Wie Oliver Kaisers letzter Wunsch in Erfüllung geht
Noch einmal an die Ostsee

Wie Oliver Kaisers letzter Wunsch in Erfüllung geht

Berlin

Der 51-jährige Oliver Kaiser aus Berlin Kaulsdorf bekommt Ende März 2021 eine Diagnose, die sein Leben völlig auf den Kopf stellt - Hirntumor. Er ist an einer der schlimmsten Formen eines Gehirntumors erkrankt - einem Glioblastom - der am häufigsten vorkommende hirneigene maligne Tumor im Erwachsenenalter. Die Erkrankung ist gegenwärtig nicht heilbar. Plötzlich wird Zeit für Oliver Kaiser und seine Familie zum alles entscheidenden Faktor. Nun soll für ihn ein letzter Wunsch in Erfüllung gehen: eine Reise mit seiner Familie an die Ostsee.

Das Glioblastom ist die häufigste bösartige Form des Gehirntumors beim Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ordnet das Glioblastom Grad 4 der Hirntumoren zu den höchsten Schweregrad, den ein Hirntumor erreichen kann. Die Erkrankung tritt meist zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr auf und schreitet schnell voran. Etwa 4800 Neuerkrankungen pro Jahr sind es in Deutschland. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Trotz intensiver therapeutischer Maßnahmen liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Glioblastom-Betroffenen mit aktueller Standardtherapie bei etwa 15 Monaten.

Glioblastome können in allen Hirnregionen auftreten. Die Ursachen für die Entstehung dieser Hirntumoren sind weitestgehend unbekannt. Oft wächst ein Glioblastom über lange Zeit unbemerkt, bis es plötzlich Symptome verursacht, die sich innerhalb von kurzer Zeit verschlimmern.

„Bei der Diagnosestellung hat der Tumor häufig schon einen Durchmesser von zwei Zentimeter und mehr. Die konkreten Beschwerden können dabei vielfältig sein. Sie hängen von der Gehirnregion ab, die der Tumor erfasst hat“

, erklärt Dr. med. Christina Gröger, Oberärztin der Palliativmedizin im Helios Klinikum Berlin-Buch.

Die Bandbreite der Symptome umfasst häufige und starke Kopfschmerzen, epileptische Anfälle, Lähmungen, Übelkeit und Erbrechen, Gedächtnisstörungen, Gefühlsstörungen, Sprach-, Seh- und Bewegungsstörungen, Veränderungen der Persönlichkeit.

Ein Gefühl wie tausend Nadelstiche

„Bei mir hat alles im März 2021 angefangen. Da hatte ich sozusagen einen Arbeitsunfall. Ich habe gedacht, das ist ein Schlaganfall. Das war ein Gefühl wie tausend Nadelstiche. Dann wurde ein Rettungswagen geholt und ich wurde ins Helios Klinikum Berlin-Buch gebracht“, erinnert sich der gelernte Lackierer und dreifache Vater Oliver Kaiser. Im Klinikum wurde ein CT, dann ein MRT des Kopfes gemacht. Dann der Befund: ein Hirntumor. Schnell folgt die erste Operation. „Das war kurz nach Ostern. Der histologische Befund ergab ein Glioblastom. In der OP konnte auch alles soweit entfernt werden aber das ist ein Tumor, der immer wieder nachwächst. Der schlingelt sich in alle Gehirnwindungen und macht alles kaputt“, so Herr Kaiser. 

Dr. med. Christina Gröger erklärt: „Das Problem bei der OP ist, dass man im Gehirn keinen großzügigen Schnitt vornehmen kann, sonst würde zu viel zerstört werden. Man spricht daher meistens davon, dass der sichtbare Teil des Tumors entfernt werden konnte. Leider wächst das Glioblastom infiltrierend mit einzelnen Zellen in das umliegende, noch gesunde Gewebe. Dafür erhalten die Betroffenen, wie Herr Kaiser, die anschließende Therapie, bestehend aus Bestrahlung und Chemotherapie, die die verbleibenden Zellen möglichst lange Zeit deaktivieren sollen.“

Gehofft, dass alles gut wird

Es folgt die Hirn-Bestrahlung und ein Sechs-Monats-Zyklus mit Chemotherapie. „Alle drei Monate musste er zum Kontroll-MRT. In dieser Zeit haben wir Mutmachergeschichten gelesen und gehofft, dass alles gut wird“, erzählt Oliver Kaisers Frau Monique, mit der er seit 25 Jahren zusammen ist. Doch nach einem Jahr, Ende April 2022, war der Tumor wieder da.

