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Geriatrie – ein Einblick in die Disziplin der Teamplayer

Seit dreieinhalb Jahren ist Stephanie Lorenz die Chefärztin der Geriatrie der Helios Kliniken Mittelweser am Standort Stolzenau. Für Sie ist klar: Die Möglichkeiten einer geriatrischen Behandlung werden vielerorts unterschätzt. Warum wir die Versorgung eines alten Menschen nicht mit der eines jungen Menschen vergleichen können, erfahren wir im Interview.
28. März 2022

Stephanie Lorenz hat in ihrem Berufsleben im Krankenhaus schon viele alte Menschen kennengelernt. Vor 39 Jahren hat die 56-Jährige ihre Ausbildung als Krankenschwester begonnen. Nach dem Medizinstudium war sie in der Rettungs- und Intensivmedizin tätig, bevor sie sich entschloss, in den geriatrischen Zweig zu wechseln. 

Doch warum nicht früher? „Ganz einfach, die Notwendigkeit der Geriatrie als Fachdisziplin wurde lange nicht erkannt. Alle sind sich darüber einig, dass es einen Kinderarzt geben muss. Aber einen eigenen Facharzt für alte Menschen? Diesen Konsens hat die Medizin erst vor ca. 15 Jahren gefunden“, erläutert Lorenz. Seit dreieinhalb Jahren ist sie Chefärztin der Geriatrie der Helios Kliniken Mittelweser, zuvor war sie im gleichen Posten an der Helios Klinik Bad Salzdetfurth im Landkreis Hildesheim beschäftigt. 

Doch was ist eigentlich Geriatrie – die Altersmedizin? Lt. WHO ist „der Zweig der Medizin, der sich mit der Gesundheit im Alter sowie den präventiven, klinischen, rehabilitativen und sozialen Aspekten von Krankheiten beim älteren Patienten beschäftigt“. Es geht also darum, den Patienten in seiner Gesamtheit zu betrachten und nicht nur das offensichtliche akute gesundheitliche Problem. 

Und genau da sieht Lorenz auch den Unterschied zur Behandlung eines jungen Menschen. „Wenn ein junger Mensch ein Herzproblem hat, geht er normalerweise zum Kardiologen, wird behandelt, geht wieder nach Hause und lebt sein normales Leben weiter. Bei einem alten Menschen ist das so einfach nicht umsetzbar“, erklärt die Hannoveranerin. 

Wenn ein Patient in die geriatrische Behandlung nach Stolzenau kommt, ist er in der Regel mindestens 70 Jahre alt, akut erkrankt und leidet an multiplen weiteren chronischen Erkrankungen. Dann wird zunächst ein multidimensionales Assessment durchgeführt. „Neben dem körperlichen Befinden müssen wir unter anderem auch wissen, wie der soziale Status oder die Möglichkeit der Selbstversorgung ist. Wie sind die Wohnverhältnisse? Kann der Patient nach der Behandlung nach Hause zurück, weil er in ein familiäres Umfeld kommt, das ihn unterstützt? Oder wohnt er alleine im fünften Stock des Miethauses und kann mit seinem Rollator die Treppen nicht mehr bewältigen? Das ist für uns und die weitere Versorgung der Patienten ein erheblicher Unterschied“ betont Lorenz. 

Auch bei der Therapie in Stolzenau wird nicht nur die akute Erkrankung behandelt. „Kaum ein Fachbereich ist so sehr auf das Zusammenspiel unterschiedlichster Disziplinen angewiesen wie die Geriatrie. Ein Hauptbereich ist hier das Therapeutenteam. Die frühe Mobilisation durch die Physiotherapeuten, das Training mit den Ergotherapeuten sowie Sprach- und Schluckübungen mit den Logopäden sind für die Patientinnen und Patienten immens wichtig. Auch sind viele alte Menschen sind aufgrund ihrer Einsamkeit depressiv, sehen keinen Sinn mehr darin, wieder gesund zu werden. Hier kommen unsere Psychologen und Seelsorger ins Spiel.“ Ergänzend oder parallel dazu noch Geriatrie-Koordinator, Pflege und Ärzte, Sozialdienst und nicht zuletzt auch die Angehörigen. 

Das Therapieziel ist daher am Ende der geriatrischen Behandlung nicht nur die reine Versorgung des Oberschenkelhalsbruchs oder der Magenerkrankung. „Natürlich ist die Linderung und Heilung von Schmerzen wichtig. Doch letztlich zählt bei unseren Patientinnen und Patienten die Verbesserung der Lebensqualität und Selbstständigkeit, die Stärkung von Kraft und Beweglichkeit und idealerweise natürlich die Rückkehr in die eigene Häuslichkeit“, so Lorenz. 

Dennoch: Altersmedizin heißt für Lorenz nicht die komplette medizinische Behandlung um jeden Preis. „Es ist immer der individuelle Fall entscheidend. Ein 85-Jähriger kann noch fit und aktiv sein und sein Leben selbstständig meistern. Genauso gut ist es aber möglich, dass der 85-Jährige seit Monaten bettlägerig und somit ein schwerer Pflegefall ist. Wem von beiden würde man noch eine kräftezehrende Tumortherapie zumuten, wenn der Verdacht im Raum steht?“ Hier sind auch die Gespräche mit Angehörigen entscheidend. 

Solche und ähnliche Situationen gehen auch an Stephanie Lorenz nicht spurlos vorbei. Dennoch liebt sie ihren Job. „Weil man so viel von den Patienten zurückbekommt“, erklärt sie schlicht. Viele ihrer Patientinnen und Patienten fragt sie, was sie früher beruflich gemacht haben. Häufig sind es Berufe, die es so heute gar nicht mehr gibt. „Sie haben Dinge erlebt, von denen wir nur in der Zeitung oder in der Schule gelesen haben. Die Generation, die heute alt ist, hat Deutschland nach dem Krieg wiederaufgebaut“, so Lorenz.

Vielen ihrer Patientinnen und Patienten würde sie einen anderen Gesundheitszustand wünschen – gerade am Beispiel unseres 85-Jährigen. Dies zu beeinflussen, liegt jedoch nur zum Teil in unserer Hand. Trotzdem hat sie ein Rezept für ein gesundes Altern: Bewegung, mentale Herausforderung und ein stabiles soziales Umfeld. „Mein klassisches Beispiel sind die Rentner, die morgens die Tageszeitung lesen, idealerweise noch das Kreuzworträtsel lösen, dann im eigenen Garten nach dem Rechten schauen und sich nachmittags mit Freunden auf einen Kaffee treffen.“

Wir danken Stephanie Lorenz für ihr Engagement und das Interview!
 

Foto: Behält ihren Humor auch im Klinikalltag: Chefärztin Stephanie Lorenz vor ihrem Asterix-Poster

Geriatrie – ein Einblick in die Disziplin der Teamplayer