Frau Dr. Leißner, die Geburtenzahlen sinken auch im Oberbergischen Kreis seit Jahren. Haben Menschen im Bergischen keine Lust mehr auf Kinder?
Dr. med Cornelia Leißner: Das kann man so pauschal nicht sagen. Schließlich ist der Rückgang der Geburtenzahlen kein regionales Phänomen, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Trend in ganz Deutschland. Viele Menschen bekommen heute später Kinder, die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter nimmt aufgrund der demografischen Entwicklung ab, und Familien entscheiden sich häufig für weniger Kinder als früher.
Hinzu kommen wirtschaftliche Unsicherheiten, hohe Wohnkosten, die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie veränderte Lebensentwürfe. Diese Faktoren spiegeln sich auch in den Geburtenzahlen unserer Region wider.
Was zeichnet die geburtshilfliche Abteilung in Wipperfürth besonders aus?
Dr. Leißner: Wir sind eine kleinere, sehr persönlich geführte Geburtshilfe, in der die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der werdenden Eltern im Mittelpunkt stehen. Jede Geburt ist einzigartig.
Deshalb nehmen wir uns viel Zeit, um gemeinsam mit den werdenden Eltern den für sie passenden Weg zu finden. Gleichzeitig erfüllen wir jederzeit hohe medizinische Standards während der Geburt und im Wochenbett.
Welche Erwartungen werden Ihnen von Eltern entgegengebracht?
Dr. Leißner: Viele Familien erleben heute ihre Schwangerschaft sehr bewusst und informieren sich intensiv über medizinische, psychologische und praktische Aspekte rund um Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit dem Kind. Sie wünschen sich eine individuelle Betreuung und möchten aktiv an Entscheidungen beteiligt werden.
Wie versuchen Sie dem gerecht zu werden?
Dr. Leißner: Wir sehen die Geburt nicht als isolierten Vorgang. Für uns bedeutet ein Kind gesund und glücklich auf die Welt zu bringen, ein ganzheitliches Projekt, bei dem wir unterstützen und möglichst viele Fragen beantworten und Sorgen aus dem Weg räumen möchten. Durch die enge Zusammenarbeit mit der Elternschule Josefine in unserem Haus bieten wir werdenden Eltern ein großes Beratungs- und Kursangebot an, das nicht mit der Geburt endet, sondern ein umfangreiches Programm an Vor- und Nachbereitungskursen bereithält. Wir können also für die Zeit der Schwangerschaft und für die erste Zeit, die das Kind auf der Welt ist, Eltern individuell eng begleiten, wenn sie das möchten.
Welche Angebote sind das konkret?
Dr. Leißner: Eine gute Vorbereitung schafft das Vertrauen und Sicherheit. Deshalb bieten wir vorgeburtliche Gespräche in unserer Hebammensprechstunde an. Darüber hinaus führen wir ärztliche Geburtsplanungsgespräche durch, wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht oder die werdenden Eltern es sich wünschen, und natürlich unsere monatlichen Kreißsaalführungen. So können wir individuelle Fragen, Bedürfnisse und mögliche Besonderheiten frühzeitig besprechen. Die betreuenden Frauenärztinnen und -ärzte stellen dafür im Vorfeld eine Überweisung aus. Nach der Geburt können die Mütter sich zu Themen wie Bonding oder Stillen beraten lassen oder Kurse besuchen, wie man gesunde Säuglingsnahrung herstellt.
Gibt es spezielle Angebote für besondere Schwangerschaftssituationen?
Dr. Leißner: Ein wichtiger Schwerpunkt ist unsere Spezialsprechstunde bei Steißlage. Dort beraten wir die werdenden Eltern umfassend und bieten bei entsprechender Eignung auch die äußere Wendung an. Dabei wird das Kind händisch im Bauch der Mutter in Schädellage gedreht. Auch besprechen wir den möglichen Ablauf einer vaginalen Geburt bei Steißlage. Daneben bieten wir Beckenbodensprechstunden für Schwangere an, die bereits während der Schwangerschaft Beschwerden haben. Hier beraten und behandeln wir nicht nur bestehende Probleme, sondern zeigen auch, wie der Beckenboden optimal auf die Geburt vorbereitet werden kann.
