Patientengeschichte

Wenn der Krebs mehrfach zuschlägt

Wenn der Krebs mehrfach zuschlägt

Plötzlich einsetzende Bauchschmerzen waren der Beginn von mehreren Krankenhausaufenthalten und Operationen. Frau Lutz hat MEN-1 - eine seltene Erbkrankheit, bei der mehrere Organe gleichzeitig erkranken. Mit uns spricht Sie über ihre Diagnose und wie ihr vor Ort geholfen werden konnte.

Auf die Frage, wie es ihr heute geht, antwortet Frau Lutz (Name geändert) strahlend „Mir geht's gut". Die 65-jährige ist taff. Sie hat mehrere Krankenhausaufenthalte und eine Kur hinter sich. Heute geht es ihr gut, aber die Gefahr einer erneuten Erkrankung besteht weiterhin.

Alles begann mit plötzlich einsetzenden, heftigen Bauchschmerzen 1993. Damals wusste man noch nicht, was der wahre Grund hinter den Symptomen von Frau Lutz war. Nach einer endoskopischen Untersuchung stand fest, dass sich eine Geschwulst an der Bauchspeicheldrüse befand, die operativ entfernt werden musste. Kurz nach diesem Eingriff stieg der Kalziumhaushalt der Patientin um das zehnfache an, sodass sofort eine zweite Operation an der Nebenschilddrüse folgte.Diese beiden Eingriffe sollten nicht die letzten bleiben.

Die Mutter zweier Töchter sah öfter Doppelbilder. Doch anstatt diesen Symptomen nachzugehen, verdrängt Frau Lutz die Warnzeichen ihres Körpers. Vielmehr suchte sie den Grund bei einer falschen Brille und ließ sich eine neue anfertigen. Aber es half nicht, die Symptome wurden schlimmer. 1995 hatte die damals 44-Jährige einen Aussetzer.

Es war plötzlich alles weit weg. Ich habe nichts mehr verstanden. Ich hatte einen kompletten Filmriss.

schildert Frau Lutz das dramatische Erlebnis

Nur zwei Tage später ließen sich die Warnsignale nicht mehr ignorieren. Am schmotzigen Donnerstag 1995 ging Frau Lutz zu Bett und wurde erst wieder in einem nahgelegenen Krankenhaus wach. Sie konnte sich ab der Mitte ihres Halses bis zu den Füßen nicht mehr bewegen. „Der Kopf war zwar klar, aber ich konnte nicht richtig sprechen. Ich habe nur gelallt". Die Ärzte sind von einem Verdacht auf Schlaganfall ausgegangen und ließen eine CT-Aufnahme anfertigen. Doch sie fanden etwas ganz anderes. Eine scheinbar harmlos anmutende Unterzuckerung führte nach weiteren aufwändigen Untersuchungen zur Diagnose „MEN-1“.

Es ist eine seltene Erbkrankheit. Mehrere Organe sind dabei gleichzeitig betroffen. Im Fall von Frau Lutz waren die Bauchspeicheldrüse, Nebenschilddrüse, Nebenniere, und Hirnanhangsdrüse mit Tumoren befallen. Der Name „MEN“ steht für „multiple endokrine Neoplasie“, d.h. Tumoren in vielen Hormondrüsen. „Manche Menschen tragen eine riskante Erblast im Körper. Wer eine solche angeborene Veranlagung für Tumoren hat, muss zwar nicht zwangsläufig mit einer Krebsdiagnose rechnen, hat aber ein erhöhtes Risiko zu erkranken. Und wenn man es weiß, dann kann man häufig noch rechtzeitig handeln“, erklärt Chefarzt Professor Wolfram Lamadé, Spezialist für Erkrankungen an den inneren Organen und der Schilddrüse am HeliosSpital Überlingen.

Frau Lutz hatte ihren Vater im Alter von 42 Jahren verloren. Früher hieß es, er hätte es mit dem Magen. Damals konnte man die Bauchspeicheldrüse noch nicht so genau untersuchen. Heute ist klar, dass er ebenfalls an der Erbkrankheit litt. Trotz dieser Erfahrungen befasste sich Frau Lutz nicht weiter mit der Diagnose und machte keine weiteren Untersuchungen. "Ich verdränge so etwas gern. Mir ging es ja wieder gut“, erklärt sie. Schließlich stellte Sie sich letztes Jahr in der Sprechstunde von Prof. Wolfram Lamadé vor. Zum Glück, denn wieder waren ihre Blutwerte nicht in Ordnung.

Der Chefarzt stellte fest, dass Frau Lutz das Vollbild der Erkrankung zeigte. Drei Organe waren von Tumoren betroffen: zwei Nebenschilddrüsen, die Bauchspeicheldrüsen und die linke Nebenniere. In der Tumorkonferenz wurde der Fall von Frau Lutz mit allen Fachdisziplinen ausführlich besprochen. Bevor die Tumoren an der Bauchspeicheldrüse operiert werden konnten, musste zunächst die kranke Nebenschilddrüse entfernt werden, da sie bereits zu lebensbedrohlich hohen Kalziumwerten im Blut geführt hatte. Diese Operation dauerte mehrere Stunden. „Die Nebenschilddrüsen sind klein, liegen oft an einer anderen Stelle im Hals als geplant und sind deshalb schwer zu lokalisieren", erklärt Professor Lamadé.Um die Stimmbandnerven sicher zu schonen, kam das speziell von Professor Lamadé entwickelte Neuromonitoring zum Einsatz. Die Operation konnte erfolgreich abgeschlossen werden.

Bei dem zweiten Eingriff stand die erneut von mehreren Tumoren befallene Bauchspeicheldrüse im Fokus. Die Hälfte des Organs war bereits vor Jahren entfernt worden. Entsprechend dem Beschluss der interdisziplinären Tumorkonferenz erfolgte die Entfernung der restlichen Bauchspeicheldrüse und des Zwölffingerdarmes im Juni 2016. In der anschließenden Gewebsuntersuchung bestätigten sich gleich mehrere Tumore in der Restbauchspeicheldrüse und mehrere im Zwölffingerdarm. Alle diese Tumore waren zwar bösartig, aber glücklicherweise örtlich begrenzt. Die Operation war somit gerade noch rechtzeitig.

Der lebensrettende Eingriff hat den Preis einer Zuckerkrankheit, mit der Frau Lutz jedoch mühelos zurecht kommt.Nachdem sie sich von den aufwändigen Operationen bestens erholt hatte, stand nur noch eine letzte Operation an: die linke Nebenniere. Auch sie war tumorös verändert und musste zum Ausschluss einer Bösartigkeit entfernt werden. Dies gelang über eine Schlüsselloch- (minimalinvasive) Operation im Oktober 2016 vom Rücken aus.

Schon am übernächsten Tag konnte die Patientin das Krankenhaus geheilt verlassen. Im Körper von Frau Lutz können sich zwar wieder Tumore bilden, aber die gefährlichsten Orte, wie die Bauchspeicheldrüse, der Zwölffingerdarm, die Nebenschilddrüsen und die linke Nebenniere sind entfernt.

Eines hat sich Frau Lutz ganz fest vorgenommen: Ab jetzt will sie regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen gehen.