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Rückblick auf zehn Jahre Schmerzklinik: Über Selbstbestimmung und unzählige Dankeskarten

Im März 2012 wurden die ersten Patientinnen und Patienten in der damals neu gegründeten Schmerzklinik der Stolzenauer Helios Klinik stationär aufgenommen. Heute, zehn Jahre später, ziehen Bernd Goevert und Christiane Hermann-Böhlke eine Bilanz. Als Urgesteine der Schmerzklinik haben der leitende Arzt und die Pain Nurse über die Jahre hinweg 3.000 Patientinnen und Patienten auf ihrem Weg in einen lebenswerten Alltag begleitet. Allein waren sie jedoch dabei nicht, denn die multimodale Schmerztherapie ist Teamarbeit: Therapeuten, Psychologen, speziell geschultes Pflegepersonal und Ärzte sorgen in einer vielschichtigen Bewertung für die optimale Behandlung der Schmerzpatientinnen und Patienten. Das A und O hierbei sind Verständnis, Zeit sowie die Berücksichtigung der individuellen Wünsche.
29. August 2022

Patientinnen und –patienten, die sich in der Schmerzklinik der Stolzenauer Helios Klinik vorstellen, haben sie oft einen jahrelangen Leidensweg hinter sich. Untersuchungen bei unterschiedlichsten Ärzten, teilweise zahlreiche Operationen, Ungläubigkeit oder spöttische Kommentare von Dritten, Depressionen, Schlafstörungen und in den meisten Fällen auch die soziale Isolation. „Unsere Aufgabe ist es, diesen Menschen Wege aufzuzeigen, wie sie ihr Leben wieder genießen können, wie sie ihre Schmerzen lindern können – aber sie gleichzeitig auch als Teil ihres Alltags akzeptieren“, erläutert Christiane Hermann-Böhlke, ausgebildete Pain Nurse. 

Sie und der leitende Arzt Bernd Goevert haben vor zehn Jahren die Schmerzklinik mit aufgebaut. Goevert, damals noch Unfallchirurg, absolvierte zuvor eine einjährige Weiterbildung in der Abteilung für Schmerztherapie des Helios Klinikums Hildesheim mit der abschließenden Prüfung vor der Ärztekammer als Facharzt für spezielle Schmerztherapie. Hermann-Böhlke, die als examinierte Krankenschwester zunächst die Weiterbildung zur Anästhesiepflegekraft erlangte, hatte sich im Anschluss auf die Anregung von Dr. Ludger Schoeps – damals Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin, heute Chefarzt des ambulanten OP-Zentrums -  zur Pain Nurse – zu deutsch „Schmerzschwester“ weiterqualifiziert. 

„Auch die Räume wurden alle den Bedürfnissen der Schmerztherapie entsprechend umgebaut und angepasst. Wir benötigten Räumlichkeiten für die unterschiedlichen Therapieeinheiten, z. B. auch für die Kunsttherapie oder die Physiotherapie“, erläutert Goevert. Während des in der Regel 14-tägigen stationären Aufenthalts erhalten die Patientinnen und Patienten rund 50 Therapieeinheiten. „Hierzu zählen aber auch die Visite oder das Anhören von speziellen Vorträgen“, so Goevert weiter. Er selbst kommt dafür ebenfalls am Wochenende in die Klinik und führt die Visite durch oder hält Patientenvorträge zu den Themen Schmerzmittel ABC, Regeln für einen besseren Schlaf oder die zehn Lebensregeln von Schmerzpatienten.

Bevor die Therapieeinheiten jedoch beginnen können, muss sich der Patient oder die Patienten zunächst einmal vorstellen. „In einem intensiven ambulanten Assessment entscheiden wir, ob eine stationäre Aufnahme bei uns möglich und erforderlich ist. Auch fragen wir ab, welche Erwartungen auch die Patienten an uns haben“, erläutert Hermann-Böhlke. So gibt es auch Patientinnen und Patienten, die lediglich eine Infusion mit starken Schmerzmitteln wünschen und alle anderen Therapiemaßnahmen ablehnen. „Diese sind bei uns an der falschen Stelle, denn unsere Arbeitsweise und unser Therapieziel sind ein anderes. Wir fordern von unseren Patientinnen und Patienten eine aktive Mitarbeit, denn nur so haben sie die Möglichkeit, auch nach dem Klinikaufenthalt Wege für einen attraktiven und lebenswerten Alltag zu finden. Das beinhaltet auch viel Selbstreflektion, Selbstbestimmung und Arbeit an sich selbst. Den Mut zu finden, Hürden zu überwinden“, so die Pain Nurse. 

Das ambulante Vorgespräch findet nicht nur mit der Pain Nurse statt, es gehört dazu auch das Gespräch mit dem Psychotherapeuten sowie die Untersuchung durch Physio- und Ergotherapeuten sowie einen Arzt. „Es ist auch schon vorgekommen, dass wir Bandscheibenvorfälle entdeckt haben, bei denen sich die Schmerzen ganz einfach durch eine Operation erledigt hatten. Doch in den meisten Fällen haben die Patientinnen und Patienten schon einige Eingriffe hinter sich und leiden trotzdem noch an Schmerzen“, so Goevert. 