Welche Möglichkeiten haben Frauen ihre Geburtswünsche erleben zu dürfen?
Dr. Leißner: Uns ist es wichtig, dass Frauen ihre Geburt möglichst selbstbestimmt erleben können. Deshalb bieten wir zahlreiche Gebärposition an – im Kreißbett, auf dem Gebärhocker, im Stehen, am Geburtsseil oder in vielen weiteren Positionen. Auch die Geburt in der Gebärwanne ist möglich und wird von vielen Frauen als sehr angenehm empfunden.
Welche Möglichkeiten der Schmerzlinderung stehen in Ihrer Klinik zur Verfügung?
Dr. Leißner: Wir verfügen über ein breites Spektrum an Maßnahmen zur Schmerzerleichterung dazu gehören ein Entspannungsbad, homöopathische Substanzen, Medikamente in Tablettenform oder als Infusion, Periduralanästhesie, Lachgas, Anwendung eines TENS-Gerätes u.v.m. Gemeinsam mit der Gebärenden entscheiden wir individuell, welche Unterstützung in der jeweiligen Situation am besten geeignet ist.
Welche Rolle spielt der Partner oder die Partnerin während des Aufenthaltes?
Dr. Leißner: Der Partner oder die Partnerin ist für uns ein wichtiger Teil des Geburtserlebnisses. Deshalb bieten wir Familienzimmer an, die bereits vor der Geburt genutzt werden können. So beziehen wir beide Elternteile von Anfang an aktiv mit ein und schaffen eine möglichst familienfreundliche Atmosphäre.
Was passiert unmittelbar nach der Geburt?
Dr. Leißner: Die erste Zeit nach der Geburt ist für die Bindung zwischen Eltern und Kind von unschätzbarem Wert. Deshalb legen wir großen Fokus auf intensives „Bonding“. Jeder werdenden Mutter wird von uns ein Bonding-Top geschenkt, welches den engen Hautkontakt zwischen Eltern und Neugeborenem unterstützt. Dieses frühe Kennenlernen stärkt die Bindung, gibt dem Kind Geborgenheit und ist stillfördernd. Auch bei einem Kaiserschnitt wird der Mutter das Neugeborene unmittelbar nach der Entwicklung in das Bonding-Top gelegt.
Wie gestalten Sie die Betreuung im Wochenbett?
Dr. Leißner: Unsere Wochenbettbetreuung ist integrativ und familienorientiert. Das Neugeborene bleibt bei den Eltern im Zimmer. Dieses sogenannte 24-Stunden Rooming-in fördert die Eltern-Kind-Bindung und gibt den Eltern Sicherheit im Umgang mit ihrem Kind. Gleichzeitig stehen unsere Hebammen und Kinderkrankenschwester jederzeit unterstützend zur Seite.
Welche Bedeutung hat die Stillförderung für ihr Team?
Dr. Leißner: Wir fördern und unterstützen das Stillen von Beginn an intensiv. Unser Team begleitet die Mutter individuell, beantwortet Fragen und hilft bei möglichen Schwierigkeiten. Verschiedene Stillpositionen werden angeboten und unterstützt. Unser Ziel ist es, jeder Familie einen guten und selbstbewussten Start in die gemeinsame Zeit zu ermöglichen.
Was möchten Sie werdenden Eltern abschließend mit auf den Weg gegeben?
Dr. Leißner: Geburt ist ein ganz besonderes Ereignis, das garantiert keine Mutter vergisst. Daher ist unser Anspruch, medizinische Sicherheit mit persönlicher, individueller Betreuung zu verbinden. Wir möchten, dass sich jede Familie bei uns gut aufgehoben, respektiert und begleitet fühlt – von den ersten Gesprächen in der Schwangerschaft bis weit über die Geburt hinaus – und unsere Geburtshilfe in angenehmer Erinnerung behält.