 Einwohnern. Dort studieren jedes Jahr mehr als 200 deutschsprachige Studierende. Auch ich habe dort Medizin studiert – teilweise in London, meinen Abschluss habe ich aber in Pécs gemacht.
Was Pécs besonders macht, ist seine kulturelle Vielfalt. Die Stadt ist geprägt von Ungarn, Schwaben und Südslawen, also Kroaten und Serben. Außerdem liegt sie in einer bekannten Weinregion.
Generell ist Ungarn ein Land, in dem sich über Jahrhunderte verschiedenste Kulturen überlagert haben. Die Türken waren lange Zeit dort, später die Habsburger Monarchie und danach die Russen. All das hat Spuren hinterlassen – in der Architektur, im Essen und auch in der Mentalität der Menschen. Genau diese Mischung macht Ungarn für mich so besonders.
Wein & Geheimtipps: „Man muss vorher essen“
Sie sagen, Ungarn ist das Land des Weins. Mögen Sie selbst Wein?
Eigentlich trinke ich lieber Bier. In der Straße, in der ich hier in Kronach wohne, gibt es schließlich eine Brauerei. Aber der ungarische Wein ist schon etwas Besonderes.
Viele Weingüter in Ungarn sind vergleichsweise klein und werden noch sehr traditionell bewirtschaftet – oft mit viel Handarbeit. Wer ungarischen Wein trinken möchte, sollte vorher gut essen. Sonst kann er durchaus kräftig wirken. Mein Lieblingswein ist ein Merlot aus unserer Region.
Das Besondere daran: Viele Winzer dort stammen von deutschen Schwaben ab, die sich im 19. Jahrhundert in der Gegend niedergelassen haben. Sie gelten als fleißig und erfolgreich. Ein großer Teil ihrer Weine wird nach Deutschland exportiert, oft direkt an große Hotelketten. Aber ich weiß natürlich genau, wo man trotzdem immer einen guten Tropfen bekommt.
Sehenswürdigkeiten: Zwischen Kultur, Thermalquellen und Puszta
Haben Sie einen persönlichen Geheimtipp für Ungarn?
Wenn ich in Ungarn bin, gehe ich gerne in Konzerte oder Ausstellungen. Die kulturellen Highlights finden natürlich vor allem in Budapest statt. Wer dort bestimmte Veranstaltungen besuchen möchte, sollte oft schon ein Jahr im Voraus planen.
Abseits der Hauptstadt empfehle ich Harkány in der Nähe von Pécs. Dort gibt es schwefelhaltige Thermalquellen, die besonders bei Rheuma- und Gelenkbeschwerden geschätzt werden. Solche Heilbäder gibt es in Ungarn viele.
Dann natürlich den Plattensee. Besonders die Nordseite rund um Badacsony gefällt mir. Dort sorgen vulkanische Böden für hervorragende Bedingungen beim Weißweinanbau.
Und wer Natur liebt, sollte einmal die Puszta erleben. Dort kann man stundenlang fahren und hat das Gefühl, dass sich der Horizont kaum verändert. Perfekt zum Radfahren – zumindest außerhalb des Hochsommers. Dann werden dort auch einmal Temperaturen von über 40 Grad erreicht.
Übrigens kann man von Regensburg aus mit dem Schiff durch ganz Ungarn reisen, sogar bis nach Serbien. Unterwegs gibt es zahlreiche Stopps – und natürlich viele Gelegenheiten, gut zu essen.
Musik & Kultur: „Ich wäre lieber Musiker geworden“
Sie sind Chefarzt – aber Ihre Leidenschaft gehört der Musik?
Eigentlich wäre ich lieber Musiker geworden. Aber meine Eltern sind beide Ärzte – da blieb mir wohl nichts anderes übrig.
Die Musik hat mich trotzdem nie losgelassen.
Die beiden bekanntesten ungarischen Komponisten sind Béla Bartók und Franz Liszt. Mit Bartók verbinde ich persönlich vor allem viele Stunden Üben in der Musikschule. Seine Werke gelten unter Profis als Meisterwerke. Für Schülerinnen und Schüler fühlen sie sich allerdings manchmal eher wie eine kleine Katastrophe an.
Für Musiker sind Bartók und Strawinsky die Götter. Für Lernende oft die größte Herausforderung.
Und Liszt? Der ist einfach zu schwer. Das ist nichts für Anfänger.
Übrigens liegt Franz Liszt nur etwa eine Stunde von hier entfernt in Bayreuth begraben. Seine Tochter, Cosima war die Ehefrau
Richard Wagners.
Dann gibt es noch Zoltán Kodály. Gemeinsam mit Bartók sammelte er Volkslieder aus ganz Ungarn und den damaligen Nachbarregionen, die heute zu Rumänien oder der Ukraine gehören. Aus diesen Arbeiten entwickelte er musikpädagogische Konzepte, die bis heute weltweit Anwendung finden.
Traditionen: Volkstanz, Pferde und kein Bier-Anstoßen
Welche Traditionen schätzen Sie besonders?
Jede Region Ungarns hat ihre eigenen Volkstänze und Trachten – insbesondere die Frauentrachten unterscheiden sich stark voneinander. Diese Traditionen werden bis heute gepflegt.
Außerdem ist das Reiten tief in der Kultur verankert. Vor allem Ostungarn gilt als echtes Pferdeland.
