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Gemeinsam ins Leben gekämpft: Die „Dittmanns“ und das Zwillingswunder

Mehr als Medizin: Seit 15 Jahren jedes Jahr ein besonderes Heimkommen ins Helios Klinikum Hildesheim

30.06.2026 Lesedauer: - Min.
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Es gibt Geschichten, die im Kreißsaal beginnen und niemals wirklich enden. Wenn Familie Dittmann aus St. Andreasberg heute die Flure der Kinderklinik im Helios Klinikum Hildesheim betritt, ist es kein gewöhnlicher Besuch. Es ist ein Heimkommen. 15 Jahre ist es her, dass die Zwillinge Philipp und Marie in der 27. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt erblickten – „futzelig“ - wie das Team der Frühgeborenenstation liebevoll sagt, aber ausgestattet mit einem Kampfgeist, der sie heute zu zwei stattlichen jungen Menschen gemacht hat. „Ohne euch würden wir hier heute nicht stehen“, sagt Vater Fabian mit einer Stimme, die auch nach anderthalb Jahrzehnten noch vor Dankbarkeit zittert. Es ist ein Satz, der mitten ins Herz der Station trifft.

Ein Start gegen alle Widerstände

Rückblick zum 12. Oktober 2010: Ein verkürzter Gebärmutterhals, Antibiotika und Kortison für die Lungenentwicklung der Kinder und die Ungewissheit der 23. Woche wiegt schwer. Am Abend des 11. November, nach Wochen des Bangens, folgt der Eil-Kaiserschnitt. Zuerst wird Philipp geholt (1057 Gramm), drei Minuten später seine Schwester Marie (gerade mal 996 Gramm). Beide sind 35 Zentimeter groß, ungefähr die Länge eines DIN-A4-Blattes. Ihr Zuhause für die nächsten Monate: der Inkubator. Die Ernährung: zunächst intravenös, dann tröpfchenweise Muttermilch per Einwegspritze.

„Der Entbindungstermin war erst für den 11. Februar 2011 errechnet. Wir haben uns von Woche zu Woche gehangelt“, schildert Mutter Kristin Dittmann die nervenaufreibende Zeit. „Am Tag der Geburt war die Angst förmlich greifbar. Doch dank der Unterstützung von Schwester Angela und anderen Kolleginnen, die uns und unsere Kinder sicher begleiteten, fühlten wir uns sicher aufgehoben“, erinnern sich die Eltern. Kinderkrankenschwester Kathrin, die damals, die Kinder versorgte, ergänzt: „Es war eine harte Zeit, 18 Wochen stationär. Aber es war auch eine Zeit voller Leben. Wir hatten trotz allem Spaß, es gab Kostüme zu Karneval, gute Gespräche und dieses unglaubliche Miteinander.“

Maries und Philipps Kampf & medizinische Herausforderungen nach der Geburt

Bei der kleinen Marie spitzte sich die Lage kurz nach der Geburt dramatisch zu: Eine Lungenembolie, eine Hirnblutung sowie ein persistierender Ductus Arteriosus, eine, Verbindung der herznahen Blutgefäße die sich nicht wie vorgesehen schloss. Eine Operation an diesen Gefäßen war schließlich notwendig, um Maries Zustand zu stabilisieren. Heute blickt die Mutter dankbar zurück: „Dass sie diese Komplikationen überstanden hat, grenzt an ein kleines Wunder.“ Auch Philipp benötigte eine intensive Unterstützung für seinen Start ins Leben. Aufgrund einer chronischen Lungenerkrankung (BPD) war er 18 Monate lang auf eine kontinuierliche Sauerstoffzufuhr angewiesen. Da er zudem Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme hatte, sicherte eine Magensonde sein Überleben. „Jeder freie Atemzug war ein hart erkämpfter Fortschritt“, beschreibt die Mutter diese belastende Phase. Philipp benötigte viel Zeit, bewies aber Geduld: „Er hat uns gezeigt, was es heißt, dranzubleiben.“

Gemeinsam zurück ins Leben

Heute blickt die Familie mit Zuversicht in die Zukunft. Ein engmaschiges Netz aus spezialisierter Pädiatrie, Physiotherapie und Frühförderung legte den Grundstein. „Ergänzt durch ganzheitliche Ansätze wie Osteopathie haben Marie und Philipp bewiesen, wie viel Lebenswillen in den kleinsten Kämpfern steckt“, berichtet Dr. med. Levente Bejo, Chefarzt der Neonatologie.

Die Logistik der Liebe: Jeder Tropfen zählt

Eine Anekdote ist auf der Station legendär: Die „Milch-Logistik“. Um die Kinder zu stärken, pumpte die Mutter unermüdlich ab. „Ich kam anfangs mit einer Spritze, in der keine fünf Milliliter waren und fühlte mich fast schlecht“, weiß sie noch. Doch das Team motivierte sie: „Jeder Tropfen zählt!“ Daraus entwickelte sich ein privater „Logistikbetrieb“. Am Ende hatte Familie Dittmann einen eigenen Kühlschrank in der Milchküche des Helios Klinikums. „Gefühlt waren es 28 Tonnen“, scherzt Vater Fabian heute. „Dass man uns damals diesen Platz schuf, anstatt Milch wegzuschütten, steht für mich sinnbildlich für die Wertschätzung hier.“

Der Kalender: Eine Chronik der Hoffnung

Seit der Entlassung ist kein Jahr vergangen, in dem die Klinik keine Post aus dem Harz bekommen hat. Jedes Jahr bringt die ganze Familie, immer alle vier gemeinsam, einen liebevoll selbstgestalteten Fotokalender vorbei. Er hängt in der Stationsküche - als Ankerpunkt für das Team und Inspiration für Eltern, die gerade am Anfang ihres Weges stehen. „Früher zeigten die Fotos das erste Krabbeln oder den Moment, in dem der Sauerstoffrucksack endlich abgelegt werden konnte. Heute sieht man Konfirmationsbilderund zwei Teenager, die ihre eigenen Wege gehen“, erzählt die Pädiaterin Sang-Mi Kim-Peche. Heute sind die beiden 15 Jahre alt und noch Schüler, doch schon jetzt stehen ihre Pläne fest: Philipp zieht es in die Landwirtschaft, Marie möchte Lektorin werden.

Mehr als Medizin

Für den damals behandelnden Arzt, Dr. Martin Enders, ist dieser Langzeitkontakt ein Geschenk: „Wir können medizinisch viel tun, aber Eltern, die diese positive Energie mitbringen, sind genauso wichtig. Die Kinder spüren das.“ Der Vater blickt heute mit beneidenswerter Gelassenheit auf die Welt: „Wenn mich jemand fragt, ob mir der lange Winter im Harz Sorgen macht, lache ich. Wir hatten Extrem-Frühchen, die heute kerngesund sind. Ich habe im Leben schon das große Los gezogen - was soll mir noch passieren?!“
Der Besuch endet, wie er immer endet: Mit Umarmungen und dem Versprechen, nächstes Jahr wiederzukommen. Denn im Helios Klinikum Hildesheim sind die Dittmanns längst mehr als Patienten, sie sind Teil der Familie.

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