Herr Müller, warum braucht ein Krankenhaus überhaupt einen Sozialdienst?
Weil es bei vielen stationären Aufenthalten neben der rein ärztlichen und pflegerischen Versorgung noch viel mehr zu tun und zu beachten gibt – besonders bei älteren Menschen. Wer organisiert die Anschlusspflege zu Hause? Wie kommt man an Hilfsmittel? Wer hilft bei zu stellenden Anträgen?
Genau hier setzt der Krankenhaus-Sozialdienst an – eine oft unsichtbare, aber entscheidende Schnittstelle zwischen Medizin und Alltag. Der Sozialdienst kümmert sich um die Zeit danach, damit die Klinik ihre Patienten mit gutem Gewissen nach Hause oder in eine erforderliche Weiterbehandlung entlassen kann. Dabei wirkt der Sozialdienst als Bindeglied zwischen Patienten, Angehörigen, Ärzten und weiteren Berufsgruppen innerhalb und außerhalb des Krankenhauses, übernimmt die Gesamtkoordination und entlastet dadurch den klinischen Alltag.
Das klingt eher nach Verwaltung als nach Medizin. Warum gehört das ins Krankenhaus?
Weil Zeit im Gesundheitswesen ein wichtiger Faktor ist. Wir können Prozesse beschleunigen, bestehende Netzwerke nutzen, Angehörige entlasten und ihnen häufig ein Stück weit die Angst davor nehmen, ihre pflegebedürftigen Familienangehörigen nach einem Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause zu holen. Gleichzeitig profitieren auch die Kliniken, weil durch eine gute Anschlussversorgung unerwünschte Drehtüreffekte oftmals vermieden werden können.
Was steht im Alltag im Mittelpunkt Ihrer Arbeit?
Zuallererst der Mensch selbst. Wir stehen in der Regel in engem Austausch mit unseren Patienten und deren Angehörigen, aber auch mit Pflegediensten, Krankenkassen, Sanitätshäusern etc. So gehört es beispielsweise zu unserem geriatrischen Hausstandard, dass jede Patientin und jeder Patient während des Aufenthalts routinemäßig von uns gesehen werden. Daneben organisieren wir Hilfsmittel und Heimplätze, stellen Pflegegrad- und Reha-Anträge und unterstützen bei der Pflegedienstsuche. Die Bandbreite ist groß – von bloßer organisatorischer Unterstützung bis hin zu komplexen Einzelfalllösungen.
Wie behalten Sie bei ständig neuen Regelungen den Überblick?
Neben den einschlägigen Angeboten im Internet vor allem durch Netzwerkarbeit. Zwischen den Sozialdiensten der Helios-Kliniken findet ein regelmäßiger Austausch statt. Daneben pflegen wir beispielsweise auch einen engen Kontakt zur Pflege- und Seniorenberatung der Stadt.
Gibt es Fälle, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Besonders herausfordernd sind Situationen, in denen die zu pflegende Person wieder in die eigene Häuslichkeit zurückkehren möchte, obwohl die nötigen Voraussetzungen dafür bisher überhaupt nicht oder nur bedingt vorliegen. Wir sehen das aber eher als besonderen Ansporn, hier eine gute individuelle Lösung zu finden.
Wo liegen aktuell die größten Hürden?
Wir müssen leider feststellen, dass die Anzahl der zu pflegenden Personen ohne Angehörige, ohne Hausarzt und häufig auch ohne die für eine menschenwürdige Pflege notwendigen finanziellen Mittel zuletzt deutlich zugenommen hat. Die Versorgung wird dadurch gefühlt immer komplizierter und auch zeitaufwendiger. Einige Patientinnen und Patienten lehnen Hilfe zudem komplett ab. Das müssen wir akzeptieren. Oft sehen wir diese Personen dann jedoch später wieder.
Warum schrumpft das Angebot trotz steigender Nachfrage?
Die steigende Zahl an Pflegebedürftigen trifft auf begrenzte personelle und strukturelle Ressourcen. Gleichzeitig werden Versorgungsprozesse komplexer, was zusätzlichen Aufwand verursacht.
Wie stark wird Ihr Dienst beansprucht?
Der Bedarf ist tatsächlich groß. Oft rufen ehemalige Patientinnen und Patienten oder deren Angehörige sogar bei uns an, weil sie sich Hilfe erhoffen. Leider dürfen wir nach einer erfolgten Entlassung aus dem Krankenhaus nicht mehr tätig werden. Hier könnten jedoch weitere Angebote, wie etwa die Familiale Pflege, unterstützen.
Was sollten Menschen frühzeitig regeln?
Wer in welchem Fall Entscheidungen treffen darf. Dazu empfehlen wir dringend das rechtzeitige Ausfüllen einer Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. So herrscht im Ernstfall Klarheit, und langwierige gerichtliche Verfahren können gegebenenfalls vermieden werden – im Sinne der Patienten und ihrer Angehörigen.