Eine weitere Besonderheit sind die Namenstage. Sie haben in Ungarn oft einen höheren Stellenwert als Geburtstage. Während der Geburtstag meist im Familienkreis gefeiert wird, melden sich am Namenstag selbst entfernte Bekannte mit Glückwünschen. Und natürlich wird gemeinsam gefeiert.
Zum Ostermontag gibt es ebenfalls einen alten Brauch: Männer besprengen unverheiratete Frauen mit Parfüm, damit sie – wie man scherzhaft sagt – nicht verwelken. Ursprünglich geschah das mit einem Eimer Wasser. Das ist heute allerdings nicht mehr ganz so beliebt. Als Dankeschön gibt es traditionell ein Ei oder einen Kuss.
Und noch etwas sollte man wissen: In Ungarn stößt man nicht mit Biergläsern an.
Der Hintergrund ist historisch. Nach der Hinrichtung ungarischer Freiheitskämpfer sollen österreichische Offiziere mit Bier angestoßen haben. Ob die Geschichte nun ganz genau so passiert ist oder nicht – vergessen wurde sie bis heute nicht.
Kulinarik: Paprika, Schweinefett und ein Eintopf, bei dem der Löffel stehen bleibt
Was macht die ungarische Küche aus?
Fleisch spielt in der ungarischen Küche traditionell eine große Rolle. Besonders geschätzt wird Schweinefleisch.
Gekocht wird häufig mit Schweinefett. Viele Ungarn sind überzeugt, dass Braten und Backwaren damit einfach besser schmecken. Öl oder Olivenöl kommen für traditionelle Gerichte oft nicht infrage – da geht aus ihrer Sicht ein Teil des typischen Geschmacks verloren.
Das eigentliche Geheimnis der ungarischen Küche ist jedoch die Paprika. Für hochwertiges Paprikapulver werden die Kerne von Hand entfernt. Dadurch fehlt der bittere Nachgeschmack, den man manchmal kennt. Egal ob süß oder scharf – die Paprika bleibt aromatisch, intensiv und vor allem tiefrot. Dazu kommen reichlich Knoblauch und Zwiebeln.
Was ist Ihr persönliches Lieblingsgericht?
Da wird nicht jeder sofort begeistert sein.
Ich liebe Kuddeln – einen Eintopf aus Rinderpansen mit Zwiebeln, Knoblauch und Paprika. Das Ganze wird vier bis fünf Stunden gekocht, bis die Soße so dick ist, dass der Löffel fast darin stehen bleibt. Dazu gibt es Weißbrot.
In Deutschland ist das leider schwer zu bekommen, weil rohes Magenfleisch nicht überall erhältlich ist.
Außerdem mag ich Halászlé, die traditionelle ungarische Fischsuppe. Sie wird aus Karpfen und kleineren Fischen zubereitet. So, wie sie in Ungarn gekocht wird, bekommt man sie eigentlich nur dort.
Mentalität: Freiheitsliebend, fleißig – und Raucherland
Was unterscheidet Ungarn von Deutschen?
Ungarn sind freiheitsliebende Menschen. Sie lassen sich nicht gerne sagen, was sie tun sollen. Das hat viel mit der Geschichte des Landes zu tun. Nach Jahrhunderten fremder Herrschaft ist der Wunsch nach Selbstbestimmung tief verankert.
Außerdem arbeiten die Menschen viel. Teilzeit ist eher die Ausnahme. Viele haben zwei oder sogar drei Jobs, um ihren Lebensstandard zu sichern.
Ungarn ist übrigens weder für Einheimische noch für Touristen ein besonders günstiges Land.
Für viele junge Menschen ist Eigentum das große Ziel. Eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus gilt als wichtiger Meilenstein. Oft unterstützen Eltern ihre Kinder dabei finanziell.
Man schaut allerdings auch gern darauf, was andere besitzen oder erreicht haben. Ein bisschen Neid gehört durchaus zur ungarischen Mentalität.
Gleichzeitig sind Ungarn sehr gesellige Menschen. Sie gehen gerne mit Familie und Freunden essen, treffen sich häufig und genießen das Zusammensein.
Und – das sage ich nur ungern – Ungarn ist nach wie vor ein Raucherland. Männer wie Frauen rauchen viel. Es wird langsam weniger, aber der Wandel braucht Zeit.
Kronach? „Gibt Schlimmeres“
Wie sind Sie eigentlich nach Kronach gekommen?
Eigentlich wollte ich nur sechs Wochen bleiben. Dann wurden daraus drei Monate – und schließlich viele Jahre.
Der damalige Chefarzt verstarb mit Anfang 50, und die Stelle konnte nicht neu besetzt werden. Irgendwie hat sich alles entwickelt.
Ich verstehe bis heute nicht ganz, wie das passiert ist. Das ist ein Irrtum. Ein Paralleluniversum. Aber so ist es geworden. Schicksal. Gibt Schlimmeres.
Heute bin ich Kronacher geworden.
Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier sind unglaublich fleißig. Sie leisten oft mehr, als man eigentlich leisten dürfte, weil Personal fehlt. Dafür bin ich ihnen als Chefarzt sehr dankbar.
Damit endet unser Gespräch. Dr. Horvath verabschiedet sich – und macht sich auf den Weg zum gemeinsamen Mittagessen mit seinem Radiologie-Team. Eine Tradition, die er, wie immer, einmal im Monat pflegt.