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Strom sticht Schmerz

Für Menschen mit chronischen Schmerzen sind elektronische Schmerzschrittmacher häufig der letzte Ausweg. Die Helios Klinik Wipperfürth implantiert Patienten Geräte der neuesten Generation. Sie reagieren mittels „Closed-Loop“-Technik smart und flexibel auf schwankende Schmerzimpulse. Für die Remscheiderin Monika Hardelt ein Sprungbrett zurück ins Leben.

20.05.2026 Lesedauer: - Min.
Uwe Mutter mit der Patientin Monika Hardelt

Ihr 60. Geburtstag sollte ein Freudentag werden. Eigentlich. Ausgelassen mit Familie und Freunden feiern, anstoßen und es sich gut gehen lassen, einen neuen Lebensabschnitt hoffnungsfroh einleiten. Für Monika Hardelt war dieser vermeintliche Feiertag alles andere als das: ein Tiefpunkt – und zugleich ein Wendepunkt.

„Ich war vollgepumpt mit allen Schmerzmitteln, die man sich denken kann, und ließ alles irgendwie über mich ergehen. Das Essen, die Reden, das gut gemeinte Happy Birthday. Schließlich wollte ich mich wenigstens diesmal aufrecht präsentieren und nicht klagen.“ Tapfer biss die Remscheiderin die Zähne zusammen, bis sich der letzte Gast verabschiedet hatte. Danach fiel die Fassade zusammen. „Danach war ich bestimmt vier Tage k.o. und konnte nichts mehr. Da war für mich klar: Jetzt änderst du etwas.“

Die Lösung für die chronische Schmerzpatientin lag schon lange in der Schublade. Sie musste sie nur noch aufziehen.

Rückblick: 2019. Monika Hardelt steht noch voll im Arbeitsleben als Bürokauffrau. Die plötzlichen Bandscheibenvorfälle an der Halswirbelsäule, als sie wie jeden Tag stundenlang vor Bildschirm und Tastatur sitzt, hauen sie buchstäblich vom Stuhl. Schmerzhaft und einschränkend, aber normalerweise behandelbar. Denn Bandscheibenvorfälle sind Alltag in Deutschland.

Nervensägen bei der Arbeit

Doch Frau Hardelt kommt nicht wieder auf die Beine. Konservative Behandlungsmethoden schlagen nicht an. Die kaputten Bandscheiben werden mit Implantaten als Puffer stabilisiert. Bei diesem Eingriff läuft einiges schief. Nicht nur, dass die Schmerzen nicht verschwinden – sie werden unerträglich. Nacken und Hals kann sie kaum noch bewegen. Und das über Monate hinweg.

Ein Orthopäde stellt irgendwann bei der Sichtung der Röntgenbilder fest: Die Implantate wurden nicht richtig eingesetzt und beschädigt. Bei jeder Kopfbewegung zerstören die Fremdkörper wie eine Säge irreparabel die Nervenenden.

Zwar werden sie bei einem weiteren Eingriff entfernt und durch neue ersetzt, doch an Frau Hardelts Gesundheitszustand ändert das nichts mehr. Die Nerven sind dauerhaft geschädigt und lassen sie das jede Sekunde spüren. Solche Qualen kann man kaum ignorieren, erst recht nicht ausblenden. Aber Frau Hardelt hält alles aus. Jahrelang Schmerztherapien, Morphium, alle Schmerzmittel, die man sich vorstellen kann. Sie ist immer mehr auf Hilfe angewiesen, bekommt einen Pflegegrad zugesprochen. Sie lebt weiter, aber irgendwie auch nicht mehr richtig.

„Ich habe keine Pläne mehr gemacht, sondern nur noch geschaut, dass ich jeden einzelnen Tag überstehe, und mich völlig zurückgezogen.“ Denn anderen zur Last zu fallen oder ihnen mit ihrem Leid auf die Nerven zu gehen – das war das Letzte, was sie wollte.

Um die Jahreswende 2023/24 herum googelt sie mal wieder nach Schmerztherapien rund um ihre Heimatstadt Remscheid und stößt dabei auf die Schmerzmedizin der Helios Klinik Wipperfürth. Sie versucht die nächste Therapie, doch diesmal ist etwas anders als sonst. Leiter Ralf Trogemann erkennt bei der Anamnese, dass die Neuromodulation für Frau Hardelt eine passende Behandlungsmöglichkeit sein könnte, und verweist sie an seinen Kollegen Uwe Mutter. Der erfahrene Chirurg leitet im selben Haus das Zentrum für Neuromodulation. „Bei diesem Verfahren werden bestimmte Nerven oder Rückenmarksareale durch elektrische Stimulation so ‚umprogrammiert‘, dass Schmerzsignale abgeschwächt oder gar nicht mehr an das Gehirn weitergeleitet werden. Dies geschieht mittels eines Implantats, das Patienten im Körper tragen und das diese Signale kontinuierlich aussendet“, erklärt Mutter.

Noch besser: Neuere Modelle verfügen heutzutage über die sogenannte „Closed-Loop“-Technik. Ein Generator reagiert dabei flexibel auf den sich ständig verändernden Abstand von Elektrode und Nervenbahnen im Rückenmark durch spontane Bewegungen wie Husten, Drehungen im Schlaf etc. Bei älteren Modellen mit konstanter Signalregulierung waren die Impulse häufig richtig, konnten aber auch mal zu hoch oder zu niedrig sein, je nach Körperhaltung und -position. Moderne Generatoren messen hingegen das Signal 40-mal pro Sekunde und passen die Stärke oder Reichweite dann direkt an.

Genau dieses Modell trägt inzwischen Monika Hardelt in ihrem Körper. Bis dahin vergingen allerdings noch weitere anderthalb Jahre voller Schmerzen und Angst. Warum sie sich nicht gleich für diese Implantation entschieden hat? Schmerzfachmann Uwe Mutter kennt die Antwort – und das nicht erst durch den Fall Hardelt. „Der Faktor Angst ist bei vielen Patienten nach Jahren der Krankheitsgeschichte und zahlreicher Enttäuschungen ein nicht zu unterschätzendes Hemmnis. Es existiert kein Grundvertrauen mehr in die Medizin, und man will sich nicht wieder auf das nächste Experiment einlassen.“

Einige bräuchten Monate oder Jahre, andere wiederum ließen sich niemals darauf ein, sagt der Mediziner. Man könne zwar geduldig aufklären, aber niemanden zwingen. Bei Frau Hardelt war erst der 60. Geburtstag der Auslöser dafür, etwas zu verändern.

Laut Uwe Mutter gebe es noch viel zu viele Menschen wie die Remscheiderin, die solche Schmerzen über einen langen Zeitraum „im Rucksack“ mit sich herumtragen und daran regelrecht zerbrechen.

„Das wäre eigentlich nicht nötig, denn vielen könnten wir mit einem kleinen Gerät zu einem neuen und schmerzfreien Leben verhelfen.“ So wie bei Monika Hardelt, die inzwischen wieder die kleinen Freuden des Alltags zu schätzen weiß. „Kartoffeln schälen, Auto fahren, ein Buch in der Hand halten und lesen oder mal wieder einen Urlaub planen – was für mich so lange unerreichbar war, kann ich jetzt wieder machen. Und dafür bin ich einfach sehr dankbar.“