Psychoonkologie bei Darmkrebs

Darmkrebs – eine Diagnose, die viele Ängste weckt

Darmkrebs – eine Diagnose, die viele Ängste weckt

Eben noch gesund und plötzlich Krebspatient: Dieser Schockmoment hat Auswirkungen auf die Psyche. Unsere Expertin, Psychoonkologin Yvonne Menne, erklärt, wie Patienten und Patientinnen, aber auch Angehörige am besten mit der Diagnose Darmkrebs umgehen.

Darmkrebs gehört zu den häufigeren Krebserkrankungen in Deutschland, genauso wie Brust- oder Prostatakrebs. Ungefähr eine von 20 Frauen und einer von 17 Männern erhält im Laufe seines Lebens die Diagnose Darmkrebs. Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, nimmt ab dem 50. Lebensjahr kontinuierlich zu und ist für Menschen mit über 70 Jahren am höchsten: das mittlere Erkrankungsalter liegt bei Frauen bei rund 76 Jahren und bei Männern bei durchschnittlich 72 Jahren.

Die individuelle Diagnose reißt den Betroffenen aus seinem Alltag, denn gerade Darmkrebs kündigt sich erst sehr spät mit Symptomen an. Zum Zeitpunkt der Diagnose wächst der Tumor in der Regel bereits seit Jahren mehr oder weniger unbemerkt. Das ist meist ein großer Schock für viele Patientinnen und Patienten.

Eine Krebsdiagnose gleicht einem Erdbeben für die Psyche

Die Diagnose Krebs führt oft zu einem Schockzustand bei Patientinnen und Patienten. (© iStock/fizkes)

Viele Menschen erleben die Krebsdiagnose als große existenzielle Krise. Gefühle wie Verzweiflung, Wut, Angst, Auflehnung und Verdrängung wechseln sich ab und nichts von dem, was eben noch Gültigkeit hatte, scheint weiter Bestand zu haben. Dieser anfängliche Schockzustand ist völlig normal und markiert in der Psychologie den Ausgangspunkt des Prozesses der Krankheitsbewältigung. Im Verlauf dieser Krankheitsbewältigung wird die Krebserkrankung zunehmend realisiert und oft sogar akzeptiert. 

„Dieser anfängliche Schockzustand mit seinen vielen, oft widersprüchlichen Gefühlen, den die Diagnose Darmkrebs auslöst, führt nur selten zu einer anhaltenden Störung des inneren Gleichgewichts“, erläutert Yvonne Menne, Psychoonkologin am Helios Amper-Klinikum Dachau. „Gleichwohl fühlen sich Patientinnen und Patienten in der Regel zunächst seelisch überfordert.“

In jedem Abschnitt des Krankheitsprozesses kann es zu ernsten psychischen Überforderungen kommen. Eine therapiebegleitende psychoonkologische Betreuung ist deshalb von Beginn an sehr sinnvoll. 

Wissen hilft, die Diagnose anzunehmen

Unsere Expertin: Yvonne Menne ist Psychoonkologin am Helios Amper-Klinikum Dachau.

„Zunächst einmal ist es sehr verständlich, dass eine Darmkrebserkrankung den Betroffenen in seinen Grundfesten erschüttert und ihm kurzfristig den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Verlässliche Informationen, um sich im Alltag mit Krebs neu zu orientieren, sind jetzt besonders wichtig“, merkt Psychoonkologin Yvonne Menne an.

Gerade bei Darmkrebs ist eine Heilung wahrscheinlich, wenn der Krebs früh genug erkannt wurde. Denn die Mortalitätsrate ist in den letzten Jahrzehnten dank medizinischer Fortschritte rückläufig. Die 10-Jahres-Überlebensrate bei Menschen mit Darmkrebs liegt derzeit zwischen 56 und 60 Prozent. Der behandelnde Arzt hält hier entsprechende Patienten-Informationsbroschüren bereit oder empfiehlt Websites. 

Die Psychoonkologin erklärt außerdem, dass jetzt meist zwei Prozesse parallel ablaufen: Zum einen steht immer die Frage im Raum, was dem einzelnen jetzt, angesichts einer gefährlichen Krankheit im Leben besonders wichtig ist. Zum anderen, möchte jeder Patient möglichst genau wissen, was konkret auf ihn zukommt. 

Jeden Tag bewusst leben

„Jedes Leben ist endlich – eigentlich wissen wir das seit unserer Kindheit. Und jeder Erwachsene hat in der Regel bereits nahe Menschen verloren. Dennoch ist es etwas völlig anderes, sich mit dem eigenen, möglichen Tod auseinanderzusetzen. Aber Lebensqualität hat nicht nur mit Lebensdauer zu tun“, ist sich Yvonne Menne sicher.

Die Erschütterung zeigt sich im Diagnose-Schock. Aber die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit kann für viele Patienten auch eine ungeahnte Quelle der Kraft und der Energie sein, denn jetzt rückt die Frage, was dem einzelnen wirklich wichtig ist, radikal in den Vordergrund. So gelingt es vielen Darmkrebspatienten in der Rückbesinnung auf sich und ihren Körper und auf die eigenen Wünsche auch eine neue Lebensqualität zu generieren.

Wie wird das Leben mit Darmkrebs konkret aussehen?

Es ist wichtig, dass Patientinnen und Patienten in alle Schritte der Therapie eingebunden werden. (© iStock/ SARINYAPINNGAM)

Für viele Patienten ist die Frage zentral, ob die Funktion des Darms nach der lebensrettenden Operation wieder so wir vorher sein wird. Auch die Frage nach möglichen bleibenden Einschränkungen – körperlich oder auch lediglich auf dem Speisezettel – werden häufig formuliert. 

