Psychische Erkrankungen betreffen nicht nur die erkrankte Person selbst, sondern wirken sich häufig auf das gesamte familiäre Umfeld aus. Viele Patientinnen und Patienten in der Erwachsenenpsychiatrie sind Mütter oder Väter und übernehmen trotz eigener Erkrankung Verantwortung für ihre Kinder. Diese Kinder psychisch erkrankter Eltern – kurz KipsFam – tragen ein erhöhtes Risiko für emotionale, soziale und psychische Belastungen, insbesondere wenn Unterstützungsbedarfe nicht frühzeitig erkannt werden.
Im klinischen Alltag bleiben diese Kinder jedoch oft unsichtbar, da sie nicht selbst Patientinnen oder Patienten sind. Gleichzeitig begegnet uns die Thematik KipsFam in vielen Situationen: bei der Aufnahme erwachsener Patientinnen und Patienten, im Rahmen von Krisen, bei längeren Behandlungsverläufen oder an Übergängen zwischen stationärer, teilstationärer und ambulanter Versorgung. KipsFam bedeutet in diesem Zusammenhang, die Elternrolle systematisch mitzudenken und die Situation der Kinder aktiv in den Blick zu nehmen.
Ein zentraler Ansatz von KipsFam ist die präventive und familienorientierte Perspektive. Es geht nicht um Schuldzuweisungen oder Pathologisierung, sondern um frühes Wahrnehmen von Belastungen, um Entlastung der Familien und um die Stärkung vorhandener Ressourcen. Bereits kleine Schritte, wie das sensible Ansprechen der Familiensituation oder das Angebot von Beratung und Unterstützung, können einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung leisten.
Die Umsetzung von KipsFam ist eine interdisziplinäre und sektorenübergreifende Aufgabe. Sie erfordert die enge Zusammenarbeit zwischen Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Pflege, Psychologie und Sozialdienst sowie die Kooperation mit externen Partnern wie Jugendämtern, Sozialpsychiatrischen Diensten, Beratungsstellen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Das Klinikum nimmt dabei eine wichtige Rolle als Schnittstelle und Koordinationsort ein.
Für die betroffenen Familien kann ein KipsFam-orientiertes Vorgehen frühzeitige Hilfe, Entlastung und Orientierung bedeuten. Für das Klinikum trägt es zu stabileren Behandlungsverläufen, verbesserten Übergängen und einer nachhaltigeren Versorgung bei. Gleichzeitig stärkt es die Handlungssicherheit der Mitarbeitenden und fördert eine gemeinsame Verantwortung im Umgang mit komplexen familiären Belastungslagen.
KipsFam ist damit kein zusätzlicher Auftrag, sondern eine Haltung, die vorhandene Strukturen ergänzt und weiterentwickelt. Sie unterstützt eine präventive, familienorientierte und vernetzte Versorgung und bietet die Chance, das Engagement des Klinikums für Kinder, Eltern und Familien sichtbar zu machen und nachhaltig zu stärken.