„Auch nach einer erfolgreichen Therapie kommt es meist schon innerhalb eines Jahres zu einem erneuten Auftreten (Rezidiv) des Tumors. Glioblastome sind derzeit nicht heilbar. Therapien tragen jedoch dazu bei, dass die Krankheit langsamer fortschreitet und die Lebenserwartung bei möglichst guter Lebensqualität verlängert werden kann. Eine Frühintegration einer palliativmedizinischen Behandlung bei systemischen Tumorerkrankungen wirkt sich positiv auf die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten und auch ihrer An-und Zugehörigen. Auch können so aggressive Therapien am Lebensende vermieden und mitunter die Lebensspanne sogar verlängert werden. Dies kann durch die Linderung und Vorbeugung von Beschwerden, wie z.B. Schmerzen, Luftnot, Angst oder auch Verwirrtheit erreicht werden“

, erläutert Dr. Gröger.

Durch die Einbeziehung und Mitbetreuung der häufig ebenfalls sehr belasteten An-und Zugehörigen wird nicht nur der Patient entlastet, sondern auch sein wichtiges soziales Umfeld.  Die Palliativmedizin fühlt sich auch dafür verantwortlich das häusliche Umfeld zu optimieren und ein gutes Versorgungsnetzwerk den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend zu etablieren. Dazu gehören mit Hilfe der Sozialarbeit nicht nur die notwendigen Hilfsmittel, Anträge für zum Beispiel Erwerbsunfähigkeitsrente oder Pflegegelder, sondern auch ggf. eine Hospizanmeldung oder die Organisation einer ambulanten Palliativversorgung. Zusätzlich gibt es noch den allgemeinen ambulanten Hospizdienst zur psychosozialen Unterstützung und den sehr wichtigen Kinderhospizdienst, der sich mit um die Kinder von schwerst erkrankten und sterbenden Menschen kümmert und die Eltern in dieser schwierigen Phase berät und unterstützt. Darüber hinaus bietet das Helios Klinikum Berlin-Buch auch die psychoonkologische Unterstützung der Patientinnen und Patienten und ihrer Angehörigen an.

Bei Herrn Kaiser folgt eine zweite OP, ein weiterer Zyklus Chemotherapie, Bestrahlung und dann bei noch nicht möglicher Entlassung in die Häuslichkeit bei noch zu hoher Symptomlast die stationäre palliativmedizinische Behandlung. 

„Eigentlich würde sich demnächst der nächste Zyklus anschließen. Doch da wird noch überlegt, denn theoretisch bin ich austherapiert. Man muss eben abwägen: mehr Chemotherapie zulasten der Organe oder meine Lebensqualität so lange wie möglich erhalten“, sagt Oliver Kaiser.

Noch ein Mal ...

„Ich wurde auf der Palliativstation gefragt, was ich gerne noch einmal machen möchte und dann war mein Wunsch noch einmal Ostsee mit meiner Familie. Ostsee und Weihnachten - das wäre schön. Ich weiß, dass meine Zeit läuft“

, erzählt Oliver Kaiser.

Sein Wunsch wird ihm Anfang Oktober erfüllt und für die Familie eine ganz besondere Erinnerung geschaffen. In Binz an der Ostsee konnte Herr Kaiser mit seiner Frau Monique, seiner Schwester und seinem Sohn Julien bei strahlendem Sonnenschein ein wenig abschalten und ein paar schöne Tage am Meer verbringen, den Wind auf der Haut spüren und die Füße in den Sand stecken.

Carl Jakob Haupt Stiftung

Schwerstkranken Menschen in ihrer letzten Lebensphase einen besonderen Wunsch zu erfüllen – das hat sich die Carl Jakob Haupt Stiftung zur Aufgabe gemacht. Sie haben auch Familie Kaiser den gemeinsamen Ostseeurlaub ermöglicht.

„Das war das erste Mal, dass wir mit der Carl Jakob Haupt Stiftung zusammengearbeitet haben und ich fand das so beeindruckend, wie problemlos und schnell sie Familie Kaiser geholfen haben. Herr Kaiser ist ein Patient, den kenne ich seit der Diagnosestellung. Immer, wenn er Fragen hatte, hat er sich vertrauensvoll an mich gewandt und dadurch kennen wir uns nun schon eineinhalb Jahre“

, berichtet Steffi Hindermann vom Sozialdienst im Helios Klinikum Berlin-Buch.

Wie geht es nun weiter?

Herr Kaiser konnte nach längerem Aufenthalt auf der Palliativstation nach Hause entlassen werden. Er war noch einmal mehrere Wochen zu Hause, wo sich ein Palliativarzt und ein Pflegedienst um die Versorgung mitgekümmert haben. Nach dem Ostseeurlaub, der als großes Geschenk empfunden wurde, hat sich der Allgemeinzustand von Herrn Kaiser deutlich verschlechtert, so dass die weitere Versorgung in der Häuslichkeit trotz gutem Netzwerk für die Familie zu schwierig wurde.  Herr Kaiser ist deshalb aktuell wieder auf der Palliativstation und wartet von hier aus auf einen freien Platz in einem wohnortnahen Hospiz.

Wir wünschen der Familie ganz viel Kraft, Mut und Hoffnung und eine gut gelebte gemeinsame Zeit.