Herr Strzelkowski, warum ist ein „Tag der Organspende“ wichtig?
Der Tag der Organspende bietet die Gelegenheit, sachlich über ein Thema zu informieren, das oft mit Unsicherheit oder Ängsten verbunden ist. Viele Menschen setzen sich erst damit auseinander, wenn sie persönlich betroffen sind. Dabei kann eine dokumentierte Entscheidung, unabhängig davon, ob man sich für oder gegen eine Organspende entscheidet, Angehörige im Ernstfall enorm entlasten und im Fall einer Zustimmung sogar mehreren schwerstkranken Menschen helfen.
Wann kommt ein Mensch als Organspender infrage?
Ein Höchstalter, bis zu dem eine Organspende möglich ist, gibt es nicht. Nur wenige Erkrankungen schließen eine Organspende aus. Ärztinnen und Ärzte prüfen im Einzelfall, ob der Gesundheitszustand eine Organspende zulässt.
Welche Formen der Organspende gibt es?
Bei der sogenannten Lebendspende, etwa einer Niere, von der wir zwei haben und man nach bestimmten medizinischen Faktoren theoretisch auf eine verzichten kann, kann der Spender einwilligen. Bei einer der postmortalen Organtransplantation lebenswichtiger Organe wie Herz, Lunge, Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Darm muss der Organspender entweder zu Lebzeiten zugestimmt haben, oder die Angehörigen müssen diese Entscheidung treffen. Der Spender muss auf eine nur selten vorkommende Weise verstorben sein: durch den umgangssprachlich so genannten Hirntot. Die wichtigste Voraussetzung ist der irreversible Ausfall aller Hirnfunktionen – also von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm - ausgelöst durch eine schwere Hirnschädigung, zum Beispiel durch eine Hirnblutung. Auf einer Intensivstation kann das Herz-Kreislauf-System für eine kurze Zeit mit Hilfe intensivmedizinischer Maßnahmen stabil gehalten werden kann – so werden die Organe weiterhin durchblutet und bleiben transplantierbar. Die allermeisten Menschen, die auf einer Intensivstation versterben, erfüllen diese Voraussetzungen allerdings nicht.
Wie ist die medizinische Untersuchung geregelt?
Wenn der Verdacht besteht, dass bei einem soeben Verstorbenen ein vollständiger Hirnfunktionsausfall vorliegt, erfolgt eine streng geregelte Diagnostik nach den Richtlinien der Bundesärztekammer. Diese Untersuchung wird unabhängig voneinander von zwei qualifizierten Fachärzten durchgeführt. Dabei kommen unter anderem Verfahren wie CT-Angiografie oder EEG zum Einsatz. Erst wenn der irreversible Ausfall aller Hirnfunktionen zweifelsfrei festgestellt wurde, gilt der Mensch nach deutschem Gesetz als verstorben.
Welche Rolle spielen Angehörige in dieser Situation?
Eine sehr große Rolle. Parallel zur medizinischen Diagnostik wird geprüft, ob ein Organspendeausweis oder ein Eintrag im digitalen Organspende-Register vorliegt. Gleichzeitig sprechen wir frühzeitig mit den Angehörigen, um herauszufinden, welche Haltung die verstorbene Person zu Lebzeiten zum Thema Organspende hatte. Hier kann ein Organspendeausweis sehr helfen, damit dokumentiert der Verstorbenen zu Lebzeiten, was er sich zu diesem Thema wünscht.
Liegt keine dokumentierte Entscheidung vor, müssen Angehörige den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen wiedergeben. Das kann emotional sehr belastend sein. Deshalb appellieren wir immer wieder: Treffen Sie zu Lebzeiten eine Entscheidung und sprechen Sie mit Ihrer Familie darüber!
Wie läuft eine Organspende organisatorisch ab?
Sobald eine Zustimmung zur Organspende vorliegt, beginnt eine sehr komplexe und genau abgestimmte Vorbereitung. Ein Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation kommt ins Krankenhaus, weitere Untersuchungen der Organe werden durchgeführt und die Ergebnisse an die Zentrale von Eurotransplant im niederländischen Leiden übermittelt. Dort erfolgt die Vermittlung der Organe an passende Transplantationszentren.
Anschließend wird der Zeitpunkt der Organentnahme organisiert. Die entsprechenden Entnahmeteams reisen an, während das Krankenhaus in der Regel das OP- und Anästhesieteam stellt. Nach der Organentnahme wird der Leichnam würdevoll versorgt. Häufig nehmen die beteiligten Teams sich anschließend bewusst einen stillen Moment Zeit, um dem Organspender Respekt und Dank auszusprechen.
Was geschieht mit den Organen nach der Entnahme?
Die Organe werden unmittelbar nach der Entnahme gekühlt und schnellstmöglich in die jeweiligen Transplantationszentren transportiert. Dort sind die Empfängerinnen und Empfänger auf den Wartelisten bereits informiert worden, sodass die Transplantation zeitnah erfolgen kann. Bundesweit werden am häufigsten Nieren transplantiert, daneben unter anderem Leber, Herz, Lunge sowie in selteneren Fällen Bauchspeicheldrüse oder Dünndarm.
Was möchten Sie den Menschen zum Tag der Organspende mitgeben?
Sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, ist wichtig – unabhängig davon, wie die persönliche Entscheidung ausfällt. Organspende braucht Aufklärung, Vertrauen und Offenheit. Wer seinen Willen dokumentiert, schafft Klarheit für Angehörige und kann im Ernstfall anderen Menschen eine neue Lebenschance schenken.