Hier ist es besonders wichtig, dass der behandelnde Arzt beziehungsweise der Chirurg sachlich genau skizziert, welche Maßnahmen notwendig sind. Es kann medizinisch erforderlich sein, vorübergehend einen künstlichen Darmausgang (Anus praeter) zu legen. In den meisten Fällen kann dieser künstliche Darmausgang zurückverlegt werden, sobald die beiden gesunden Darmabschnitte ausgeheilt sind. Wichtig ist es hier, die Patientinnen und Patienten in alle Schritte einzubeziehen und auch keine falschen Hoffnungen zu wecken, sollte eine Rückverlegung nicht möglich sein.  

„Gerade das Thema Körperausscheidungen und Stuhlgang ist in unserer Gesellschaft stark tabuisiert und mit Ekel besetzt, so dass ein Stoma für viele ein besonders schwerwiegender Aspekt ihrer Krebserkrankung ist“, erläutert die Expertin.

Erfahrungsgemäß fällt es Männern sehr viel schwerer, diese einschneidenden Veränderungen anzunehmen. Ein Ersatzkörperteil wird – verständlicherweise – zum Beispiel bei einem unsichtbaren künstlichen Hüftgelenk sehr viel leichter akzeptiert. 

Die an die Behandlung anschließende Reha ist für viele schon deshalb so hilfreich, weil hier der Raum und die Zeit gegeben ist, sich dem zunächst unüberwindlichen „Fremdkörper“ im eigenen Leben schrittweise anzunähern, um diesen manchmal medizinisch notwendigen Eingriff vielleicht irgendwann sogar akzeptieren zu können. 

Was hilft noch im Umgang mit der Erkrankung?

Viele Krebspatienten können bei einem Spaziergang an der frischen Luft Kraft schöpfen. (© iStock/greenleaf123)

Eine Krebserkrankung ist für jeden Betroffenen purer Stress. Viele dieser „Stressquellen“ lassen sich vom Betroffenen wenig kontrollieren: Da ist die Belastung durch Untersuchungen und Behandlungen genauso zu nennen, wie die eigene Unsicherheit und die große Angst in Bezug auf eine lange, gesunde Zukunft. Weitere Stressfaktoren können aus dem sozialen oder beruflichen Umfeld entstehen oder aus ganz alltäglichen Veränderungen beispielsweise durch eine Umstellung der Ernährung. 

Die Psychoonkologin empfiehlt jedem seiner Patienten, Techniken auszuprobieren, die ein positives Gegengewicht zur Krankheit und all den kleinen und großen Stressfaktoren, die mit ihr einhergehen, erzeugen. Hier sollte jeder selbst herausfinden, was ihm guttut und wie er am besten etwas innere Ruhe und Balance herstellen kann. Das kann im Einzelfall sehr unterschiedlich aussehen:

  • Sport oder körperliche Aktivitäten wie Spazierengehen
  • Achtsamkeit für positive Erlebnisse im Alltag stärken
  • Entspannungstechniken wie Yoga, Tai-Chi oder autogenes Training
  • Ein Bewusstsein für individuelle Stressfaktoren entwickeln und dementsprechend Strategien ausprobieren, wie dieser Stress vermieden oder reduziert werden kann

Yvonne Menne findet es wichtig, seinen Patienten auch zu einer gewissen „Großzügigkeit“ im Umgang mit der Erkrankung zu raten, denn nicht immer gelingt alles so, wie sie es sich wünschen. „Diese innere Gelassenheit ist sehr schwer zu erreichen, hilft aber im Umgang mit der Erkrankung enorm“, weiß die Expertin. 

Die Erkrankung sollte innerhalb der Familie kein Tabu sein

Miteinander sprechen: Kinder haben feine Antennen und sollten nicht ausgeschlossen werden. (© iStock/fizkes)

Kinder haben sehr feine Antennen für das, was Eltern oder Großeltern beschäftigt. Deshalb ist es nicht empfehlenswert, die Krebserkrankung vor Kindern geheim zu halten. Im Zweifelsfall ziehen sie sonst ihre eigenen, falschen Schlüsse. 

Wenn man Kindern einfühlsam erklärt, was die Krankheit bedeutet, verursacht das in der Regel weniger Ängste, als wenn sie im Unklaren gelassen werden und sich aus besorgten Blicken oder verweinten Augen der Erwachsenen ihren eigenen Reim machen. 

„Außerdem kann das Kind dann die realen Sorgen und Ängste teilen und muss seine eigene Gefühlslage nicht alleine mit sich ausmachen“, merkt Menne an. 
In jeder Familie herrscht eine andere Gesprächskultur und ein anderes Klima für den Umgang mit Krisen. Im Zweifel ist es deshalb ratsam, wenn sich Eltern hier professionelle Unterstützung bei Kinderarzt oder einem Kinderpsychologen holen – das kann durchaus in einem einmaligen Beratungsgespräch sein. 
 

Wichtige Anlaufstellen für Darmkrebserkrankte | Psychologische Hilfe:

  • Psychoonkologen im Krankenhaus oder in der Reha
  • Niedergelassene Psychotherapeuten
  • Krebsberatungsstellen oder auch Lebensberatungsstellen (Bspw. Infonetz Krebs, Deutsche Krebshilfe e.V.)

Austausch mit anderen Betroffenen:

  • Selbsthilfegruppen (Bspw. über BRK München)
  • in der Rehaklinik
  • Online-Foren (Bspw. Krebsinformationsdienst)

Weiterführende Informationen:

  • Netzwerk Krebsmedizin Helios
  • Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums
  • Deutsche Ilco e. V.
  • Familienhilfe Darmkrebs
  • Bayerische Krebsberatungsstelle
  • Felix-Burda-Stiftung
  • Flüsterpost e.V.
  • Lebensmut.org

Titelbild: © iStock/shapecharge