Frau Dr. Mettal-Minski, was umfasst die Internistische Rheumatologie?
Dr. Daniela Mettal-Minski: Rheuma wird häufig nur mit Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates gleichgesetzt. Tatsächlich sind viele rheumatische Erkrankungen chronisch-entzündliche Systemerkrankungen, bei denen das Immunsystem eine zentrale Rolle spielt. Sie können deshalb nicht nur Gelenke, sondern auch innere Organe betreffen. Genau deshalb wird die Rheumatologie dem Fachgebiet Innere Medizin zugeordnet.
Was bedeutet „Systemerkrankung“?
Unser Immunsystem schützt uns normalerweise vor Krankheitserregern und entarteten Zellen. Bei rheumatischen Erkrankungen kann sich diese Abwehr jedoch gegen den eigenen Körper richten. Vereinfacht gesagt entsteht eine Art „Bürgerkrieg“ im Körper mit chronischen Entzündungsreaktionen. Am häufigsten zeigt sich das an den Gelenken. Betroffen sein können aber beispielsweise auch Augen, Haut, Lunge oder Nieren. Deshalb ist eine internistische Betreuung so wichtig.
Was löst solche Erkrankungen aus?
Die genaue Ursache ist bei vielen Erkrankungen noch nicht bekannt. Eine genetische Veranlagung spielt eine Rolle, ohne dass es sich zwangsläufig um klassische Erbkrankheiten handelt. Mögliche Auslöser können Infektionen, schwere Erkrankungen oder andere körperliche Belastungen sein. Auch psychischer Stress wird von Patienten häufig im zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn der Erkrankung oder einem Schub beschrieben. Wie diese Faktoren biologisch zusammenspielen, ist weiterhin Gegenstand der Forschung.
Rheuma gilt noch immer als „Alte-Leute-Krankheit“. Zu Recht?
Nein. Hinter dem Begriff Rheuma stehen mehr als 600 verschiedene Erkrankungen. Dazu gehören zwar Verschleißerkrankungen wie die Arthrose, die im höheren Lebensalter häufiger auftreten. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen können aber Menschen jeden Alters treffen – vom Säugling bis zum hochbetagten Menschen. Auch junge Erwachsene können beispielsweise an entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen wie Morbus Bechterew erkranken.
Welche rheumatischen Erkrankungen sind besonders häufig?
Eine der häufigsten Formen ist die Gicht. Sie ist keine klassische Autoimmun-, sondern eine Stoffwechselerkrankung, bei der sich Harnsäure im Körper ansammelt und schmerzhafte Entzündungen auslösen kann. Bei den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen des Immunsystems ist die rheumatoide Arthritis besonders häufig. Typisch sind Entzündungen mehrerer Gelenke. Hinzu kommen unter anderem die Psoriasis-Arthritis, die mit Schuppenflechte einhergehen kann, und entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen wie Morbus Bechterew.
Warum werden heute mehr rheumatische Erkrankungen diagnostiziert?
Zum einen können wir sie wesentlich besser erkennen. Zum anderen werden die Menschen älter, und einige Rheumaformen treten vor allem im höheren Lebensalter auf. Hinzu kommen Umwelt- und Lebensstilfaktoren. Rauchen ist beispielsweise ein wichtiger Risikofaktor für bestimmte Erkrankungen. Intensiv erforscht wird derzeit auch die Rolle des Darmmikrobioms. Hier erwarten wir in den kommenden Jahren weitere Erkenntnisse.
Wie stark hat sich die Behandlung in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Enorm. Früher ging es vor allem darum, Entzündungen und Schmerzen zu unterdrücken. Heute können wir viel gezielter in die fehlgeleitete Immunreaktion eingreifen. Unser Ziel ist, die Entzündung möglichst vollständig unter Kontrolle zu bringen und dauerhafte Schäden zu verhindern.
Ein wichtiger Meilenstein war die Einführung der Biologika. Mit ihnen lassen sich bestimmte Entzündungsprozesse gezielt blockieren. Das hat insbesondere für Patienten, bei denen klassische Basistherapien nicht ausreichend wirken, die Behandlungsmöglichkeiten erheblich erweitert. Schwere Verläufe, die früher häufiger zu Gelenkschäden, Behinderungen, Frühberentungen oder gar vorzeitigem Ableben führten, können heute wesentlich besser behandelt werden.
Was erwartet Patienten konkret bei Ihnen in der Helios Klinik Attendorn?
Im Landkreis Olpe bin ich die einzige Rheumatologin mit einer kassenärztlichen Ermächtigungsambulanz. Ich verstehe mich deshalb zunehmend als Lotsin: In meiner Rheuma-Ambulanz stelle ich Diagnosen, gebe die Richtung der Therapie vor und begleite komplexere Fälle. Die weitere Versorgung erfolgt eng abgestimmt mit den Haus- und Fachärzten vor Ort.
Wir beginnen grundsätzlich mit etablierten Basistherapien. Reichen diese nicht aus oder werden sie nicht vertragen, stehen weitere moderne Medikamente zur Verfügung.
Sie betonen immer wieder, Zeit sei bei der Diagnoseerstellung besonders wichtig. Warum?
Der Faktor Zeit ist bei Rheuma sehr entscheidend. Ich möchte spätestens nach drei bis vier Monaten wissen, ob eine Therapie ausreichend wirkt. Wir können nicht Jahre verstreichen lassen, während möglicherweise irreversible Gelenkschäden entstehen. Bringt eine Behandlung nicht den gewünschten Erfolg, müssen wir rechtzeitig reagieren und die Therapie anpassen.
Wie kommen Patienten zu Ihnen?
In der Regel mit einer Überweisung des Haus- oder Facharztes. Besteht der begründete Verdacht auf eine rheumatische Erkrankung, erfolgt bei uns die weitere Abklärung.
Bei besonders schweren Fällen, die keinen längeren Aufschub erlauben, können wir auch eine stationäre Behandlung einleiten. Das ist eine Stärke unseres Standortes: Ambulante und stationäre Rheumatologie sind eng miteinander verzahnt, zudem befindet sich die Rheumaorthopädie direkt nebenan.
Neben Medikamenten können wir in der Ambulanz auch Krankengymnastik, physikalische Therapie und Ergotherapie verordnen. So lassen sich die verschiedenen Bausteine der Behandlung miteinander verbinden.
Am 12. Oktober ist Welt-Rheumatag. Warum ist dieser Tag wichtig?
Er schafft Aufmerksamkeit. Ärzte und Patienten sollen bei entsprechenden Beschwerden auch an Rheuma als entzündliche Systemerkrankung denken und Schmerzen nicht vorschnell auf Alter oder Wetter schieben. Ebenso wichtig ist es, Angebote wie die der Deutschen Rheuma-Liga bekannter zu machen. Das Eigenmanagement der Betroffenen ist ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung. Wir arbeiten deshalb seit vielen Jahren eng mit der Rheuma-Liga zusammen.
Gibt es dazu auch ein Angebot in der Helios Klinik Attendorn?
Ja. Am Dienstag, 13. Oktober, stehen von 15 bis 17 Uhr ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der Regionalgruppe Olpe in der Klinik für Fragen von Betroffenen und Angehörigen zur Verfügung. Themen sind unter anderem Funktionstraining, Krankheitsbewältigung und die Angebote der Rheuma-Liga NRW.