Nach Abschluss des Vorgesprächs wird ein detaillierter Therapieplan erstellt, der auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist. „Hierzu zählt viel Bewegung. Neben den physiotherapeutischen Anwendungen walken wir mit den Patientinnen und Patienten, gehen mit ihnen zum therapeutischen Schwimmen und machen mit ihnen Kräftigungsübungen im fußläufig zu erreichenden Fitnessstudio“, erläutert Hermann-Böhlke. 

Doch nicht nur die Kräftigung des Körpers, sondern auch der Seele spielt eine große Rolle. „Körper und Geist sind eine untrennbare Einheit. Wer eine große seelische Last trägt, der hat häufig Rückenprobleme. Oder Dinge schlagen den Menschen sprichwörtlich auf den Magen“ Bei den Schmerzpatientinnen und –patienten ist es aber auch häufig der Schmerz selbst und die damit verbundenen jahrelangen Schlafstörungen, die sie in eine Despression treiben. „Wenn man ständig Schmerzen hat und niemand die Ursache dafür findet, dann schlägt das auf die Psyche. Nichts macht mehr Spaß, alles ist mit Schmerzen verbunden. Die Seele leidet automatisch mit. Kommen dann noch Menschen dazu, die das eigene Leiden anzweifeln und vielleicht noch ins Lächerliche ziehen, dann ist die soziale Isolation fast nicht mehr zu umgehen“, erläutert die Pain Nurse. Daher finden teilweise nicht nur Einzelstunden, sondern auch Paargespräche mit dem Psychotherapeuten statt. 

Neben einer Verbesserung der Beweglichkeit und einer medikamentös begleiteten Schmerzreduktion werden auch Entspannungstechniken geübt. „Dies sind auch gute Hilfsmittel zur Schlafverbesserung, eines der großen Probleme von Schmerzpatienten“, betont Goevert. 

Einmal pro Woche findet in der Klinik eine Schmerzkonferenz mit allen involvierten Fachabteilungen statt, bei denen jeder einzelne Patient besprochen wird. Auch dabei sind ein Arzt für Kardiologie und Innere Medizin sowie ein Neurochirurg. 

3.000 stationäre Patientinnen und Patienten haben Hermann-Böhlke und Goevert in den zehn letzten Jahren behandelt. Es sind erwachsene Menschen aus allen Alters- und sozialen Schichten mit den unterschiedlichen Krankheitsbildern. Eines haben sie jedoch gemeinsam: eine große Dankbarkeit. „Ich habe so viele Dankeskarten und –bilder in den letzten Jahren erhalten, die kann ich schon gar nicht mehr zählen. Aber ich freue mich über jede Einzelne, denn das zeigt mir, dass wir hier das Richtige tun“, so Hermann-Böhlke gerührt. Für sich selbst versucht sie auch etwas mitzunehmen aus ihrer täglichen Arbeit. „Das Thema Selbstbestimmung ist wichtig, auch mal an mich, nicht nur an andere denken.“ Nach Feierabend fährt sie dann trotzdem noch oft los und kauft für die Patientinnen und Patienten ihre Lieblingszeitschriften, besondere Essenszutaten oder die vergessenen Badeschlappen. „Ich kann nicht anders, ich möchte einfach, dass sich unsere Patientinnen und Patienten bei uns wohlfühlen“, erläutert die Pain Nurse. 

Auch Goevert hat aus den letzten zehn Jahren viel für sich gewonnen. „Man lernt das Zuhören, wird empathischer. Ich bin noch nie so oft herzlich in den Arm genommen worden wie von meinen Patientinnen und Patienten, wenn sie sich am Ende der Therapie bei mir bedankt haben.“  

Aufgrund der großen Beliebtheit der Klinik wird die Abteilung beim zukünftigen Umzug in das Nienburger Gebäude noch vergrößert. „Einige Patientinnen und Patienten hatten Angst, dass wir dann nicht mehr für sie da sind, doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall“, betont Goevert. 

Auch für die ehemaligen Patientinnen und Patienten steht die Tür immer offen. „Viele rufen mich an, wenn sie dann doch Schwierigkeiten im Alltag haben. Oft reichen schon kleine Anstöße oder ein mutmachendes Gespräch“, so Hermann-Böhlke.

Geschäftsführer Christian Thiemann ist ebenfalls beeindruckt von der Leistung der Abteilung. „Die Kolleginnen und Kollegen aus der Schmerzklinik haben in den letzten zehn Jahren ein unschlagbares Team aufgebaut, welches sich mit Hingabe, Einfühlungsvermögen und Fachkompetenz um die Patientinnen und Patienten kümmert – und das Feedback spricht für sich. Ich danke allen Beteiligten für ihren Einsatz und ihre Treue.“ 
 

Foto: Leitender Arzt Bernd Goevert und Pain Nurse Christiane Hermann-Böhlke 

Rückblick auf zehn Jahre Schmerzklinik: Über Selbstbestimmung und unzählige Dankeskarten